Mitarbeiter der bpb beim 55-jährigen Jubiläum im Jahr 2007. Foto: Volker Lannert

7.8.2013

Untypisch deutsch

Die ersten Monate der Bundeszentrale für Heimatdienst

Professor Carl Christoph Schweitzer arbeitete von Anfang 1952 bis 1961 als Referent in der "Bundeszentrale für Heimatdienst" und war einer der ersten Mitarbeiter und Gründungsväter der Behörde. Im Gespräch mit Jutta Spoden erinnert sich der Zeitzeuge an diese Gründungsphase zurück und schildert seine persönlichen Erlebnisse.

Herr Prof. Schweitzer, bereits im Juli 1952 erschien die von Ihnen konzipierte Sonderausgabe der Wochenzeitung "Das Parlament" zum 20. Juli 1944. Wie kann das sein, da doch die Bundeszentrale für Heimatdienst erst im November 1952 per Erlass des Innenministers gegründet wurde?

Carl Christoph SchweitzerProf. Dr. Carl Christoph Schweitzer, Politikwissenschaftler und Gründungsreferent der Bundeszentrale für Heimatdienst (© bpb)
Carl Christoph Schweitzer: Ja tatsächlich, das ist ein ganz "undeutsches" Vorkommnis, dass eine Behörde bereits arbeitet, ohne dass sie offiziell existiert. Aber genau so war es.

Ich bin schon Ende 1951 von dem damaligen Staatssekretär im Bundesministerium des Innern (BMI), Hans Ritter von Lex, eingestellt worden. Dr. Paul Franken, der erste Direktor, war schon ein paar Monate vorher von Bundeskanzler Konrad Adenauer selbst ausgewählt worden. Die beiden kannten sich ja gut.

Es hat dann Monate gedauert, bis der Gründungserlass durch die Regierung beschlossen war, es gab dort wohl einige Meinungsverschiedenheiten. Aber Ritter von Lex hat das forciert und dafür gesorgt, dass wir schon vorher "loslegen" konnten. Er war getrieben von der Sorge, dass sich die Bevölkerung nur langsam mit der neuen deutschen Demokratie anfreunden würde und noch sehr viele Zeitgenossen dem NS-Regime nachtrauerten. Er wollte, dass wir den antidemokratischen Tendenzen entgegenwirken sollten. Ich glaube, dass ihm seine eigene Vergangenheit schwer zu schaffen machte. Ich habe nie vergessen, wie Ritter von Lex bei unserer ersten Tagung öffentlich erklärte, er werde sein ganzes Leben lang darunter leiden, dass er für die Bayerische Volkspartei, für die er damals im Reichstag saß, dem berüchtigten Ermächtigungsgesetz zugestimmt habe. Das begleite ihn als ein Schandfleck in seiner Biografie .

Was haben Sie in diesen ersten Monaten getan?

Wir haben in diesen ersten Monaten vieles, was bis heute Bestand hat, "auf die Schiene gesetzt". Leider ist das alles so gut wie gar nicht dokumentiert. Wir hatten damals keine richtige Registratur, so dass es kaum Akten zu diesen ersten Monaten gibt.

Wir haben bereits im Juli 1952 die erste Sonderausgabe der Wochenzeitung "Das Parlament" zum 20. Juli 1944 herausgebracht. Ein Thema, das wir in den kommenden Jahren immer wieder aufgegriffen haben. Sie müssen bedenken, dass die Widerständler des 20. Juli damals weithin als Verräter betrachtet wurden. Diesem Bild wollten wir entschieden entgegentreten.

Auch haben wir Mitte 1952 damit begonnen, Tagungen selber zu veranstalten und Tagungen anderer Bildungsträger zu fördern. Das macht die Bundeszentrale ja bis heute. Wir haben bereits 1952 zwei Tagungen im Rheinhotel Dreesen in Bonn durchgeführt, beide zum Thema Antisemitismus. Hauptredner war der Remigrant Max Horkheimer.

Außerdem haben wir die "Informationen zur politischen Bildung", die heute ja fast jeder als "die Schwarzen Hefte" kennt, in diesen ersten Monaten entwickelt und alle Schulen damit ebenso beliefert wie z.B. mit der ersten Hitlerbiografie des Oxforder Professors Alan Bullock.

Was waren die inhaltlichen Schwerpunkte ihrer Arbeit?

Mir liegt sehr am Herzen, deutlich zu machen, dass ein wichtiger Schwerpunkt unserer Arbeit von Anfang an die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus war. Dieses Thema hat auch nie an Priorität eingebüßt. Dr. Franken und ich kamen aus einem antinazistischen Umfeld und auch die späteren Referenten Josef Rommerskirchen und Dr. Walter Jacobsen waren Gegner des Nationalsozialismus gewesen.

Weitere Schwerpunkte waren natürlich die Vermittlung von Wissen über die Demokratie und die Förderung des europäischen Gedankens. Insbesondere in den "Informationen zur politischen Bildung" standen diese beiden Themen im Vordergrund.

Welche Zielgruppen hatten Sie hauptsächlich im Blick?

Dr. Franken hat seinen Schwerpunkt ganz klar auf die Schulen gelegt. Er hatte zuvor die Pädagogische Hochschule in Vechta geleitet. Er fand es am wichtigsten, die jungen Menschen zu erreichen, weil man bei ihnen noch am ehesten Einfluss auf Einstellungen und Haltungen nehmen konnte.

Da hatte er zweifellos Recht, aber ich war von Anfang an der Meinung, dass man gerade auch jene Zielgruppen erreichen müsste, die politisch desinteressiert waren und die noch distanziert und kritisch zur Demokratie standen. Die mussten überzeugt und mitgenommen werden.

Deshalb hab ich mich mehr um die Massenmedien gekümmert. Franken und ich haben uns da sehr gut ergänzt. Er hat mich einfach machen lassen. Nach Einstellung der anderen Referenten war ich in erster Linie für Massenmedien und Film zuständig. Später kam für den Bereich Film der Kollege Feineis hinzu.

Zeitungen und Zeitschriften waren aus meiner Sicht ein wichtiges Medium, aber auch die Wochenschauen in den Kinos. Ich hatte z.B. die Idee, die damals sehr bekannte Trickfilm-Figur "Mecki" einzusetzen. Wir haben bis Ende der fünfziger Jahre vier Mecki-Filme gedreht. Das waren kurze Trickfilme, in denen dafür geworben wurde, wählen zu gehen, oder die den Sinn eines geeinten Europas erklärten.

Mecki spricht zur Wahl
Mecki - der Liebesbrief
Schlaf Kindchen schlaf
Die Karre im Dreck

Gab es weitere Produkte, mit denen Sie versucht haben, die breite Masse zu erreichen?

Ja. Zum Beispiel die Broschüre "Die Kunst der Verführung", die wir in allen D-Zug-Abteilen ausgelegt haben: Sie hat erhebliches Aufsehen vor allem in höchsten katholischen Kreisen verursacht, weil auf ihrem Titelbild eine hübsche junge Dame mit einem leichten Dekolleté zu sehen war. Tatsächlich handelte es sich bei der Broschüre um eine kleine Geschichte der demagogischen Massenverführung in der Politik. Von Marcus Antonius im antiken Rom über Joseph Goebbels im "Dritten Reich" bis hin zu Karl-Eduard von Schnitzler in der DDR. Wir wollten möglichst viele Menschen mit diesem Thema erreichen, was uns auch, so glaube ich, gelungen ist.


Ausführliche Informationen zu den ersten Jahren der Bundeszentrale für Heimatdienst finden sich auch in dem Buch von Gudrun Hentges: Staat und politische Bildung. Von der "Zentrale für Heimatdienst" zur "Bundeszentrale für politische Bildung", Wiesbaden 2013


Nichts weniger als Erziehung zur Demokratie sollte die 1952 neu gegründete "Bundeszentrale für den Heimatdienst" sein. Als Behörde des Bundesinnenministeriums wollte und sollte sie die Demokratie festigen und einen europäischen Gedanken vermitteln und stärken. Noch heute gilt die "Bundeszentrale für politische Bildung" als wichtiges Werkzeug bei der Arbeit an der "Daueraufgabe Demokratie"

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