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Normalisierung wäre schon viel - Essay


26.1.2005
Das deutsch-polnische Verhältnis ist von einer "Normalisierung" weit entfernt: Nirgendwo in Europa hatten es zwei Nationen so schwer, wieder zueinander zu kommen. Ein Essay des verstorbenen Publizisten und Historikers Peter Bender.

"Nirgendwo in Europa hatten es zwei Nationen so schwer, wieder zueinander zu kommen." Foto: AP"Nirgendwo in Europa hatten es zwei Nationen so schwer, wieder zueinander zu kommen." (© AP)

Im Warschau der siebziger Jahre hieß es, das Verhältnis zwischen Polen und Deutschen könne nur schrittweise wiederhergestellt werden. Zunächst müsse man sich um Normalisierung bemühen, dann um Verständigung, und wenn diese erreicht sei, werde schließlich Versöhnung möglich.

Der erste Vertrag, mit dem Polen und die Bundesrepublik ihre Beziehungen regeln wollten, der so genannte Warschauer Vertrag, erhielt 1970 die bescheidene Überschrift und Zweckbestimmung: Er solle die "Grundlagen der Normalisierung" schaffen, also noch nicht einmal eine Normalisierung, sondern nur eine Basis, auf der sie möglich sein würde. Dem Vertrag folgte nach einer kurzen Euphorie auf beiden Seiten Enttäuschung. Die Beziehungen entwickelten sich recht unerfreulich, und es vergingen fünf Jahre, bis in einem zweiten Vertragspaket die dringendsten Forderungen Bonns und Warschaus mehr schlecht als recht befriedigt wurden. Polen wie Deutsche hatten dem Warschauer Vertrag zwar eine realistische Bestimmung gegeben, aber dann doch zu viel erwartet. Ebenso erging es später noch vielen. Westdeutsche Politiker kamen oft nach Polen; beflügelt von den besten Absichten beschworen sie Versöhnung und wunderten sich sehr, wenn sie auf Zurückhaltung stießen: Mit der naiven Vorstellung, sich gleich versöhnen zu können, hatten sie gezeigt, dass sie keine Vorstellung von der Dimension dessen hatten, was zwischen Polen und Deutschen zu bewältigen war.

Mit dieser Ahnungslosigkeit haben wir, so scheint es, noch heute zu tun. Auf allen Gebieten hat sich im deutsch-polnischen Verhältnis vieles gebessert, von der Wirtschaft über die Politik bis in die Privatbeziehungen; sogar polnische und deutsche Soldaten üben gemeinsam. Versöhnung, zumindest Verständigung, scheint erreicht, aber plötzlich sieht alles wieder anders aus. Berlin und Warschau stehen in offenen Konflikten, die Vertrautheit ist Zweifeln oder sogar Misstrauen gewichen, alte Vorurteile brechen wieder hervor. Als Illusion erwies sich, alles werde zwischen Polen und Deutschen in Ordnung kommen, wenn beide demselben Militärbündnis und derselben europäischen Gemeinschaft angehören. Haben wir wieder zu viel erwartet? Vielleicht hilft es zur Klärung, sich daran zu erinnern, was Polen und Deutsche seit dem vergangenen Jahrhundert auseinander getrieben hat. Was von unserer schlimmen Vergangenheit lebt noch? Was ist schon überwunden? Es gab, so scheint es, zwei Arten von Konfliktursachen: Die einen waren durch Umstände bedingt, die anderen sind historischer Natur.

Der wichtigste Umstand war der Kalte Krieg. Polen befand sich im Lager des Ostens, der größere und stärkere Teil Deutschlands, die Bundesrepublik, stand im Lager des Westens. Polen wurde von einer halbkommunistischen, autoritären Parteielite regiert, die Bundesrepublik von demokratischen Regierungen. Warschau und Bonn waren zur Blockdisziplin genötigt und hatten nur begrenzte Aktionsmöglichkeiten über die Ost-West-Grenze hinweg.

Außerdem engte die Zweistaatlichkeit Deutschlands den Manövrierraum aller Beteiligten ein. Warschau stand unter ständiger, misstrauischer Beobachtung der DDR, die Polen wegen Westneigungen in Moskau denunzierte; jeder polnische Schritt in Richtung Bonn verlangte einen Schritt in Richtung Ost-Berlin. Bonn und Ost-Berlin wiederum konkurrierten in ihrer Polen-Politik, das hieß, sie behinderten einander. Die DDR-Führung fürchtete die wirtschaftliche Attraktivität der Bundesrepublik und störte, wo sie konnte; die Bundesrepublik nutzte ihre ökonomische Überlegenheit. Zwanzig Jahre lang, bis zu Brandts Ostpolitik, fesselte sie sich selbst, weil sie die Oder-Neiße-Grenze und die DDR nicht anerkannte, was die DDR nutzte und Warschau zu einem politischen Zweckbündnis mit Ost-Berlin gegen Bonn zwang.

Sachlich und politisch gab es manches, das die drei Staaten vernünftigerweise gemeinsam hätten unternehmen können, angefangen bei Verkehrsfragen, aber da war nichts möglich. In Warschau fürchtete man ein Zusammenspiel der beiden Deutschlands gegen Polen, in Bonn fürchtete man eine Koalition der beiden Kommunisten gegen die westliche Bundesrepublik, in Ost-Berlin fürchtete man die stillschweigende Kooperation der beiden Liberalen gegen die dogmatisch-kommunistische SED.

Zu all dem traten Missverständnisse, und manche wirken bis heute nach. In der Bundesrepublik war man fest davon überzeugt, sachlich und unvoreingenommen zu denken, während die Polen von ideologisch verformten Vorstellungen ausgingen - aber es war gerade umgekehrt. Die Polen dachten historisch und die Westdeutschen ideologisch. Beide irrten sich dabei gründlich. Die Polen glaubten, einen ewigen deutschen Drang nach Osten zu erkennen, von den Kreuzrittern über die preußischen Könige bis zu Hitler und dann zu Adenauer. Sie meinten, in der Bundesrepublik wiederholten sich Weimar und der Nazismus: zuerst der Anspruch auf polnisches Land, dann der Angriff auf Polen. In Warschau verkannte man, dass Bonn auf den Westen fixiert war und für den Osten kaum mehr als Worte hatte. Man mochte nicht glauben, dass die Oder-Neiße-Grenze weit mehr eine Frage der Innen- als der Ostpolitik war. Jahrzehnte mussten vergehen, bis man in Polen, von Ausnahmen abgesehen, die Bonner Demokratie ernst nahm und zu glauben begann, dass dies nicht mehr das alte, gefährliche Deutschland war.

Ebenso lange dauerte es, bis man in der Bundesrepublik, von Ausnahmen abgesehen, begriff, dass auch die polnischen Kommunisten, jedenfalls seit 1956, zuerst Polen und dann Kommunisten waren, soweit sie es überhaupt je waren. Fast die gesamte Bundesrepublik lebte jahrzehntelang in der Vorstellung, der Osten sei ein monolithischer Block, ohne Bewegungsmöglichkeiten für die einzelnen Staaten und geführt von machtgierigen Berufsrevolutionären, getrieben vom Ziel einer Weltrevolution. Auflockerungen wurden zwar bemerkt, aber meist bezweifelt. Wenn Kommunisten sich friedlich gäben, erklärte Adenauer 1956, würden sie noch gefährlicher.

Da man bis in die siebziger Jahre hinein wenig miteinander in Berührung kam, hielten sich auf beiden Seiten die Vorurteile. Umso stärker war dann die Überraschung, wenn ein Besuch ein ganz anderes Bild erbrachte. Ein polnischer Journalist, der Auschwitz überlebt hatte, fuhr 1973 zum ersten Mal in die Bundesrepublik. Er war voller Zweifel gewesen gegenüber den Deutschen, aber kam erleichtert zurück: "Sie gehen bei Rot über die Straße."

Zwischen den Machthabern in Polen und der DDR gab es handfeste Interessengegensätze. Die polnischen Kommunisten mussten national, die deutschen international denken. Die polnische Partei hatte auf ihr Volk, dessen Gefühle und Traditionen Rücksicht zu nehmen, Kirche, Kultur und Landwirtschaft ließen sich nicht sozialisieren. Die SED hingegen brauchte die Ideologie, um die Existenz ihres Staates zu rechtfertigen. Polen blieb, gleich wer regierte, Polen, die DDR blieb nur die DDR, solange sie sich als sozialistisch gegen die Bundesrepublik abheben konnte. In polnischen Augen waren die SED-Leute gefährliche Dogmatiker, die im Bunde mit Moskau die polnischen Freiheiten bedrohten. Aus Sicht der SED waren die polnischen Genossen gefährliche Revisionisten, die sowohl die Reinheit der Lehre als auch den Zusammenhalt des sozialistischen Lagers und damit den Bestand der DDR bedrohten. Als Solidarność entstand und sogar legalisiert wurde, schrillten in Ost-Berlin die Alarmglocken. Erich Honecker empfahl Intervention und grenzte die DDR nach Osten fast ebenso ab wie nach Westen.

Die Mehrheit der Ostdeutschen sah mehr mit Sorge als mit Freude, was im Nachbarland geschah, ähnlich auch die Tschechen und Ungarn. Die Erfahrungen des 17. Juni 1953, des Ungarn-Aufstands und des Prager Frühlings lehrten: Wenn die Parteiherrschaft in Gefahr gerät, rollen die sowjetischen Panzer, und im ganzen Machtbereich Moskaus wird es schlimmer. Die Polen übertreiben, hieß es, und gefährden damit die bescheidenen Erleichterungen, die wir nun haben.

Die Westdeutschen, Volk und politische Klasse, schwankten zwischen Bewunderung und Befürchtung. Die Polen wurden populär wie nie seit dem Aufstand von 1830, die private Hilfe übertraf die rhetorischen Bekundungen weiter westlich gelegener Länder. Befürchtungen aber hegten Politiker aller Parteien: Wird das ein zweites Ungarn, ein zweites Prag? Später fragten sich manche in Bonn, ob polnisches Kriegsrecht vielleicht besser sei als sowjetische Okkupation. Jaruzelski erschien als Patriot, Mieczyslaw Rakowski war bekannt als Reformer. Die sozialliberale Regierung sträubte sich gegen die Sanktionspolitik der Amerikaner. Sie versuchte, mit der Warschauer Führung in Kontakt zu bleiben, und unterschätzte die Kraft der Solidarność. Vor allem sozialdemokratische Reisende ließen es in Warschau zu peinlichen Szenen kommen: Mit den Herren des Kriegsrechts konferierten sie, und die Freiheitskämpfer berücksichtigten sie nur am Rande. Die Kränkung sitzt noch heute tief, weil sie sich mit Enttäuschung paarte, denn von Sozialdemokraten erwartete Solidarność mehr Solidarität als von anderen Parteien.

All das ist nun seit anderthalb Jahrzehnten vorbei: Sowjetunion, DDR, Warschauer Pakt, Kalter Krieg, kommunistische Macht in Polen gibt es nicht mehr. Wenn wir jetzt in Konflikte geraten, sind sie aktuell bedingt oder haben tiefere, historische Ursachen. Vielleicht auch beides zusammen: Gegenwärtige Differenzen sind geschichtlich begründet.

Als erstes sind der Krieg und noch mehr die deutsche Besetzung Polens von 1939 bis 1944 zu nennen. Sie war das Furchtbarste, was Polen in seiner Geschichte durchlitten hat. Sechs Millionen polnische Staatsbürger, Juden und Nichtjuden, überlebten jene Zeit nicht. Die meisten davon, etwa 90 Prozent, wurden nicht Opfer des Krieges, sondern eines Ausrottungsplans, der sich besonders gegen die Intelligenz richtete. Polen sollte nicht beherrscht, sondern als Nation ausgelöscht werden. Verbunden mit Mord und Vernichtung waren Demütigungen, die deutsche "Herrenmenschen" den "slawischen Untermenschen" tagtäglich zufügten. Sie trafen manchen härter als die Todesdrohung und lebten weiter noch in Generationen, die später geboren wurden.

Auch die Deutschen, die aus dem Osten vertrieben wurden, waren nicht nur körperlich, sondern auch seelisch verletzt. Mit dem Ende der vierziger Jahre des 20. Jahrhunderts gingen siebenhundert Jahre deutscher Geschichte im Osten Europas zu Ende; die Deutschen leben heute wieder dort, wo sie im Mittelalter lebten. Viele wurden nicht vertrieben, sie flohen bereits vor der anrückenden sowjetischen Armee. Es waren 8,8 Millionen, die ihre Heimat in den deutschen Ostgebieten und in Polen verloren. Auch diese Erinnerung stirbt nicht mit einer Generation.

Die neue polnisch-deutsche Grenze an Oder und Neiße entwickelte sich zu einem eigenen, sogar zum zentralen Problem. Für die Deutschen war sie eine Amputation ohne historisches Beispiel; fast ein Viertel des Reichsgebiets wurde polnisch und russisch. Was für die Deutschen eine nationale Frage war, wurde für die Polen zu einer existenziellen Notwendigkeit. Eine Nation, die in zweihundert Jahren viermal geteilt wurde, die unterworfen, unterdrückt, als minderwertig behandelt, verachtet und als unfähig zur Staatsbildung betrachtet wurde und schließlich von Ausrottung und Versklavung bedroht war, braucht Gewissheit für ihre Zukunft, vor allem Grenzgewissheit.

Spätestens seit Mitte der fünfziger Jahre waren sich die meisten westdeutschen Politiker darüber im Klaren, dass Oder und Neiße die Ostgrenze Deutschlands bleiben würden. Konrad Adenauer war froh, dass er den Grenzvertrag nicht mehr aushandeln musste. Keine bundesdeutsche Partei mochte das Odium nationalen Verzichts auf sich nehmen, keine meinte, die Stimmen der Vertriebenen entbehren zu können. Deren Führung störte bewusst und geplant das Verhältnis zu Polen, vierzig Jahre lang, bis zum Sommer 1990. Manche tun es bis heute. Alle Annäherung an Polen musste gegen den Widerstand der Verbandsfunktionäre durchgesetzt werden; die Regierung Brandt/Scheel verlor wegen des Warschauer Vertrages ihre Mehrheit im Bundestag.

Auch CDU und CSU, bis auf wenige, wichtige Ausnahmen, bekämpften den Vertrag, teilweise aus ehrenwerter Überzeugung. Was folgte, war Parteitaktik. Der Vertrag verpflichtete aus Rechtsgründen nur die Bundesrepublik. Unionspolitiker behaupteten, die Ostgebiete blieben deutsch, bis ein Friedensvertrag mit einem vereinten Deutschland die Ostgrenze festlege. Sogar Kabinettsmitglieder Helmut Kohls, die CSU-Minister Friedrich Zimmermann und Theo Waigel, dehnten die "offene" deutsche Frage auf die Provinzen jenseits von Oder und Neiße aus. Der Bundeskanzler ließ es geschehen und verweigerte 1990 ein unmissverständlich klares Wort zur Grenze, bis er den Unbelehrbaren in CDU und CSU erklären konnte: Wir müssen die Grenze anerkennen, sonst bekommen wir die Einheit nicht.

Der Vertrag, den die Regierung Kohl dann schloss, unterschied sich von Brandts Warschauer Vertrag kaum im Wortlaut, wohl aber im Geist. Brandt riskierte die Existenz seiner Regierung, Kohl nicht einmal zwei bis drei Prozent seiner Wähler. Brandt wagte den großen Schritt, um einen Neuanfang mit Polen zu erreichen, Kohl brauchte für den nationalen Verzicht eine nationale Zielsetzung. Brandt kniete in Warschau, Kohl hatte die Bundestagswahl vor Augen und schickte Außenminister Hans-Dietrich Genscher zur Unterzeichnung in die polnische Hauptstadt.




 

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