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Lange Schatten: Der Umgang mit dem Zweiten Weltkrieg und seinen Folgen in Polen und Deutschland

23.3.2009
Standen in den 80-er und 90-er Jahren der Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion und der Holocaust im Zentrum wissenschaftlicher Forschungen und öffentlicher Aufmerksamkeit, so werden seit einigen Jahren vermehrt andere Aspekte wieder diskutiert. Dazu gehören der alliierte Bombenkrieg gegen das Deutsche Reich, der militärische Niedergang des NS-Staats und seine Folgen: Die Flucht und Vertreibung von Millionen Deutschen aus den Ostgebieten. Populäre Bücher, Filme, Fernsehserien und Zeitschriftenreihen bereiteten diese Themen massenmedial auf. Anders als vielfach behauptet, waren Bombenkrieg, Flucht und Vertreibung in der bundesdeutschen Erinnerungskultur zuvor keineswegs tabuisiert worden. Die verstärkte mediale Hinwendung zu den deutschen Opfern löst in Polen Irritationen und bisweilen offene Kritik aus. Das betrifft besonders das vom Bund der Vertriebenen (BdV) forcierte Projekt eines "Zentrums gegen Vertreibungen".

Die Vorbehalte richten sich sowohl gegen den BdV als Träger, als auch gegen die inhaltliche Ausrichtung der geplanten Gedenk- und Informationsstätte. Der schlechte Leumund des BdV in Polen ist nicht bloß eine Nachwirkung der kommunistischen Propaganda, die den Verband und seine Funktionäre beständig als unverbesserliche Revanchisten und Bedrohung für den polnischen Staat diffamierte. In Polen erinnert man sich daran, dass die organisierten Vertriebenen bis in die 80-er Jahre hinein nicht bereit waren, die territorialen Nachkriegsrealitäten anzuerkennen. Das Selbstbild des BdV als Brückenbauer und Vorreiter der deutsch-polnischen Aussöhnung stößt in der polnischen Öffentlichkeit daher auf breite Ablehnung. Die inhaltliche Kritik gegen das Projekt richtet sich gegen die vom BdV betriebene Universalisierung des Gedenkens an Flucht und Vertreibung. Mit Schlagworten wie "Jahrhundert der Vertreibungen" und der Bezeichnung von Vertreibung als Völkermord werden die historischen Ereignisse, die Flucht und Vertreibung der Deutschen aus den ehemaligen Ostgebieten des Deutschen Reiches, aus dem konkreten historischen Zusammenhang gehoben.

Die massive Kritik aus Polen an der vom BdV geforderten Gedenk- und Informationsstätte stößt in der deutschen Öffentlichkeit wiederum auf Irritationen und Unverständnis. Ein Grund dafür ist die weitgehende Unkenntnis über die veränderten Geschichtsbilder und vergangenheitspolitischen Debatten in Polen seit den 90-er Jahren. Nach der Systemtransformation begann die Aufarbeitung der "weißen Flecken" in der Geschichte des 20. Jahrhunderts. Dazu gehörten die Verbrechen der sowjetischen Besatzung Ostpolens, die polnisch-ukrainischen Konflikte während des Krieges und der unmittelbaren Nachkriegszeit, die Ursachen und Folgen des Warschauer Aufstands, die Erfahrung von Zwangsumsiedlungen und Deportationen und das Verhalten der polnischen Gesellschaft im Angesicht des Holocaust. Besonders heftig verlief die Kontroverse um das Pogrom von Jedwabne. Im Juni 1941 ermordeten in der ostpolnischen Kleinstadt Polen ihre jüdischen Mitbürger.

Die Debatte, die durch die Publikation eines polnisch-amerikanischen Autors ausgelöst wurde, stellte das Selbstbild von Polen als ausschließlichem Opfer des Zweiten Weltkriegs in Frage und rief zugleich heftige Abwehrreaktionen hervor. Polen werde, so argwöhnten konservative Publizisten und Politiker unter Verweis auf die im Ausland und besonders in Deutschland breit rezipierte Auseinandersetzung, vom Opfer zum Täter gemacht. Die Debatte fiel zeitlich zusammen mit dem Anlauf des BdV für eine museale Repräsentation von Flucht und Vertreibung. Konservative Publizisten sahen Polen so gleichsam doppelt in die Rolle der "Täternation" gerückt. Von deutscher Seite aus wäre man gut beraten, diese Reaktionen nicht bloß als Hysterie und haltlose Polemik abzutun. Vor der Kritik an der vermeintlichen polnischen Unschuldsbesessenheit sollte die Reflexion über die Folgen von Krieg und Besatzung für Polen stehen – und darüber, wie diese Erfahrungen in den vergangenen 70 Jahren verarbeitet wurden.


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