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Polnische Geschichte vom Anfang bis zur Wiederherstellung der Staatlichkeit 1918

Die Anfänge des polnischen Staates


10.2.2009
Unter Herzog Miesko I. beginnt im 10. Jahrhundert die Geschichte Polens als nordöstlichster Vorposten der abendländischen Staatengemeinschaft. Dieter Bingen zeichnet die Geschichte Polens bis 1918 in Grundzügen nach.

Marshal Jozef Pilsudski of Poland playing a card game which looks like Patience in his private study around Feb. 4, 1931 in Poland. (AP Photo)Nach dem Sozialistenführer und ehemaligen Staatschef Józef Piłsudski ist heute der größte Platz in Warschau benannt. (© AP)

Ausgehend vom Stammesgebiet der Polanen (pole = Feld) an der mittleren Warthe konnte Herzog Mieszko I. (um 960 - 992) aus dem Herrschergeschlecht der Piasten nach Annahme des lateinischen Christentums 966/967 Polen mit dem Kerngebiet Großpolen (Polonia Maior) zum nordöstlichsten Vorposten der abendländischen Staatengemeinschaft erheben und erhielt 968 in Posen ein selbständiges Missionsbistum. In enger, aber nicht immer konfliktfreier Bindung an das römisch-deutsche Kaisertum gewann Bolesław I. Chrobry (der Tapfere) (992-1025) Kleinpolen (Polonia Minor, um Krakau), Pommern, Schlesien, Mähren, die Westslowakei und die Lausitz für sein Reich. Das gute Einvernehmen mit Kaiser Otto III., der im Jahre 1000 Gnesen besucht und dort der Einrichtung einer Rom direkt unterstellten Erzdiözese zugestimmt hatte, wurde unter Kaiser Heinrich II. durch die erst 1018 im Frieden von Bautzen beigelegten Kämpfe um die Mark Meißen und die Lausitz abgelöst. Bolesław I. erwarb 1025 mit päpstlicher Billigung die Königswürde. Bolesław II. Śmiały (der Kühne) (1058-79) konnte 1076 die unter den Nachfolgern von Boleslaw I. verlorene Königswürde erneuern. Trotz der zeitweiligen Rückeroberung Pommerns (1102-22) und des erneuten Versuchs, die Schwäche der Kiewer Rus zu Gebietsgewinnen im Osten zu nutzen, gehörten nur Groß- und Kleinpolen, Masowien und Schlesien im frühen und hohen Mittelalter dauerhaft zum polnischen Staatsgebiet.

Die Zeit der Teilfürstentümer und Konsolidierung (1138-1333)



Bereits in der ersten Generation scheiterte das Anliegen Bolesław III., durch die Aufteilung des Landes unter seine Söhne und die Einführung einer geregelten Erbfolge, die dem ältesten Mitglied des Piastenhauses als Großfürst eine gewisse Oberherrschaft (Seniorat) einräumte, die Nachfolgekämpfe zu unterbinden. 1181 ging Pommern endgültig verloren. Die staatliche Zersplitterung erschwerte auch die Mongolenabwehr (Niederlage auf der Wahlstatt bei Liegnitz 1241). Der Versuch Przemysłs II. von Großpolen (1279-96), durch die Erneuerung der Königswürde 1295 die Wiedervereinigung des Landes zu erreichen, endete mit seiner Ermordung. Unter den böhmischen Königen Johann und seinem Sohn, dem deutschen Kaiser Karl IV., schied Schlesien 1339/53 aus dem polnischen Staatsverband aus und wurde als Teil Böhmens mittelbar ein Teil des Reichs. Erst unter Władysław I. Łokietek (Ellenlang) (1306/20-33) gelang nach harten Kämpfen, unterstützt vom Klerus und einigen Kleinfürsten, der Zusammenschluss von Großpolen, Kleinpolen und Kujawien sowie 1320 die dauerhafte Erhebung Polens zum Königreich.

Der von Konrad I. von Masowien zur Pruzzenabwehr in das Kulmer Land gerufene Deutsche Orden nahm 1230 von Thorn aus seine Missions- und Kolonisationstätigkeit wahr. Die vertragswidrige Besetzung Pommerellens mit Danzig durch den Orden (1308) war bis 1525 ständiger Anlass für Abwehrkämpfe der polnischen Krone gegen die Ordensritter. Das Eroberte sicherte der Orden sogleich durch Burgen und gründete dann, zumeist mit deutschen Siedlern, Dörfer und Städte.

Die Ständemonarchie unter den letzten Piasten/Anjou und Jagiellonen (1333/86-1572)



Die von Władysław I. eingeleitete Konsolidierungspolitik wurde durch seinen Sohn Kazimierz III. Wielki (der Große) (1333-70), erfolgreich fortgesetzt, wobei dem Landesausbau und der Errichtung einer funktionierenden Verwaltung die Hauptsorge galt. Seit dem ausgehenden 12. Jahrhundert hatten sich die polnischen Territorialherren um eine systematische Modernisierung ihres Herrschaftsbereichs bemüht. Der Landesausbau stützte sich in hohem Maße auf Zuwanderer aus den deutschsprachigen Gebieten, wobei die Impulse zur Ostwanderung zehntausender Bauern und Handwerker nicht vom Reich oder seinen Teilstaaten ausgingen, sondern von den polnischen Fürsten. Die großzügige Politik von Kazimierz III. den Juden gegenüber förderte deren Einwanderung, während sie in Westeuropa zahlreichen Pogromen ausgesetzt waren. Der geistig-kulturelle Aufschwung der Rzeczpospolita (= kgl. Republik) erreichte mit der Gründung der Universität Krakau (1364) einen Höhepunkt. Da er in vier Ehen ohne männlichen Erben geblieben war, traf er mit dem in Ungarn regierenden Haus Anjou eine Erbverbrüderung, die seinem Neffen Ludwik die Nachfolge sichern sollte. Da auch Ludwik I. Wielki (der Große) (1370-82), keine Söhne hatte, musste er die Zustimmung des polnischen Adels (szlachta, Schlachta) zur Nachfolge der Töchter mit weitreichenden Konzessionen erkaufen, die dessen weitgehende Steuerfreiheit, den politischen Alleinvertretungsanspruch und die Mitwirkung an der Königswahl beinhalteten. Allein aus dem Adel durften die Kron- und Landesbeamten sowie die meisten Bischöfe ernannt werden. Durch die Ehe von Ludwiks Tochter Jadwiga mit dem Großfürsten von Litauen, Jagiełło (1386) wurde eine polnisch-litauische Personalunion begründet, die fast zweihundert Jahre später, 1569, in Lublin in eine Realunion umgewandelt wurde. Jagiełło, als König von Polen Władysław II. (1386-1434), der mit der heidnischen Mehrheit seines Volkes zum lateinischen Christentum übergetreten war, leitete eine nach Osten und Südosten ausgerichtete Politik ein, die bereits 1387 zur Lehnsabhängigkeit des Fürstentums Moldau führte.

Im Konflikt mit dem Deutschen Orden kam es nach dem Sieg des polnisch-litauischen Heeres bei Grunwald (Tannenberg) 1410 (Thorner Friede 1411) zu weiteren Kriegen (1419-22, 1431-35, 1454-66). Im 2. Thorner Frieden (1466) musste der militärisch und finanziell erschöpfte Orden auf Pommerellen mit Danzig, das Kulmer und Michelauer Land, auf Elbing und die Marienburg verzichten ("Königliches Preußen"). Das östliche Preußen mit Königsberg verblieb dem Deutschen Orden als polnisches Lehen. Nach erneuten Kämpfen nahm Ordenshochmeister Albrecht von Brandenburg-Ansbach 1525 das säkularisierte, von der Reformation erfasste "Preußen herzoglichen Anteils" als Lehen. Durch die 1568 erfolgte Mitbelehnung der kurfürstlich-brandenburgischen Linie fiel das Herzogtum Preußen 1618 an Brandenburg und musste 1657 im Vertrag von Wehlau von Polen ganz aufgegeben werden.

Unter Kazimierz IV. Andrzej (1447-92) sicherte sich das jagiellonische Haus die böhmische Krone. Sein ältester Sohn Władysław wurde (1469/71) von den böhmischen Ständen berufen. Zwischen 1490 und 1526 kontrollierten die Jagiellonen den von Ostsee und Böhmerwald bis zum Schwarzen Meer reichenden ostmitteleuropäischen Staatengürtel, fanden sich aber der zunehmend ernster werdenden Bedrohung durch das aufstrebende Großfürstentum Moskau und die Osmanen ausgesetzt.

Die mit wenigen Unterbrechungen von 1478 bis 1533 dauernden Kämpfe gegen die von den Türken unterstützten Krimtataren führten zum Verlust der Schwarzmeerküste und zur Entlassung der Moldau aus polnischer Vasallität. Das von dem Moskauer Großfürsten Ivan III. betriebene "Sammeln russischer Erde" setzte auch sein Nachfolger Wassilij III. konsequent fort. Polen-Litauen verlor die reußischen Fürstentümer, darunter auch Smolensk. Der zu einer Einheit zusammenwachsende polnisch-litauische Adel nutzte die häufigen außenpolitischen Verwicklungen dazu, dem jeweiligen Herrscher weitergehende Rechte abzuringen. Nach einer Habeas-Corpus-Akte (1430/33) wurde dem regionalen Kleinadel 1454 eine Mitwirkung an der Landesregierung zugestanden, die 1493 zur Einrichtung eines Zweikammersystems (Senat und Landbotenstube) führte. Nach 1505 musste der König den von gewählten Landboten gebildeten Reichstag im Zweijahresturnus zu sechswöchigen Kadenzen einberufen und seine Beschlüsse ausführen. Das 1538 verschärfte Monopol des adligen Grundbesitzes und die privilegierte soziale und politische Stellung der Schlachta ebneten den Weg zum Niedergang der Städte und zur Entrechtung und Ausbeutung der Bauern.

Unter den beiden letzten Jagiellonen Zygmunt I. (1506-48) und Zygmunt II. (1548-72) erlebte Polen auf staatsrechtlich-politischer, insbesondere aber auf literarisch-künstlerischem Gebiet sein "Goldenes Zeitalter". Die städtische Bevölkerung wurde früh von der lutherisch, Teile des Adels nach 1540 von der kalvinistisch geprägten Reformation erfasst. Nach der Union von Brest 1595/96 unterstellten sich viele Orthodoxe der geistlichen Autorität des Papstes ("Unierte"). Trotz der Erfolge der katholischen Gegenreformation herrschte seit der Warschauer Konföderation von 1573 für zwei Generationen eine beispielhafte religiöse Toleranz.



 

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