Fotoalbum vom jüdischen Kinderheim Beit Ahawah. Die Kinder feiern Seder. Sie lesen am ersten Abend von Pessach aus der Haggadah, einer Erzählung vom Auszug aus Ägypten. Auf dem Tisch steht der Sederteller.

24.4.2018

Die Irrfahrt auf der St. Louis

Den 937 Flüchtlingen an Bord der St. Louis wird in Kuba die Einreise verwehrt. Zu den 22 jüdischen Flüchtlingen, die als Einzige ins rettende Exil aufgenommen werden, gehört die sechsköpfige Familie Friedmann.

Georg und Lillian Friedmann gehen am 13. Mai 1938 in Hamburg an Bord der St. LouisGeorg und Lillian Friedmann gehen am 13. Mai 1938 in Hamburg an Bord der St. Louis. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (Leo Baeck Institute New York | Berlin - George And Lillian Friedman Collection AR 7223)

1976 erscheint Reise der Verdammten mit Max von Sydow, Oskar Kreisler und Faye Dunaway. Der Film basiert auf dem zwei Jahre zuvor veröffentlichten Buch Voyage of the Damned von Max Morgan-Witts und Gordon Thomas und schildert die wahre Begebenheit der sogenannten Irrfahrt der St. Louis.
1. Juni 1939: Die St. Louis, ein Passagierschiff der Hamburg-Amerika-Linie mit über 900 deutsch-jüdischen Flüchtlingen an Bord, darf in der kubanischen Hauptstadt Havanna nicht anlegen, obwohl die Regierung sich zuvor bereit erklärt hatte, deutschen Flüchtlingen vorübergehend Asyl zu gewähren. Das Schiff muss mit seinen Passagieren nach Europa zurückkehren, viele von ihnen werden später im KZ umgebracht.1. Juni 1939: Die St. Louis, ein Passagierschiff der Hamburg-Amerika-Linie mit über 900 deutsch-jüdischen Flüchtlingen an Bord, darf in der kubanischen Hauptstadt Havanna nicht anlegen, obwohl die Regierung sich zuvor bereit erklärt hatte, deutschen Flüchtlingen vorübergehend Asyl zu gewähren. Das Schiff muss mit seinen Passagieren nach Europa zurückkehren, viele von ihnen werden später im KZ umgebracht. (© Foto: picture alliance/AP Images)
Das Schiff läuft am 13. Mai 1939 in Hamburg unter Kapitän Gustav Schröder aus und hat Kuba als Ziel. An Bord befinden sich 937 zumeist jüdische Flüchtlinge. Jedoch wird ihnen bei der Ankunft in Kuba die Einreise verwehrt.

Lediglich 29 Personen, darunter 22 jüdische Flüchtlinge, dürfen das Schiff verlassen. Alle anderen müssen auf der St. Louis erneut in See stechen. Auch der verzweifelte Versuch in den USA Unterstützung zu erlangen und anlegen zu dürfen, schlägt fehl. Sie müssen nach Europa zurückkehren. Um die Gefahren wissend, weigert sich Gustav Schröder, die Betroffenen erneut nach Deutschland auszuliefern. Nach einigen Anstrengungen gelingt es dem Kapitän, seine Passagiere in Belgien an Land zu bringen, von wo aus sie auf Großbritannien, Frankreich, Holland und Belgien verteilt werden.
Jüdische Emigranten auf der St. Louis im Hafen von Havanna im Sommer 1939. Sie dürfen das Schiff nicht verlassen und werden nach Europa zurückgeschickt.Jüdische Emigranten auf der St. Louis im Hafen von Havanna im Sommer 1939. Sie dürfen das Schiff nicht verlassen und werden nach Europa zurückgeschickt. (© Foto: picture-alliance / akg-images)
Die vermeintliche Rettung erweist sich als Trugschluss. Nach Einmarsch der deutschen Truppen geraten die ehemaligen Passagiere der St. Louis erneut unter den Einflussbereich der Nationalsozialisten. Forschern zufolge wird ein Viertel von ihnen im Holocaust ermordet. Die St. Louis kehrt unter Gustav Schröder 1940 nach Hamburg zurück und der couragierte Kapitän wird an den Schreibtisch versetzt. Zwei Jahre vor seinem Tod erhält er 1957 das Bundesverdienstkreuz am Band und wird posthum von Yad Vashem in Israel zu einem "Gerechten unter den Völkern" ernannt.

Zu den 22 jüdischen Flüchtlingen, die von Kuba aufgenommen wurden, gehört auch die sechsköpfige Familie Friedmann, deren Rettung die Autoren Max Morgan-Witts und Gordon Thomas vor ein Rätsel stellt. Erst Lillian Friedmann gelingt es in einem Brief vom 20. Juni 1975 an Max Morgan-Witts das Mysterium zu lüften, warum damals ausgerechnet ihre sonst unbekannte Familie unter dramatischen Umständen von Bord nach Kuba gebracht wird.
Brief von Lillian Friedman an Max Morgan Witts vom 20. Juni 1975.Brief von Lillian Friedman an Max Morgan Witts vom 20. Juni 1975. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (Leo Baeck Institute New York | Berlin - George And Lillian Friedman Collection AR 7223)

Lillian Berta Friedmann wird 1906 als Tochter von Isidor und Helene Bach in München geboren. Bis zu ihrer Heirat mit Georg Friedmann im Juli 1930 lebt sie in ihrer Geburtsstadt. Danach zieht sie zur Familie ihres Mannes nach Schwandorf, wo sie wohl gemeinsam ein Bekleidungsgeschäft führen. Wie zehntausend andere Jüdinnen und Juden wird auch die Familie Friedmann im Zuge der Novemberpogrome verhaftet. Georg (geb. 1897) und sein Bruder Bruno (geb. 1894) werden im Konzentrationslager Dachau inhaftiert und Lillian zusammen mit ihrer 67-jährigen Schwiegermutter Amanda ins Gefängnis gebracht. Unmittelbar nach ihrer Entlassung bemüht sich die Familie um Auswanderung, denn die Freilassung aus dem Konzentrationslager erfolgt unter der Auflage, Deutschland baldmöglichst zu verlassen. Eine von Lillians Schwestern lebt in Kuba, so dass sie eine Überfahrt auf der Orinoco organisieren und hoffen, über Havanna die Ausreise in die USA vorbereiten zu können. Georg will nicht bis zu deren Abfahrt warten und bucht stattdessen Plätze auf der früher ablegenden St. Louis. Am 13. Mai 1939 legt das Schiff ab, mit an Bord sind Georg und seine Frau Lillian, sein Bruder Bruno, seine Mutter Amanda, seine Schwester Celia und sein Schwager James Back. Als sich zeigt, dass die St. Louis nicht in Havanna anlegen darf, wenden sich die Friedmanns in ihrer Verzweiflung auch an entfernte Verwandte in den USA, darunter an die ihnen ansonsten unbekannte Sadie Cecilia Annenberg (geb. Friedmann). Amandas Ehemann Jakob ist bereits 1937 gestorben, doch zu Lebzeiten hat er ein bis zweimal im Jahr im Briefwechsel mit seinem Bruder in den USA gestanden, der immer von seiner Tochter Sadie prahlt, "die nicht wüsste, wohin mit ihrem Geld". Sadie zögert nicht lange sondern verspricht Unterstützung. Wie es ihr gelingt, die Friedmanns von Bord bringen zu lassen, behält sie zeitlebens für sich. In Havanna müssen sie weiterhin auf ihre Quotennummer warten, um in die USA einzureisen. Auch in dieser Zeit unterstützt sie Sadie finanziell. Nach neun Monaten dürfen Celia und Lillian ausreisen und gehen nach New York, wo sie als Haushälterinnen arbeiten, um ihre Familienangehörigen in Kuba zu unterstützen und um fortan Sadie nicht länger zur Last zu fallen. Die restlichen Mitglieder der Familie dürfen in den darauffolgenden Monaten folgen. Georg und Lillian ziehen 1941 nach Louisville, Kentucky, wo Lillian erst als Rechtsanwaltsgehilfin arbeitet, ehe sie in das Geschäft ihres Mannes einsteigt, das als Friedman's Display Company Schaufenstergestaltung und Zubehör anbietet. Bis zu dessen Tod im Jahr 1950 ist er als Dekorateur tätig. Ihre Ehe bleibt kinderlos. Lillian führt seinen Betrieb bis zu ihrem Ruhestand 1967 fort, lediglich die Dekoration überlässt sie ihren Angestellten. Sie selbst bleibt zeitlebens ehrenamtlich in verschiedenen jüdischen Organisationen tätig. Lillian Friedmann stirbt 2008.

Linktipp



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