Grenzstadt Görlitz

10.2.2009 | Von:
Dieter Bingen

Polnische Geschichte vom Anfang bis zur Wiederherstellung der Staatlichkeit 1918

Die Anfänge des polnischen Staates

Wahlkönigtum, Adelsdemokratie, Magnatenoligarchie, Reformen und Untergang (1572-1795-1815)

Die Entscheidung, nach dem Aussterben der Jagiellonen im Mannesstamm (1572) eine Wahlmonarchie einzurichten und den gesamten Adel zur Wahl zuzulassen, führte zu einer weiteren Schwächung der königlichen Macht, festigte den Einfluss der Magnaten und beschleunigte die Ausprägung einer extrem adelsrepublikanischen Staatsform. Das seit 1652 respektierte Recht jedes Landboten, mit seinem Einspruch (Liberum veto) den Reichstag beschlussunfähig zu machen, erleichterte den an einer Schwächung Polens interessierten Nachbarmächten die direkte Einmischung. Weder Stefan IV. Batory (1575-86) noch die drei Könige aus dem schwedischen Haus Wasa (1587-1668) und der "Türkensieger" Jan III. Sobieski (1674-96) konnten dieser verhängnisvollen Entwicklung Einhalt gebieten, die unter den Wettinern (August II. der Starke, 1697-1706, 1709-33; August III. 1733-63) zur weiteren Lähmung der Staatsführung beitrug.

Während Moskau gegenüber bis 1619 einige Gebietsgewinne erzielt werden konnten und 1610-12 sogar die Übernahme des Zarenthrons möglich schien, leitete der Anschluss des von Bogdan Chmelnizki gegründeten Kosakenstaats an Russland (1654) den Verlust der Ukraine links des Dnjepr mit Kiew und ein zweites Mal den von Smolensk (Waffenstillstand von Andrussowo 1667) ein. Der seit 1601 aus dynastischen Gründen geführte verlustreiche Krieg gegen Schweden kulminierte 1655 im Ersten Nordischen Krieg, der im Frieden von Oliwa (1660) beendet wurde. In den häufigen Kämpfen mit dem Osmanischen Reich konnte bis 1699 wenigstens der Besitzstand gewahrt werden. Der Zweite Nordische Krieg (1700-21) bot Zar Peter I. die Gelegenheit, den russischen Einfluss auf das erneut schwer betroffene Polen zu erweitern, das zum Spielball der Politik der Großmächte wurde.

Die Erkenntnis von der Unaufschiebbarkeit grundlegender Reformen löste nach der Wahl Stanisławs II. August Poniatowski (1764-95) erste Reformmaßnahmen aus, die von den von Russland und Preußen unterstützen Gegnern in der Konföderation von Bar (1768-72) bekämpft wurden. Dieser Bürgerkrieg bot den 1772 den Anlass zur 1. Teilung Polens durch Preußen, Österreich und Russland. Der Druck zur inneren Reform wurde größer. Mit dem "Immerwährenden Rat" (1775) und der "Nationalen Erziehungskommission" (1773) erhielt Polen beispielhafte Verwaltungs- und Bildungseinrichtungen. Ein "Vierjähriger Sejm" (1788-92) verabschiedete am 3. Mai 1791 – zwei Jahre vor der Verabschiedung der französischen Verfassung – die erste geschriebene Verfassung Europas, die mit der Abschaffung der freien Königswahl und des Liberum veto dem grundbesitzenden Adel und den Städtern politische Mitwirkungsrechte übertrug.

Dagegen unterstützte Zarin Katharina II. die Adelsreaktion, die sich 1792 in der Konföderation von Targowica zusammenschloss und mit russischer Waffenhilfe die Reformpartei zur Zurücknahme der Mai-Verfassung zwang. Ihre Intervention ließen sich Russland und Preußen in der 2. Teilung Polens 1793 mit litauischen, weißrussischen und ukrainischen Woiwodschaften bzw. Großpolen, Danzig und Thorn honorieren. Ein von Tadeusz Kościuszko geführter allgemeiner Volksaufstand brach nach der Niederlage von Maciejowice im Oktober 1794 zusammen. Das restliche Polen wurde in der 3. Teilung Polens 1795 unter Russland, Preußen und Österreich aufgeteilt und verschwand von der politischen Landkarte Europas. Für Polen begann der Aufbruch Europas ins nationale Zeitalter, wie das 19. Jahrhundert wiederholt bezeichnet worden ist, mit der schmerzhaften Erfahrung des Verlustes staatlicher Eigenständigkeit.

Die kurzzeitige Hoffnung, durch den Einsatz einer von Jan Dąbrowski in Italien aufgestellten Legion Kaiser Napoleon I. zur Wiederherstellung der polnischen Eigenstaatlichkeit bewegen zu können, verflüchtigte sich rasch. Auf dem Wiener Kongress 1814/15 wurde von den großen Nachbarmächten die Wiederherstellung eines unabhängigen Polen verhindert. Ein aus den polnischen Zentralgebieten gebildetes "Königreich Polen" (Kongresspolen) wurde in Personalunion Russland unterstellt.

Nation ohne Staat

Die nun folgende russische Willkürherrschaft löste in Kongresspolen im Laufe des 19. Jahrhunderts (1830/31, 1863) Aufstände aus. Die Besatzungsmacht reagierte mit rigorosen Strafmaßnahmen und mit einer Russifizierungspolitik, welche die Sonderstellung des Königreichs bis 1874 fast völlig aufhob. Die preußischen Behörden verschärften nach der Reichsgründung 1871 den Kulturkampf gegen das Polentum in Posen/Westpreußen. Die Konfrontation der Teilungsmächte im Ersten Weltkrieg und die bolschewistische Revolution in Russland 1917 setzten die "polnische Frage", die Wiedererrichtung eines polnischen Staatswesens, auf die Tagesordnung der europäischen Politik. Am 5. November 1916 ließen die Kaiser Deutschlands und Österreich-Ungarns in Warschau die Errichtung eines Regentschaftskönigreichs Polen bekanntgeben. Sein Territorium blieb nach dem Willen der Mittelmächte beschränkt auf das russische Teilungsgebiet ("Kongresspolen"). Anstelle eines Königs fungierte auf dem nichtsouveränen Gebiet ein dreiköpfiger Regentschaftsrat. Während US-Präsident Woodrow Wilson am 22. Januar 1917 vor dem US-Senat für ein geeinigtes, unabhängiges und selbstständiges Polen plädierte, verweigerte Russland unter Führung der Bolschewiki der neuen Regentschaftsmonarchie die Anerkennung mit der Begründung, der polnische Staat sei nicht selbstständig und seine Regierung nicht rechtmäßig. Die Niederlage des deutschen Kaiserreichs und des Habsburgerreiches ebnete schließlich den Weg zu einem unabhängigen polnischen Staat. Nach der deutschen Kapitulation dankte der Regentschaftsrat zugunsten von Józef Piłsudski (1867-1935) ab. Der Führer der gemäßigten Sozialisten konnte am 11. November 1918, zugleich politisch unterstützt von den Westmächten, als "Vorläufiger Staatschef" die vollziehende Gewalt in dem bis dahin von deutschen Truppen besetzten Warschau übernehmen. Polen hatte nach 123 Jahren Fremdherrschaft wieder die Selbstständigkeit errungen.


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