Beleuchteter Reichstag

Jenseits von Zahlen. Überlegungen zur Staatssicherheit der DDR an Westuniversitäten


4.7.2014
Zum Ausmaß der "Staatssicherheit im Westen" gibt es weit auseinander liegende Interpretationen, die auf einer schwierigen Quellenlage begründet sind. Sabine Kittel untersucht in ihrem Beitrag, welche Aussagen sich über die DDR-Westspionage treffen lassen und durch welche Motive das Handeln einzelner IMs bestimmt war.

Ein verüsteter Raum in der Stasi-Zentrale.Am 15. Januar 1990 stürmten Demonstranten die Stasi-Zentrale in Berlin. Ziel war es, die Akten vor der Vernichtung zu sichern. Doch die für Auslandsspionage zuständige Hauptverwaltung A hatte am Zentralen Runden Tisch zuvor bereits die Erlaubnis erhalten, Akten legal zu vernichten. (© Bundesarchiv, Bild 183-1990-0116-014, Foto: Thomas Uhlemann)

Die Forschung zur DDR-Westspionage hat verschiedene kleinere und umfangreichere Studien hervorgebracht, die recht unterschiedliche Einschätzungen zum Ausmaß des DDR-Geheimdienstes in der Bundesrepublik geliefert haben. Bei der Beurteilung der Spionagetätigkeit des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR (MfS) und der für die Auslandsspionage zuständigen Diensteinheit Hauptverwaltung A (HV A) stehen sich hierbei zwei konträre Positionen gegenüber: Die Vertreter der These einer "unterwanderten Republik" gehen von einer Vielzahl inoffizieller Mitarbeiter (IM) und einer effektiven Auskundschaftung wesentlicher öffentlicher Bereiche der Bundesrepublik aus.[1] Auf der anderen Seite finden sich jene Forscher, die die Zahl der West-IM deutlich niedriger ansetzen und daraus eine relative Wirkungslosigkeit der "Westarbeit" des MfS ableiten.[2] Der vorliegende Beitrag beleuchtet zunächst die beiden Positionen und die schwierige Quellenlage. Anschließend soll an einem Fallbeispiel eines inoffiziellen Mitarbeiters an der Universität Münster ein möglicher quellenkritischer Ausweg für zukünftige Forschung aufgezeigt werden. Dabei können relevante Fragestellungen identifiziert werden, die über eine rein zahlenmäßige Erfassung von "Westspionen" hinausgehen.

Die Quellenlage: Interpretationsräume für die Forschung



Markus WolfMarkus Wolf war von 1952 bis 1986 Leiter der Hauptabteilung A (© Bundesarchiv, Bild 183-1989-1208-420, Foto: Elke Schöps)
Die weit auseinander liegenden Interpretationen über das Ausmaß der "Staatssicherheit im Westen" sind kaum überraschend, basiert doch die Forschung zur Auslandsspionage der DDR auf einer schwierigen Quellen- und Überlieferungslage. Besonders fällt ins Gewicht, dass die Akten der HV A im Wiedervereinigungsprozess 1990 ganz legal und fast vollständig vernichtet wurden. Der "Zentrale Runde Tisch" hatte seinerzeit der Selbstauflösung der Hauptverwaltung A, die man als Nachrichtendienst für die Auslandsspionage bewertete, zugestimmt. Diese Sonderregelung ermöglichte somit die umfassende, eigenmächtige und unkontrollierte Spurenbeseitigung durch die eigenen Mitarbeiter.[3] Die daraus resultierenden Schwierigkeiten für die Forschung können zwar durch die Analyse von Querverweisen und die Zuordnung von Informationen aus Beständen anderer Diensteinheiten des MfS ansatzweise behoben werden. Aber auch in diesen anderen MfS-Abteilungen vernichteten Mitarbeiter der Staatssicherheit in den Umbruchmonaten 1989/90 eiligst zahlreiche Akten, in denen Operative Vorgänge dokumentiert waren. Die Quellenlage ist daher mindestens als schwierig zu charakterisieren. Zusätzliche Hürden birgt die Forschung im Stasi-Archiv der Behörde des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (BStU), da noch immer viele Vorgänge unter Verschluss liegen. Operative Akten stehen somit nur in begrenztem Maße zur Verfügung. Die Rekonstruktion von Abläufen und Zusammenhängen der deutsch-deutschen Spionage ist dadurch erschwert.

Vor diesem Hintergrund wird der quantitative Nachweis von inoffiziellen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu einem möglichen Gradmesser der Aktivitäten der Staatssicherheit: Eine hohe Zahl von IM an konkreten Orten belegt Wirken und mutmaßlich auch Wirkung der Spionage, eine geringe Anzahl von "Treffern" könnte wiederum die relative Einfluss- und Wirkungslosigkeit des MfS bedeuten. Fragen nach dem tatsächlichen Gehalt der Informationen und den Konsequenzen der Informationsweitergabe durch IM sind auf diese Weise aber nur schwer zu beantworten. Was mögliche Wege einer solchen Erkundung sein könnten, soll in diesem Beitrag diskutiert werden. Die folgenden Überlegungen stehen im Zusammenhang von ersten Recherchen und Befunden zum Thema "Spionage an der Universität. Wirken und Einfluss des Ministeriums für Staatssicherheit an westdeutschen Hochschulen (1971 – 1989)", ein Forschungsprojekt an der Universität Münster. Im Mittelpunkt dieser empirischen Recherche stehen die vier Universitäten Bremen, Kassel, Kiel und Münster.[4]

"Zahlenspiele": Die Schwierigkeiten der Berechnung inoffizieller Mitarbeiter



Der Vergleich der Zahlenangaben über IM in verschiedenen einschlägigen Studien, die fast alle von Mitarbeitern der Abteilung Bildung und Forschung des BStU entstanden sind, bringt Widersprüchliches, aber auch interessante Gemeinsamkeiten hervor. Dieser Umstand ist nicht nur der schlechten Quellenlage, sondern auch den unterschiedlichen Bezugspunkten der Studien geschuldet. Auf den ersten Blick paradox sind gewiss die sehr unterschiedlichen ermittelten Zahlen der "West-IM". Sie reichen von etwa 3.000 bis hin zu 30.000 West-Spioninnen und -Spionen.

Eine Ursache für die unterschiedlichen Zahlenangaben ist, dass sich die Zählungen auf unterschiedliche Zeithorizonte beziehen. Oftmals werden die Angaben auf den gesamten Zeitraum hochgerechnet, andere Berechnungen wiederum beziehen sich auf nur wenige Jahre und legen zudem andere Bezugsdaten zugrunde. Georg Herbsttritts Einschätzung z.B. bewegt sich mit 3.000 bis 3.500 IM am unteren Rand. Seine Zählung beruht auf Vergleichen verschiedener Datenpools, hauptsächlich aber auf den Anklageschriften und Urteilen in Spionageprozessen der 1990er Jahre. Das Bundesamt für Verfassungsschutz gehe angesichts einer guten Quellenbasis von einer vollständigen Enttarnung des Agentennetzes aus. Üblicherweise verfügte man in Spionageprozessen vor 1989 lediglich über Indizien, so der Historiker. Doch selbst wenn nur gegen 499 Personen tatsächlich Anklage erhoben wurde, fanden doch gegen 3.000 West-IM begründete Ermittlungen statt, daher gilt nach Herbsttritt diese Zahl als verlässlich. Da jedoch zu jener Zeit nicht alle Bereiche durchdrungen werden konnten und auch der Zugriff auf das SIRA-Datenbanksystem ("System der Informations-Recherche der HV A") und die sogenannten "Rosenholz"-Daten noch nicht möglich war, rechnet der Forscher die Zahl etwas nach oben.[5]

Die SIRA-Datenbank listet Agenten und Vorgänge der HV A sowie Stichworte zu den gelieferten Informationen auf, sogar eine Benotung der gelieferten Hinweise findet sich, nicht aber Namen oder die Informationen selbst. In der "Rosenholz"-Kartei sind wiederum unter anderem die Klarnamen der MfS-Mitarbeiter verzeichnet; in der Kombination der beiden liegt ein wichtiger Erkenntnisgewinn.[6] Die von den Ermittlungs- und Strafverfolgungsbehörden erfasste Größenordnung, so Herbsttritt, kann somit als Mindestmaß der Zahl der bis zum Ende der DDR aktiv tätigen West-Spione betrachtet werden.

Ilko-Sascha Kowalczuks Schätzung inoffizieller Mitarbeiter bezieht sich auf das Jahr 1989, für das er "weniger als 500 West-IM" annimmt. Aufgrund dieser Zahl leitet er in seinem Buch über die Stasi ab, dass "von einer 'Unterwanderung' der Bundesrepublik oder gar einer 'Steuerung' nicht einmal ansatzweise gesprochen werden kann".[7] Und obgleich sich Kowalczuks Befund auf Erhebungen von Helmut Müller-Enbergs bezieht, kommt Letzterer in seiner Analyse der HV A-Daten auf eine andere Summe für das Jahr 1989: Er beziffert nämlich die Zahl auf 1.550 IM mit bundesdeutscher Staatsbürgerschaft. Die Gesamtzahl der für das MfS Tätigen schätzt Müller-Enbergs über den gesamten Zeitraum von 40 Jahren gar auf etwa 12.000 West-IM, darunter rund 6.000 Personen für die HV A.[8]

Hubertus Knabes Zahlenangaben stammen aus der früheren Zeit der Stasi-Forschung und stellen die höchste Berechnung dar. Aus seiner Schätzung von insgesamt 20.000 bis 30.000 West-IM, die er auf Basis von Hochrechnungen ermittelt hat, leitet er eine deutliche Durchsetzung der Bundesrepublik und politische Einflussnahme durch die DDR ab.[9] Die Verwendung von Hochrechnungen zur Untermauerung ist legitim. Angesichts der schlechten Quellenbasis in den 1990er Jahren waren Forschende wie Knabe zweifellos auf Schätzungen und Vermutungen angewiesen. Gerade in den frühen Erhebungen zeigt sich aber auch eine Vermengung von historischer Forschung mit Aspekten der Vergangenheitspolitik. Die Auflistung von Namen, Einsatzorten und möglichen Konsequenzen sowie das Anprangern der wenigen Verfahren oder niedrigen Strafen gegen West-Spione können als ein signifikantes Kennzeichen der damaligen geschichtspolitischen Auseinandersetzung betrachtet werden. So trugen die hohen Schätzungen aus den frühen Erhebungen potenzieller West-IM nicht unerheblich zu den erregten Debatten über die "Staatssicherheit im Westen" bei.[10] In aktuellen wissenschaftlichen Auseinandersetzungen zur Westspionage hat diese hohe Zahl zwar keine Bedeutung mehr, doch die These von der weitgehenden Unterwanderung der Bundesrepublik durch das MfS steht weiterhin im Raum.[11]

Bezugspunkte der Einschätzungen



Ein wesentlicher Grund für die weit auseinander driftenden Berechnungen ist, dass die Zahl der inoffiziellen Mitarbeiter (sowie der wenigen Mitarbeiterinnen) in der Bundesrepublik und West-Berlin durch Berechnung verschiedener Komponenten zustande kam.[12] Die zeitlichen Dimensionen sind bei der Zählung der West-Spione oft schwer einzugrenzen, da auch die Staatssicherheit selbst ihre Daten oft verschleierte. Außerdem ist noch immer nicht eindeutig zu klären, wer tatsächlich als IM zu zählen ist. Angesichts der schwierigen Aktenlage und disparater Terminologien in den jeweiligen Operativen Vorgängen fällt es Forschenden nicht leicht, das System der West-Spionage tiefgreifend zu durchdringen. Die Unterscheidung der Interessensbereiche geheimdienstlicher Arbeit zwischen "Aufklärung" und "Abwehr" war diffus, Kompetenzüberschneidungen gehörten vielmehr zum System, denn die Arbeit im Operationsgebiet - also in der Bundesrepublik und West-Berlin - wurde als "Gesamtaufgabe" des MfS betrachtet.[13] "Aufklärung" im Ausland betrieb zwar explizit die HV A in Berlin, sie agierte in diesem Kontext allerdings in der Bekämpfung von Opposition und Widerstand sowohl außerhalb als auch innerhalb der DDR. Umgekehrt betätigten sich aber auch MfS-Offiziere in der Auslandsspionage.[14] Verschiedene Hauptabteilungen (HA) hatten zudem "Abwehreinheiten", die in großen Umfang IM in der Bundesrepublik und West-Berlin führten.[15] In den 14 MfS-Bezirksverwaltungen existierte jeweils eine sogenannte Abteilung XV, der ein bestimmtes Territorium in der Bundesrepublik zur Bearbeitung zugewiesen war.

All diese Überschneidungen erschweren heute eine klare Differenzierung des Forschungsfeldes: So umfasst der Terminus "West-Spion" alle in der Bundesrepublik für das MfS aktiven Bundesbürgerinnen und -bürger, unabhängig von ihren tatsächlichen Einsatzbereichen. Konkrete Wirkungsfelder der West-IM sind hierbei weder definiert noch werden diese genauer erfasst. Zwar findet eine Unterscheidung zwischen IM, die im Auftrag des MfS tätig waren und IM, die im Auftrag der HV A spionierten, statt. Gleichwohl lassen sich daraus nur schwer Kompetenz- und Auftragsverteilungen der jeweiligen Akteure konkretisieren. Auch eine Analyse der "Erfolge" einzelner Führungsoffiziere und die Praxis der "Benotung" von Informationen wie auch die der Auszahlung von "Prämien" bleiben im deskriptiven Bereich. Bislang werden solche Hinweise zumeist als Belege gelungener Spionagepraxis betrachtet.

Die Schwierigkeiten und Fallstricke der zahlenmäßigen Eingrenzung der Westspionage liegen aber nicht allein in der Tatsache begründet, dass das Spionage-Netz verwoben und widersprüchlich war. Vieles wird vermutlich zwingend im Bereich des Spekulativen bleiben müssen, da kaum Operatives Material zu einzelnen Fällen vorhanden ist. Hierbei zeigt sich denn auch eine Übereinstimmung aller Studien: Die Einschätzung von Wirken und Einfluss des MfS in der "alten Bundesrepublik" wird mangels anderer Indikatoren vorrangig mit der ermittelten Anzahl der eingesetzten Spione und deren vermuteten Einsatzorten begründet.

Spionage an der Universität: Eine Annäherung



Akten belegen, dass Hochschulen von der Staatssicherheit seit 1971 dezidiert als "Zentren des Feindes" betrachtet wurden, die es zu überwachen und zu bekämpfen galt.[16] Folgt man allein den MfS-Perspektivplänen, dann gab es ein ausgeprägtes Interesse der Staatssicherheit an den bundesdeutschen Universitäten. Sie wurden einerseits als wichtiger Sammelpunkt zukünftiger Eliten betrachtet, andererseits aber auch als Hort politischer Indoktrination, den es zu gewinnen galt. Die Dienstanweisung 5/71 über die "systematische operative Bearbeitung von Universitäten und Hochschulen im Operationsgebiet", in der Fassung vom 1. August 1974, plante die "Schaffung von stabilen operativen Stützpunkten in den Universitäten und Hochschulen zur laufenden Gewinnung von Perspektiv-IM für die Hauptobjekte des Feindes", wie im Geheimdienstjargon formuliert. "Perspektiv-IM" waren inoffizielle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die, während der Ausbildung angeworben, an strategisch bedeutenden Arbeitsplätzen tätig werden konnten. Als die "Hauptobjekte des Feindes" betrachtete man bundesdeutsche Verwaltungen, Ministerien, Einrichtungen der politischen Bildung, Parteien oder auch Institutionen, die sich mit Ost-Forschung befassten. Ziel des MfS in diesen Bereichen waren die "systematische Nutzung zur Erarbeitung von Informationen", insbesondere "die Aufklärung der politischen Gruppierungen und deren Aktivitäten", "Aufklärung und Bekämpfung der Kräfte der politisch-ideologischen Diversion (PID)" und die "Aufklärung und Beschaffung von Forschungsergebnissen auf politischem, ökonomischem, militärtechnischem und naturwissenschaftlichem Gebiet".[17]

Eine Vorstellung zum Ausmaß der vor Ort aktiven Spione vermittelt eine hochgerechnete Schätzung. So kalkuliert Hubertus Knabe für das Jahr 1975 "wahrscheinlich" etwa 170 IM an bundesdeutschen Hochschulen. 22,5 Prozent davon, so der Historiker weiter, waren als sogenannte "Werber", 17 Prozent als "Stützpunkt-IM" und 57,5 Prozent als "Einschleuser", tätig.[18] "Stützpunkt-IM" konnten an der Universität Hinweise auf interessante Personen erarbeiten, die fortan als "Hinweisperson" (HW) registriert wurden. "Werber" waren wiederum zuständig, interessante "Hinweispersonen" als inoffizielle Mitarbeiter zu rekrutieren. Zur unerkannten Einreise von DDR-Bürgern und ihrer späteren Etablierung als IM im Westen setzte man "Einschleuser" ein. Die von Knabe ermittelte Hochrechnung überzeugt in ihrer Pauschalisierung, muss allerdings empirisch konkretisiert und ggf. differenziert werden. Bislang konnten für die vier im Fokus stehenden Hochschulen sieben bis zehn "Treffer" festgestellt werden; die vertiefte Analyse wird deren Wirken ergründen.[19]

Auch für die diesem Beitrag zugrunde liegende Untersuchung begann die Recherche - der Logik des Archivs des BStU folgend - zunächst mit der Einspeisung von Namen und Fakultäten bzw. Orten, um die Aktivitäten des MfS an den Universitäten einzuschätzen. Eine erste Zuordnung der Abteilungen, Spionageziele sowie der Agenten zu den im Fokus stehenden Universitäten ermöglichte das HV A-Handbuch, eine Kompilation des Strukturaufbaus und der Einsatzbereiche dieser für die Auslandspionage zuständigen Diensteinheit. Das Handbuch erlaubt eine Zuordnung einzelner Daten (aus SIRA-Datenbank und "Rosenholz") zu konkreten inoffiziellen Mitarbeitern; eine Differenzierung und Bewertung des "Treffers" ist allerdings meistens unmöglich.[20] Die erfolgreiche Ermittlung verschiedener Operativer Vorgänge erfolgte durch die Personen- und Ortsabfragen, die insofern ergiebig waren, als dass sie weitere Recherchepfade und weitere Operative Vorgänge eröffneten. Vergleiche mit anderen Studien zeigen, dass auf diese Weise die unterschiedlichen Struktureinheiten des MfS erfasst werden können. Günstigenfalls werden auch Struktur und Vorgehensweise, vor allem aber Wirkungsbereiche und Einwirkungen des vernetzten Spionagevorganges erhellt.

Müller-Enbergs konnte in seiner Untersuchung der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg den verschlungenen Weg der Etablierung von inoffiziellen Mitarbeitern in den Jahren 1980-1989 nachweisen.[21] Weitere Erkenntnisse, etwa zu den Folgen der somit ermöglichten Auskundschaftung, waren dagegen offenbar nicht zu ermitteln. Auch eine aktuelle Studie, die sich mit den Universitäten Dortmund und Bochum befasst, kann zwar auf Operative Vorgänge wie auch eine Reihe von Hinweisen auf Spionage in Forschung und Entwicklung der Hochschule sowie im politisch-ideologischen Kontext verweisen.[22] Doch der Zugriff zu weiteren qualitativen Aussagen scheint nicht möglich gewesen zu sein. Die DDR war, wie vom Autorenteam spekulativ resümiert wird, "von der enormen Masse an gesammelten Daten überwältigt und hatte oft Probleme damit, sie in ihr eigenes Wissenschaftssystem zu integrieren". Auch dieser Studie gelingt es nicht, den Gehalt und die Auswirkung der ermittelten Spionage an den untersuchten Universitäten tatsächlich zu erhellen.[23]

Das Auffinden und Zählen von "Treffern" an den untersuchten Universitäten vermag zwar das Interesse der Staatssicherheit zu belegen. Doch verhindert eine rein numerische Bestandsaufnahme das tiefere Verständnis für die tatsächlichen Vorgänge. Spionageziele, Erfolge und Misserfolge der Rekrutierung von IM und die Auswirkungen der Tätigkeit einzelner Akteure müssen aufgespürt werden wie auch die Handlungsrahmen der verschiedenen Protagonistinnen und Protagonisten, deren jeweilige Motivationen herausgearbeitet und dem institutionellen Kontext zugeordnet werden muss.[24]

Die nachfolgende Auseinandersetzung stellt einen ersten Versuch dar, neben Zahlen und Hochrechnungen eine differenziertere Perspektive auf das geheimdienstliche Wirken und dessen Effektivität an einer bundesdeutschen Universität zu erarbeiten. Dabei soll ergründet werden, welche Personen für das MfS interessant waren, also "bearbeitet" werden sollten, wie diese Personen für eine geheimdienstliche Mitarbeit gewonnen werden sollten und welche Informationen sich das MfS von ihnen erhoffte. Darüber hinaus ist von Interesse, welche Materialien "ausgetauscht" und welche Informationen vom MfS weiter verarbeitet wurden. Welche Wirkungen wurden damit erzielt, welche Aktivitäten in Gang gesetzt? Solche und ähnliche Fragen können eine Einschätzung der Wirksamkeit der Spionage ermöglichen. Anhand der Überlegungen soll aber auch eine quellenkritische Erkundung des Bestandes unternommen werden. Es wird nach Widersprüchen in den Akten sowie danach gefragt, wie Treff-Protokolle, Einschätzungen, Auszeichnungen und Erfolgsmeldungen einzuschätzen sind.

Die Aktenüberlieferung von Aktivitäten des MfS an der Universität Münster ist, vorsichtig formuliert, als erfreulich zu bezeichnen, da verschiedene Jahresarbeitsberichte der HV A für diese Hochschule gefunden wurden.[25] Die nachfolgende IM-Personenakte zu "Park", der in Münster tätig war, konnte fast vollständig rekonstruiert werden.[26] Die Auseinandersetzung mit den verschiedenen Aspekten dieses Falles ist zunächst als beispielhaft für die zuvor angeführten Überlegungen zu verstehen und nicht als eine repräsentative Darstellung der Tätigkeit der West-IM an einer West-Universität.

IM "Park" an der Universität Münster



"Park" wurde 1916 geboren. Er studierte Bibliothekswissenschaft, nach Stationen in Leipzig und Lübeck fand er in den 1960er Jahren an der Universität Münster als Bibliothekar eine Anstellung. In der NS-Zeit war er NSDAP-Mitglied, nach Einschätzung des MfS aber allein aus karrieristischen Gründen. Auch ein Fronteinsatz in Frankreich wird erwähnt.[27] Aus zwei Ehen entstammten insgesamt zehn Kinder.

Im Herbst 1973 geriet er zum ersten Mal ins Blickfeld der Leipziger Bezirksverwaltung für Staatssicherheit, Abteilung XV, die der HV A zugewiesen war. Der "HW 'Park'", wie man ihn im Sachstandsbericht nannte, hatte seit mehreren Monaten ein Verhältnis mit einer verheirateten DDR-Bürgerin "Annelie" in Leipzig.[28] Da die jeweiligen Ehepartner nichts von der Liebesbeziehung wussten, fand der rege Briefwechsel über den Arbeitsplatz statt. Für die Staatssicherheit waren Angestellte von Universitäten grundsätzlich interessant. Als Bibliothekar hatte der "HW" ebenso Kontakt zum wissenschaftlichen Personal wie zur Studentenschaft, er hatte außerdem Zugang zu Interna der Verwaltung und des Wissenschaftsbetriebs. Daher meldete sich das MfS bei "Annelie".[29] Die darauf folgende Anwerbung der Leipzigerin war offenbar einfach. Unter einer Legende bot man Hilfe bei den Scheidungsangelegenheiten an, und rasch entwickelte sich ein Vertrauensverhältnis. Der „Sachstandbericht zur Bearbeitung des HW 'Park'“ belegt, wie durchdacht das Vertrauens- und Abhängigkeitsverhältnis zu "Annelie" etabliert wurde.

Motivation der Zusammenarbeit mit dem MfS



In der Folge führte das MfS auch "Park" an die ihm zudachten Aufgaben heran.[30] Wann genau "Park" als inoffizieller Mitarbeiter des MfS verpflichtet wurde, ist noch nicht eindeutig nachgewiesen, kann aber ungefähr auf Mai 1974 terminiert werden. Zu diesem Zeitpunkt wird er in den Akten als IM geführt. Wie den Unterlagen zu entnehmen ist, fand die Werbung von "Park" "auf der Grundlage der Übereinstimmung politischer Auffassungen zur Zusammenarbeit mit dem MfS statt"[31]. "Parks" tatsächliche Motivation scheint allerdings deutlich vielschichtiger und die ideologische Seite dabei nur ein Faktor gewesen zu sein. Der Abgleich der Treffberichte gibt Hinweise darauf, inwiefern die Zusammenarbeit auf Basis gegenseitigen Vorteilsnahmen bestand.

Für die Jahre 1975 bis 1984 sind regelmäßige Reisen von "Park" zwischen Münster und Leipzig dokumentiert, im Zuge derer immer auch Zusammenkünfte in einem Leipziger Lokal mit der Staatssicherheit stattfanden. Die Treffen mit seinem Führungsoffizier erlaubten "Park" unbeschränkte Einreisemöglichkeiten in die DDR. Den obligatorischen Mindestumtausch musste er auch nicht mehr leisten.[32] Nicht nur konnte "Park" seine Freundin auf diese Weise regelmäßig und unentgeltlich für längere Zeit besuchen. Bei den Zusammenkünften mit dem MfS erhielt er zudem "operative Zuwendungen", regelmäßige monatliche Zahlungen von mindestens 200 DM, Fahrtkosten sowie im Laufe der Jahre Geldprämien und verschiedene Verdienstmedaillen.[33] Diese finanziellen Zuschüsse waren gewiss ein lukratives Zubrot für "Park".

Ein weiteres Dokument deutet an, dass "Parks" Motivation, wie sicherlich auch die anderer IM, nicht konstant hoch war. Des Öfteren musste er überzeugt und bearbeitet werden, um "ihm deutlich zu machen, daß er für eine gerechte Sache arbeitet."[34] Ab 1982 wurde der IM als "Stützpunkt" und "Werber" registriert. Gleichwohl scheint letztere Klassifizierung nur eingeschränkt zuzutreffen, denn sein Führungsoffizier vermerkte kritisch: "Im Ergebnis dieser Diskussion gelang es nicht, die Bereitschaft des IM zur Werbertätigkeit zu gewinnen. "Park" vertrat den Standpunkt, daß ein Werbekandidat sich unabhängig von ihm für die Kundschaftertätigkeit entscheiden muß."[35] "Park" wollte offenbar so wenig wie möglich selbst in Erscheinung treten, wenn es galt, potenzielle Kandidaten für die IM-Tätigkeit zu werben. Und so birgt diese Schilderung auch einen Hinweis auf konkurrierende Interessen des IM bei seiner Spionagetätigkeit: Auf der einen Seite stand vermutlich tatsächlich der ideologisch-politisch motivierte Wunsch, der Staatssicherheit der DDR dienlich zu sein sowie die damit verbundene besondere Aufmerksamkeit zu genießen; hinzu kamen finanzielle Zuwendungen und nicht zu vergessen, das Privileg der unbegrenzten DDR-Reisen zur Freundin.[36] Auf der anderen Seite aber war "Park" permanent mit dem Anspruch des MfS konfrontiert, neue Hinweise zu erarbeiten und neue Kontakte aktiv zu suchen – und diese für die Mitarbeit zu rekrutieren. Zur Schwierigkeit dieser Operativen Arbeit addierten sich die Mühen der Konspiration, die in den Akten auch thematisiert werden.

Die Höhe der Honorierung, die Vielzahl der Auszeichnungen und seine lange IM-Tätigkeit lassen zunächst vermuten, dass "Park" für die Staatssicherheit von großem Wert war. Vergleiche mit anderen Fällen stehen allerdings noch aus und könnten diese Vermutung auch relativieren. Doch konnte ein erfolgreicher IM sicherlich auch Glanz auf den verantwortlichen Führungsoffizier abwerfen. Daher sind in den Protokollen gewiss eine Reihe von Ungereimtheiten oder auch Misserfolge von "Parks" Einsätzen geglättet, um so den Wert des IM - und in der Folge letztlich die Arbeit des MfS-Mitarbeiters - zu erhöhen.

"Im Auftrag" der Staatssicherheit



Der kursorische Blick in die Protokolle der Operativen Akten von "Park" zeigt das Spektrum seiner Aufgabenbereiche – und weist auf ihre jeweilige Ausführung hin. Noch zu Beginn des Jahres 1974 ging es dem MfS vor allem um die Heranführung des Kandidaten "Park", als der er damals noch betrachtet wurde, an sein Arbeitsfeld. Man interessierte sich für die Stärke, Ziele und Wirksamkeit politischer Gruppierungen. Auch Ermittlungen zur Einstellung des Rings Christlich-Demokratischer Studenten (RCDS) und der Evangelischen Studentengemeinde (ESG) zur DDR standen auf der Agenda.[37]

Solcherart Erkundungen waren für die Staatssicherheit unter dem Schlagwort "Kontaktpolitik" (KP) relevant, da damit Kontakte aus bzw. mit westlichen Ländern - Bildungsreisen, Städtepartnerschaften, wissenschaftlicher Austausch - eingeschätzt werden konnten.[38] Diese Art Aufgaben erledigte "Park" offenbar zur Zufriedenheit des MfS. Ab 1976 bestanden seine Aufgaben in unterschiedlicher Gewichtung vor allem in der "Objektanalyse": Inspizierung der ESG und verschiedener Fachbereiche an der Universität Münster sowie in der "Beschaffung von Regimematerial". In der "Personengruppenanalyse" wiederum war die "Erarbeitung von Hinweisen" (HW) angestrebt. Das MfS erwartete von "Park" zudem, dass er Professoren und Studierende der Universität Münster sowie Personen in seinem weiteren Bekanntenkreis in (ideologische, allgemein gesellschaftskritische) Gespräche verwickelte, um so Perspektiv-IM (P-IM) zu erarbeiten.[39] Als Bibliothekar stieß sein Einsatz anscheinend auf geringes Misstrauen, da sein Arbeitsbereich eine Art Schaltstelle verschiedenster Akteure darstellte. Im März 1978 verzeichnete der Tätigkeitsbericht die erfolgreiche Arbeit des "Park" bezüglich der Erarbeitung von Hinweisen.[40] Zusammengerechnet hatte "Park" innerhalb eines Jahres 40 Personen - vor allem aus dem persönlich-privaten wie beruflichen Umfeld - "getippt" (nicht geworben). Zu 13 von ihnen nahm die Staatssicherheit letztlich Ermittlungen auf. Interessant erscheinende Hinweise wurden dann von der Leipziger Bezirksverwaltung an die HV A "abgegeben". Beim Abgleich mit den Jahresarbeitsplänen der HV A in den folgenden Jahren finden sich einige von "Parks" Hinweisen als "operative Vorgänge im Objekt" mit Decknamen "Ass", "Eibe", "Buche" wieder.[41] Eine tatsächliche Werbung dieser und anderer Personen gelang aber nicht, wie der weitere Verlauf in den Protokollen offenbart. Kommentare in Jahresarbeitsberichten und Treffprotokollen der folgenden Jahre forderten permanent neue Hinweise, die "Park" erarbeiten und erbringen sollte, womit sich der IM offenbar aufgrund von persönlichen Bedenken, Scheu oder auch aus Bequemlichkeit schwer tat.

Andere "operative Aufgaben" waren von ihm dagegen vermutlich leichter und auf den ersten Blick auch unproblematischer zu erledigen. Im Sommer 1980 etwa besorgte er ein Vorlesungsverzeichnis der Universität Münster, sammelte Studentenzeitungen der Universität sowie verschiedene Tageszeitungen. Er fertigte zudem eine Skizze des Düsseldorfer Innenministeriums und seiner Umgebung an, verfasste Dossiers zu verschiedenen Professoren, übermittelte Informationen zur Zusammensetzung der Friedensbewegung in Münster, kopierte Publikationsliste und Lebenslauf eines am Institut für Kernphysik tätigen Wissenschaftlers, der sich dem MfS nach "gegen die Stationierung neuer amerikanischer Atomraketen" ausgesprochen hatte, und tippte die Unterschriftenliste der Unterzeichner der Münsteraner Friedenswochen im Mai 1982 ab.[42] Betrachtet man die Arbeiten, die "Park" übertragen bekam, wird das Interesse der DDR an Hinweisen auf politisch-ideologische Diversion deutlich – der tatsächliche Nutzen der Sammlung bleibt indes unklar. Viele der Informationen waren frei verfügbar, für einige Aufgaben war "Parks" Einsatz eventuell bedeutsam. Verschiedene Stasi-Forscher haben allerdings auf die Möglichkeiten hingewiesen, die durch die kleinteilige Sammlung von Informationen für die Staatssicherheit entstehen. Erst durch das Zusammentragen der Materialien und die Kombination verschiedener Bestandteile gewannen diese an Relevanz und Brisanz.[43]

Als "Park" 1983 in Rente ging und die Universität verließ, schien auch die Staatssicherheit das Interesse an ihm zu verlieren. Der IM wollte aber offenbar nicht auf die bis dato gezahlten Zuwendungen, das unbegrenzte Visum und die Umtauschbefreiung verzichten, zumal "Annelie" noch immer in Leipzig lebte. So stellte der IM – auf eigenes Betreiben – sein Wohnhaus als "Deckadresse" (DA) der HV A zur Verfügung und "Park" wurde fortan als IM/DA geführt. Drei Spione, DDR-Bürger, die im Ausland aktiv waren, erhielten bei "Park" eine "Anlaufstelle" und konnten dadurch eine "West-Adresse" belegen.[44] Im Jahr 1987 siedelte "Annelie" aus Leipzig in die Bundesrepublik über und die beiden heirateten bald darauf. Die Zusammenarbeit mit dem MfS wurde unregelmäßiger, zumal "Park" gesundheitlich angeschlagen war. Bis zum Ende der DDR blieb der IM aber als IM/DA im Einsatz.[45] Ein letztes Treffen mit dem Führungsoffizier fand noch im Oktober 1989 statt.[46]

Abschluss und Ausblick



Die am konkreten Beispiel unternommene Analyse konnte verschiedene Aspekte herausarbeiten, anhand derer das Wirken und der Einfluss des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR empirisch fundiert ergründet werden kann. Abschließend soll anhand von drei Argumenten ein Ausblick auf mögliche Differenzierungen relevanter Fragestellungen und Untersuchungsschwerpunkte gegeben werden.

Die Frage nach der IM-Tätigkeit und ihren Konsequenzen für die Westuniversitäten eröffnet mehrere Horizonte. Hinterfragt werden sollte zunächst, inwiefern zahlenmäßige Einschätzungen und damit Kategorien wie "erfolgreiche" oder "erfolglose" Spionage angesichts der Unüberschaubarkeit der gelieferten Informationen überhaupt sinnvoll sind. Zu charakterisieren wäre eher, welchen Weg die Auskünfte nahmen und welcher Nutzen aus den gewonnenen Berichten gezogen werden konnte. Auch die am Prozess der Informationssammlung beteiligen Personen und Konstellationen sollten ergründet werden. Protokolle und Perspektivpläne müssen abgeglichen, Konzeptionen und Ergebnisdarstellungen anhand der Beteiligten wie auch ihrer Verfasser identifiziert und die jeweiligen Darstellungsmodi abgewogen werden. Nicht zuletzt beeinflussten die Erwartungen und Ansprüche seitens des MfS/HV A oftmals maßgeblich die spätere Darstellung der "Erfolge" durch die Führungsoffiziere.

Der Gebrauch der verschiedenen IM-Kategorien in der Biografie von "Park" verweist darauf, dass ein Abgleich von Tätigkeit und Tätigkeitsbeschreibung notwendig ist, wenn verallgemeinerbare Aussagen zu Umfang und Einsatzbereichen von IM getroffen werden sollen; widersprüchlich zeigt sich zum Beispiel die Registrierung des IM als "Werber", obgleich sich "Park" diesem Aufgabengebiet dezidiert verweigerte. Hier lässt sich wiederum die Beteiligung der jeweiligen Führungsoffiziere als Verfasser von "geschönten Berichten" und "geglätteten Statistiken" als bedeutsam vermuten. Zu überprüfen bleibt daher, inwiefern hinter den zugewiesenen IM-Kennzeichnungen bürokratische, organisatorische, finanzielle oder ganz persönliche Gründe standen, die mehr über die jeweiligen Diensteinheiten, über "eifrige" Offiziere und an sie gestellte hohe Erwartungen aussagen, als über die konkrete Aufgabenstellung und deren Verwirklichung.

Eine weitere Ebene der Auseinandersetzung mit der Spionage an Westuniversitäten bietet die Analyse der Motivationslagen der unterschiedlichen Protagonisten. Beispielhaft offenbarte die Betrachtung des konkreten Rekrutierungsprozesses und seiner Fortdauer, wie das Handeln von IM "Park" von mehreren Motiven bestimmt war. Obgleich er als politisch "links" einzuschätzen ist, lagen die Gründe für seine Betätigung für die Staatssicherheit wohl eher im monetären Bereich, was ihn schließlich vielleicht sogar in eine Art Abhängigkeit brachte. Eine Bandbreite von individuellen Motiven lässt sich mit dem "MICE-Modell" der Spionageforschung fassen.[47] Eine weitere Variable in diesem Netzwerk stellte – erneut – der zuständige Führungsoffizier dar. Nicht nur instruierte und motivierte er die Spione, die er führte, sondern er trug durch die Verschriftlichung der Vorgänge zur Wahrnehmung ihrer IM-Tätigkeit und weiteren Ausrichtung der Einsätze bei. Diese und weitere Fragen können diskutiert werden, sobald wir jenseits von Zahlen blicken.

Zitierweise: Sabine Kittel, Jenseits von Zahlen. Überlegungen zur Staatssicherheit der DDR an Westuniversitäten, in Deutschland Archiv, 4.7.2014, Link: http://www.bpb.de/187440


Fußnoten

1.
Hubertus Knabe, Die unterwanderte Republik. Stasi im Westen, Berlin 1999.
2.
Ilko-Sascha Kowalczuk, Stasi konkret, München 2013, S. 247-263.
3.
Jochen Hecht, "Rosenholz" und SIRA. Archivalische Quellen zur Geschichte der Hauptverwaltung Aufklärung (HV A) des MfS, in: Dagmar Unverhau (Hg.), Hatte "Janus" eine Chance? Das Ende der DDR und die Sicherung einer Zukunft der Vergangenheit, Münster 2003, S. 99-112.
4.
Die den Überlegungen zugrunde liegenden Recherchen basieren auf einer Initiative der Universität Bremen und der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Im Jahr 2013 konnten durch eine Anschubfinanzierung Recherchen im Archiv der Behörde des Bundesbeauftragten für die Unterlagen der Staatssicherheit in Berlin unternommen werden.
5.
Georg Herbstritt, Bundesbürger im Dienst der DDR-Spionage, Göttingen 2007, S. 39-46. Herbsttritt zufolge blieben im Bereich der Wirtschaftsspionage sowie in den Abwehreinheiten eine Reihe von Agenten unentdeckt. Ende der 1980er Jahre waren rund 1.400 West-IM für die Abwehrdiensteinheiten des MfS und etwa 1.600 bis 2.300 West-IM für die HV A tätig.
6.
Herbsttritt, Bundesbürger (Anm. 5), S. 54-57. Tatsächlich gelang es dem BStU erst Ende 1998, die elektronischen Datenträger der HV A und damit das „System der Informations-Recherche der HV A" (SIRA-Datenbank) zu entschlüsseln; auch steht dem BStU eine Kopie der "Rosenholz"-Datei erst seit 2003 zur Verfügung.
7.
Kowalczuk, Stasi konkret (Anm. 2), S. 250.
8.
Helmut Müller-Enbergs, Hauptverwaltung A (HV A). Aufgaben - Strukturen - Quellen, hrsg. vom BStU, Berlin 2011, S.21.
9.
Knabe, Die unterwanderte Republik (Anm. 1), S. 10.
10.
Hubertus Knabe, Die Täter sind unter uns. Über das Schönreden der SED-Diktatur, Berlin 2007. Vgl. auch Reinhold Knoll und Martin Haidinger, Spione, Spitzel und Agenten: Analyse einer Schattenwelt, St. Pölten u.a. 2001; Klaus Schroeder, Im Westen nichts Neues? Dokumentation zur Diskussion um den Einfluss von SED, FDJ und MfS auf die Freie Universität Berlin, Berlin 1995.
11.
Z.B. Michael Ludwig Müller, Die DDR war immer dabei. SED, Stasi & Co. und ihr Einfluss auf die Bundesrepublik, München 2010.
12.
Helmut Müller-Enbergs, Die inoffiziellen Mitarbeiter (MfS-Handbuch), hrsg. vom BStU, Berlin 2008, S. 38.
13.
Hubertus Knabe, Die Stasi als Problem des Westens. Zur Tätigkeit des MfS im "Operationsgebiet", in: Aus Politik und Zeitgeschichte Nr. 50, 1997, S. 3-16, hier S. 7.
14.
Kowalczuk, Stasi konkret (Anm. 2), S. 249.
15.
Vgl. Jens Gieseke, Wer war wer im Ministerium für Staatssicherheit (MfS-Handbuch), Berlin 2012.
16.
Dienstanweisung 5/71, 1.8.1974, BStU, MfS, BV Frankfurt/Oder BdL 1427, Bl. 1 sowie BV für Staatssicherheit, Dienstbesprechung am 18.12.1984, BStU, MfS, BVfS Leipzig XV 03238, Bl. 2.
17.
Dienstanweisung 5/71, 1.8.1974, BStU, MfS, BV Frankfurt/Oder BdL 1427, Bl. 3-6.
18.
Knabe, Die unterwanderte Republik (Anm. 1), S. 360 f.
19.
Die Zahlenspanne von sieben bis zehn beruht auf dem Vorbehalt, dass einige als IM geführte Personen möglicherweise nur als "Kontaktperson" abgeschöpft wurden und nicht als Inoffizielle Mitarbeiter zu bewerten sind. Da der Quellenbegriff "inoffizieller Mitarbeiter" noch nicht eindeutig charakterisiert ist, wird hier vorläufig der Begriff des "Treffers" benutzt.
20.
Müller-Enbergs, Hauptverwaltung A (Anm. 8), S. 13f.
21.
Helmut Müller-Enbergs, Die Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg im Visier der Geraer Aufklärertschekisten, in: Horch und Guck Nr. 25, 1999, S. 25-29. Mehrere Operative Vorgänge an Hochschulen in der Bundesrepublik und West-Berlin behandelt auch Knabe, Die unterwanderte Republik (Anm. 1), S. 340-411.
22.
Haluka Maier-Borst und Katrin Ewert, Die Spitzel im Hörsaal. Student, Freund – und Spitzel?, in: Pflichtlektüre, Studentenmagazin für Dortmund, Nr. 5, 2013, S. 16-24, hier S. 24.
23.
Haluka Maier-Borst, Studenten als Spione, in: Zeit Campus, Nr. 1/2004, »http://www.zeit.de/campus/2014/01/studenten-ddr-geheimdienst-spione«, letzter Zugriff am 26.6.2014. Der Beitrag erhielt eine hohe Leserbriefresonanz.
24.
Uwe Krähnke, Das Ministerium der Staatssicherheit und seine hauptamtlichen Mitarbeiter. Zur Logik des Feldes und zum Habitus der institutionalisierten Akteure, in: Stefan Bernhard und Christian Schmidt-Wellenburg (Hg.), Feldanalyse als Forschungsprogramm 2, 2012, S. 281-308. Der Autor befasst sich mit Motivations- und Handlungsstrukturen von hauptamtlichen Mitarbeitern des MfS.
25.
Zu der westfälischen Hochschule wurden zwischen 1973 und 1988 Jahresberichte und Statistikbögen angelegt, in denen die Ausspähung der Universität Münster dezidiert geplant und überprüft wurde.
26.
Folgender Vermerk aus dem Jahr 1991 lag der Akte bei: "Nachfolgendes Material lag lose im Sack. Es wurde zusammengeheftet und in den leer aufgefunden Aktendeckel eingelegt".
27.
Diese Angaben entstammen dem Sachstandsbericht, 4.1.1974, BStU, MfS, BV Leipzig, AIM 1743/91, I, Abschnitte A, B, Bl. 73. Die Informationen sind mit quellenkritischer Vorsicht zu lesen, da es im Bericht um die Einschätzung der Persönlichkeit und politischen Zuverlässigkeit des "Park" als potenziellen IM geht.
28.
HW steht für Hinweis, vgl. BStU (Hg.), Abkürzungsverzeichnis. Häufig verwendete Abkürzungen und Begriffe des Ministeriums für Staatssicherheit, Berlin 2012, S. 41.
29.
Auskunftsersuchen zur Person, 3.4.1973, BStU, MfS, BV Leipzig, AIM 1743/91, I, Abschnitte A, B, Bl. 61.
30.
"Ein Jahr auf die Frau politisch-ideologisch einwirken und sie stellt von sich aus Antrag, Kandidat der Partei zu werden." Sachstandsbericht, 4.1.1974, BStU, MfS, BV Leipzig, AIM 1743/91, I, Abschnitte A, B, Bl. 71.
31.
Sicherheitsanalyse Vorgang "Park", 22.7.1986, BStU, MfS, BV Leipzig, AIM 1743/91, I, Abschnitte A, B, Bl. 37. Eine von "Park" unterschriebene Einverständniserklärung befindet sich nicht in den Akten.
32.
Der Mindestumtausch, auch Zwangsaustausch genannt, galt für DDR-Besucher aus dem "nichtsozialistischen Wirtschaftsgebiet". Im Jahr 1973 betrug er 20 DM, später wurde er auf 25 DM pro Tag erhöht.
33.
Belege über zusätzliche Geldprämien aus den Jahren 1976 (250 DM), 1979 (1.000 DM), 1981 (500 DM), 1986 (1.000 DM) sowie regelmäßige "operative Zuwendungen", in: BStU, MfS, BV Leipzig, AIM 1743/91, I, Abschnitte A, B, Bl. 268-320.
34.
Entwicklungskonzeption, 9.3.1976, BStU, MfS, BV Leipzig, AIM 1743/91, I, Abschnitte C, D, E, Bl. 16-17.
35.
Treffbericht, 16.3.1982, BStU, MfS, BV Leipzig, AIM 1743/91, II, Band 3, Bl. 22.
36.
Unter "Operativer und finanzieller Aufwand im Jahr 1976" notierte ein Operativer Mitarbeiter des MfS für "Park" neun Treffs in der DDR, persönliche Zuwendungen von 1.800 DM sowie operative Zuwendungen von 2.600 DM. Analyse zum IM/OG, 25.11.1976, BStU, MfS, BV Leipzig, AIM 1743/91, I, Abschnitt C, D, E, Bl. 21.
37.
Bearbeitungskonzeption KP "Park", 29.1.1974, BStU, MfS, BV Leipzig, AIM 1743/91, I, Abschnitte C, D, E, Bl. 8.
38.
DDR-kritische Einstellungen wurden vom MfS als ideologische Aufweichungsversuche verstanden und bekämpft. Vgl. BStU (Hg.), Abkürzungsverzeichnis (Anm. 28), S. 49.
39.
Analyse zum IM/OG, 25.11.1976, BStU, MfS, BV Leipzig, AIM 1743/91, I, Abschnitt C, D, E, Bl. 23. Im März 1977 protokollierte "Parks" Führungsoffizier, dass ein Eindringen in Fachbereiche der Hochschule und ESG zwar "vorerst ohne Erfolg" waren, allerdings drei P-IM-Hinweise geliefert und weitere HW erarbeitet wurden. Sachstand Arbeit IM "Park", 20.3.1977, BStU, MfS, BV Leipzig, AIM 1743/91, I, Abschn. C, D, E, Bl. 25.
40.
Er vermittelte aus seinem beruflichen Umfeld neun, aus dem Bekanntenkreis vier, persönlichen Umfeld drei HW, Nebenbeschäftigung von Studenten 22 HW, Reisetätigkeit zwölf HW. Tätigkeitsanalyse von IM "Park", 9.3.1978, BStU, MfS, BV Leipzig, AIM 1743/91, I, Abschnitt C, D, E, Bl. 28-29.
41.
Z.B. Arbeitsplan für das Jahr 1978, 5.1.1978, BStU, MfS, BV Leipzig, Abt. XV 01783, Bl. 7.
42.
Folgende exemplarische Angaben sind verschiedenen Treffberichten aus BStU, MfS, BV Leipzig, AIM 1743/91, I, Abschnitte C, D, E, Bl. 31-35 sowie BStU, MfS, BV Leipzig, AIM 1743/91, II, Band 3, Bl. 8-16, 26-28 entnommen.
43.
Vgl. z. B. Helmut Müller-Enbergs, Was wissen wir über die DDR-Spionage, in: Georg Herbstritt und Helmut Müller-Enbergs (Hg.), Das Gesicht dem Westen zu. DDR-Spionage gegen die Bundesrepublik Deutschland, Bremen 2003, S. 34-71.
44.
Die Spione "Gipfel" und "Madeleine" leben vermutlich in Paris. Zur "Unterstützung des operativen Berufsbildes" und "Untermauerung der Legende" von "Veit" fertigt "Park" z. B. auch Fotokopien von älteren Büchern an: "philosophische Problematik". Treffbericht, 13.12.1986, BStU, MfS, BV Leipzig, AIM 1743/91, I, Abschnitte C, D, E, Bl. 51-52.
45.
Treffbericht, 13.12.1987 BStU, MfS, BV Leipzig, AIM 1743/91, I, Abschnitt C, D, E, Bl. 52.
46.
Die letzte Quittung über 800 DM wurde von "Park" am 2.10.1989 quittiert. BStU, MfS, BV Leipzig, AIM 1743/91, I, Abschnitte A, B, Bl. 316.
47.
Theodore R. Sarbin, Ralph M. Carney und Carson Eoyang, Citizen Espionage: Studies in Trust and Betrayal, 1994, S. 71. MICE steht für money, ideology, coercion, ego. Auf Deutsch wird hierfür das Akronym GIVE verwendet: Geld, Ideologie, Verbrechen und Ego. Motive wie "Alkoholabhängigkeit", "Rache" und "emotionale Verstrickung/Sex" stehen ebenfalls zur Disposition.
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