20. April 2005: Ein Plakat zeigt überlebende des Völkermords.

Aghet – der Völkermord an den Armeniern

Einführung


26.4.2016
In den Jahren 1915/16 ermordeten Soldaten des Osmanischen Reichs gezielt Hundertausende Armenier durch Massaker und Todesmärsche. Der "Genozid vor dem Genozid" wird von den meisten Historikern heute auch als solcher anerkannt. Seine Leugung ist in Frankreich strafbar. Die Türkei hingegen hadert noch heute mit der Geschichte. Und stellt den Völkermord in Abrede.

Spielende Kinder auf dem Hof der alten Schule oder "İhlasiye Madresesi" in Bitlis, Türkei. Laut historischen Archiven war die Bevölkerung von Bitlis vor 1915 halb armenisch.Spielende Kinder auf dem Hof der alten Schule oder "İhlasiye Madresesi" in Bitlis, Türkei. Laut historischen Archiven war die Bevölkerung von Bitlis vor 1915 halb armenisch. (© Kathryn Cook)

Armenisches Leben im Osmanischen Reich vor 1915



Am 22. August 1939, wenige Tage vor dem Überfall auf Polen, fragte Adolf Hitlers in seiner Geheimrede auf dem Obersalzberg: "Wer spricht denn heute noch von der Vernichtung der Armenier?". Die gezielte Tötung von hunderttausenden Armeniern bei Todesmärschen und Massakern in den Jahren 1915/16 wird heute von den meisten Historikern international übereinstimmend als Völkermord bezeichnet. Als "Genozid vor dem Genozid" bezeichnete der jüdische Schriftsteller Eli Wiesel den Völkermord an den Armeniern bereits um 1915. Dieses Dossier arbeitet die historischen Ereignisse um das Jahr 1915 anhand jüngster Forschungsergebnisse multiperspektivisch auf und leistet einen Beitrag für die Diskussion um die damaligen Ereignisse. Zugleich stellt es sich den politischen, international virulenten Fragen, die sich an den "Genozid an den Armeniern" knüpfen. Die heutigen Auseinandersetzungen und Debatten über die Anerkennung eines "Völkermordes" treten in den Mittelpunkt, vor allem mit dem Anspruch, die emotional aufgeladenen Debatten zu verstehen und die verschiedenen Erinnerungskulturen und politischen Interessenlagen der jeweiligen Akteure nachzuvollziehen.

Die Armenier selbst verwenden für das Verhängnis eigene Worte, wie "Mets Jerern" / "Großer Frevel" oder "Aghet" – die Tat, die ins Innere dringt und zerstört. Bereits seit dem Ende des 19. Jahrhunderts wurden die Armenier im Osmanischen Reich zunehmend als "innere Feinde" stilisiert, antiarmenische Stereotypen kursierten. Insbesondere in den armenisch-kurdischen Ostprovinzen häuften sich Übergriffe gegen Armenier. Ängste und Unzufriedenheit der Muslime wurden von den zentralstaatlichen und religiösen Eliten bewusst gegen die armenische Bevölkerung gelenkt, was bereits 1894–96 zu reichsweiten Armeniermassakern führte. Dabei fühlten sich Armenier durchaus als "Osmanen". Elke Hartmann vom Forschungsprojekt "Houshamadyan" / "Erinnerungsbuch" spürt dieser ganz alltäglichen Lebenswirklichkeit der Armenier im osmanischen Reich nach, in mikrohistorischer Perspektive und ganz plastisch: Wie fühlte sie sich an, eine armenische Kindheit in den heutigen ostanatolischen Provinzen, mit Wochenendbesuchen im Rahmen der einstigen Großfamilie, Volkstänzen auf dem Klostergelände und einem bildungsbeflissenen Schulsystem, das selbst die Erfindung des armenischen Alphabets zu einem eigenen Feiertag erhoben hatte? Was verband die urbanen Armenier Istanbuls mit der neuen Technologie der Fotographie und wie versah der armenische Händler Pastermadjian in Erzurum seine Arbeit, wenn er als Lieferanten von Dörrfleisch das ganze Osmanische Reich von Van bis Thessaloniki belieferte? Link Elke Hartmann, Zwischen Hoffnung und Gefährung.

Das osmanische Reich war ein "Vielvölkerstaat". Wie aber lebten die verschiedenen Bevölkerungsgruppen darin zusammen? War das Miteinander etwas Selbstverständliches, Unproblematisches? Waren bestimmte Gruppen privilegiert und wurden andere diskriminiert? Und was geschah, als das Reich zu zerfallen begann? Wie konnte es geschehen, dass die Bewegung der Jungtürken, der in den republikanischen Anfangsjahren noch signifikant viele Armenier zugehörten, sich nach einer Aufladung mit großtürkischem Nationalismus so aggressiv gegen die Armenier wendete?

Der Genozid vor dem Genozid



Der 24. April 1915, an dem hunderte namhafte armenische Schriftsteller und Intellektuelle aus Istanbul verschleppt wurden, gilt als Auftakt des Völkermords. Darauf folgend waren die armenischen Soldaten aus dem Heer der Jungtürken entlassen worden, später hatte man fast alle wehrfähigen Männer exekutiert und die gesamte restliche Bevölkerung, vor allem Alte, Frauen und Kinder, aus den armenischen Dörfern deportiert. Die Vertreibung der Armenier endete in Todesmärschen quer durch Anatolien, oder in der syrischen Wüste: bis zu 1,5 Millionen Menschen liefen ins Nichts.

Einen historischen Überblick über den "heißen Kern" des damaligen Geschehens gibt Hans-Lukas Kieser, nicht ohne den Genozid in das allgemeine Geschehen des Ersten Weltkriegs zu einzuordnen. Die große Katastrophe des 20. Jahrhunderts erlaubt freilich nicht, den systematischen Massenraubmord an den Armeniern bloß aus der Gewalt des Krieges selbst herzuleiten - wovon auch die Berichte internationaler Beobachter zeugen.

Komplizierte Zeugenschaft



Es gab auch Überlebende, die– wider alle Wahrscheinlichkeit – den Leichenbergen entkamen, die sich aufmachten und in arabischen oder türkischen Familien als Dienstmagd oder Sexsklavin verdingten, um nach dem Ende des ersten Weltkriegs in Beirut oder Kairo, Marseille, Paris oder Los Angeles ein neues Leben zu beginnen. Über das Trauma zu sprechen war nicht leicht, zumal in der Türkei unter Hochtouren an der Leugnung der Geschichte gearbeitet wurde, was die Überlebendenden zusätzlich diskreditierte. Diese hatten vornehmlich damit zu kämpfen, das unfassbar Grausame des Erlebten als erfahrene Wirklichkeit anzuerkennen und zu verarbeiten.

Es ist das besondere Verdienst Kristina Platts vom Institut für Diaspora- und Genozidforschung an der Bochumer Ruhr-Universität, diesen Stimmen der Überlebenden, die so lange unbemerkt verhallten, endlich Gehör zu verschaffen. Bereits Anfang der 1990er Jahre begann Kristin Platt gemeinsam mit Miran Dabag mit den Augenzeugen der Massaker lebensgeschichtliche Interviews zu führen. Damit sicherten sie den letzten Zipfel einer Zeugenschaft, die heute so schon nicht mehr besteht. Denn die Befragten hatten die Deportationen im Alter von 5 bis 11 Jahren erlebt – zum Zeitpunkt der Interviews waren sie damit bereits zwischen 81 und 101 Jahre alt. Die Todesmärsche werden in dem Beitrag also aus der Perspektive der damaligen Kinder berichtet, wie sie und ihre Familien, von türkischen Gendarmen flankiert, zunächst mit einigen Habseligkeiten auf Ochsenkarren aufbrachen, und wie sei später zu Fuß weitergehen mussten, mit nichts als nur dem, was sie am Leib trugen, um dann endlich buchstäblich nackt ins Nichts zu laufen. Als einzige Überlebende ihrer Familien fühlen sich die Erinnernden bis in ihr hohes Alter als Waise – oder wie es eine der Überlebenden formuliert: "Aber ich bin geblieben, bin erwachsen geworden. Und ich fühle diesen Schmerz, ihren Schmerz."

Die Überlebenden Aram Güreghian, Aghavni Vartanian, Schuschanig Gambarian, Khoren Margossian, Yüghaper Eftian, Hrispime Condakdjian und Zepure Medsbakian haben gesehen, wie ihre Väter zum Auftakt der Deportationen exekutiert wurden, wie ihre Mütter auf den Todesmärschen am Wegesrand an Auszehrung starben, klaglos, wie auch ihre älteren Schwestern, die häufig Opfer von Vergewaltigungen wurden. Aber ihre Berichte bezeugen nicht bloß das kollektive Schicksal des armenischen Volkes. Sie bezeugen, wie die Überlebenden dieses Schicksal in ihrer je unverwechselbaren Eigenart teilten. Damit sind ihre Schilderungen, so erschütternd und eindringlich sie auch sein mögen, doch wesentlich mehr und anderes als bloß "Munition" gegen die hartleibigen Leugner des Genozids an den Armeniern. Ihre Berichte sind ein erinnerungskultureller Schatz, den es zu wahren und gegen Leugnungen zu verteidigen gilt.

Aghet ist ein kollektives Schicksal der Armenier; neben der historischen Rekonstruktion und geopolitischen Dimension der "ethnischen Säuberung" am Anfang des 20. Jahrhunderts versucht das Online-Dossier, die Geschichte auch anhand individueller Fallbeispiele zu vergegenwärtigen. Armenische Schriftsteller in Istanbul gehörten zu den ersten, die versuchten, der inkommensurablen Erfahrung sprachlichen Ausdruck zu verleihen. Inwiefern sie daran scheitern mussten, beschreibt Kristin Platt in ihrem Beitrag "Die Leerstelle".

Zu den führenden armenischen Intellektuellen, die am ersten Tag der Deportationen in Istanbul verhaftet und nach Çankırı (östlich von Ankara) verschleppt worden sind, gehörte auch der Komponist, Sänger, Chormusiker, Musikpädagoge und Ethnologe Komitas Vardapet, der – ehe er selbst zu einem Kronzeugen dieses "Völkermords" geworden ist –hunderte von armenischen Volksweisen gesammelt und die armenische Musik damit vor der Vernichtung bewahrt hat. Komitas entging auf ntervention des amerikanischen Botschafters Henry Morgenthau hin seiner Ermordung. Doch nach seiner Freilassung fand er einen beträchtlichen Teil seiner wertvollen Lied-Sammlung verwüstet vor, traumatische Erlebnisse, von denen er sich sein ganzes Leben nicht mehr erholte. Er starb 1935 in einer psychiatrischen Anstalt in Paris.
Ein Priesterrock in einem armenischen Kloster in Jerusalem.Ein Priesterrock in einem armenischen Kloster in Jerusalem. (© Kathryn Cook)

Nationalstaatliche Narrative in der Türkei: Genozid-Leugnung



Am 3. März 1919 setzte Sultan Mohammed IV. den ersten Strafgerichtshof der Geschichte für die Aburteilung von "Verbrechen gegen die Menschheit" ein. Obwohl Kemal Atatürk selbst die Vernichtung der Armenier als "Schandtat" bezeichnet hatte, blieb es gefährlich, das Thema anzugehen. Denn der Genozid an den Armeniern fiel historisch in die Phase der Transformation des multi-ethnischen Osmanischen Reiches in einen Nationalstaat mit pantürkischer Ideologie. Auch Ankaras heutige Erklärungen, dass die Archive der damaligen Regierung keinerlei Pläne oder Befehle zur Vernichtung enthalten und dass den osmanischen Beamten sogar Anweisungen zum Schutze der Umsiedler gegeben wurden, entkräftete der Gerichtshof schon 1919. Es wies nach, dass der Organisator der Deportationen, Innenminister Talaat Pascha, zur Geheimhaltung der Verantwortung eine Art doppelte Buchführung betrieb. In offiziellen Instruktionen an die Provinzialbehörden bestand er auf Maßregeln zur Beschützung und Beköstigung der "Auswanderer" und strengen Bestrafungen von Räubereien. Die entscheidenden Befehle jedoch ließ er von Sondergesandten überbringen. In einer dieser Mitteilungen, welche die Ankläger als Beweismittel vorlegten, hieß es: "Verschicken, das heißt im Sinne von vernichten."
Der Bildausschnitt zeigt den Kriegsminister Enver Paşa. Die Mitglieder des jungtürkischen Führungstriumvirats Enver Paşa, Talat Paşa and Cemal Paşa gelten als Hauptverantwortliche des Völkermords an den Armeniern im frühen 20. Jahrhundert.Der Bildausschnitt zeigt den Kriegsminister Enver Paşa. Die Mitglieder des jungtürkischen Führungstriumvirats Enver Paşa, Talat Paşa and Cemal Paşa gelten als Hauptverantwortliche des Völkermords an den Armeniern im frühen 20. Jahrhundert. (© Kathryn Cook)

Noch heute reagiert das Nato-Land Türkei, wann immer ein Staat oder eine Gruppe die Massaker als Völkermord bewertet, als sei ihm "der Krieg erklärt worden", meint der Historiker Wolfgang Benz. Auch wenn die Anerkennung des Völkermordes an den Armeniern kein explizites Kriterium einer künftigen Mitgliedschaft der Türkei in der EU ist: kritische Öffentlichkeit und internationale Druck sind seit 2005 und zumal seit dem 100sten Jahrestag 2015 immens gestiegen. Recep Tayyip Erdoğan hat im Frühjahr 2014 den Nachkommen der armenischen Opfer erstmals offiziell sein "Beileid" ausgesprochen. Der türkische Ministerpräsident und sein Parlament riefen dazu auf, eine gemeinsame türkisch-armenische Kommission einzurichten, die alle Aspekte der tragischen Ereignisse von 1915-1916 untersuchen und beleuchten soll. Zugleich fragen internationale Genozidforscher, wozu es dienen sollte, eine solche internationale und unabhängige Kommission zu gründen, solang von der türkischen Seite nicht anerkannt wird, dass es sich bei den "tragischen Ereignissen von 1915-16" um einen klaren Fall von Völkermord handelt. Das Gros der türkischen Historiker vertritt heute die offizielle Linie, dass es bei den damaligen Tötungen keine Vernichtungsabsicht gab, dass die Opferzahlen auf armenischer Seite – durch Krankheit, Hunger und Übergriffe – nicht höher waren als die Zahl der Opfer auf türkischer Seite, und dass es mithin keine "Singularität" des armenischen Leidens gab. Während die Völkermord-Leugner auf Staatskosten ihre "Forschungen" betreiben, die häufig darin bestehen, Akten öffentlich zu machen, die ihren Geschichtsrevisionismus stützen, zeichnet sich in der türkischen Zivilgesellschaft der letzten zehn Jahre zugleich aber eine zunehmend kontroverse Debatte über die Ereignisse von 1915/16 ab. Auch türkischen Widerstand gegen die Politik der Jungtürken konnten junge Historiker nachweisen.

Der blinde Fleck



Trotz des Völkermords: armenisches Leben in der Türkei ist nicht vollkommen abgerissen. Manche der islamisierten Armenierkinder praktizierten weiterhin im Geheimen ihr Christentum, machten während des islamischen Gebets heimlich ein Kreuzeichen, oder murmelten an der Stelle von Mohammed den Christus-Namen. Doch vom eigenen Christsein sprach man nicht, denn das war eine Sünde. In der Schule lernen die siebenjährigen Mädchen nun, die Armenier seien es gewesen, die den Krieg angezettelt hätten, sie seien also die Täter, und die Türken die Opfer. So hatten nur die Wenigsten die Kraft, in dieser feindseligen Umgebung ihre armenische Identität aufrecht zu erhalten. Auch heute leben Überlebende des Genozids an den Armeniern noch in der türkischen Republik, ihre Herkunft häufig schamhaft verbergend, wie die junge armenisch-türkische Schriftstellerin Jaklin Celik in ihrem Text "Mein armenisches Istanbul" beschreibt.
Ayşe Bal, geschätzte 98 Jahre (2012) in ihrem Haus in Ağaçlı, Türkei. Ayşes Mutter, ursprünglich aus Muş stammend, wurde während des Genozids versteckt und so gerettet. Sie wurde zum Islam konvertiert und heiratete später einen Muslim.Ayşe Bal, geschätzte 98 Jahre (2012) in ihrem Haus in Ağaçlı, Türkei. Ayşes Mutter, ursprünglich aus Muş stammend, wurde während des Genozids versteckt und so gerettet. Sie wurde zum Islam konvertiert und heiratete später einen Muslim. (© Kathryn Cook)
Doch wagen sich heute auch immer mehr Kryptoarmenier, also Nachfahren von Armeniern, die den Islam annahmen, um dem Völkermord zu entgehen, in der Türkei mit ihren verdrängten Geschichten an die Öffentlichkeit. Besonders prominent ist der Fall einer Großmutter, die ihrer Enkeltochter Fethiye Çetin kurz vor ihrem Tod ihre wirkliche Identität offenbarte, und 60 Jahre danach von den damaligen Ereignissen erzählte: Es war im Sommer 1915 im armenischen Dorf Haba östlich der Provinzhauptstadt Elazig: ein kleines Mädchen beobachtet, auf den Schultern ihrer Schwester stehend, über einen Mauersims, wie den Männern des Dorfes die Kehlen durchgeschnitten werden. Als danach die Deportationen der Frauen und Kinder beginnen, nimmt ein türkischer Gendarm einer armenischen Mutter ihr Kind ab. Das Mädchen heißt Hernus Gardarian, und der Mann wird ihr Stiefvater: "Sie hieß Heranus, verlor ihre ganze Familie und sah sie nie wieder. Sie hatte jetzt eine neue Familie, und einen neuen Namen. Sie vergaß ihre Sprache und ihren Glauben. Doch sie hat ihr Dorf und die ihr Nahestehenden nie vergessen. Sie lebte 95 Jahre in der Hoffnung, sie wieder zu sehen. Vielleicht war es dieses Hoffen, das sie so lange am Leben hielt."

Den Anstoß, an die Öffentlichkeit zu gehen, gab für Çetin das Begräbnis der Großmutter. Erst als die Großmutter als gute Muslimin beerdigt wird, schaltet die Enkelin in der einzigen armenischen Zeitung Istanbuls eine Todesanzeige, die den eigentlichen, den armenischen Namen der Großmutter verrät. Und sie veröffentlicht ihr Buch, das bedeutungsvoll ist, weil Enkelin und Großmutter 60 Jahre nach den Ereignissen noch einmal über türkische und armenische Identitäten und zugleich über die verschiedenen Generationen hinweg die Schrecken der Verfolgung verhandeln.
Der blumenbedeckte Sarg von Hrant Dink, in dem der Journalist und Herausgeber am 19. Januar 2007 zu Grabe getragen wurde. Dink, der sich für die armenisch-türkische Versöhnung einsetzte, war der "Beschmutzung des Türkentums" angeklagt und für schuldig befunden worden. Er wurde Opfer eines Mordanschlags.Der blumenbedeckte Sarg von Hrant Dink, in dem der Journalist und Herausgeber am 19. Januar 2007 zu Grabe getragen wurde. Dink, der sich für die armenisch-türkische Versöhnung einsetzte, war der "Beschmutzung des Türkentums" angeklagt und für schuldig befunden worden. Er wurde Opfer eines Mordanschlags. (© Katrhyn Cook)

Hrant Dink – die Schlüsselfigur



Fethiye Çetin, Autorin des Buches "Meine Großmutter", war zugleich die Anwältin des armenisch-stämmigen Publizisten Hrant Dink. Als Dink am 19. Januar 2007 in Istanbul vor seinem Verlagshaus der Zeitschrift "Agos" erschossen wurde, rief der 16-jährige Attentäter Ogün Samast aus Trabzon am Schwarzen Meer: "Ich habe den Ungläubigen erschossen". Als Motiv für seine Tat gab der Mörder an, sein Opfer hätte das türkische Volk beleidigt. Der türkische Ministerpräsident Erdogan verurteilte den Anschlag auf Hrant Dink am 19. Januar 2007 als "abscheuliches Verbrechen", nahm aber an der Beerdigung nicht teil, da er einen Autobahntunnel zu eröffnen hatte. Den acht Kilometer langen Beerdigungszug mit dem Sarg Hrant Dinks begleiteten etwa hunderttausend Menschen, Sprechchöre skandierend, wie: "Wir sind alle Hrant Dink", oder: "Wir sind alle Armenier". Fethiye Çetin war selbst dabei und berichtet auch über diesen einschneidenden Tag.

Deutsche Mitwisserschaft, Deutsche Mitverantwortung?



Bei aller berechtigter Kritik an einem "Gedächtnisverlust" in der Türkei: Auch Fragen deutschen Mitwissens und auch einer möglichen deutschen Mittäterschaft am Genozid an den Armeniern sind im Dossier zu klären. Zu der Zeit, als die Jungtürken am Bosporus sich des Problems der etwa zwei Millionen armenischen Untertanen im osmanischen Vielvölkerstaat zu entledigen suchten, um ihre "Vision" von einem ethnisch homogenen "Groß-Turkistan" zu verwirklichen, waren die Türkei und das deutsche Kaiserreich militärische Bündnispartner. Hunderte deutsche Offiziere hatten den operativen Oberbefehl über die Armee des türkischen Kriegsverbündeten. Einige Generäle mischten bei der Planung und Durchführung der Deportationen mit, viele waren Zeugen. Armenier aus dem Westen des Reiches wurden in Viehwaggons deportiert, was logistisch nur durch die Bagdad-Bahn möglich wurde, die gerade unter deutscher Regie entstand. War also kein anderes Land in das Schicksal der Armenier so verstrickt wie das deutsche Kaiserreich? Mit den USA gehört auch die Bundesrepublik zu den Ländern, die offiziell den Begriff des "Völkermords" vermeidet. Erst 90 Jahre nach dem Völkermord, im Jahre 2005, äußerten sich alle Fraktionen des Deutschen Bundestages im Bewusstsein der Mitverantwortlichkeit des mit der osmanischen Türkei verbündeten Deutschen Reichs zu dem blutigen Schicksal des armenischen Volkes.

Zentrum aller politischen und militärischen Geheimunternehmen war die Abteilung II des türkischen Kriegsministeriums. Sie organisierte den Einsatz der paramilitärischen Einheiten, die armenische Dörfer überfielen und die Menschen ermordeten oder auf die Todesmärsche zwangen. Diese Mitverantwortung geht aus Aktenbeständen der Bundesarchive hervor, die bis heute nicht vollständig ausgewertet wurden. Der beste Kenner dieser komplizierten der Aktenlage ist Wolfgang Gust.

Armenierfreunde aus Deutschland



Aber es gab auch Deutsche, die sich in besondere Weise gegen das an den Armeniern begangene Unrecht engagiert haben. Wie der Theologe und bekennende Armenienfreund Dr. Johannes Lepsius, der im Berliner Reichstag Anfang Oktober 1915 einen glühenden Vortrag hielt – worauf die deutsche Regierung die ganze Armenien-Thematik unter Zensur stellte. Dazu notierte der Reichskanzler von Bethmann Hollweg im Dezember 1915: "Unser einziges Ziel ist, die Türkei bis zum Ende des Kriegs an unserer Seite zu halten, gleichgültig, ob darüber Armenier zugrunde gehen oder nicht."

Auch der junge Schriftsteller Armin T. Wegner aus Elberfeld, der sich im Frühjahr 1915 als Sanitätssoldat nach Konstantinopel meldete, wurde in Anatolien zum Augenzeugen der Vertreibungen. In einem offenen Brief an den amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson klagte Wegner die Austreibung des armenischen Volkes in die mesopotamische Wüste eindringlich an. Die Deportationen hat er unter Lebensgefahr fotografisch festgehalten – seine Bilddokumente gelten heute als die vielleicht wichtigsten Zeugnisse der Verbrechen.

Zu den berühmtesten Be- bzw. Verarbeitungen der Ereignisse von 1915 zählen zwei Werke in deutscher Sprache: die Rede ist von Franz Werfels berühmtem Widerstandsepos "Die 40 Tage am Musa Dagh" und Edgar Hilsenraths großem Romanwerk "Das Märchen vom letzten Gedanken".

Wenn es mit Werfel und Hilsenrath zwei jüdischstämmige Autoren waren, die sich des Genozids an den Armeniern annahmen: Gibt es eigentlich so etwas wie eine Opferkonkurrenz zwischen Angehörigen der jüdischen und der armenischen Diasporen weltweit?

Armenische Diaspora und der Nationalstaat Armenien



Die Ereignisse von 1915 haben Armenier in alle Welt zerstreut: nach Damaskus, Beirut, bis nach Marseille. Armenier der Diaspora, mit diesen typischen Lebensläufen der Flucht: Großeltern aus Anatolien, geboren in Kairo, mit 18 in die USA ausgewandert, leben heute in Los Angeles. Armenier der Diaspora haben eine ganz eigene Erinnerungskultur entwickelt, die sich aus der "Zerstreuung" auch immer wieder nach Ost-Anatolien zurückbesinnt, bzw. nach West-Armenien – ins Stammland der Armenier. Aber auch Ost-Armenien im Einzugsbereich Russlands und später der heutige armenische Staat unter dem Einfluss der Sowjet-Union hat eigene Erinnerungsnarrative entwickelt.
Das Wohnzimmer eines Genozidüberlebenden in Gyumri, Armenien.Das Wohnzimmer eines Genozidüberlebenden in Gyumri, Armenien. (© Katrhyn Cook)



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Autor: Manuel Gogos für bpb.de
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