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Polnische Literatur und deutsch-polnische Literaturbeziehungen


10.2.2009
Wie werden Deutschland und die Deutschen in der polnischen Literatur und Polen und die Polen in der deutschen Literatur dargestellt? Wie steht es um die Literaturbeziehungen beider Länder und welchen Beitrag kann Literatur zur Verständigung leisten? Matthias Kneip gibt Antworten.

Auch in der Literatur spielt die deutsch-polnische Vergangenheit eine Rolle.Auch in der Literatur spielt die deutsch-polnische Vergangenheit eine Rolle. (© AP)

Der in Deutschland wohl bekannteste und zugleich renommierteste Übersetzer polnischer Literatur ins Deutsche, Karl Dedecius, hat einmal die Rolle der Literatur für die Verständigung zwischen den Völkern folgendermaßen beschrieben: "Die Literatur ist ein Fenster, durch welches ein Volk einem anderen in die Augen schauen kann". Mit seinen kongenialen Übersetzungen und nicht zuletzt auch mit der von ihm ausgehenden Gründung des Deutschen Polen-Instituts im Jahre 1980 in Darmstadt, das sich die Pflege der deutsch-polnischen Kulturbeziehungen im Allgemeinen und die Verbreitung der polnischen Literatur in Deutschland im Besonderen zur Aufgabe gemacht hat, hat Karl Dedecius die Grundlage dafür geschaffen, dass ein Großteil der polnischen Literatur in den vergangenen Jahrzehnten in Deutschland in einem beachtenswertem Umfang für den deutschsprachigen Leser zugänglich geworden ist. Somit wurde es möglich, über diesen Weg dem polnischen Volk in die Augen zu schauen.

Zwei der wichtigsten Editionen polnischer Literatur stellten dabei die im Suhrkamp-Verlag erschienene 50-bändige "Polnische Bibliothek" dar sowie das "Panorama der polnischen Literatur". Beide Sammeleditionen geben in einem bislang nicht da gewesenen Umfang einen Einblick und zugleich Überblick über die wichtigsten Werke und Autoren der polnischen Literatur von der Renaissance bis zur Gegenwart – in deutscher Übersetzung. Doch häufig bleibt der Blick des deutschen Lesers in die Augen der Polen über die Literatur trotzdem aus. Entweder mangelt es am grundsätzlichen Interesse, oder, im günstigeren Fall, wendet sich der deutsche Leser nach der Lektüre einiger Werke ab mit der Begründung, vieles sei ihm unverständlich, zu hermetisch, zu philosophisch. Und tatsächlich gehörte es zu den Eigenarten der polnischen Literatur, dass sie insbesondere im 19. und 20. Jahrhundert häufig nur vor dem Hintergrund des nationalen Schicksals des Landes zu verstehen war, da sie sich meist unmittelbar mit den zur ihrer Entstehungszeit herrschenden politischen und sozialen Verhältnissen auseinander setzte. Solche Anspielungen und Korrespondenzen waren und sind für ausländische Leser schwer zu durchschauen, geschweige denn zu begreifen, was der polnischen Literatur, im Gegensatz zur russischen Literatur, schnell das Image einer schweren, unverständlichen Literatur einbrachte. Der Slawist Wilhelm Lettenbauer brachte diese Problematik der polnischen Literatur einmal auf den Punkt, in dem er sie folgendermaßen charakterisierte: "Ihre Stärke – das Verbundensein mit dem nationalen Schicksal – ist zugleich auch ihre Schwäche, ist eine Barriere, um außerhalb Polens rezipiert und verstanden zu werden".[1]

Literatur als Spiegel nationalpolitischer Verhältnisse



Dieser Zusammenhang zwischen den nationalpolitischen Verhältnissen und deren Reflexion in der Literatur war insbesondere für den wichtigsten Abschnitt der polnischen Literaturgeschichte von Bedeutung, die polnische Romantik (1822-1863). Ohne hier weiter auf die literarische Vorgeschichte dieser Epoche eingehen zu können, bildeten die damals herrschenden politischen Verhältnisse den Nährboden für die Entstehung der Hauptwerke der klassischen polnischen Literatur. Durch die drei Teilungen Polens in den Jahren 1772, 1793 und 1795 zwischen Preußen, Österreich und Russland verschwand das Land für 125 Jahre, also bis zum Jahr 1918 von der politischen Landkarte Europas. Das bedeutete, dass sowohl der Religion – daher die große Bedeutung der katholischen Kirche bis heute für das nationale Selbstverständnis der Polen –, als auch der Kunst, vor allem aber der Literatur, die Aufgabe zugewiesen wurde, zum Statthalter und Erhalter eines gemeinsamen, nicht mehr von der Politik geförderten polnischen Nationalbewusstseins zu werden. Das Trauma dieser drei Teilungen Polens, aber auch die spätere erneute Teilung des Landes zwischen Deutschland und Russland im Jahr 1939 sowie die nach dem Zweiten Weltkrieg erzwungene Einbindung Polens in den sowjetischen Machtbereich in den Jahren 1949-1989 haben ihren Niederschlag in der polnischen Literaturgeschichte gefunden und spiegeln sich in vielen ihrer Werke wieder. Ohne das Bewusstsein um diesen Zusammenhang zwischen Literatur, Herrschaftspolitik und nationalen Empfindlichkeiten sind grundlegende Werke der polnischen Literatur für Ausländer nur rudimentär und in Ansätzen verständlich.

Den unbestrittenen Höhepunkt der polnischen Romantik stellt das Schaffen des polnischen Nationaldichters Adam Mickiewicz (1798–1855) dar, der mit seinen Hauptwerken, dem Epos "Pan Tadeusz" und dem Drama "Totenfeier" Symbole nationaler Widerstandskraft schuf. Die Sehnsucht des polnischen Volkes nach der Wiederherstellung eines eigenen Staates und die Bereitschaft, für diesen nationalen Kampf auch das eigene Leben zu opfern, wurden durch seine Werke zu zentralen Elementen der polnischen Literatur, die sich auch in den Werken der beiden anderen, ebenso bedeutenden polnischen Romantiker Juliusz Słowacki (1809–1849) und Zygmunt Krasiński (1812-1859) finden.

Mickiewicz, der gelegentlich auch als "polnischer Goethe" tituliert wird, kam 1798 als Sohn eines Kleinadligen im litauischen Zaosie zur Welt, also in einer Zeit, als Polen bereits zwischen seinen Nachbarn Preußen, Österreich und Polen aufgeteilt war und seine Heimat Litauen unter russischer Herrschaft stand. In diesem Umfeld schrieb er auch seine berühmte Ode an die Jugend, die in der Tradition des deutschen Sturm und Drang, vor allem Friedrich Schillers, zum Kampf für die Freiheit und gegen die alte Welt aufrief. Sie wurde während des polnischen Novemberaufstandes im Jahre 1830 zur Hymne der Aufständischen, die da so hoffnungsvoll endete:

"Schon splittert das Eis, mit ihm alle Not Der finsteren Vorurteile; Willkommen Freiheit im Morgenrot, Erstrahle zu unserem Heile."

Wie bedeutend die Einflüsse der deutschen Literatur auf das Schaffen von Mickiewicz waren, geht auch aus Briefen hervor, die er aus Kowno nach Wilna schrieb und in denen er über seine Lektüre von Schiller äußerte: "Welche Maria Stuart! Alles ist wundervoll. Erbarmt Euch, und schickt mir irgendetwas Deutsches! Denn ich habe für meine besten Augenblicke nichts mehr zu lesen... Über die Tragödie Die Räuber kann ich nicht schreiben. Nichts hat mich ebenso stark bewegt und nichts wird es jemals tun..." [2]

1823 wurde Adam Mickiewicz, der Mitglied in verschiedenen freiheitsorientierten Geheimbünden war, wie viele seiner Freunde verhaftet und ins Innere Russlands verbannt. Später gelang ihm die Ausreise nach Westeuropa, wo er sich nach längeren Aufenthalten in Deutschland und Italien schließlich in Paris niederließ. Er wurde mit seinen Werken zum Begründer der polnischen romantischen Literatur und bis heute zum anerkannten Sprecher seines Volkes. Mickiewicz starb 1855 in Konstantinopel bei dem Versuch, eine polnische und eine jüdische Legion im russisch-türkischen Krieg aufzustellen, wurde zunächst in Paris beerdigt, dann 1890 nach Krakau überführt, wo er heute neben dem Dichter Juliusz Słowacki sowie neben den polnischen Königen im Wawel ruht.

Zwischen Romantik und Positivismus: Brücken in den Schulunterricht



Von den historischen Teilungen Polens Ende des 18. Jahrhunderts ausgehend lassen sich auch im Schulunterricht Brücken schlagen zur deutschen Literaturgeschichte. So verbrachte der deutsche Schriftsteller und Romantiker E.T.A. Hoffmann die Jahre zwischen 1800 und 1807 zunächst in Posen (1800-1802), später in Plock (1802-1804) und schließlich in Warschau (1804-1807). In Posen hatte E.T.A. Hoffmann im Jahr 1800 seinen Dienst als gerade ernannter Gerichtsassessor angetreten und heiratete dort am 26. Juli 1802 die Polin Maria Tekla Michalina Trzcińska. Zwei Jahre später wurde E.T.A. Hoffmann nach Plock strafversetzt, weil mehrere seiner bissigen Karikaturen, die er über die preußische Obrigkeit gezeichnet hatte, bekannt geworden waren. Auf Grund seiner hervorragenden beruflichen Fähigkeiten als Gerichtsrat wurde E.T.A. Hoffmann aber schon im Jahr 1804 nach Warschau versetzt, das seit 1795 Hauptstadt der Provinz Süd-Preußen war. Hier setzte er seine politische Karriere fort und traf u.a. auch mit Zacharias Werner zusammen, der seit 1796 in Warschau arbeitete und für dessen Trauerspiel "Das Kreuz an der Ostsee" er die Bühnenmusik komponierte.

Die Beherrschung der polnischen Sprache war für Hoffmann im damaligen Polen nicht notwendig, da er sich überwiegend in den Kreisen seiner preußischen Landsleute bewegte, zudem in Adelskreisen Französisch gesprochen wurde. Das Warschauer Leben inspirierte das Universalgenie Hoffmann zu zahlreichen Kompositionen, Bildern und Karikaturen, weniger aber zu literarischen Werken. Vor allem sein musikalisches Talent brachte er in Warschau zur vollen Entfaltung und schuf dort u.a. die Warschauer Messe (1805). Am 26. September 1805 schrieb er seinem Freund Hippel: "Während des Jahrs, das ich dir nicht schrieb, habe ich ein angenehmes künstlerisches Leben geführt, ich habe komponirt, gemahlt und nebenher ziemlich gut italiänisch gelernt." [3] Auch in einigen Erzählungen Hoffmanns spiegelt sich die Warschauer Zeit wieder, so unter anderem in der Erzählung Das Gelübde aus den Serapionsbrüdern. Mit dem Einmarsch der französischen Truppen in Warschau im November 1806 verlor Hoffmann seine Arbeit und geriet in finanzielle Schwierigkeiten. Der letzte Satz seines letzten Briefes vom 14. Mai 1807 aus Warschau lautete: " [...] meine Lage ist wirklich ganz verdammt".[4] Wenige Monate später verließ er Warschau und reiste über Posen nach Berlin. Seine Warschauer Zeit hielt er rückblickend für eine der glücklichsten Episoden seines Lebens.


Fußnoten

1.
Lettenbauer, hier zit. nach: Kneip, Matthias/Mack, Manfred: Polnische Literatur und deutsch-polnische Literaturbeziehungen. Materialien und Kopiervorlagen für den Deutschunterricht. 10.-13. Schuljahr. Berlin 2003. S.7.
2.
Briefe Mickiewicz` aus Kowno nach Wilna, Herbst 1820, hier zit. nach: Dedecius, Karl: Deutsche und Polen in ihren literarischen Wechselbeziehungen. Stuttgart 1973, S.32.
3.
Zit. nach: Kosim, Jan: Ernst Theodor Amadeus Hoffmann in Warschau 1804-1807. In: Mitteilungen der E.T.A. Hoffmann-Gesellschaft e.V. 37. H. Bamberg 1991, S.10.
4.
Aus: E.T.A. Hoffmann. Briefe (eine Auswahl). Hg. v. Ginzkey, Franz Karl, Wien, München, Leipzig. 1922.
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