Fotoalbum vom jüdischen Kinderheim Beit Ahawah. Die Kinder feiern Seder. Sie lesen am ersten Abend von Pessach aus der Haggadah, einer Erzählung vom Auszug aus Ägypten. Auf dem Tisch steht der Sederteller.

24.4.2018

Das Kinderheim Beit Ahawah

Fotoalbum des Kinderheims "Ahawah" (Buchdeckel)Fotoalbum des Kinderheims "Ahawah" (Buchdeckel) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (Leo Baeck Institute New York | Berlin - Heinrich Stahl Collection AR 7171 ALB 78)

Beate Berger, Leiterin des Beith Ahawah Kinderheims, o.D.Beate Berger, Leiterin des Beith Ahawah Kinderheims, o.D. (© United States Holocaust Memorial Museum, mit freundlicher Genehmigung von Ayelet Bargur)
Das jüdische Kinderheim wird 1922 in der Auguststraße 14-16 in Berlin Mitte eröffnet. Zuvor hat sich in dem Gebäude das Jüdische Krankenhaus befunden, das jüdischen und nichtjüdischen Kranken gleichermaßen offen steht. Auf Grund seines guten Rufes hat die Zahl der Patienten seit 1861 stetig zugenommen, so dass ein Umzug im Jahre 1914 unumgänglich ist. Danach werden die Räume als Flüchtlingsheim für Jüdinnen und Juden aus Osteuropa genutzt und ab 1916 eine Kindervolksküche eingerichtet. Gegründet wird das Kinderheim von Beate Berger[1] . Die 1886 geborene Krankenschwester nimmt vornehmlich Kinder aus Osteuropa auf, die in Folge der Pogrome zu Waisen geworden sind oder aus prekären sozialen Verhältnissen stammen.
Beate Berger im Jahr 1923 mit der ersten Gruppe Flüchtlingskinder aus Osteuropa, die ins Kinderheim Beith Ahawah kommen. Ganz links sitzend Somka Reif.Beate Berger im Jahr 1923 mit der ersten Gruppe Flüchtlingskinder aus Osteuropa, die ins Kinderheim Beith Ahawah kommen. Ganz links sitzend Somka Reif. (© United States Holocaust Memorial Museum, mit freundlicher Genehmigung von Ayelet Bargur)

Die baufälligen Backstein-Gebäude des ehemaligen jüdischen Kinderheims in der Auguststraße 14-16, aufgenommen am 4. Mai 2007. Das Kinderheim "Ahawah" (Liebe) von 1861 wurde in den 1990er Jahren von der Jewish Claims Conference an die Jüdische Gemeinde Berlin rückübertragen.Die baufälligen Backstein-Gebäude des ehemaligen jüdischen Kinderheims in der Auguststraße 14-16, aufgenommen am 4. Mai 2007. Das Kinderheim "Ahawah" (Liebe) von 1861 wurde in den 1990er Jahren von der Jewish Claims Conference an die Jüdische Gemeinde Berlin rückübertragen. (© Foto: Picture-Alliance / Tagesspiegel)
Als Bezeichnung des Heims wird das hebräische Wort „Ahawah“ (Liebe) gewählt. Unmittelbar nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten beschließt Beate Berger, ihre Schützlinge in Sicherheit zu bringen. Zu diesem Zwecke strebt sie danach, ein weiteres Kinderheim mit gleichem Namen bei Haifa einzurichten, was ihr 1934 in Kirjat Bialik gelingt. Von nun an reist sie regelmäßig zwischen dem Mandatsgebiet Palästina und Deutschland, um Kinder aus Berlin nach Haifa zu bringen. Da es sich zu dem Zeitpunkt noch um britisches Mandatsgebiet handelt, ist es nur möglich, Zertifikate für Jugendliche zu erhalten, die mindestens das 15. Lebensjahr erreicht haben. Jüngeren Kindern aus dem Kinderheim "Ahawah" in Berlin bleibt die Einreise somit verwehrt. Bis zu ihrer letzten Fahrt ins Mandatsgebiet im Jahre 1939 kann Beate Berger auf diesem Wege knapp 100 Kinder aus Deutschland retten. Insgesamt sind es ca. 300 Kinder, die sie aus Europa ins Mandatsgebiet Palästina begleitet. Beate Berger stirbt im Mai 1939 in Kirjat Bialik. Von ihren in Berlin verbliebenen Schützlingen aus der Auguststraße 14-16 werden die meisten in Konzentrationslagern ermordet.

Fußnoten

1.
Ausführliche Biografie von Beate Berger unter http://www.juedische-pflegegeschichte.de/recherche/?dataId=143019089363324&attrId=143323168929838&opener=131724511929199&id=131724555879435&sid=b04ccb3df35eb7f4303477099c626a7d#A143323168929838

Boykottaktion gegen jüdische Geschäfte am 1. April 1933. Die Herrschaft der Nationalsozialisten bedeutet für die deutschen Juden von Anfang an eine antisemitische  Politik der Diskriminierung und Verdrängung.
Jüdisches Leben in Deutschland

1933-1945:­

Verdrängung und Vernichtung

Am 30. Januar 1933 beginnt die Herrschaft der Nationalsozialisten. Die jüdischen Bürger werden zunehmend ausgegrenzt und ihrer Existenzgrundlagen beraubt. Die antisemitische Politik bedroht diejenigen, die nicht auswandern oder im Untergrund abtauchen können, mit Deportation und Tod in den Vernichtungslagern.

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Nationalsozialismus: Aufstieg und Herrschaft

Verfolgung

Unmittelbar nach der Machteroberung 1933 beginnt die Verfolgung von politischen Gegnern, Juden, Sinti und Roma, Homosexuellen, "Asozialen" und "Erbkranken". Insbesondere das Vorgehen gegen die Juden radikalisiert sich und findet einen vorläufigen Gipfelpunkt im Pogrom des 9. November 1938.

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Die "Reichspogromnacht" stellt einen vorläufigen Höhepunkt der Judenverfolgung im nationalsozialistischen Deutschland dar, die schlussendlich in den Vernichtungslagern ihren Zielpunkt fand. Die vorliegenden Materialien sollen dazu dienen, einen Projekttag zum 9. November 1938 zu ermöglichen.

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