Dossierbild Geschichte im Fluss

10.5.2012 | Von:
Antanas Gailius

Vom weinenden Schwesterchen

Ich bin an der Memel geboren. Dort habe ich schon als Kind viel gelernt. Zum Beispiel, dass es nicht nur Städte wie Kaunas und Klaipèda gibt, sondern auch solche in Sibirien.

Kurze grammatische Vorbemerkung

Leninstatue mit Foto vom Sturz der Statue in Vilnius: Grutas Park in Litauen.Leninstatue mit Foto vom Sturz der Statue in Vilnius: Grutas Park in Litauen. (© Inka Schwand)
Auch wenn ich auf Deutsch schreibe, fällt es mir schwer, die Bezeichnung "die Memel" für den Fluss zu gebrauchen, an dem ich geboren bin. Es handelt sich dabei nicht um nationalistische Vorurteile, sondern um Grammatik. Dieser Fluss ist im Litauischen ein Mann, eigentlich ein alter Greis. Ich fürchte mich, den Alten durch den weiblichen Artikel zu erzürnen. Und ich weiß seit frühester Kindheit, dass sein Zorn gewaltig sein kann. Ich habe gesehen, wie er im Frühling sich vom Eis befreite und über die Ufer ging. Deshalb bleibe ich lieber bei seinem litauischen Namen.

Still, so still fließt der Nemunėlis

Dieses Lied kommt mir zuerst in den Sinn, wenn ich über den Nemunas denke. Der Fluss ist in der ersten Zeile zärtlich mit einem Diminutiv erwähnt, und man könnte glauben, es handelt sich hier um eine Idylle. Doch dann kommt die zweite Zeile "noch stiller aber weint unser Schwesterchen", und die Idylle ist vorbei. Ich weiß natürlich, dass dieses Volkslied viel älter als meine Erlebnisse am Nemunas ist und dass es überhaupt nichts mit diesen Erlebnissen zu tun hat. Und dennoch scheint mir dieses Lied auch etwas über die Generation zu erzählen, die wie ich in dem von den Sowjets bereits besetzten Litauen geboren, aufgewachsen und gelebt hat.

Einerseits sind Kindheitserlebnisse immer idyllisch, wenn man nur zufällig nicht in irgendwelche besonders komplizierte Familienverhältnisse hineingeboren wird. Selbst der damals erlebte physische Schmerz verklärt sich im Laufe der Jahre zu einem eher lustigen Abenteuer, etwa wenn ich im Alter von etwa fünf Jahren in der Schmiede nach einem heißen und ach so schön roten Eisenstück griff. Meine Finger wissen seitdem sehr genau, was es bedeutet, sie tun aber seit eh und je nicht mehr weh.

Andererseits gab es in dieser Idylle Dinge, die das Kind mitbekam und dennoch nicht verstand, die aber mit den Jahren immer deutlicher wurden und bei denen man heute ganz genau weiß, warum das Schwesterchen weint.

„Niemen, mein Heimatstrom! Wo sind die Wogen? Mit ihnen so viel Glück und sel’ges Wähnen Wohin ist meiner Kindheit Lust verflogen?“

Adam Mickiewicz, 1826

„Die Dzimken, die Flößer, die mit den Hölzern stromab aus Russland kommen, sitzen in ihren langen, grauen Hemden auf der Floßkante und baden sich die Füße. Hinter ihnen rauchen die Kessel zum Frühstücksbrot.“

Hermann Sudermann, 1917

„Die weiße Küste ist schön geschwungen, man könnte glauben in Nordafrika zu sein.“

Thomas Mann, 1929

„Aus der Finsternis kommst du, mein Strom, aus den Wolken. Wege fallen dir zu und die Flüsse, Jura und Mitwa, jung, aus Wäldern, und lehmschwer, Szeszupe.“

Johannes Bobrowski, 1961

„Zu schreiben habe ich begonnen am Ilmsee 1941, über russische Landschaft, aber als Fremder, als Deutscher. Daraus ist ein Thema geworden, ungefähr: die Deutschen und der europäische Osten. Weil ich um die Memel herum aufgewachsen bin, wo Polen, Litauer, Russen, Deutsche miteinander lebten, unter ihnen allen die Judenheit.“

Johannes Bobrowski, 1961

„Diese Grenzen sind temporäre Grenzen. Früher oder später bringt uns der Fluss wieder zusammen.“

Krzysztof Czyzewski, 2009

Der gewendete Uniformmantel

Eigenlich sollte ich ja überhaupt nicht am Nemunas geboren werden. Fast alle Gräber meiner Familie bis zu den Urgroßeltern zurück befinden sich auf dem Friedhof in Raseiniai, einer kleinen Stadt, die etwa 30 Kilometer vom Nemunas entfernt liegt, was in Litauen damals schon eine relativ große Entfernung war. Als der Zweite Weltkrieg für die Welt, nicht aber für Litauen und andere von den Sowjets besetzten Gebiete zu Ende ging, lebten meine Eltern in Raseiniai, und der Vater tat das, was er ein wenig gelernt hatte: Er schneiderte. Eines Tages brachte ihm ein Miliziönär seinen Uniformmantel, den er gewendet haben wollte. Der Vater tat es, und der Milizionär war mit der Arbeit so zufrieden, dass er einige Zeit später wieder kam und meinen Eltern zuflüsterte, ihre Namen befänden sich auf den Listen derer, die demnächst deportiert werden sollten. Darauf packten meine Eltern alles, was sie besaßen, auf einen Pferdewagen (viel mehr besaßen sie nicht) und fuhren mit meinen beiden damals kleinen Schwestern zu fernen Verwandten, die schon in der Nähe des Nemunas lebten. Diese Flucht soll meine Eltern vor der Deportation gerettet haben. Und auf diese Weise ist es gekommen, dass ich fast unmittelbar am Ufer des Nemunas geboren wurde.

Die Sterne meiner Geburt

Fassen wir kurz zusammen, wie die Sterne zu meiner Geburtsstunde am Nemunas standen:

Die Memel bei Jurbarkas.Die Memel bei Jurbarkas. (© Inka Schwand)
Onkel Dominykas war zu diesem Zeitpunt seit zwei Jahren tot. Als litauischer Partisan kämpfte er gegen die Sowjets und fiel in einer Schlacht. Laut Bekannten, die ihn dort gesehen haben, lag sein zerschundener Leichnam einige Tage auf einem Platz in Raseiniai. Mit diesem Zurschaustellen der selbst nach dem Tode noch mit Messern und Bajonetten misshandelten, oft entkleideten und blutbeschmierten Körper der Gefallenen hatten die Sowjets zwei Ziele im Auge: Erstens sollte auf diese Weise die Bevölkerung des besetzten Landes eingeschüchtert werden. Zweitens konnte man so die Familienangehörigen der Gefallenen schneller identifizierern, die dann ins Lager geschickt oder deportiert wurden. Gerade deshalb ging meine Mutter nicht hin, um ihren toten Bruder zu sehen. Die Leichen wurden später in der Nacht irgendwo an einem entlegenen Ort verscharrt. Wenn man weiß, wie wichtig für die Litauer die Gräber der Familienangehörigen sind, ist es vielleicht zu verstehen, dass die Suche nach den Partisanengräbern auch heute nicht abgeschlossen ist.

Onkel Pranciškus, der zweite Bruder meiner Mutter, war seit ein paar Jahren in der Nähe von Archangelsk. Als katholischer Priester wurde er wegen "antisowjetischer Agitation und Propaganda" für zehn Jahre ins Lager geschickt. Sieben Jahre hat er dort verbracht.

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Staustufe gibt es an der Memel: Das Wasserkraftwerk Kaunasmeer in Kaunas. Ansonsten ist die Memel ein freifließender Fluss.

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Jahre lang dauerte der Krieg zwischen den Deutschen Ordensrittern und den Litauern. Von 1283, der Niederschlagung der heidnischen Prußen, bis zum Frieden vom Melnosee 1422 fanden fast jährlich so genannte „Litauerzüge“ des Ordensstaats statt. Bei Grunwald erlitten sie 1410 eine entscheidende Niederlage.




Tante Petronėlė, die Schwester der Mutter, befand sich auch im Lager. Sie wurde beschuldigt, eine Verbindungsfrau zu den Partisanen zu sein, und hat insgesamt fünf Jahren im Uralgebirge verbracht.

Der Nemunas war auch den Sowjets wichtig. So wichtig, dass auch neue Lieder über ihn komponiert wurden. Zum Beispiel jenes über den Traktoristen, der eine tiefe Furche durchs Feld pflügt, über die neue Morgenröte am Nemunas und die hellen Wege, die uns in die Zukunft führen sollten. Das weinende Schwesterchen wurde darin natürlich nicht erwähnt.

Die Grundlagen des Lebens



Am Nemunas habe ich viel gelernt. Und nicht nur das, was man in den ersten drei Klassen der Schule lernt.

Ich lernte zum Beispiel in diesen ungewöhnlich jungen Jahren Geographie. Wie schon erwähnt, wusste ich mit fünf oder sechs bereits, dass es auf der Welt nicht nur Jurbarkas oder Kaunas gibt, sondern auch solche Orte wie Archangelsk, Ural oder Sibirien. Sehr früh erfuhr ich, dass es auch Deutschland gibt und dass man mit einem Pferdewagen dorthin fahren kann. In einem Sommer nämlich wurden die Männer der Kolchose nach Deutschland geschickt, um dort Heu für den Winter zu mähen. Heute weiß ich natürlich, dass mit Deutschland das damals noch sehr menschenleere Kaliningrader Gebiet gemeint war, und Heu wurde dort in den Nemunas-Wiesen geerntet.


Zum Weiterlesen

Die Memel

  • Uwe Rada: Die Memel. Kulturgeschichte eines europäischen Stromes. Siedler Verlag (2010). Ein Buch, das einen vergessenen Strom im östlichen Mitteleuropa wieder zum Leben erweckt. "Uwe Rada rehabilitiert die Memel als Zukunftsort eines Europas der Völker – nicht der Nationen." (Der Tagesspiegel)

  • Ulla Lachauer: Paradiesstraße. Rowohlt Verlag (2007). Ein wunderbares Porträt der ostpreußischen Bäuerin Lena Grigoleit und mit ihr des Memellandes. "Wer diese Seiten liest, hat eine andere Welt kennengelernt." (Die Zeit)

  • Ulla Lachauer: Die Brücke von Tilsit. Begegnungen mit Preußens Osten und Russlands Westen. Rowohlt (1995). Mit diesem Reiseessay wurde Lachauer zur Pionierin der Wiederentdeckung des ehemaligen Ostpreußen.

  • Martin Rosswog/Ulla Lachauer: Menschen an der Memel. Edition Braus (2009). Einfühlsame Porträts von Menschen im Memelland durch die Autorin Ulla Lachauer und den Fotografen Martin Rosswog.

  • Andreas Kossert: Ostpreußen. Geschichte und Mythos. Pantheon Verlag (2007). Kossert beschreibt Ostpreußen als multikulturelles Grenzland zwischen Polen, Deutschen und Litauern. "Kossert wirft einen ganz neuen und für viele überraschenden Blick auf das Land der dunklen Wälder und kristallnen Seen." (Die Zeit)

  • Ruth Leiserowitz: Sabbatleuchter und Kriegerverein. Juden in der ostpreußisch-litauischen Grenzregion 1812-1942. Fibre Verlag (2010). Die Autorin, bekannt über ihre Studien zu Ostpreußen und den Wolfskindern, berichtet über den Beginn und das Ende jüdischen Lebens im Memelland.