20. April 2005: Ein Plakat zeigt überlebende des Völkermords.

Mein armenisches Istanbul


26.4.2016
Anfang der 1970er Jahren kamen viele Armenier aus verschiedenen Teilen der Türkei nach Istanbul. Damit war der frühere Heimatboden zu einer Arena geworden, auf der sich die Traumata der Opfer wie der Täter eine Schlacht lieferten. Während die eine Seite noch immer trauerte, hielt die andere Seite ihren Hass wach. Das schiere Dasein der Überlebenden erinnerte sie an ihre Taten. Die Schriftstellerin Jaklin Çelik blickt auf ihr armenisches Istanbul.

Die armenische Patriachatskirche Surp Asdvadzadzin in Istanbul.Die armenische Patriarchatskirche Surp Asdvadzadzin in Istanbul. (© picture-alliance)
In den frühen 1970er Jahren wurde Istanbul zum Schauplatz der Einwanderung vieler Armenier aus verschiedenen Teilen der Türkei, vor allem aus dem Osten und Südosten. Die hierher kamen, ließen sich zunächst im Stadtteil Kumkapı nieder, in dem sich das armenische Patriarchat befand, und verteilten sich später auch auf andere Stadtteile, in denen bereits Armenier ansässig waren, oder reisten über den Flughafen endgültig aus der Türkei aus. Als meine Familie 1970 Diyarbakır verlassen musste, kam sie auch nach Kumkapı und entschied sich, in eben diesem Stadtteil auf der historischen Halbinsel Istanbuls zu bleiben.

Obwohl alle Mitglieder ihrer Familien in die USA und verschiedene Länder Europas verstreut waren, wollten meine Eltern, wollte vor allem meine Mutter ihr Land nicht verlassen. Aus eben diesen frühen 1970er Jahren hat sich bei mir eine Szene eingeprägt: Wir fuhren zum anatolischen Hauptbahnhof Istanbuls, Haydarpaşa, um meine Großmutter zu empfangen. Sie war aber bereits angekommen, saß auf einem Steinblock und wartete auf uns. Da saß sie neben dem riesigen Gebäude, mit einem einzigen Koffer neben sich, in den sie ihre ganze Vergangenheit gepackt hatte, und einer Zigarette in der Hand, den Rauch ihrer Einsamkeit in Richtung der Stadt blasend, die sie gerade erst kennenlernte. Immer, wenn mir diese Szene vor die Augen kommt, überfällt mich eine Traurigkeit, die meiner Großmutter, aber genauso dem Steinblock gilt, der sich ihrer angenommen hatte.

Thomas Braun (© Thomas Braun)
Zu dieser Zeit waren fast schon 60 Jahre nach dem unheilvollen Ereignis vergangen. Eineinhalb Millionen Armenier waren einem Völkermord zum Opfer gefallen, und eine Republik war gegründet worden, deren Volk sich größtenteils aus sunnitisch-muslimischen Türken zusammensetzte. Und dieser Völkermord war damit fast schon zu einer verdrängten Geschichte geworden, bis die militante armenische Organisation ASALA in den 1980er Jahren mit Anschlägen gewaltsam auf seine Folgen aufmerksam zu machen begann. Die Armenier, die in der Türkei geblieben waren, konnten sich ihre Familiengeschichten nur in den hintersten Ecken ihrer Wohnungen erzählen, im Flüsterton, immer darauf bedacht, dass die Kinder nur ja nichts mitbekamen. Die Armenier verschlossen ihren Mund, bevor sie aus dem Haus gingen und sich unter die Leute mischten. Die Stadtteile in Istanbul, in denen sie jetzt lebten, waren ihnen nun zur neuen Heimstatt geworden, sie sollten ihre einstige Heimat in Anatolien ersetzen. Aber die Armenier von Istanbul gehörten nicht wirklich irgendeinem Boden mehr an und versuchten, sich eine neue Welt zu basteln, die auf Erzählungen aufbaute, ein Land, das vielleicht Kraft des Erzählens das ihre werden konnte. Mit "Land" meine ich dabei nicht quadratkilometerweise umfriedete Landstriche; ich meine damit ein Haus, ein Zimmer, ein Fenster dieses Zimmers, ein Stück Himmel, das sich in diesem Fenster zeigt, einen Garten, eine Schule, einen Baum, eine Wiege, einen Herd. Das ist "Land": Das Erlebnis all dessen, und die Bindung des Menschen an dieses Erleben. Daher bedeutete jeder einzelne Mensch, der damals und dort verlorenging, ein ganzes "Land". Das war auch der Grund, warum keiner den Boden der Vorfahren gern verlassen hatte, meine Eltern eingeschlossen, obwohl dieser Boden eine ständige Erinnerung an die erlebten Schandtaten war – ein Erbe, das schwer zu tragen war.

Freilich beschränkte sich die physische Auslöschung der armenischen Bevölkerung nicht auf die Ereignisse von 1915. Von 1920 an wurden die Kirchen der Armenier zerstört oder in Moscheen umgewandelt, Friedhöfe vernichtet, Schulen abgerissen oder enteignet und verstaatlicht. Auf diese Weise wurden auch ganze armenische Dörfer vernichtet oder türkisiert. Der Staat hörte nicht nur nicht auf, ein Volk zur Gänze auszulöschen, sondern er brachte auch jegliche Spur zum Verschwinden, die die einstige Existenz dieses Volkes in der Region unter Beweis stellen, in Erinnerung hätte rufen können.

Thomas Braun (© Thomas Braun)
Die junge Republik war Schauplatz intensiver Migrationsbewegungen, sodass die von den Armeniern geräumten Orte schnell neue Besitzer fanden. Das war letzten Endes auch das Ziel gewesen. Waren doch schon früher die von muslimischen Kurden gebildeten Regimenter Abdulhamids II. für die Ermordung der christlichen Armenier – noch lange vor dem von Gott versprochenen Paradies – vom Staat mit Beutegütern belohnt worden. Die Armenier waren seit Jahrhunderten in ihrer Heimat in Landwirtschaft, Handel und Handwerk tätig gewesen, und wenn man sich die ungeheure Zahl der Ermordeten vor Augen führt, zeigt sich, dass ihre Hinterlassenschaften weit darüber hinausgingen, was die neuen Besitzer überhaupt zu bewirtschaften in der Lage waren. Außerdem hätte man an einer entvölkerten Gegend immer noch den Völkermord von 1915 ablesen können. Daher wurden an diesen Landstrichen Migranten aus dem Balkan angesiedelt. Diejenigen Armenier, die all das überlebt hatten, wurden von der Mehrheitsgesellschaft, der sie jetzt als Minderheit ohnmächtig ausgeliefert waren, zum Übertritt zum Islam gezwungen. Nicht selten wurden diejenigen, die trotz allem dableiben wollten, von kurdischen Großgrundbesitzern quasi zu Leibeigenen gemacht.

Damit war der frühere Heimatboden zu einer Arena geworden, auf der sich die Traumata der Opfer wie der Täter eine Schlacht lieferten. Während die eine Seite die Totenmesse ihrer Trauer abhielt, ohne diese je zum Gegenstand einer Abrechnung gemacht zu haben, hielt die andere Seite ihren Hass wach, da sie durch das schiere Dasein der Überlebenden an ihre Taten erinnert wurde, immer und immer wieder aufs Neue.

Thomas Braun (© Thomas Braun)
Ein großer Teil der überlebenden Armenier von 1915 kannte die älteren Angehörigen ihrer Familien nicht. Sie hatten keine Großeltern, Onkel oder Tanten mehr. Wer immer von diesen nicht ermordet worden war, hatte das Land verlassen, um niemals wiederzukehren. Und die Übriggebliebenen waren wie Invalide, deren Anblick jenen Unbehagen bereitete, die sie verstümmelt hatten. Diejenigen, die in ihre Häuser eingezogen waren, verlangten eine Garantie dafür, dass ihre auf Toten aufgebaute Zukunft nicht durch irgendwelche Gespenster der Vergangenheit gestört werden sollte, eine Versicherung für das Land, das sie nun bestellten, das Haus, das sie bewohnten, das Mädchen, das sie beschliefen. Nach dem islamischen Glauben sichert sich ein Muslim den Zugang zum Paradies, indem er einen Nichtmuslim bekehrt. So lieferten die Armenier ihren Mördern den Schlüssel zum Paradies direkt in deren Tasche. Doch ihre Gespenster ließen sich durch keine Türen fortsperren. Und auch der Staat wurde von diesen Gespenstern heimgesucht. Während die Türken und Kurden mit ihrem Unbehagen weiterleben mussten, und die Armenier ihre Toten zu vergessen hatten, verwehrte sich der Staat im Stil von 1915 gegen den Spuk, indem er den Armeniern drohte: "Ich werde weitertöten, bis du mir sagst: 'Du hast nicht getötet.'"

So blieb den Armeniern kein anderer Ausweg mehr, als nach Istanbul oder ins Ausland auszuwandern. Während die Politik der "muslimisch-türkischen" Republik mit ihrer Herrschaft über uns den Völkermord bis heute beharrlich fortsetzt. Ich behandle die Begriffe Erinnerung und Vergessen deshalb so intensiv, weil sie direkt auf meine eigene Identität bezogen sind und mit dem Phänomen einer ständigen Migration zusammenhängen. Migration ist eins meiner Leitthemen in der Literatur. Denn das Leben eines Menschen wird vor allem dort unmittelbar spürbar, wo er verwundet worden ist.

Thomas Braun (© Thomas Braun)
Ein Beispiel aus meinem Leben: Anlass zu einer Geschichte meines ersten Buches war folgende Frage einer alten Nachbarin gewesen, mit der wir das Haus teilten: "Wirst du mich vergessen, wenn ich tot bin?" Diese Frau hatte einen Sohn, der in Tahiti als Pilot arbeitete, alle zehn Tage bekam sie eine Postkarte von ihm. Auf diesen Karten waren oft nackte junge Frauen mit Blumenkränzen um den Hals zu sehen. Die Alte lebte auf durch die wenigen, trockenen Sätze auf den Karten. Wie klischeehaft sie auch waren, für die Nachbarin hatten sie viel zu bedeuten. Hinter diesen eilends hingekritzelten, abgezählten Wörtern suchten ihre Augen jahraus, jahrein die Nachricht, ihr Sohn werde bald nach Hause kommen. Doch sie fand diese Ankündigung nicht, bis zu ihrem letzen Atemzug. Ihre Frage an mich trug den Schmerz der Niederlage in sich, die sie durch ihren Sohn erlitten hatte. Aber ich war ja bei ihr, wenigstens ich könnte ihre Erinnerung wachhalten, waren wir doch Personen einer gemeinsamen Erzählung. Wir teilten das gleiche Leid von gestern, die Art, sich an die Vergangenheit zu erinnern, und die Weise, die Gegenwart zu erleben. Die Hoffnung auf den eigenen Sohn aufgebend, wollte sie sich und ihre Geschichte gleichsam einem nicht näher bekannten Mädchen anvertrauen. Ich habe ihr diesen Wunsch erfüllt. Selbst wenn ich es damals nicht so bewusst tat, hat diese alte Frau nun ihren festen Platz in allem, woran ich mich erinnere.

Im Grunde genommen waren wir Menschen, die füreinander die Vergangenheit und damit auch eine Zukunft entstehen ließen. Zwar hatte uns nur der Zufall miteinander bekannt gemacht, aber wir waren eben alle in derselben Stadt gestrandet. Das war eine Situation, für die es zwei Lesarten gibt: Da wir an unserer Vergangenheit festhielten, hat uns die Stadt Istanbul ihr Versprechen auf einen Neuanfang vorenthalten. Vielleicht hielten wir aber auch genau darum aneinander fest – um diesen Versprechungen einer Zukunft auf Kosten der Vergangenheit zu entgehen.

Während ich diesen Text schreibe, erkenne ich das Versprechen samt der Drohung, die ihm innewohnt. Denn Erinnern bedeutet gleichzeitig, das Wissen über die Vergangenheit sichtbar zu machen. Um in der Gegenwart Istanbuls anzukommen, müssten wir aber den "Ballast" des Gedächtnisses abwerfen, und das wollen wir nicht.

Am Anfang der 2000er Jahre, gleichzeitig mit der Machtübernahme der AKP, begann man trotz der weiterhin herrschenden rassistisch-nationalistischen Repression über den Völkermord zu sprechen – zunächst in akademischen Kreisen. Die etwa sechzigtausend Armenier, die in der Türkei ein unsicheres und entpolitisiertes Leben führten, staunten sehr und nahmen diese neuen Diskurse als Gelegenheit, ihre Ängste zu besänftigen und Vertrauen aufzubauen. Doch das seit 1915 vergossene Blut trat mit der Ermordung von Hrant Dink im Jahr 2007 wieder an die Oberfläche, und die alten Ängste kehrten zurück. Nichtsdestoweniger schuf dieses Attentat in der Öffentlichkeit eine neue Sensibilität in Bezug auf den Völkermord an den Armeniern.

Thomas Braun (© Thomas Braun)
Zwischen dem ersten großen Völkermord im 20. Jahrhundert und heute liegen nun schon über hundert Jahre. Am 24. April 2015 fanden vor allem in Armenien und in vielen Ländern der Welt offizielle Gedenkveranstaltungen statt. Auch in Istanbul nahmen beachtliche Menschenmengen an den Veranstaltungen teil. Dort trafen sich Armenier, Türken und Kurden, um einander zu helfen, die Last des historischen Erbes zu tragen. Doch das Jahr 1915 bleibt für alle Bevölkerungsgruppen der Türkei ein Trauma, das noch mancher Auseinandersetzung harrt. Fest steht, dass die Ermordeten von 1915 nie zurückkommen werden. Dennoch können wir zu Zeugen berufen werden in einer Welt, die wer weiß zum wievielten Mal zerstört und wieder aufgebaut wird. Im Nahen Osten, direkt vor unserer "Haustür", werden ganze Staaten zerstört und Grenzen neu gezogen. Städte verschwinden, andere werden neu aufgebaut. Denn viele Gesellschaften befinden sich in einer Art Raserei, weil sie verdrängen, weil sie unfähig sind, zu trauern. Wir müssen uns der Vergangenheit stellen. Es ist das, was wir anbieten, was wir euch lehren können. Damit es zu keinen neuen Massenmorden kommt. Nie wieder!

(Deutsch von Christina Tremmel-Turan und Tevfik Turan)


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