Dossierbild Geschichte im Fluss

10.5.2012 | Von:
Nijole Strakauskaitė

Stadt der zwei Namen

Vier Jahrzehnte Geschichtspolitik

Auch in der Sprache machte sich die Geschichtspolitik bemerkbar. Die in der Zwischenkriegszeit benutzten Begriffe "Kleinlitauen" anstelle von "Preußisch Litauen" sowie "lietuvininkai" anstelle von "Preußischer Litauer" wurden wiederbelebt. Damit konnte man sich erneut von der preußischen und deutschen Geschichte mit ihren kulturellen Traditionen abgrenzen. Diese vier Jahrzehnte andauernde Politik konnte man noch 1986 in einem Bildband nachlesen, dessen Texte auf Litauisch, Russisch, Englisch, Deutsch und Französisch gedruckt wurden:

Der erste Akzent liegt auf Vorstellung Klaipėdas als litauischer Hafenstadt und "Wassertor zur Welt". Der Geschichte der Stadt bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts sind dagegen nur vier Seiten gewidmet, von denen wiederum nur ein Absatz die Erbauung der Memelburg erwähnt. Dabei wird betont, dass hier "die Stadt zu wachsen begann, Schiffe der Hanse anlegten und Handelsmärkte abgehalten wurden". Dies ist alles, was in der Veröffentlichung über das mittelalterliche Memel gesagt wird. Des Weiteren wird erwähnt, dass im 18. Jahrhundert mit dem Schiffsbau begonnen wurde, und im 19. Jahrhundert um die 800 Schiffe im Memeler Hafen anlegten. Auch wird die Bedeutung des König-Wilhelm-Kanals (benutzt wird der neue Name "Klaipėda-Kanal") erwähnt sowie die Einrichtung des ersten Elektrizitätswerks 1900 und die der Trambahn 1904. Der letzte Satz über die Geschichte der Stadt bis 1939 ist besonders charakteristisch: "Zu Zeiten der bourgeoisen Ordnung wurden am Ufer Industrie und Handel begründet, und es formierten sich Wirtschaftsbeziehungen zu ihrem Land."

Ungefähr zehn Sätze und ein geschliffener Stil sollten helfen, das Problem der Geschichte Klaipėdas bis zur sowjetischen Zeit zu lösen. Es ist interessant, dass im russischen und litauischen Text die Geschichte der Stadt zwischen 1923 und 1939 nur in dem einen, oben zitierten Satz beschrieben ist, sie im Deutschen und Englischen hingegen folgendermaßen interpretiert wird: "1923 wurde das ganze Gebiet Klaipėda mit der Hafenstadt als Verwaltungscentrum an Litauen abgeschlossen". "In 1923 the Klaipėda Territory and its administrative centre joined to Lithunia thus putting an and to the ages long occupation by Germany". Der Großteil des Textes aber widmet sich dem Ziel, die Vorteile des sowjetischen Klaipėda herauszustellen.

Bezogen auf das Kulturleben der Stadt, wurden nur die Personen genannt, die mit der litauischen kulturellen Tradition in Preußisch Litauen und dem Klaipėda der Zwischenkriegszeit verbunden waren: "Auf die reichen kulturellen Traditionen der Gegenwart blickend, gedenken die Bürger der Stadt mit Dankbarkeit und Hochachtung der Persönlichkeiten, die in diesem Gebiet die litauische Kultur verteidigt und gepflegt haben: K. Donelaitis, L. Rėza, A. und F. Kuršaitis, G. Sauerwein, E. Jagomastas, Vydūnas u.a."

Das Ännchen von Tharau als Wendepunkt

Das Ännchen von Tharau - Denkmal für Simon Dach auf dem Theaterplatz in Klaipėda.Das Ännchen von Tharau - Denkmal für Simon Dach auf dem Theaterplatz in Klaipėda. (© Inka Schwand)
Diese Stereotype blieben auch während des Untergangs der Sowjetunion sichtbar. So wurde die erste freie Zeitung in Klaipėda Mažoji Lietuva (Kleinlitauen) genannt, und das Landeskundliche Museum wurde zum Museum der Geschichte Kleinlitauens (so heißt es bis heute). Von Preußisch Litauen und Preußischen Litauern war zunächst keine Rede.

Allerdings setzte sich bald schon eine offenere Erzählung über die Geschichte der Stadt durch. Beispielhaft dafür war die Wiedererrichtung des Denkmals für Simon Dach. Noch im Jahre 1988 behauptete Antanas Stanevičius, Redakteur der während der Sowjetzeit einzigen in der Stadt herausgegebenen Tageszeitung Klaipėda, dass "in ganz Litauen nur der ein oder andere Mensch etwas von ihm gehört" habe. Gleichwohl gehörte Stanevičius zu den Initiatoren der Denkmalsinitiative. Am 18. November 1989 wurde schließlich auf dem Theaterplatz das wiedererrichtete Denkmal für Simon Dach mit der symbolischen Skulptur des Ännchens von Tharau enthüllt. Dieses Denkmal symbolisiert einen Wendepunkt bei der Suche nach der kulturellen Identität der Bewohner Klaipėdas. Es steht für die Annäherung an eine regionale Identität – trotz der "traditionellen Angst" vor einem deutschen Revanchismus, den es zu dieser Zeit noch gab. Die Atmosphäre dieser Zeit drückte der Titel eines Artikels von Stanevičius aus: "Ar sugrįš Onutė iš Taravos?" ("Kehrt das Ännchen aus Tharau zurück?"). Darin stecken sowohl die Zweifel, als auch die Hoffnung, die mit dem Denkmal verbunden waren. Um sicher zu gehen, wurde das Ännchen im Litauischen nicht beim regional üblichen Namen "Anikė" genannt, sondern mit dem litauschen "Onutė".

Ein weiterer Schritt in Richtung einer regionalen Erinnerungskultur war die internationale Konferenz zum 400. Geburtstag von Simon Dach, die im Sommer 2005 an der Universität Klaipėda stattfand. Auf ihr tauschten sich Wissenschaftler aus Litauen, Polen und Deutschland zu unterschiedlichen Aspekten des literarischen und gesellschaftlichen Wirkens Dachs aus. Diese Konferenz, wie auch das Simon-Dach-Haus, eine 1996 gegründete Institution zur Pflege der deutsch-litauischen Kulturbeziehungen, standen ganz im Zeichen einer Idee, die der Mitinitiator des Dach-Denkmals, Heinz Radziwill, so formulierte: Er hoffte, dass die Wiederaufstellung "ein Werk der deutsch-litauischen Freundschaft" sei und dass dies "einen Neuanfang der Kulturbeziehungen zwischen den vorherigen und den heutigen Bewohnern dieser Stadt" bedeute. Damit markiert die Wiedererrichtung des Denkmals 1989 in Klaipėda zweifellos einen Wendepunkt in der Debatte um regionale Identität. Nun brauchte man nicht mehr zwischen "deutschen" und "litauischen" Spuren der Geschichte unterscheiden, sondern konnte sich einlassen auf die Geschichte Klaipėdas und mit ihr die Geschichte Preußisch Litauens.

Die Königin Luise und ihre “lieben Litauer”

Inzwischen weiß die Mehrheit der Einwohner Klaipėdas, dass die Stadt, wenn auch nur kurz, die Hauptstadt des preußischen Königreichs war. Während der Napoleonischen Kriege lebte das preußische Königspaar im Memeler Exil. Zu dieser Kenntnis beigetragen hat auch eine am 30. Juli 1999 enthüllte Erinnerungstafel. Sie wurde am ehemaligen Rathaus angebracht, wo König Friedrich Wilhelm III. und die Königin Luise von 1807 bis 1808 lebten. Zudem erinnerte das Relief an das von Gerhard von Kügelgen gemalte Porträt Luises, das ehedem im Sitzungsaal des Rathauses hing.

Was aber bedeutet die preußische Königin für die Bewohner von Klaipėda heute? Eine Antwort darauf gab der Historiker Wolfgang Stribrny in seiner Ansprache zur Enthüllung der Tafel. Er unterstrich, dass wir uns an die Königin Luise nicht deshalb erinnern, weil sie in einer schweren Zeit in Memel gelebt habe, und auch nicht deswegen, weil sie eine schöne Frau gewesen sei, deren Erscheinung nicht wenige Zeitgenossen verzaubert habe. Bewunderung habe vielmehr der sich in ihrem Verhalten beständig ausdrückende Wunsch nach Frieden hervorgerufen sowie ihre unerschütterliche Heimatliebe. Darüber hinaus würde ihr tief empfundenes Rechtsgefühl auch heute dazu anregen, nicht zu vergessen, das diejenigen Völker, die sich an solchen Werten orientierten, einander besser verstünden. In diesem Sinne könne die Königin Luise in Klaipėda als Vorbild gelten, denn während sie in Memel wohnte, interessierte sie sich besonders für das Schicksal der Preußischen Litauer und versuchte ihnen zu helfen, im Rahmen ihrer Möglichkeiten, und "ihre lieben Litauer" verehrten sie dafür. Die Enthüllungszeremonie der Erinnerungstafel wurde in der Presse Klaipėdas breit behandelt und trug zweifellos zu einem vertieften Interesse der Bewohner der Stadt für ihre Geschichte bei.

Den Wunsch, die Bedeutung der Verdienste von Königin Luise für die Entwicklung der Kultur und Bildung in Stadt und Region zu würdigen, spiegelt eine Bitte an städtische Politiker vom Herbst 2006 wieder: Ein Jugendzentrum, das im Gebäude des ehemaligen Luisen-Gymnasiums gegründet werden sollte, sollte nach der Königin benannt werden. Die Bemühungen nach 1990, Luise wieder in die historische und kulturelle Landschaft Klaipėdas zurückzuführen, wurden schließlich von der Ausstellung "Königin Luise in Ostpreußen. Zwischen Zar und Kaiser" gekrönt, die vom 5. bis 27. Juli 2009 im Kleinlitauen-Museum stattfand. Zwar heißt das Jugendzentrum bis heute nicht nach Luise. Am 30. Juli dieses Jahres wurden aber vom Bürgermeister zwei restaurierte Gaslampen in einer feierlichen Zeremonie am Eingang des Gebäudes entzündet. Sie gehören zu den originalen Leuchtern des 1891 erbauten Gebäudes, die damals den Schülern des Königin-Luise-Gymnasiums den Weg wiesen und können als ein in jedem Wortsinn "leuchtendes" Symbol für die Rückkehr der Geschichte Klaipėdas gelten. Einer Geschichte, die nicht mehr zwischen einer "litauischen" und einer "deutschen" unterscheidet.

Übersetzung aus dem Litauischen: Eva Pluhařová-Grigiene


Zum Weiterlesen

Die Memel

  • Uwe Rada: Die Memel. Kulturgeschichte eines europäischen Stromes. Siedler Verlag (2010). Ein Buch, das einen vergessenen Strom im östlichen Mitteleuropa wieder zum Leben erweckt. "Uwe Rada rehabilitiert die Memel als Zukunftsort eines Europas der Völker – nicht der Nationen." (Der Tagesspiegel)

  • Ulla Lachauer: Paradiesstraße. Rowohlt Verlag (2007). Ein wunderbares Porträt der ostpreußischen Bäuerin Lena Grigoleit und mit ihr des Memellandes. "Wer diese Seiten liest, hat eine andere Welt kennengelernt." (Die Zeit)

  • Ulla Lachauer: Die Brücke von Tilsit. Begegnungen mit Preußens Osten und Russlands Westen. Rowohlt (1995). Mit diesem Reiseessay wurde Lachauer zur Pionierin der Wiederentdeckung des ehemaligen Ostpreußen.

  • Martin Rosswog/Ulla Lachauer: Menschen an der Memel. Edition Braus (2009). Einfühlsame Porträts von Menschen im Memelland durch die Autorin Ulla Lachauer und den Fotografen Martin Rosswog.

  • Andreas Kossert: Ostpreußen. Geschichte und Mythos. Pantheon Verlag (2007). Kossert beschreibt Ostpreußen als multikulturelles Grenzland zwischen Polen, Deutschen und Litauern. "Kossert wirft einen ganz neuen und für viele überraschenden Blick auf das Land der dunklen Wälder und kristallnen Seen." (Die Zeit)

  • Ruth Leiserowitz: Sabbatleuchter und Kriegerverein. Juden in der ostpreußisch-litauischen Grenzregion 1812-1942. Fibre Verlag (2010). Die Autorin, bekannt über ihre Studien zu Ostpreußen und den Wolfskindern, berichtet über den Beginn und das Ende jüdischen Lebens im Memelland.