Beleuchteter Reichstag

Der Währungsumtausch als Marionettenspiel. Greta Kuckhoff, der Geldumtausch in der DDR und parteiliche Disziplinierung


19.10.2016
Nicht nur die Bürger der DDR, sondern auch Greta Kuckhoff, Präsidentin der Deutschen Notenbank, wurden 1957 vom Währungsumtausch überrascht. Gleichwohl musste diese bereits am darauffolgenden Tag den Währungsumtausch vor der Presse inhaltlich vertreten. Tina Schaller über Hintergründe und Folgen dieser Überraschungsaktion.

Ausgabe neuer Banknoten in der DDR in einer Umtauschstelle (Grundschule in Berlin-Mitte), 13. Oktober 1957Ausgabe neuer Banknoten in der DDR in einer Umtauschstelle (Grundschule in Berlin-Mitte), 13. Oktober 1957 (© Bundesarchiv, Bild 183-50443-0002, Foto: Rudolf Hesse)

Am Sonntag, den 13. Oktober 1957, um 8 Uhr verkündete der Ministerpräsident der DDR, Otto Grotewohl, über alle Radiosender den Bürgern der DDR, dass sie noch am selben Tag zwischen 12 und 22 Uhr die alten Banknoten der Deutschen Mark der Deutschen Notenbank abzugeben hätten und im Gegenzug die namensgleichen neuen Banknoten erhalten würden. Ost-Berlin befand sich in einer Art Ausnahmezustand. Die Volkspolizei hatte den gesamten Verkehr zwischen Ost- und West-Berlin unterbunden. Jeder Ost- und West-Berliner, der den Versuch unternahm, die Sektorengrenze zu überqueren, sah sich zum Teil rigorosen Kontrollen unterzogen.

So wie die Bürger der DDR wurde auch die Präsidentin der Deutschen Notenbank vom Währungsumtausch überrascht. Obwohl Greta Kuckhoff ihre Position bereits sieben Jahre innehatte, sahen sich die Verantwortlichen der DDR-Regierung erst am Abend vor dem Währungsumtausch genötigt, sie hiervon in Kenntnis zu setzen. Gleichwohl erwartete man von ihr bereits am darauffolgenden Tag, den Währungsumtausch vor der Presse inhaltlich zu vertreten und zu rechtfertigen.[1]

Eine Überraschungsaktion



Lediglich das äußere Erscheinungsbild (neue Farben und Wasserzeichen) der Banknoten, nicht jedoch der Name der Währung hatten sich verändert. Pro Person wurden maximal 300 Deutsche Mark der Deutschen Notenbank ausgezahlt. Höherwertige Beträge wurden auf Sonderkonten gutgeschrieben und auf sogenannte spekulative Herkunft überprüft. Ab dem 19. Oktober 1957 konnte jeder Privatmann wieder über Bargeldbeträge nach eigenem Ermessen verfügen und eine Auszahlung dieser oder die Gutschrift auf laufende Konten von oben benannten Sonderkonten veranlassen.[2] So gab Greta Kuckhoff in einem Interview mit der Berliner Zeitung am 17. Oktober 1957 zu verstehen:
    "Die Regierung denkt gar nicht daran, jedem Menschen ins Portemonnaie sehen zu wollen, und keiner wird bei uns gezwungen, sein persönliches Geld irgendwo abzuliefern."[3]
In der "Westpresse" seien Versuche unternommen worden, Ängste zu schüren und Lügen über den Währungsumtausch zu verbreiten. Im Neuen Deutschland vom 17. Oktober 1957 las man hierzu: "ganz unabhängig davon, welche Summen sie am Sonntag ablieferten", DDR-Bürger verlören mit dem Währungsumtausch und der Einzahlung ihres Bargeldbestandes über 300 D-Mark auf Sonderkonten keineswegs die freie Verfügung über diese Beträge.[4] Und in der Tat glaubte die westdeutsche Presse zu wissen, dass alle Beträge über 300 D-Mark der Deutschen Notenbank durch das DDR-Regime konfisziert und einbehalten würden.[5] Ziel dieser "Terroraktion", so verlautete Die Zeit, sei es, den Untertanen "nachdrücklich zu demonstrieren, wie riskant es ist, irgendwelche regierungsseitigen Anordnungen nicht auszuführen."[6] Der Artikel bezog sich auf eine Anordnung für Gewerbebetriebe, die vorsah, dass alle Tageseinnahmen noch am selben Tag auf ein Girokonto eingezahlt werden mussten. Diese Anordnung galt jedoch keineswegs für Privatpersonen. Um sich angesichts chronischen Warenmangels die Flexibilität zu bewahren, relativ rasch Güter einkaufen zu können, umgingen viele kleinere Handwerker und Händler diese Anordnung und hielten einen Teil der Einnahmen zurück. Mitunter landeten diese Beträge am Tag des Währungsumtausches auf dem Müll. Schließlich konnten jene Handwerker und Händler das Geld nicht einfach zur Bank tragen, ohne sich offen des Verstoßes gegen die genannte Verordnung schuldig zu machen. Ähnlich, aber nach geltendem DDR-Recht legal, verfuhren Privatpersonen, die größere Bargeldbeträge nicht auf der Bank deponierten, sondern im Sparstrumpf in den eigenen vier Wänden.

Bis auf wenige Ausnahmen fanden alle Beträge über 300 D-Mark der Deutschen Notenbank, die sich seit dem 13. Oktober 1957 auf Sonderkonten befanden, tatsächlich in der Zeit vom 19. bis 26. Oktober 1957 ihren Weg zurück zu ihren Eigentümern – sei es durch Bargeldauszahlung oder aber Überweisung auf bereits laufende Girokonten. Von einer "Kalten Enteignung in der Sowjetzone" wie es in einem Statement der Bundesregierung zu dem Währungsumtausch hieß, konnte demnach keine Rede sein.

Vorbereitungen in Moskau



Von langer Hand geplant, erfolgte der Druck der Banknoten vermutlich bereits vor 1955 in der Nähe von Moskau. Aus dem Flüchtlingsbericht eines ehemaligen Oberreferenten der Abteilung Geldzeichen der Deutschen Notenbank geht hervor, dass im März 1955 die Wirtschaftsbetriebe der Deutschen Notenbank (wie etwa die Wertpapierdruckerei) überraschend dem Ministerium der Finanzen unterstellt wurden.[7] Die gesamte Geldherstellung fiel somit in den alleinigen Zuständigkeitsbereich des Ministeriums der Finanzen. Demnach seien die Originaldruckstöcke aus der Verfügung der Deutschen Notenbank herausgenommen und dem Ministerium für Staatssicherheit übergeben worden. Im Jahr 1956 seien dann die Reserven zum Austausch aufgebrauchter Geldscheine so gering gewesen, dass sich die Mitarbeiter in der Abteilung Geldumlauf wunderten, warum kein Ersatzdruck veranlasst worden sei.[8] Am 13. Oktober 1957 erst hätten die Angestellten der Deutschen Notenbank Klarheit darüber gewonnen, dass zum Zeitpunkt der schwindenden Reserven längst der Neudruck der Banknoten der Deutschen Mark der Deutschen Notenbank in einer sowjetischen Wertpapierdruckerei vollzogen war. Über jene Vorgänge hatte die DDR-Führung auch die Präsidentin der Deutschen Notenbank bis zum Abend des 12. Oktober 1957 im Unklaren gelassen. Lediglich der Leiter der Abteilung Geldumlauf, Charles Dewey, sei eingeweiht gewesen und habe die neugedruckten Banknoten in Moskau in Empfang genommen und der Nationalen Volksarmee (NVA) übergeben, wobei es sich laut Protokoll um 6,729 Milliarden "Deutsche Mark der Deutschen Notenbank" gehandelt hatte.[9]

Ein weiteres Indiz dafür, dass der Währungsumtausch sehr überraschend kam und größtmöglicher Geheimhaltung unterlag, ist das Gesetzblatt Nr. 73 über die "Verordnung über die Ausgabe neuer Banknoten und die Außerkraftsetzung bisheriger gültiger Banknoten der Deutschen Notenbank". Theoretisch erfolgte die Nummerierung der Gesetzesblätter chronologisch, das heißt das Gesetzblatt Nr. 72 müsste vor dem Gesetzblatt Nr. 73 datiert sein. Mit dem Datum vom 13. Oktober 1957 versehen, folgte das Gesetzblatt Nr. 73 jedoch nach dem Gesetzblatt Nr. 72 vom 9. Dezember 1957.

Die neuen Banknoten führten zudem das Ausgabejahr 1955, was darauf schließen lässt, dass der Währungsumtausch bereits für dieses Jahr geplant worden war. Gerüchte über einen möglichen Währungsumtausch kursierten bereits 1955, weshalb Banken und Wechselstubeninhaber in West-Berlin ihre Ost-Mark-Bestände entsprechend niedrig hielten, um mögliche Verluste im Falle eines Währungsumtausches zu minimieren.[10] Nichtsdestotrotz waren über Nacht vom 12. zum 13. Oktober 1957 um die fünfzig bis einhundert[11] Millionen Deutsche Mark der Deutschen Notenbank, die sich in West-Berlin oder Westdeutschland befanden, wertlos geworden.[12] Von einem gewaltigen "Schlag gegen die West-Berliner Währungsspekulanten", wie Greta Kuckhoff der Staats- und Parteilinie folgend in einem Interview des Allgemeinen Deutschen Nachrichtendienstes (ADN) erklärte, war man jedoch weit entfernt – pendelte sich der Umtauschkurs doch bereits kurze Zeit nach dem Währungsumtausch wieder bei 1:4 ein.[13]

Notenbankpräsidentin als Opfer



Greta Kuckhoff im Oktober 1949Greta Kuckhoff im Oktober 1949 (© picture-alliance / dpa - Bildarchiv)
Politisch überlebte Greta Kuckhoff den Ost-Berliner Währungscoup nicht lang. War noch Ende Januar 1958 in der Berliner Zeitung Folgendes zu lesen:
    "Wir sind doch stolz darauf, daß wir weibliche Minister und Staatssekretäre haben, daß z.B. eine Frau wie Greta Kuckhoff einen Posten Inne hat, den noch in keinem Land der Welt eine Frau einnahm, denn sie ist Präsident unserer Staatsbank."[14]
So wurden hinter den Kulissen bereits Vorbereitungen für ihre Ablösung getroffen. Im April 1958 gab man ihren Rücktritt aus gesundheitlichen Gründen bekannt – wegen einer Asthmaerkrankung, so war der Presse der DDR einmündig zu entnehmen, sei sie außer Stande, ihre Funktion als Präsidentin der Deutschen Notenbank weiter auszuführen, und bitte daher den Ministerpräsidenten der DDR, sie von ihrem Posten zu entbinden.[15]

Wahrscheinlicher waren unüberbrückbare Differenzen mit Walter Ulbricht, die sie zu ihrem Rücktritt zwangen. Die DDR-Führung hatte Greta Kuckhoff bei der Planung und Durchführung des Währungsumtauschs bewusst übergangen. Nachdem sie auf so extreme Weise in ihrer Funktion als Präsidentin der Deutschen Notenbank gedemütigt worden war, ist es naheliegend, dass für sie keinerlei Gründe mehr bestanden, den Mitgliedern des Politbüros des Zentralkomitee (ZK) der SED nach dem Mund zu reden.

Zu jener Zeit war auch in der westdeutschen Presse nicht klar, welche Gründe Greta Kuckhoff zum Rücktritt von ihrer Position als Präsidentin der Deutschen Notenbank veranlassten. An gesundheitliche Gründe glaubte man nicht, Die Zeit merkte nur süffisant an, dass sie nun wohl dasselbe Schicksal wie ihr Vorgänger Willy Huhn erlitten habe. Plausibler erschien es, den gescheiterten Versuch – die "Kaufkraft der Ostmark" mithilfe des "fragwürdigen Geldumtauschs" zu regulieren – als Ursache für ihren Rücktritt zu interpretieren.[16] Ging man doch in der westdeutschen Presse davon aus, dass Greta Kuckhoff als Präsidentin der Deutschen Notenbank die Umsetzung jenes Währungsumtauschs mit veranlasst hatte. Dass sich die SED-Führung jedoch dazu entschieden hatte, sie völlig zu umgehen und anstelle dessen lediglich Charles Dewey in die Vorbereitungen und Umsetzungen des geplanten Geldumtauschs involvierte, lag selbst außerhalb der Vorstellungskraft der in Zeiten des Kalten Krieges nicht selten zu Übertreibungen fähigen westdeutschen Presse.

Im August 1958 erschien jedoch im SBZ-Archiv[17] ein Artikel von Siegfried Friebe über die Hintergründe des Rücktritts von Greta Kuckhoff. Friebe kam zu dem Schluss, dass Greta Kuckhoffs Vorstellung, die Deutsche Notenbank mit wesentlichen Lenkungsfunktionen auf dem Gebiet des Finanzwesens in der DDR auszustatten, sie in den Konflikt mit Finanzminister Willi Rumpf und den Leitern der übrigen Banken gebracht habe. Ferner habe sie mit diesem Anliegen auch im Gegensatz zur Politik der SED-Führung gestanden.[18] Persönliche Aufzeichnungen Kuckhoffs bestätigen Friebes Vermutungen und offenbaren grundsätzliche Konflikte mit dem Ministerium der Finanzen:
    "Im Laufe der Jahre haben sich zwischen dem Ministerium der Finanzen und der Deutschen Notenbank immer größere Meinungsverschiedenheiten entwickelt, die grundsätzlich beraten und geklärt werden müßten [...]. Obwohl sie z.T. als persönliche Auseinandersetzungen erscheinen, beruhen sie vor allem auf Schwierigkeiten, die sich aus der Aufgabenstellung ergeben. [...] Der Deutschen Notenbank wird der Vorwurf gemacht, daß sie sich über die Regierung stellt oder zumindest möglichst unabhängig von ihr – und damit auch von den Parteibeschlüßen – gestellt sein möchte. Die alten kapitalistischen Reichsbankallüren versuche man aufrecht zu erhalten. Ich habe Gründe anzunehmen, daß die Hauptargumente zu dieser Meinung von den Genossen des Ministeriums der Finanzen stammen."[19]
Dass Lenkungsfunktionen ausschließlich dem Staat beziehungsweise der zentralen Plankommission des Finanzministeriums zustanden und die Staatsbank lediglich die von den Staatsorganen nach den Vorgaben der Partei gestellten Aufgaben auszuführen hatten, wurde spätestens im "Gesetz über die Vervollkommnung und Vereinfachung der Arbeit des Staatsapparates in der Deutschen Demokratischen Republik"[20] vom 11. Februar 1958 und der "Verordnung über die Verbesserung der Arbeit des Ministeriums der Finanzen und der übrigen Finanzorgane"[21] vom 13. Februar 1958 deutlich zum Ausdruck gebracht. Nichtsdestotrotz hatte Greta Kuckhoff noch im Januar 1958 öffentlich den Ausbau der Lenkungsfunktionen der Deutschen Notenbank gefordert:
    "Es ist prinzipiell notwendig, sie [die Deutsche Notenbank] allmählich zum einzigen staatlichen Organ für die Hergabe kurzfristiger Bankdarlehen an alle Zweige der Wirtschaft und zum Zentrum der Verrechnungen zu machen. Noch gibt es bei uns verschiedene Spezialbanken auf dem Sektor der kurzfristigen Kreditierung. [...] Nur muß man sich darüber klar sein, daß erst bei einer endgültigen Konzentration das Manövrieren mit den Geldreserven zur maximalen Unterstützung aller staatlichen Aufgaben möglich wird."[22]
Es besteht kein Zweifel, dass Greta Kuckhoff zu diesem Zeitpunkt bewusst war, dass sie mit ihren Ansichten im Konflikt zur Partei- und Staatslinie stand. So ließ dann auch der Vizepräsident der Deutschen Notenbank, Werner Todtmann, vermutlich um Schadensbegrenzung bemüht, auf einer Arbeitskonferenz am 26. Februar umgehend verkünden, dass sich das Direktorium der Deutschen Notenbank von dem Artikel Kuckhoffs ausdrücklich distanziere. Hinsichtlich seiner Position als Vizepräsident – und wäre es nach Greta Kuckhoff gegangen als ihrem potenziellen Nachfolger in der Deutschen Notenbank – sollte Todtmann diese Distanzierung von seiner konsequenten Fürsprecherin jedoch nichts nützen. Mit ihrem Rücktritt wurde auch er seines Postens enthoben.

Die bereits faktische Unterstellung der Deutschen Notenbank unter das Ministerium der Finanzen wurde Anfang April 1958 auch auf personeller Ebene durch die Berufung Martin Schmidts als ehemaligem ersten Stellvertreter des Finanzministers zum Vizepräsidenten und schließlich neuen Präsidenten der Deutschen Notenbank eingeleitet und umgesetzt. So verwundert es auch nicht, dass Walter Ulbricht auf dem 33. Plenum des ZK der SED vom 16. bis 19. Oktober 1957 in seinen Ausführungen zu den Ökonomischen Grundfragen des zweiten Fünfjahrplanes den Geldumtausch als einen politischen und ökonomischen Erfolg stilisierte und „den Mitarbeitern des Ministeriums der Finanzen unter Leitung des Genossen Minister Rumpf und den Genossen des Ministeriums für Staatssicherheit unter der Leitung des Genossen Mielke" seinen Dank aussprach "für die exakte, verantwortungsbewußte Arbeit, die sie geleistet haben."[23]

Kritik trotz Gegenwindes



Das Vorgehen der DDR-Führung, Greta Kuckhoff in keiner Weise in die Vorbereitungen und die Umsetzung des Währungsumtausches zu involvieren, war wohl darauf zurückzuführen, dass man von ihr nicht nur keine Unterstützung für eine solche Maßnahme erwartet hatte, sondern sich ganz im Gegenteil ihrer ablehnenden Haltung sicher war. Sie hatte wiederholt die Inkompetenz des Politbüros des ZK der SED in geld- und währungspolitischen Fragen beanstandet. So nahm sie beispielsweise im ersten Halbjahr 1954 die unkontrollierte Erhöhung des Geldumlaufs besorgt zur Kenntnis und machte zunehmende Disproportionen in der Volkswirtschaft und Fehleinschätzungen der Kaufkraft durch die wirtschaftsplanenden Behörden hierfür verantwortlich.[24]

1958 schied Greta Kuckhoff nach vier Jahren auch als Abgeordnete aus der Volkskammer aus. Dass sie sich spätestens seit dem ohne ihr Wissen initiierten Währungsumtausch 1957 darüber im Klaren war, dass sie über keinerlei Kontrolle mehr über die Deutsche Notenbank verfügte, sondern lediglich repräsentative Funktionen ausübte, besteht kein Zweifel. Es scheint, dass ihre Kritik – zumindest intern – damit sogar an Schärfe gewann. Hinsichtlich ihrer Position als Präsidentin der Deutschen Notenbank hatte sie nichts mehr zu verlieren. Jedoch erfüllte sie nach Außen die von ihr seitens der Partei erwartete Funktion – den Währungsumtausch öffentlichkeitswirksam zu rechtfertigen – pflichtbewusst aus.

Nachdem ihr Artikel zu den Aufgaben der Deutschen Staatsbank erschienen war und im klaren Gegensatz zur Staats- und Parteilinie stand, wurde eine Rechenschaftsversammlung in der Deutschen Notenbank zur "Verurteilung der fehlerhaften Auffassungen der Genossin Kuckhoff" einberufen, um unter den Angestellten der Deutschen Notenbank keinen Zweifel an der Richtigkeit der Staats- und Parteilinie entstehen zu lassen. Greta Kuckhoff – um deren Auffassungen es ging und die als einzige hierzu hätte Rechenschaft ablegen können – war nicht eingeladen. In einem persönlichen Brief an das Mitglied des Politbüros des ZK der SED, Hermann Matern, bringt sie ihre Entrüstung und Enttäuschung über die Behandlung ihrer Person durch die Partei deutlich zum Ausdruck:
    "Ich nehme diese grobe Verletzung der innerparteilichen Demokratie nicht hin. Ich kann mir nicht vorstellen, daß ich durch die Aussprache mit dir, meine Rechte als Parteimitglied verloren habe – ein Recht, das selbst Genossen zusteht, gegen die ein Ausschlußverfahren schwebt. Für mich ist die Frage der Beziehung zur Partei eine Lebensfrage."[25]

Treue trotz Demütigung



Greta Kuckhoff hielt der Partei auch dann die Treue, als deren Politik und Verhalten von ihren eigenen Ansichten deutlich abwich. Hierzu trugen die Disziplinierungstechniken innerhalb der Partei, insbesondere die systematische Demütigung mittels der sogenannten "Kritik und Selbstkritik" fraglos bei. Dem Leitsatz folgend: "Die Partei hat immer recht" wurden bewusst moralische Werte wie Respekt, Fairness und Integrität außer Kraft gesetzt. Totschweigen und damit dem Betroffenen jede Möglichkeit der Verteidigung und Rechtfertigung zu verweigern – das war die sozialistische Todesstrafe.[26] Greta Kuckhoffs eben zitierte Aussage: "Für mich ist die Frage der Beziehung zur Partei eine Lebensfrage" darf so verstanden werden, dass sie sehr wohl intern Kritik am Politbüro des ZK der SED in geld- und währungspolitischen Fragen äußerte, niemals aber einen Bruch mit der Partei in Betracht gezogen hätte. In ihren persönlichen Aufzeichnungen erwähnt Kuckhoff, dass sie das Vertrauen des Genossen Ulbricht nicht oder nicht mehr, das des Genossen Grotewohl nie besessen habe, der Genosse Rumpf jedoch für die Feinheiten solcher Netzwerke der Macht ein sehr feines Organ habe und sich entsprechend positioniere.[27] Unter diesen Umständen musste ihr selbst die Fortsetzung ihrer ohnehin nur "repräsentativen" Tätigkeit als Präsidentin der Deutschen Notenbank unmöglich erscheinen. 1950 in diese Position berufen, hatte sie diese acht Jahre und damit länger als ihre Vorgänger und Nachfolger ausgeübt.

Zitierweise: Tina Schaller, Der Währungsumtausch als Marionettenspiel. Greta Kuckhoff, der Geldumtausch in der DDR und parteiliche Disziplinierung, in: Deutschland Archiv, 19.10.2016, Link: www.bpb.de/235558


Fußnoten

1.
Greta Kuckhoff (1902-1981). Kuckhoff legte 1924 das Lehrerexamen ab und studierte anschließend Volkswirtschaft und Soziologie in Berlin, Würzburg und Madison (Wisconsin, USA). Während des Zweiten Weltkrieges schloss sie sich zusammen mit ihrem Mann Adam Kuckhoff einer kommunistisch inspirierten Widerstandsgruppe um Harro Schulze-Boysen an, die später unter dem Namen "Rote Kapelle" bekannt wurde. 1942 wurde sie aufgrund ihrer Mitarbeit in der Widerstandsgruppe verhaftet und zu einer zehnjährigen Zuchthausstrafe verurteilt. Adam Kuckhoff wurde 1943 zum Tode verurteilt und in Berlin-Plötzensee ermordet. Nach 1945 trat sie in die KPD ein. Von 1950 bis 1958 war Kuckhoff Präsidentin der Deutschen Notenbank, der Vorgängerin der Staatsbank der DDR.
2.
In einer vom Ministerium für Finanzen erlassenen Durchführungsbestimmung zur Verordnung vom 13. Oktober 1957 war geregelt, dass in der Zeit vom 19. Oktober 1957 bis zum 26. Oktober 1957 die Auszahlung in Bar oder aber die Gutschrift auf laufende Konten zu erfolgen hatte.
3.
Präsidentin der Notenbank: Stabilität der Währung bewiesen. Keine "Abschöpfung"/Auszahlungen selbstverständlich ab 19. Oktober, in: Berliner Zeitung, 17.10.1957, S. 1.
4.
Über die Freigabe der gutgeschriebenen Beträge, in: Neues Deutschland, 17.10.1957, S. 1.
5.
Der Pankower Fischzug, in: Die Zeit, 17.10.1957, www.zeit.de/1957/42/der-pankower-fischzug, letzter Zugriff am 10.9.2016; Infamer Raubzug auf die Spargelder der Bevölkerung, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.10.1953.
6.
Der Pankower Fischzug (Anm. 5).
7.
Industriekaufmann, Oberreferent in der Abteilung Geldzeichen bei der Deutschen Notenbank Berlin, Zone verlassen am 24.1.1959 – Zur Geschichte des Ostgeldes und der Währungsumstellung vom 13.10.1957, in: Bundesarchiv Koblenz (BArch), Flüchtlingsberichte Berlin, 1. Ausführung, 13728 bis 13805, B285.340, Bericht-Nr. 13728, S. 1–4.
8.
Ebd., S. 3.
9.
Ebd., Seite 3–4; Charles Dewey war der Sohn eines amerikanischen Journalisten. 1958 bereits Präsident der Deutschen Investitionsbank in Dresden, bekam er am 1. Mai 1958 das "Banner der Arbeit" verliehen. Aus Greta Kuckhoffs persönlichen Aufzeichnungen in ihrer Funktion als Präsidentin der Deutschen Notenbank geht hervor, dass es in der Zusammenarbeit mit Dewey wiederholt zu Konflikten zwischen beiden gekommen sei.
10.
Der Pankower Fischzug (Anm. 5).
11.
Während Rainer Gries von etwa 50 Millionen Deutschen Mark der Deutschen Notenbank ausgeht, verwies Joachim Nawrocki in einem Artikel der Zeitung Die Zeit sogar auf 100 Millionen Deutsche Mark, die wertlos geworden waren. Vgl. Werner Gries, Die Mark der DDR. Eine Kommunikationsgeschichte der sozialistischen deutschen Währung, Erfurt 2003, S. 36 und Joachim Nawrocki, Nachruf auf eine Währung. Die kurze, wechselvolle Geschichte der Ostmark geht jetzt zu Ende, in: Die Zeit, 29.6.1990, S. 28.
12.
Theoretisch war laut Gesetz eine Ausführung der DDR-Währung aus dem ostdeutschen Staatsgebiet nicht statthaft. Nichtsdestotrotz verfügten Bankinstitute in West-Berlin und Westdeutschland über nicht unerhebliche Summen der Deutschen Mark der Deutschen Notenbank.
13.
Ein Schlag gegen die West-Berliner Währungsspekulanten! – Nur Schieber schreien! Interview mit der Präsidentin der Deutschen Notenbank Greta Kuckhoff, in: Neues Deutschland, 17.10.1953, S. 2; Ein Schlag gegen die West-Berliner Währungsspekulanten – Die Lehren eines Tages, in: Neues Deutschland, 15.10.1957, S. 1; Schieberkassen wurden gründlich ausgeräumt, in: Berliner Zeitung, 18.10.1957, S. 10.
14.
Auszüge aus einem Vortrag von Lilly Becher, den sie auf dem Seminar über die Gleichberechtigung der Frau in der DDR gehalten hat und vom 19. bis 26. Januar 1958 am Bodensee stattfand, in: Berliner Zeitung, 26.1.1958, S. 6.
15.
Neuer Leiter der Notenbank, in: Neue Zeit, 26.4.1958, S. 2.
16.
Gestürzte Notenbankpräsidentin, in: Die Zeit, 15.5.1958, www.zeit.de/1958/20/gestuerzte-notenbankpraesidentin, letzter Zugriff am 10.9.2016.
17.
Das SBZ-Archiv trug ursprünglich den Namen PZ-Archiv und wurde vom Publizistischen Zentrum für die Einheit Deutschlands herausgegeben. Es erschien ab 1950 mit finanzieller Unterstützung des Bundesministeriums für Gesamtdeutsche Fragen. 1968 ging aus dem SBZ-Archiv das Deutschland-Archiv hervor.
18.
Siegfried Friebe, Revisionismus auch im Finanzwesen. Die Hintergründe des Rücktritts von Greta Kuckhoff, in: SBZ-Archiv, 16 (1958), S. 150.
19.
Tätigkeit als Präsident der Deutschen Notenbank – Ausarbeitungen und Reden: Persönliche Ausarbeitungen zu den Auseinandersetzungen mit dem Ministerium der Finanzen Dezember 1950 bis April 1958, in: Bundesarchiv Berlin (BArch), N 2506/267, Nachlass Greta Kuckhoff, Blatt 281.
20.
Hierin wird festgelegt, dass die Staatliche Plankommission das zentrale Organ des Ministerrats für die Planung und Leitung der Volkswirtschaft sowie für die Kontrolle und Durchführung der Pläne ist. Faktisch bedeutete dies die Auflösung der Mehrheit der Ministerien der Wirtschaftszweige.
21.
Auf dem Gebiet des Finanzwesens war damit das Ministerium der Finanzen federführend und die Deutsche Notenbank klar eben diesem Ministerium unterstellt.
22.
Greta Kuckhoff, Die Aufgaben der Staatsbank, in: Deutsche Finanzwirtschaft, Sammelausgabe Finanzen und Buchführung, Geld und Kredit/Versicherung, 2 (1958), S. 33–36, hier S. 34.
23.
Tätigkeit als Präsident der Deutschen Notenbank – Ausarbeitungen und Reden: Überarbeitetes Protokoll des 33. Plenums des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands vom 16. bis 19. Oktober, in: Bundesarchiv Berlin (BArch), N 2506/267, Nachlass Greta Kuckhoff, Blatt 194.
24.
Frank E. W. Zschaler, Elitewandel als Indiz für Sowjetisierungsprozesse in Ostdeutschland 1949 bis 1958, in: Nikolaus Lobkowicz, Leonid Luks, Alexei Rybakov und Andreas Umland (Hg.), Der Abschied vom Sowjetimperium (Forum für osteuropäische Ideen- und Zeitgeschichte) Köln 2009, hier S. 183.
25.
Tätigkeit als Präsident der Deutschen Notenbank: In einem Brief aus dem Jahr 1958 an Hermann Matern bezieht Greta Kuckhoff zu einer Rechenschafts-Wahlversammlung in der Deutschen Notenbank Stellung, Dezember 1950 bis April 1958, in: Bundesarchiv Berlin (BArch), N 2506/14, Nachlass Greta Kuckhoff, Blatt 177.
26.
Klaus Renft, Zwischen Liebe und Zorn. Die Autobiographie, Berlin 1997, S. 40.
27.
Kuckhoff, Persönliche Ausarbeitungen zu den Auseinandersetzungen mit dem Ministerium der Finanzen (Anm. 19), Blatt 281.
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