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Deutschland und Polen


10.2.2009
In den ersten zwei Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg gab es keine offiziellen Kontakte zwischen der Bundesrepublik und Polen. Die Erblast der kurz zurückliegenden NS-Herrschaft in Europa und das aktuelle politische Konfliktpotenzial schienen lange Zeit als unüberwindliche Hindernisse für eine Annäherung.

West Germany's Chancellor Willy Brandt kneels before the Jewish Heroes' monument in Warsaw, Poland, Monday, Dec. 6, 1970. Brandt is attending meetings to improve relations between his government and the Communist nations. (AP Photo)Eine historische Geste der Demut: Willy Brandt fällt vor dem jüdischen Heldenmahnmal in Warschau auf die Knie. (© AP)

Neubeginn unter schlechten Sternen (1919-1939)



Nach der Erlangung der Unabhängigkeit erhielt Polen im Versailler Vertrag von 1919 fast das gesamte ehemalige Großherzogtum Posen und weite Teile Westpreußens links der Weichsel zugesprochen. In strittigen Gebieten um Allenstein, Marienwerder und in Oberschlesien wurden Volksabstimmungen abgehalten, als deren Ergebnisse die südlichen Gebiete Ostpreußens und westpreußische Gebiete bei Deutschland blieben und Oberschlesien zwischen Deutschland und Polen geteilt wurde. Danzig wurde als "Freie Stadt" unter das Protektorat des Völkerbunds gestellt. Die Grenzziehungen belasteten das deutsch-polnische Verhältnis von Anfang an. Die Weimarer Republik verweigerte eine von Piłsudski gewünschte Normalisierung der Beziehungen und forderte eine größere Grenzrevision und militärische Gleichberechtigung. Die zwischen Deutschland und der Sowjetunion 1922 in Rapallo besiegelte politische Verständigung verursachte in Polen größte Beunruhigung ("Rapallo-Komplex"). Die UdSSR und das nationalsozialistische Deutschland nutzten ihre jeweiligen Nichtangriffsverträge mit Polen (25.7.1932 bzw. 26.1.1934) nur als Atempause auf dem Weg zur Revision der Versailler Friedensordnung.

Der deutsche Diktator Adolf Hitler drängte nach dem "Anschluss" Österreichs und der Zerstückelung der Tschechoslowakei auf eine Regelung der Danzig- und Korridorfrage zugunsten Deutschlands als Ausgangspunkt für eine Politik, die Polen zu einem Vasallenstaat des Reichs degradieren sollte. Die Zurückweisung der Forderungen des nationalsozialistischen Deutschland und die britische Garantieerklärung für die "nationale Integrität" Polens am 31. März 1939 nahm Hitler zum Anlass, im April den Befehl zur Vorbereitung eines Angriffskriegs zu geben und am 28. April den Nichtangriffspakt aufzukündigen. Ein am 23. August unterzeichneter deutsch-sowjetischer Nichtangriffsvertrag ("Hitler-Stalin-Pakt") sah in einem geheimen Zusatzprotokoll die Aufteilung Polens zwischen dem Dritten Reich und der Sowjetunion vor. Mit dem Überfall auf Polen am 1. September 1939 löste Hitler den Zweiten Weltkrieg aus.

Polen im 2. Weltkrieg (1939-1945) – deutsche Besatzungspolitik



Nach dem schnellen Vorstoß der deutschen Truppen und dem Einfall der Roten Armee in Ostpolen am 17. September kapitulierten die letzten polnischen Verbände am 5. Oktober. Deutsch-sowjetische Verhandlungen führten am 28. September zu einem Grenz- und Freundschaftsvertrag, der die Demarkationslinie der Invasoren entlang dem Fluss Bug festlegte. Der Westen Polens war seit September 1939 ganz in deutscher Hand. Hitler begann hier ohne Rücksicht mit der Umsetzung der nationalsozialistischen "Lebensraum-Politik" in den mit dem Reich vereinigten westlichen Gebieten ("Eingegliederte Ostgebiete") Polens, während der östliche Teil, d.h. die Mitte Polens, als "Generalgouvernement" ein "Nebenland" des Deutschen Reichs wurde.

Die "NS-Lebensraum- und Volkstumspolitik" forderte schon im Herbst 1939 zehn bis zwanzigtausend Menschenleben unter der polnischen Führungsschicht, darunter zahlreiche katholische Geistliche. Es folgten erste Vertreibungs- und Umsiedlungsaktionen. Bis zum deutschen Angriff auf die Sowjetunion (22.6.1941) wurden 365 000 Polen aus den eingegliederten Ostgebieten deportiert, die Versklavungspolitik gegenüber den Polen nahm entsprechend dem Programm der Neuordnung des europäischen Ostens und des antislawischen Rassismus der NS-Ideologie ihren unerbittlichen Lauf. Aus dem Generalgouvernement gingen etwa 1 Mio. Polen, teils um weiterer wirtschaftlicher Verelendung zu entgehen, teils gezwungen, als "Fremdarbeiter" nach Deutschland. Nach der Eroberung der bisher sowjetisch besetzten ostpolnischen Gebiete im Sommer 1941 wurde auch dort (Zamość u.a.) mit einem Vertreibungs- (betr. Polen) und Ansiedlungsprogramm (betr. Volksdeutsche) begonnen, das aber wegen des starken Widerstands der polnischen Landbevölkerung Ende 1943 aufgegeben werden musste.

In den eingegliederten Ostgebieten und im Generalgouvernement erstrebte das nationalsozialistische Deutschland die vollständige Vernichtung der jüdischen Bevölkerung Europas. Dies versuchte Hitler durch das System der Konzentrations- und Vernichtungslager, die vor allem im besetzten Polen eingerichtet wurden. Dort wurden ca. 4,5 Mio. Juden aus dem deutschen Machtbereich ermordet. Die brutale deutsche Besatzungspolitik löste eine immer weitere Bevölkerungskreise erfassende Bereitschaft zum Widerstand im Untergrundkampf aus. Dessen bewaffneter Arm, die "Heimatarmee" (Armia Krajowa) wuchs bis Ende 1943 auf 350 000 Mann. Im April 1943 schlug die deutsche Besatzungsmacht den verzweifelten Aufstand im Warschauer Ghetto blutig nieder, der den Abtransport der letzten 60 000 Juden aus Warschau in die Vernichtungslager aufhalten sollte. Die Heimatarmee löste am 1. August 1944 einen Aufstand in Warschau aus, um die sowjetischen Truppen auf dem Weg nach Westen als legitime polnische Macht empfangen zu können. Der Aufstand wurde bis zum 2. Oktober von der deutschen Besatzungsmacht niedergeschlagen, Warschau in Schutt und Asche gelegt. Das am 1. Januar 1945 in "Provisorische Regierung" umbenannte von Kommunisten dominierte "Lubliner Komitee" übernahm nach der Befreiung Polens die Herrschaft und zugleich die Verwaltung im südlichen Ostpreußen, in Danzig, Pommern, im östlichen Brandenburg und in Schlesien. Die Potsdamer Konferenz unterstellte (17.7.-2.8.1945) die deutschen Ostgebiete jenseits der Oder und Lausitzer Neiße sowie das südliche Ostpreußen und Danzig (103 000 qkm) polnischer Verwaltung. Polen musste endgültig auf 180 000 qkm östlich der Curzon-Linie zugunsten der Sowjetunion verzichten. Die Folge der territorialen und politischen Neuordnung waren Flucht, Vertreibung und Umsiedlung von 7 Millionen Deutschen aus den Ostprovinzen östlich von Oder und Lausitzer Neiße und rund 1,5 Mio. Polen aus den sowjetisch gewordenen polnischen Ostgebieten.

In den Fängen der Vergangenheit und der Doktrinen



In den ersten zwei Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg wurden keine offiziellen Kontakte zwischen dem westdeutschen Staat und Polen geknüpft. Erst 1972 nahmen Bonn und Warschau diplomatische Beziehungen miteinander auf. Die Erblast der kurz zurückliegenden NS-Herrschaft in Europa und deren Folgen und das aktuelle politische Konfliktpotenzial schienen lange Zeit als unüberwindliche Hindernisse für eine Annäherung. Auf beiden Seiten gab es eine Vielzahl von Gründen für diesen Zustand. Das schwierigste Problem stellte die Grenzfrage dar. Der erste deutsche Bundeskanzler, Konrad Adenauer, akzeptierte die Festlegung der deutsch-polnischen Grenze an Oder und Neiße nicht, weil sie von einer überwältigenden Mehrheit der bundesdeutschen Gesellschaft, nicht nur von den Vertriebenen, in den 1950er Jahren nicht akzeptiert wurde.

Die polnische Gesellschaft, nicht nur die regierenden Kommunisten, war dagegen der Auffassung, dass diese Frage während der Potsdamer Konferenz endgültig geregelt worden sei. Das Beharren auf den Potsdamer Beschlüssen vom August 1945 war für Polen nicht nur eine Sache der Staatsräson oder Entschädigung für die Kriegsverluste durch die deutsche Besatzungsherrschaft. Diese Frage hatte vielmehr eine existentielle Bedeutung für den polnischen Staat, nachdem die Sowjetunion die polnischen Gebiete jenseits des Bugs 1939 besetzt hatte. Vom polnischen Vorkriegsterritorium fand sich nurmehr die Hälfte in den neuen Grenzen wieder. Die aus dem Osten zwangsumgesiedelten Polen wurden in den so genannten "wiedergewonnenen Gebieten" angesiedelt, deren deutsche Bevölkerung zuvor zum größten Teil ebenfalls vertrieben worden war. Auch die polnischen Vertriebenen hatten das Gefühl, das ihnen Unrecht widerfahren war, auch sie hatten ihre Heimat verloren und sie mussten – ähnlich wie die deutschen Vertriebenen – ihr Leben neu aufbauen.



 

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