Grenzstadt Görlitz

10.2.2009 | Von:
Joachim Rogall

Die Bedeutung der Kulturvermittlung und –Rezeption

bei der Annäherung zwischen Deutschland und Polen

Rolle der Vergangenheit in Kulturbeziehungen

Es kennzeichnet den Kulturaustausch, dass beide Seiten beim Dialog oft die Diskussion um schwierige Themen vermeiden und eine unverbindliche Scheinharmonie pflegen, die zu Recht auch schon als "Versöhnungskitsch" charakterisiert wurde. Dabei sollte inzwischen klar geworden sein, dass nur gründliche Aufarbeitung der schwierigen Vergangenheit eine solide Basis für eine friedliche und fruchtbare Gestaltung der gemeinsamen Zukunft in Europa darstellen kann. Während in Polen häufig noch Schlachten der Vergangenheit immer wieder neu geschlagen werden, sind die Deutschen oft ohne genaue Kenntnis der gemeinsamen Vergangenheit in Gefahr, polnische Empfindlichkeiten zu unterschätzen oder überhaupt zur Kenntnis zu nehmen. Eine tausendjährige gemeinsame Geschichte wird so von beiden Seiten völlig unterschiedlich im kollektiven Gedächtnis bewahrt und auch die vielfältigen kulturellen Gemeinsamkeiten schützen nicht vor Verdächtigungen und Misstrauen. Die verhältnismäßig große Zahl von deutsch-polnischen Kulturbegegnungen und darin engagierten Institutionen und Personen steht deshalb auch in krassem Gegensatz zu der Erfahrung, wie oft marginale politische Probleme die deutsch-polnischen Beziehungen wieder zurückwerfen und belasten. Der jüngste Streit um die Besetzung des Beirats für das "Sichtbare Zeichen" gegen Vertreibungen in Berlin ist dafür ein eindrucksvolles Beispiel.

Im Kulturbereich ist die Vertreibung der Deutschen in Polen heute kein Tabuthema mehr. In polnischen Schulbüchern findet sie, allerdings mit Hinweis auf die alliierte Verantwortung dafür, meist kurze Erwähnung. Ausstellungen und Veröffentlichungen zum Thema gibt es in beiden Ländern, in den früheren deutschen Gebieten haben einige lokale Initiativen mit und ohne Unterstützung der Behörden die Erinnerung an die früheren Bewohner und ihre Vertreibung in Gedenksteinen und Erinnerungstafeln öffentlich sichtbar gemacht. Zu den wichtigsten und erfolgreichsten Initiativen im Bereich der wissenschaftlichen Zusammenarbeit gehört ein Ende der neunziger Jahre durchgeführtes deutsch-polnisches Projekt zur Erforschung der Vertreibung der Deutschen aufgrund polnischer Archivmaterialien, dessen Ergebnisse als mehrbändige Dokumentation in deutscher und polnischer Sprache "Unsere Heimat ist uns ein fremdes Land geworden..." veröffentlicht wurden.

Dies alles darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass Vergangenheitsbewältigung in Polen erst seit 1990 wirklich möglich ist. Ähnlich wie in den neuen Bundesländern das DDR-Erbe noch lange nicht wirklich verarbeitet wurde, hat die polnische Gesellschaft noch einen schmerzhaften und schwierigen Weg der Auseinandersetzung mit den dunkleren Abschnitten ihrer Geschichte vor sich. Dabei stehen sich den Deutschen stärker vertrauende und stärker misstrauende Kreise in etwa gleich stark gegenüber. Jeder Druck von außen ist dabei eher geeignet, den Prozess der Aufarbeitung der Vergangenheit, der vor allem in der Frage des Umgangs mit dem kommunistischen Erbe die Gesellschaft teilt, zu erschweren und zu hemmen.

Die deutschen Vertriebenen stellen dabei einen beständigen Stachel im Fleisch dar, da man mit der Anerkennung ihres Schicksals in Polen häufig die Infragestellung des polnischen Rechts auf ihre Herkunftsgebiete verbindet. Die jahrzehntelange Propaganda der kommunistischen Regierung hat ihre Wirkung bis heute. Unternehmen wie die "Preußische Treuhand", die Polen vor internationalen Gerichten (vergeblich) auf Entschädigung deutscher Vertriebener verklagte, schüren solche Befürchtungen zusätzlich. So sind deutsche Vertriebene und vor allem ihre verbandspolitischen Repräsentanten in Polen bis heute Reizfiguren. Dabei stellen deutsche Vertriebene, auch wenn dies häufig weder zu ihrem Selbst- noch zu ihrem Fremdbild gehört, de facto die stabilste Polen-Lobby in Deutschland dar. Denn sie besuchen ungleich häufiger als ihre Landsleute die nunmehr polnische alte Heimat, unterhalten oft sehr enge und freundschaftliche Beziehungen zu den heutigen Bewohnern, engagieren sich zum Teil nicht oder nicht nur in deutschen Landsmannschaften, aber oft auch in deutsch-polnischen Gesellschaften, stellen beträchtliche Mittel etwa für die Bewahrung kultureller Denkmäler in Polen zur Verfügung und sind generell an Polen stärker interessiert als andere Deutsche.

Unterschiedliche Sichtweisen am Beispiel Reich-Ranickis

Die Person Marcel Reich-Ranicki ist ein Beispiel für völlig unterschiedliche Sichtweisen von Deutschen und Polen. Seine Autobiographie wurde in Deutschland ein Bestseller und hat vielen Deutschen erstmals die frühere polnisch-jüdisch-deutsche Vergangenheit und Geschichte in Ostmitteleuropa mit allen Höhen und Tiefen bis zu ihrer Vernichtung im Warschauer Ghetto vor Augen geführt. Während Reich-Ranicki in Deutschland als streitbarer Literaturpapst und Medienkritiker zwar polarisiert, was sich oft in der Karikatur von Sprechweise und Auftreten entlädt, aber seine Bedeutung für die deutsche Literaturrezeption und damit die deutsche Kultur unbestritten ist, hat er in Polen ganz überwiegend schlechte Kritiken. Er gilt dort zum einen für manche als Vaterlandsverräter, der seine eigentlich angeborene polnische Literatur gering schätzt und sich opportunistisch auf die Seite des Stärkeren, der deutschen Literatur geschlagen hat. Andere werfen ihm vor, dass er in der Nachkriegszeit Mitarbeiter des kommunistischen polnischen Geheimdienstes war, zeitweise sogar dessen Londoner Regionalleiter. Obwohl ihm bis heute keine konkreten Vergehen nachgewiesen werden konnten, macht man ihn für die Bespitzelung der damals in London ansässigen bürgerlichen polnischen Opposition verantwortlich, so dass er für viele Polen persona non grata ist.

Ausblick

Ein reger Kulturaustausch schützt zwar nicht vor politischen Spannungen. Aber jeder Kulturschaffende, der mit einem Partner des anderen Landes erfolgreich zusammengearbeitet hat, ist in der Regel künftig ein Multiplikator zum Abbau von Vorurteilen und dem Werben für Interesse und Verständigung. Die große Bedeutung der Kulturvermittlung liegt auch darin, dass sie heute gleichermaßen in beide Richtungen erfolgt, also keine Einseitigkeit festzustellen ist. Polen ist im Kulturbereich zwar für viele Deutsche eine Entdeckung, die allenfalls von polnischer Film- oder Plakatkunst gehört haben und ganz erstaunt sind, wenn sie die reiche polnische Literatur-, Musik-, Theater- oder Bildende Kunst-Landschaft kennen lernen. Auch spielt in manchen Kulturbereichen wie der Musik die Sprachbarriere keine große Rolle und erleichtert den Austausch. Aber hier begegnen sich Deutsche und Polen tatsächlich und nicht nur aus Höflichkeit auf Augenhöhe. Und die Deutschen können vieles von ihren kreativen und improvisationsgeübten östlichen Nachbarn lernen. Dabei wird deutlich, dass sowohl Deutschland wie Polen aufgrund ihrer Lage in Europa traditionelle Vermittler zwischen West und Ost waren und auf diese Weise eine wichtige Rolle in der europäischen Kulturentwicklung gespielt haben.

Trotz aller Erfolge und insgesamt erfreulicher Entwicklung des deutsch-polnischen Kulturaustauschs auf die Gesamtgesellschaft, konnte noch kein wirkliches Miteinander von Deutschen und Polen in Europa erreicht werden. Immer noch bestimmen Missverständnisse und Misstrauen auf polnischer, Unkenntnis und vielfach Desinteresse auf deutscher Seite das Verhältnis. Gerade in den Grenzregionen, wo die Begegnungsmöglichkeiten besonders groß und das Bedürfnis danach stärker sein sollte, ist derzeit noch das genaue Gegenteil festzustellen. Hier wirkt die latente Polenfeindschaft des DDR-Regimes und die faktische Undurchlässigkeit der früher so genannten "Friedensgrenze" an Oder und Neisse nach. Sicherlich ist die Sprachproblematik immer noch ein Hauptproblem für engere menschliche Beziehungen. Auch hier finden wir wieder die alte Asymmetrie, nämlich erstaunlich viele Deutschlerner und Deutschsprechende in Polen, viele Schulen mit Deutschunterricht und hervorragende Germanistiklehrstühle an polnischen Universitäten, und vergleichsweise wenig Deutsche mit Polnischkenntnissen, wenig Polonistik an deutschen Universitäten und nur Einzelfälle von Schulen mit Polnischunterricht. Doch allein das kann als Begründung nicht ausreichen. In der mittleren und älteren Generation in Polen finden sich viele Deutschsprachige, und die jüngere Generation kann mit ihren Altersgenossen in Deutschland auf Englisch kommunizieren.

So ist in den deutsch-polnischen Beziehungen noch ein weiter Weg zur völligen Normalisierung zurückzulegen. Die Bedeutung des deutsch-polnischen Kulturaustauschs liegt darin, zwar kleine, aber konkrete Schritte auf diesem Weg zu gehen und durch die direkten Kontakte und die Zusammenarbeit alte, überholte Vorstellungen abzubauen und zunehmend mehr Verständnis für die jeweils andere Seite zu entwickeln.

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