Dossierbild Die Wohnung

Ihr Freund, der Feind


18.11.2014
"Alles fing an, als Großmutter Gerda starb." Arnon Goldfinger erinnert sich, wie die aufwühlenden Recherchen zu seiner Familienvergangenheit begannen.

Gerda und Kurt Tuchler in Baden-Baden.Gerda und Kurt Tuchler in Baden-Baden. (© Goldfinger / Tuchler Familienarchiv / zero one film)

Alles fing an, als Großmutter Gerda starb. Obwohl sie 98 Jahre alt war, nahm sie ohne eine einzige Falte im Gesicht Abschied von der Welt und hinterließ eine Tochter, 12 Enkel, 29 Urenkel und ihre Wohnung. Seit ich denken kann, stattete ich ihr in dieser Wohnung Besuche ab. Ich durchquerte zu Fuß das Stadtzentrum von Tel Aviv, stieg in den dritten Stock, drückte die Klingel, auf der "Tuchler" stand, und kam nach Berlin.

Großmutter Gerda lebte 70 Jahre lang in derselben Wohnung – seitdem sie Deutschland verlassen hatte. Die schweren europäischen Möbel, Porzellanfigurinen, hunderte Bücher, wenn nicht Tausende, alles in der Wohnung war aus ihrer Heimat. Der Besuch folgte stets einem festen Ritual. Großmutter, immer elegant gekleidet, geleitete mich erhabenen Schrittes ins Wohnzimmer. Wir setzten uns, ich aufs Sofa, sie in den Sessel, links und rechts an der Wand zwei imposante, von einem Künstler gemalte Porträtbilder: eine hübsche Frau mit schwarzem Haar, Großmutter Gerda; und, mit strenger Miene und durchdringendem Blick, Opa Kurt, seligen Angedenkens. Dann, bei Tee, Apfelstrudel oder Schweizer Schokolade, wurde das Gespräch eröffnet. Trotz all der Jahre in Israel beherrschte Großmutter Gerda die hebräische Sprache nicht, und ich, typisches Kind des Landes Israel, wollte kein Deutsch lernen. So fanden unsere Gespräche auf Englisch statt. Manchmal vergaß ich für einen Moment, dass wir uns im Nahen Osten befanden.

Jetzt betrete ich die Wohnung zum ersten Mal nach der Beerdigung. Alles dort steht stumm im Dunkeln. Ein letzter Blick auf das Leben, das hier geführt wurde, bald beginnen die Ausräumarbeiten, in kurzer Zeit sind die Dinge verpackt, verteilt, weggeworfen.

Ich bin nicht sicher, ob ich tun würde, was zu tun ich beschloss, wenn ich nicht Dokumentarfilmer wäre. Als meine Mutter Hannah die Verwandten zur Wohnungsauflösung einlädt, zeigt niemand großes Interesse an dem Erbe, das uns zugefallen ist, ebenso wenig an den Gefühlen, die es hervorruft. Ich bin in einer Familie aufgewachsen, die nicht besonders sentimental mit der Vergangenheit umgeht. Wir waren eingepflanzt in die israelische Erfahrungswelt und wollten nicht wahrhaben, dass die deutsche Herkunft unserer Familie irgendeinen Einfluss auf uns haben könnte. Und Großvater Kurt und Großmutter Gerda – wie ihre Namen kamen sie aus einer anderen Kultur, fern, unerreichbar. Doch dann öffneten sich die Schränke.

Arnon Goldfinger in der Wohnung seiner Großeltern.Standbild aus dem Film "Die Wohnung". Der Regisseur Arnon Goldfinger über Bücherkisten in der Wohnung seiner Großeltern.
Wir haben eben mit dem Ausräumen begonnen, schon gibt es eine Entdeckung, die Mutter so auf den Punkt bringt: "Gerda warf ungern etwas weg." Schränke und Kommoden sind gefüllt mit unfassbaren Mengen von Sachen im erlesenen Geschmack der dreißiger Jahre. Das meiste wurde per Schiff von Deutschland hierher befördert, nun sind die Sachen abgenutzt, zerschlissen. Meine Mutter zählt: "84 Handtaschen, 104 Schals, 92 Paar Handschuhe." Nach kurzem Zögern sagt sie: "Wegwerfen, alles wegwerfen!" Im Wohnzimmer warten die Bücher darauf, gerettet zu werden. Beim Herausnehmen aus den Regalen füllt sich die Wohnung mit Staubwolken, Zeugen all der Jahre, die Großmutter nicht mehr in ihnen geblättert hat. Goethe, Heine, Nietzsche, Schopenhauer – die Bücher ziehen mich in ihren Bann, obwohl sie alle auf Deutsch geschrieben sind. Ich kann den Reiz, den diese Kultur auf mich ausübt, von der ich kein Wort lesen kann, nur schwer erklären.

Während ich die Bücher in Kisten packe, versuche ich mich zu besinnen: Was weiß ich eigentlich von dem Mann, dem es wichtig war, sie jahrzehntelang aufzubewahren? In meiner Erinnerung ist Großvater Kurt ein würdevoller Mann, ernst und unnahbar. Und er spricht immer Deutsch. Als er starb, war ich fünfzehn. Auch bei seiner Beerdigung sprachen fast alle nur Deutsch. In Deutschland hatte er als Richter gearbeitet, das wurde in der Familie immer betont, wie auch die Tatsache, dass er schon in seiner Jugend Zionist war, das heißt, er glaubte daran, dass die Juden in einem eigenen Staat leben müssen.

Jetzt wundere ich mich, wie jemand, der die deutsche Literatur und Kultur so in sich aufgesogen hatte, Anhänger einer Ideologie sein konnte, die die Juden zum Verlassen Deutschlands aufforderte. Und dann halten meine Augen plötzlich auf einer Buchseite inne, die umgeknickt ist, in einem Buch mit Briefen des Philosophen Walter Benjamin. Auf dieser Seite erkenne ich zu meiner Überraschung den Namen Kurt Tuchler, wie auch auf den folgenden Seiten. Ich stoße auf eine Geschichte, die ich nie zuvor gehört habe.

Der junge Walter Benjamin beschreibt die lebhafte intellektuelle Beziehung zu einem gleichaltrigen Jugendlichen, den er im Sommer 1912 kennenlernte. Mein Großvater war damals 17 und lebte mit seiner Familie in Stolp in Pommern. Der Vater hatte ein großes Geschäft im Stadtzentrum. Wenn der Sommer kam, fuhren die Tuchlers in ihrer feinsten Garderobe in die Sommerfrische in den Küstenort Stolpmünde. Dort stellte ein Freund Tuchler und Benjamin einander vor. Die Begegnung der beiden bildungshungrigen jungen Leute führte zu einer Freundschaft mit leidenschaftlichen Diskussionen, einer gemeinsamen Reise nach Paris und einem intensiven Briefwechsel. In diesen Briefen, so jedenfalls verstehe ich es, versuchte der junge Tuchler Benjamin vom Zauber der neuen nationalen Bewegung, des Zionismus, zu überzeugen, und Benjamin wiederum wollte Tuchler vom Zauber der neuen anationalen Bewegung überzeugen, des Marxismus.

In der Wohnung ist die Ausräumaktion nun in vollem Gange. Trödler, Antiquitätenhändler, Nachbarn und Neugierige stöbern in den Sachen der Großeltern. Meine Mutter ist versucht, ihnen alles zu überlassen. Ich bin dagegen. Etwas Seltsames passiert mit mir: Je mehr meine Mutter die Sachen loswerden möchte, umso mehr will ich sie behalten. Ich lasse die tief in mir steckenden jeckischen Anstandsregeln hinter mir und durchwühle alle Papiere, die ich finden kann, öffne jeden Umschlag, lasse keinen Brieffetzen, Notizzettel oder Bildschnipsel aus. Es kommt mir vor, als ob über die Jahre unzählige Briefe und Bilder in der Wohnung Asyl gefunden hätten.

Ich finde ein Foto, auf dem Großvater aufrecht und stolz dasteht, eine Schärpe, bestickt mit dem Davidstern, um die Brust, in der Hand einen Säbel der zionistischen Verbindung, in der er aktiv war. Von deren Mitgliedern wurde jeder, der es wagte, eine antisemitische Bemerkung in ihrem Beisein fallen zu lassen, zum Duell gefordert. Sie waren, wie in schlagenden Verbindungen üblich, stolz auf ihre Narben im Gesicht.

Ich forsche weiter und finde einen Brief mit einer Adresse, die mir bekannt vorkommt: "Berggasse 19, Wien". Als ich sie entziffere, kann ich meine Aufregung kaum verbergen – das Haus von Sigmund Freud. Der Name des Absenders ist Ernst, Freuds jüngster Sohn, Vater des Malers Lucian Freud. Im September 1914 stellten Ernst und mein Großvater, zwei jüdische Studenten an der Münchner Universität, Überlegungen an, ob sie sich als Freiwillige zur kaiserlichen Armee melden und am Krieg teilnehmen sollten. Ernst berichtet, sein Vater sei dagegen, aber sein ältester Bruder habe beschlossen, zur Artillerie zu gehen. Einen Monat später schreibt Ernst, er werde sich die Haare abrasieren und an die Front gehen. Auch mein Großvater meldet sich als Freiwilliger bei der Artillerie und wird an die Ostfront geschickt.

Fast täglich schreibt er seinen Eltern eine Feldpostkarte: "20.11.14 Meine Lieben, gestern war ich in einer richtigen Schlacht, meine Feuertaufe, ich habe überlebt. Das Wetter ist kalt und regnerisch, wir haben nicht genügend Brot. Wenn Ihr meine Handschrift nicht entziffern könnt, dann liegt das daran, dass ich beim Schreiben auf einem Pferd sitze, das die Verwundeten zurück ins Lager zieht..." So heißt es auf einer seiner Postkarten, die ich zu Hunderten finde. Nach vier Jahren an der Front, eine Verwundung und mehr als 1.200 Postkarten später, ist der Krieg zu Ende. Dekoriert mit zwei Eisernen Kreuzen (erster und zweiter Klasse), kehrt Kurt in den Hörsaal zurück, macht seinen Abschluss in internationaler Wirtschaft und Jura und erhält eine Stelle am Gericht in Berlin.

Und dann taucht plötzlich, in einer zerbröselnden Zeitung aus den dreißiger Jahren, ein gespenstisches Symbol auf – ein Hakenkreuz. Was macht die Nazipropaganda im Schrank der Großeltern? Und noch eine Nummer und noch eine, insgesamt zwölf vergilbte, aber gut erhaltene Ausgaben einer Nazizeitung. Ich zucke zusammen. Als ich endlich den Mut aufbringe, die Zeitungen, die natürlich voll von Hitler, Himmler, Goebbels und Konsorten sind, anzufassen und darin zu blättern, fällt mein Blick auf die Geschichte eines weniger bekannten Nazis, die in jeder Nummer auftaucht, in fetten Lettern hervorgehoben, ein Reisebericht, eine ganze Serie unter dem Titel Ein Nazi fährt nach Palästina:

Standbild aus dem Film "Die Wohnung". Arnon Goldfinger findet in der Wohnung seiner verstorbenen Großmutter die Ausgaben der nationalsozialistischen Propagansazeitung "Der Angriff", in der die Artikelserie "Ein Nazi fährt nach Palästina" erschien.Standbild aus dem Film "Die Wohnung". Arnon Goldfinger findet in der Wohnung seiner verstorbenen Großmutter Ausgaben der nationalsozialistischen Propagandazeitung "Der Angriff", in der die Artikelserie "Ein Nazi fährt nach Palästina" erschien.
"Ein Nationalsozialist fährt nach Palästina. Mehrere Monate bereist er das Land der zionistischen Hoffnungen, besucht Siedlungen und Städte, Fabrikanlagen und Kinderhäuser, spricht mit Soldaten, Journalisten und Bauern und fragt sich stets: Welche Zukunft hat dieses Land? Welche Chance hat der Zionismus im Wilden Orient? Findet sich hier die Lösung der Judenfrage?" So werden die Artikel eingeleitet, die die Reise eines Nazis mit dem Kürzel LIM ins Land der jüdischen Vorväter beschreiben.

Obwohl die Zeitung vor antisemitischen Stereotypen und Karikaturen strotzt, sind die Juden in den Texten LIMs voller Tatendrang, stolze Pioniere, die das Land beackern, Zitrusfrüchte ernten, Sümpfe trockenlegen, ihren Traum vom eigenen Staat in Palästina verwirklichen: "'Schalom, Friede!' So lautet das Grußwort der Zionisten, was unserem 'Heil' entspricht..." Und der Autor fügt verwundert hinzu: "Es gibt etwas Neues in der Natur und im Wesen der jüdischen Pioniere... Etwas hebt ihre Schultern, lässt sie den gesenkten Ghettoblick heben... Sie singen hebräische Lieder, tanzen Hora, den Volkstanz der Bewohner Palästinas, und üben den ganzen Schiffsweg lang die Aussprache der semitischen Buchstaben der hebräischen Sprache."

Was hat ein Nazi mit dem zionistischen Aufbauwerk zu tun? Und warum, zum Teufel, haben meine Großeltern diese zwölf Zeitungen mitgeschleppt? Ich höre von Dr. Avraham Barkai, der im Norden Israels lebt und sich auf die Jeckes, die deutschen Juden, spezialisiert hat. Ich rufe ihn an und erzähle ihm von meiner Entdeckung. Er ist nicht im Geringsten überrascht und sagt, auch er sei bei seinen Forschungen auf die Berichte des "Nazitouristen" gestoßen. Ich fahre zu ihm.

Barkai floh Ende der dreißiger Jahre aus Deutschland und ging in einen Kibbuz. Dort arbeitete er bis zur Rente. Nebenbei studierte er und nutzte jede freie Minute, um für seine Dissertation die Biografien deutscher Juden zu erforschen. Aus einer Schachtel zieht er die Kopie einer Zeitungsseite hervor, so eine wie die, die ich gefunden habe: "LIM", sagt er, "war das Pseudonym des Deutschen Leopold Edler von Mildenstein, der unter diesem Namen ausführliche Reportagen über seine Reisen durch die Welt schrieb. Von Mildenstein hielt sich länger in Palästina auf und verfasste eine Reihe von Artikeln für den Angriff, das Propagandablatt von Goebbels. Die zionistische Gewerkschaft in Deutschland hörte von der geplanten Reise, wollte die Gelegenheit nutzen und stellte von Mildenstein einen ihrer Vertreter als Reisebegleiter zur Seite."

Was für eine Gelegenheit soll das gewesen sein?, wundere ich mich. Barkai fährt fort: "Die zionistische Bewegung erhielt nur winzige Unterstützungsbeträge von der deutschen jüdischen Öffentlichkeit. Die deutschen Juden betrachteten sich selbst als deutsche Durchschnittsbürger. Die Behauptung der Zionisten, Juden hätten in Europa keine Zukunft, hielten sie für ärgerlich und unhaltbar. Die meisten konnten sich nicht vorstellen, das hoch entwickelte Deutschland zu verlassen und in die Levante auszuwandern. Andererseits verfolgte das NS-Regime, was die Juden anbelangte, anfangs noch keine klare Politik und zeigte daher großes Interesse an der zionistischen Bewegung. Man kann sagen, dass damals ein ungewöhnliches Interessenbündnis entstand, eine Ironie der Geschichte – die Nazis wollten die Juden loswerden, und die Zionisten wollten sie nach Palästina bringen. Die Begebenheit ist sogar sehr originell verewigt. Mit Erscheinen der Reportagen ließ der Angriff eine Medaille prägen, die in Berlin und anderen deutschen Städten ausgegeben wurde. Auf der einen Seite war ein Hakenkreuz und auf der anderen – ein Davidstern. Ein Werbetrick."

Standbild aus dem Film "Die Wohnung". Arnon Goldfinger und Dr. Avraham Barkai.Standbild aus dem Film "Die Wohnung". Arnon Goldfinger und Dr. Avraham Barkai.
Ich unterdrücke mein Entsetzen und frage: "Und was hat das alles mit meinen Großeltern zu tun?" – "Selbstverständlich, selbstverständlich", antwortet Barkai wie jemand, der im Begriff ist, eine wichtige Information preiszugeben. "Im Herbst 1933 tritt von Mildenstein seine Reise an, und der Vertreter der zionistischen Vereinigung in Deutschland, der mit ihm an Bord geht und ihm zionistisches Gedankengut einflößen soll, ist Kurt Tuchler, dein Großvater."

Auf der Rückfahrt nach Tel Aviv rauschen die Landschaften im Autofenster vorbei. Sie rufen mir das Wunder der Entstehung des Staates Israel ins Gedächtnis – trotz all der vielen Probleme und Konflikte ein Ort, der Juden aus aller Welt eine Heimat verspricht. Doch beim Nachdenken über meine Großeltern werde ich das Gefühl nicht los, dass sie trotz ihres Festhaltens an der zionistischen Ideologie in diesem Land nie richtig Fuß gefasst, sich ihm nicht hingegeben haben.

Solange ich denken kann, stiegen sie jeden Sommer ins Flugzeug und flogen nach Deutschland. Das waren keine gelegentlichen Urlaubsreisen, Jahr für Jahr kehrten sie für zwei, drei Monate in ihre Heimat zurück. Wenn sie heimkamen, war das ein Festtag in unserer Familie. Meine Brüder, Cousins und Cousinen, Onkel und Tanten, meine Eltern und ich holten unsere festlichste Kleidung aus dem Schrank und fuhren zum Flughafen, um sie zu empfangen. Standen auf der Flughafenterrasse und warteten auf den Augenblick, in dem sie im Anzug oder Pelzmantel aus der Flugzeugtür traten und uns zuwinkten.

Wir trugen die Koffer in ihre Wohnung und warteten. Dann öffnete Großmutter ihr Handgepäck und packte Käse, nicht koschere Wurst, Leberpastete, eingelegten Hering und Süßspeisen aus, alles von dort, und legte es auf den Tisch, der vorher mit Hutschenreuther Geschirr gedeckt worden war. Einen Moment lang hatten wir alle den Geschmack Europas auf der Zunge. Und das alles in einer Zeit, als für Israelis wie für viele Juden Deutschland und deutsche Produkte verboten waren, vollkommen geächtet, ein nicht zu übertretendes Tabu. Aber für uns waren die Großeltern, die nach Deutschland fuhren, eine banale Tatsache, ein Teil des normalen Lebens. Jetzt, zum ersten Mal, steigt Sehnsucht in mir auf, und die Vorstellung, dass diese Reisen in Vergessenheit geraten könnten, tut mir weh.

Eines Abends, ich bin immer noch dabei, die Wohnung auszuräumen, finde ich ein hebräisches Magazin aus den Achtzigern. Es ist gut erhalten, was bedeutet, dass es Großmutter wichtig gewesen sein muss. Ich entdecke darin einen Artikel über von Mildensteins Reise nach Palästina. Danach war von Mildenstein nicht nur ein reiselustiger Journalist, sondern auch überzeugtes Mitglied der SS. Seine Berichte lösten 1934 ein solches Echo aus, dass er bald als Experte für Juden und Zionismus galt. Reinhard Heydrich bot ihm an, Leiter des Referats für Judenangelegenheiten im SD, dem Sicherheitsdienst der SS, zu werden. Die Aufgabe der Abteilung II 112 war es, Informationen über jüdische Organisationen zu sammeln und ein Programm zur "Lösung der Judenfrage" zu entwickeln. Plötzlich sehe ich unter den Personen, die für den Beitrag interviewt wurden, den Namen Gerda Tuchler. Wie sich zeigt, haben sowohl Großmutter als auch Frau von Mildenstein ihre Ehemänner auf jener Reise nach Palästina begleitet.

Es gelingt mir, die Autoren des Artikels zu finden, das Journalistenpaar Jehuda Koren und Elat Regev. Trotz der vielen Interviews, die sie im Leben geführt haben, ist ihnen das Gespräch in Großmutter Gerdas Wohnung noch gut in Erinnerung. "Der Empfang entsprach allen Regeln der Kunst, der Kaffee, der Tee, die Kekse, aber wir waren trotzdem sehr angespannt. Sie und ihr Mann sind immerhin mit einem Nazi in Israel herumgereist."

Sie erzählen, dass Großmutter Gerda zu ihrem Erstaunen sehr menschlich, fast freundschaftlich über die von Mildensteins sprach und ihnen anschaulich die Erlebnisse zweier deutscher Ehepaare schilderte, die im Staub und Durcheinander der Levante gestrandet waren. "Gerda sagte, sie hätten das Gefühl gehabt, einen großen Besen in die Hand nehmen zu müssen, um hier alles sauber zu machen", erinnern sich Elat und Jehuda lächelnd. Sie glauben, dass die gemeinsame Reise zu einer Art Freundschaft führte, die auch nach der Rückkehr beider Ehepaare nach Berlin gepflegt wurde, sogar noch, als von Mildenstein das Referat für Judenfragen leitete. Die Verbindung bestand, ihrer Meinung nach, bis 1939, dann wurden der Krieg und seine Folgen zu einem unüberwindbaren Hindernis. Sie sind ganz sicher, dass Großmutter Gerda ihnen während des Interviews ein Album mit briefmarkengroßen Fotos gezeigt hat, eine Erinnerung an die Palästinareise.

Standbild aus dem Film "Die Wohnung". Arnon Goldfinger findet das Fotoalbum von der Palästinareise seiner Großeltern.Standbild aus dem Film "Die Wohnung". Arnon Goldfinger findet das Fotoalbum von der Palästinareise seiner Großeltern.
Ich gehe in die Wohnung, durchwühle hektisch die Kisten, in denen Fotoalben verpackt sind, und finde das besagte Album. Die Fotos sind wirklich winzig, doch unter der Lupe erwacht die Palästinareise zum Leben. Auf dem Schiffsdeck stehen zwei Frauen, in aufsehenerregende Pelzmäntel gehüllt, offenbar in völliger Fehleinschätzung des Klimas an ihrem Reiseziel. Palästina durchpflügten sie in einem kleinen Opel mit Faltdach.

Gerda hatte Jehuda Koren erklärt, dass Opel von Mildenstein sein neuestes Modell zur Verfügung gestellt hatte. Die Autofirma ging davon aus, dass Tausende Juden Vorbereitungen trafen, Deutschland zu verlassen. Es war ihnen verboten, Geld auszuführen, aber deutsche Produkte durften sie mitnehmen. Angesichts der vermeintlich bevorstehenden Auswanderungswelle hielt die Autofirma die Reportagen eines Journalisten, der einen Opel über die Straßen Palästinas lenkt, für einen gelungenen Werbeauftakt. Auf den Fotos ist der Opel vor dem Hintergrund unberührter Landschaften zu sehen, wie er zwischen Kibbuzim, Siedlungen und sogar den Zeltlagern der Pioniere einherfährt. Ich suche meine Mutter auf, um ihr den Fund zu zeigen. Sie erkennt sofort ihre Eltern, aber wer die Reisegefährten sind, weiß sie nicht.

Auf einem Foto trägt von Mildenstein einen Strohhut. Sie kommentiert lächelnd: "Genauso einen Hut hatte dein Großvater. Einmal, vor Jahren, habe ich das Album gesehen, aber es hat mich nicht sonderlich interessiert." Ich weihe sie in meine Enthüllungen ein, und sie erzählt, dass sie zwar von der Reise mit dem Deutschen gehört habe, dieser ihr aber nie als Nazi bezeichnet worden sei. Sie sei davon ausgegangen, diese Palästinafahrt sei so etwas wie die Hochzeitsreise ihrer Eltern gewesen. Erst jetzt merke ich, wie viele Dinge in unserer Familie nicht angesprochen wurden.

Ich finde Dokumente zur zionistischen Tätigkeit meines Großvaters. Und begreife, dass er schon im April 1933 gezwungen wurde, sein Amt als Richter aufzugeben. Trotzdem blieb mein Großvater mit seiner Familie gutgläubig noch fast vier Jahre in Deutschland. Jahre, in denen er den Kontakt zu von Mildenstein aufrechterhielt und ihn sogar mehrmals in Büros der SS besuchte. Bei einem seiner Besuche dort wird auf einem vergoldeten Grammofon eine Schallplatte aus Palästina abgespielt – er hört das Schir ha-Emek, das "Lied des Tals", eines der Fahnenlieder der zionistischen Bewegung.

1935 nimmt von Mildensteins Begeisterung für die zionistische Idee eine weitere unerwartete Wendung. Der Leiter des Referats für Judenfragen fährt als Beobachter zum Zionistischen Kongress. Diese Kongresse waren die weltweit wichtigsten Treffen der Zionisten. Alle Schlüsselfiguren des zukünftigen Staates Israel tummelten sich dort.

Der Luzerner Kongress 1935 ist für den dort verhandelten "Boykott des nationalsozialistischen Deutschland" bekannt. Einige Delegierte forderten den weltweiten Boykott des "Dritten Reichs" durch die Juden. Aber der Boykottaufruf wurde nicht verabschiedet. Besonders die Delegation der deutschen Zionisten war strikt dagegen. Warum gerade sie? Einige Historiker gehen davon aus, dass den deutschen Zionisten mehr als allen anderen klar war, welche zerstörerischen Wirkungen ein solcher Boykott auf die Juden in Deutschland haben würde. Andere sind der Auffassung, die deutschen Zionisten fürchteten, dies könnte ihre Pläne gefährden, die zionistische Idee bei der deutschen Führung voranzutreiben. Auf jeden Fall konnte von Mildenstein zufrieden nach Berlin zurückkehren.

Diese Anekdote erhält einen düsteren Beigeschmack, als ich in der Wohnung Dokumente vom Luzerner Kongress finde: Delegiertenausweise von Kurt Tuchler, Mitglied der Zionistischen Vereinigung Deutschlands. War er es, der von Mildenstein über den Kongress informiert hatte, um die Naziführung mit zionistischen Ideen zu durchdringen? Hat Großvater von Mildenstein in die Schweiz begleitet? Wie genau wusste er über dessen Pläne Bescheid? Wusste er, dass von Mildenstein für sein Referat einen niederen SS-Beamten namens Adolf Eichmann anwarb, der als Massenmörder des europäischen Judentums bekannt wurde?! Eichmann wurde 1960 vom israelischen Geheimdienst gefasst und in Israel vor Gericht gestellt. Dort beschrieb er seine Anfänge bei der SS und erwähnte mehrfach von Mildenstein. Über seinen Vorgesetzten schreibt Eichmann: "Er war der Einzige im Hauptamt des Sicherheitsdienstes, der umfassende und objektive Antworten auf die Judenfrage geben konnte." Und: "Er wusste mehr als seine Vorgesetzten." Und: "Ich betrachtete ihn als meinen Meister."

Der Eichmann-Prozess 1961 gehört zu den aufwühlendsten Gerichtsverfahren in der Geschichte Israels. Er wurde im Radio übertragen und stellte für die israelische Gesellschaft einen dramatischen Wendepunkt dar. Zum ersten Mal, 16 Jahre danach, wurden ausdrücklich die entsetzlichen Geschichten der furchtbaren Tragödie thematisiert, die das jüdische Volk erlebt hatte. Ohne Zweifel waren sich meine Großeltern darüber im Klaren, was im Gericht vor sich ging. Ich vermute, dass sie auch wussten, dass von Mildensteins Name im Prozess fiel. Für sie muss das eine sehr unangenehme Erinnerung gewesen sein.

Dann wird alles, woran ich mich bisher festgehalten habe, erschüttert. Ein scheinbar unschuldiger Umschlag lässt mein Herz stocken. Eine deutsche Briefmarke klebt auf dem Umschlag, der Poststempel stammt aus dem Jahr 1974. Der Umschlag ist leer, der Brief, der darin steckte, nicht mehr da, aber der Name der Absenderin ist klar zu lesen: Gerda von Mildenstein.

Kann es sein, dass meine Großeltern so lange nach dem Krieg und nach dem Eichmann-Prozess immer noch mit von Mildensteins in Kontakt waren? In den folgenden Nächten schlafe ich unruhig. Eines Morgens, in einem Schritt, den ich mir nicht erklären kann, beschließe ich, die Telefonnummer der Wuppertaler Anschrift auf der Rückseite des Umschlages anzurufen – in der nicht logisch zu begründenden Hoffnung, dass mir dort jemand Erklärungen geben kann, eine Antwort, die mir eine Ordnung in diese irritierende Realität bringt. Vielleicht wissen die jetzigen Mieter etwas über das Schicksal ihrer Vormieter, über Herrn von Mildenstein. Mithilfe der Wunder des Internets finde ich die aktuelle Telefonnummer und wähle sie.

Am anderen Ende der Leitung antwortet eine Frau. Ihre Stimme ist angenehm und einladend, sie spricht fließend Englisch. Zögernd stelle ich mich als Enkel von Kurt und Gerda Tuchler aus Israel vor, da wird die Frau am anderen Ende der Leitung ganz aufgeregt und ruft voller Freude: "Sicherlich kenne ich sie, das sind gute Freunde meiner Eltern... Sie haben uns hier besucht... Wenn du mal zufällig hierherkommst, würde ich mich sehr freuen, dich kennenzulernen." Es ist Edda von Mildenstein, die Tochter. Sie erinnert sich noch genau an meine Großeltern, als hätte sie sie erst gestern gesehen.

Ich kann kaum glauben, was ich höre. Ich erzähle ihr, dass Großmutter Gerda vor Kurzem gestorben ist. Sie kondoliert mir und erzählt, dass sie vor einigen Jahren nach Wuppertal zurückgekehrt sei, in ihr Elternhaus, wo ich gerade anrufe. Sie ist dort aufgewachsen und lebt nun da mit ihrem Mann und einer, ihren Worten nach, unfassbaren Sammlung von Bildern, Tagebüchern und Briefen ihrer verstorbenen Mutter. Sie habe sich nicht getraut, irgendetwas wegzuwerfen, aber noch nicht die Kraft gefunden, alles durchzusehen. Sie ist sicher, dass darunter eine Menge Erinnerungsstücke an meine Großeltern sind. Ich bin nicht in der Lage, irgendjemandem in meiner Familie von diesem Gespräch zu erzählen. Die Tatsache, dass Edda ohne Zögern wusste, wer meine Großeltern sind, erschreckt mich und lässt mir keine Ruhe. Kann es sein, dass meine Großeltern bei ihren Fahrten nach Deutschland auch bei den von Mildensteins in Wuppertal vorbeischauten, obwohl alle wussten, was passiert war? Was haben sie uns noch verschwiegen? Ich gehe in ihre Wohnung, allein. Es ist still wie auf einem verlassenen Schlachtfeld. Die Kommoden und Schubladen sind fast völlig ausgeräumt, die Wände nackt, auf dem Boden liegen alte Sachen, die niemand haben wollte. Je mehr die Wohnung sich auflöst, desto mehr verschwindet mit ihr das Vertrauen in meine Familie. Das Bild, an dem ich bisher festgehalten habe, hat durch die heraufbeschworenen Details einen Riss bekommen.

Ich habe das Gefühl, dass von hier an alles nur noch komplizierter werden kann. Ich denke, ich werde jetzt nach Deutschland fahren.

Aus dem Hebräischen übersetzt von Ulrike Hirschfelder

Erstmals erschienen in ZEITmagazin Nº 21/2012



 
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