Dossierbild Geschichte im Fluss

10.5.2012 | Von:
Uwe Rada

Strom der Erinnerung

Johannes Bobrowski hat mit seiner Novelle Litauische Claviere die Memel in der deutschen Literatur verewigt. Doch die Literatur an diesem Fluss reicht weit über den einst ostpreußischen Unterlauf hinaus. Eine Erkundung in vier Etappen.

Denkmal für den polnischen Nationaldichter Adam Mickiewicz im weißrussischen Nahwahrudak.Denkmal für den polnischen Nationaldichter Adam Mickiewicz im weißrussischen Nahwahrudak. (© Inka Schwand)

Johannes Bobrowski, der wohl bekannteste Lyriker Ostpreußens, hat in seinem Gedicht Die Memel den Ton vorgegeben, der angeschlagen wird, wenn in Deutschland nach 1945 von diesem Fluss die Rede ist:

Hinter den Feldern, weit,
hinter den Wiesen
der Strom.
Von seinem Atem aufweht die Nacht.
Über den Berg fährt der Vogel und schreit (...)

Aus der Finsternis
Kommst du, mein Strom,
aus den Wolken.
Wege fallen dir zu
und die Flüsse, Jura und Mitwa,
jung, aus Wäldern, und lehmschwer
Szeszupe. Mit Stangen die Flößer
treiben vorbei. Die Fähre
liegt auf dem Sand. (…)

Strom,
alleine immer kann ich dich lieben
nur.
Bild aus Schweigen.
Tafeln dem Künft’gen: mein Schrei.
Der dich nie erhielt.
Nun im Dunkel
halt ich dich fest.

Ein Deutscher im Osten

Bobrowskis Gedicht erschien 1961 im Bändchen Sarmatische Zeit, zuerst in der Stuttgarter Deutschen Verlags Anstalt, kurz darauf im Ostberliner Unionsverlag. Die SED hatte gerade die Mauer bauen lassen, der Eiserne Vorhang zog sich zu, fast blickdicht verhängte er den Westdeutschen die Sicht auf verlorene Heimaten: die Sudeten, Schlesien, Pommern, Westpreußen, Ostpreußen, das Memelland. In der DDR, wiewohl auf der östlichen Seite des Vorhangs gelegen, war es nicht anders. Über Flucht und Vertreibung hatte das SED-Regime, auch aus Rücksicht auf die Sowjetunion, den Mantel des Schweigens gelegt – und das Erinnern an die Orte und Flüsse der Kindheit ins Private gedrängt. Und plötzlich erhob da einer seine Stimme und besang einen Strom, der vor allem durch die erste Strophe des Deutschlandlieds bekannt war. Was war das für einer, der da mit einem Male ins literarische Geschehen drängte? Ein Ewiggestriger, ein Unerschrockener, ein unpolitischer, gar ein naiver Poet?

110

Kilometer lang war der ostpreußische Abschnitt der Memel. Das ist gemessen am Gesamtlauf nicht viel. Den größten Anteil heute hat mit 459 Kilometern Belarus.

354.000

Einwohner zählt das litauische Kaunas. Es ist damit die größte Stadt an der Memel, gefolgt von Grodo in Belarus mit 328.000 Einwohnern und Sowjetsk/Tilsit im Kalinigrader Gebiet mit 42.000 Einwohnern.



Es war Bobrowski selbst, der Auskunft gab über sein literarisches Erinnern an den Verlust. 1961, als sein erster Gedichtband veröffentlicht wurde, schrieb der 44-Jährige an den Schriftstellerverband der DDR:

"Zu schreiben habe ich begonnen am Ilmsee 1941, über russische Landschaft, aber als Fremder, als Deutscher. Daraus ist ein Thema geworden, ungefähr: die Deutschen und der europäische Osten. Weil ich um die Memel herum aufgewachsen bin, wo Polen, Litauer, Russen, Deutsche miteinander lebten, unter ihnen allen die Judenheit."

Nein, ein Ewiggestriger war das nicht, der da über die "lange Geschichte aus Unglück und Verschuldung, seit den Tagen des deutschen Ordens" sinnierte, wohl aber einer, der sich die Erinnerung nicht nehmen ließ. Horst Bienek, der Westdeutsche aus dem ehemaligen deutschen Osten, der ihm darin in nichts nachstand, urteilte nach dem frühen Tod seines Schriftstellerkollegen 1968: "Seine Welt war begrenzt, sein Werk nicht umfangreich; aber in dem Ausschnitt, den er gab, hat er Vollkommenheit erreicht."

Johannes Bobrowski wurde am 9. April 1917 in Tilsit geboren, er wuchs, wie er in seiner "Bio-Bibliographie" an den Schriftstellerverband notierte, "auf beiden Seiten der Memel" auf. "Der Strom", wie ihn alle nannten, hat ihn geprägt – und auch die multikulturelle Atmosphäre, die in Tilsit herrschte. Dieser vielsprachigen Grenzlandschaft setzte er mit seinem letzten Roman Litauische Claviere ein literarisches Denkmal. Die Geschichte handelt vom Gymnasiallehrer Voigt und dem Konzertmeister Gawehn, die im Jahre 1936 dem litauischen Nationaldichter Kristijonas Donelaitis eine Oper widmen wollen. Doch das Miteinander hat zu dieser Zeit bereits erste Risse bekommen, wie die Fahrt mit der Kleinbahn zeigt, die Voigt und Gawehn über den Strom in Richtung des Dörfchens Willkischken antreten:

"Es hatte ihn festgehalten am Fenster, jetzt begannen die Wiesen, er hatte kaum bemerkt wie der Zug hielt, hatte dem litauischen Zollbeamten die Grenzkarte für den Tagesstempel hingehalten und sie wieder eingesteckt, der Zug war weitergefahren, in die Wiesen hinein."

Zollbeamte, Grenzkarten, Grenze. Bobrowskis Erzählung spielt in einer Zeit, in der das drohende Unheil bereits aufgezogen war. Nach dem Ersten Weltkrieg war das Memelland ein Politikum geworden. Zuerst unter französischer Verwaltung, wurde das Gebiet nördlich der Memel 1923 von litauischen Truppen besetzt. Die internationale Gemeinschaft akzeptierte die Annektion, forderte von der litauischen Regierung im Gegenzug aber weitreichende Minderheitenrechte für die Deutschen. Vor allem nach 1933 begannen die Hitleranhänger im Memelland gegen die litauische Verwaltung Stimmung zu machen. Nicht mehr die Grenzgänger hatten nun das sagen, sondern die Grenzschützer. In Bobrowskis Litauischen Clavieren mündet der Kampf der Nationalitäten in eine Massenschlägerei am heiligen Berg der Litauer, dem steil über dem Ufer der Memel aufragenden Rombinus. Die deutsch-litauische Oper, die der Gymnasiallehrer Voigt und der Konzermeister Gawehn im Sinn hatten, bleibt unvollendet.

Eine imaginäre Welt

Wer heute im russischen Sowjetsk durch die Straßen schlendert, kann den literarischen Spuren von Voigt und Gawehn noch immer folgen. Erhalten blieb das Gymnasium, in dem die Romanfigur Professor Voigt einst unterrichtete, an ihm nahm der gemeinsame Ausflug ins litauische Willkischken seinen Anfang. Erhalten blieb auch das Theater, an dem Bobrowskis Gawehn als Konzermeister arbeitete. Selbst die Hohe Straße, die Prachtmeile von Tilsit mit ihren Jugendstilhäusern, hat den Krieg überstanden. Sie heißt heute ulica Pobedy, Straße des Sieges.

Und auch Johannes Bobrowski, der Dichter der vergessenen Landschaft, ist in seiner Geburtsstadt wieder präsent. Schon 1992, zu seinem 75. Geburtstag, brachte die Stadtverwaltung eine Gedenktafel in der ulica Smolenskaja, der ehemaligen Grabenstraße an. Auf ihr ist zu lesen, dass "in dieser Straße der bekannte deutsche Schriftsteller und Kulturschaffende Johannes Bobrowski geboren wurde und lebte". Allerdings: Die Grabenstraße 7, das Geburtshaus des Dichters, steht nicht mehr. Die Gedenktafel wurde kurzerhand am Nachbarhaus angebracht.

All das kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass mit den Deutschen an der Memel auch die deutsche Memelliteratur in Vergessenheit geraten ist. Johannes Bobrowski, der wenige Tage nach der Vollendung seiner Litauischen Claviere am 2. September 1965 in Berlin starb, muss die Vergeblichkeit seiner literarischen Erinnerung bewusst gewesen sein. Nicht umsonst schrieb er sich, auch mit den Titeln seiner Gedichtbände – Sarmatische Zeit oder Schattenland Ströme – in eine Sphäre, die Horst Bienek, der Freund, als "eine fiktive, eine imaginäre Welt" bezeichnet hat. Bobrowski dichtete gegen das Vergessen an, in dem er die Welt, die er davor bewahren wollte, der Gegenwart noch weiter entrückte – in eine ferne Vor-Vergangenheit, in der die Ufer der Memel tatsächlich allen gehörten. Nicht nur als Dichter des deutschen und litauischen Memellands hat sich Bobrowski der Nachwelt vermittelt, sondern auch als Dichter des Mittel- und Oberlaufs des Stroms.

Nirgendwo wird dies so deutlich wie in seinem Gedicht über Wilna, dem kulturellen Zentrum des Großfürstentums Litauen, das zugleich eine poetische Vermessung des litauischen, polnischen, ruthenischen und jüdischen Raums des Memelstroms und seiner Geschichte ist:

Wilna, du reifer Holunder!
Mit grünen Augen
ist deine Wolfzeit versunken.
Ur und Bär und der Eber,
da sie erschreckte der Hornschrei
Giedimins, sie hielten
erst am Njemen atmend,
im Eichwald über dem Ufer,
äugten hinab. Es hat
Mickiewicz besungen der wilder
leuchtenden Tage Glanz
und das Düster.

Der multikulturelle Nationalheld

Über Sowjetsk/Tilsit wacht heute immer noch Genosse Lenin.Über Sowjetsk/Tilsit wacht heute immer noch Genosse Lenin. (© Inka Schwand)
Ortswechsel. Einige hundert Kilometer stromaufwärts von Tilsit/Sowjetsk erhebt sich aus dem Tiefland Weißrusslands eine zauberhafte Anhöhe. 355 Meter misst sie an ihrer höchsten Stelle, dem Berg von Nawahrudak, um den die Memel einen großen Bogen macht. Nawahrudak ist ein besonderer Ort, das sieht man schon von weitem. Auf der ehemaligen Burg herrschte von 1238 bis 1263 der litauische Staatsgründer Mindaug, hier soll er auch begraben sein. Nawahrudak ist zudem mit jenem Dichter verbunden, von dem Johannes Bobrowski sagte, er habe "der wilder leuchtenden Tage Glanz und das Düster" dieser Landschaft besungen. Tatsächlich war Adam Mickiewicz, den die Polen als Dichterfürsten verehren, in seinen Gedichten und Poemen immer wieder zur Landschaft seiner Kindheit in Zawossie bei Nawahrudak zurückgekehrt, wo er am 24. Dezember 1798 geboren wurde. Zu dieser Landschaft zählte er auch die Memel, die hier, an ihrem Oberlauf, von zahlreichen Zuflüssen gespeist wird. Selbst im fernen Exil in Paris war ihm der Strom ein Band der Erinnerung an die Heimat und an längst entrückte Kindheitstage:

Niemen, mein Heimatstrom! Wo sind die Wellen,
Die einst das Kind genetzt, wenn’s Blumen pflückte,
In die der Jüngling dann, der glutberückte,
Getaucht an wild einsamen Waldesstellen?

Dass Adam Mickiewicz zum polnischen Nationaldichter wurde, war zu Lebzeiten nicht abzusehen: Wohl verhalf er als Romantiker der aufstrebenden Nationalbewegung zu ihren Volksmärchen, Balladen und Sagen. Als Patriot setzte er sich für den Kampf gegen die russische Fremdherrschaft und die Schaffung eines neuen, freien Polen ein. Als Dichter schuf er mit der Versdichtung Pan Tadeusz ein Werk, das ohnegleichen in der Weltliteratur ist – ein ebenso patriotisches wie spöttisches Sittengemälde des polnischen Adels, an dessen Streitigkeiten einst die Rzeczpospolita, die polnisch-litauische Adelsrepublik, zugrunde ging. In der Einigung des Adels sah Mickiewicz die Voraussetzung für die Wiedergeburt Polens.

„Niemen, mein Heimatstrom! Wo sind die Wogen? Mit ihnen so viel Glück und sel’ges Wähnen Wohin ist meiner Kindheit Lust verflogen?“

Adam Mickiewicz, 1826

„Die Dzimken, die Flößer, die mit den Hölzern stromab aus Russland kommen, sitzen in ihren langen, grauen Hemden auf der Floßkante und baden sich die Füße. Hinter ihnen rauchen die Kessel zum Frühstücksbrot.“

Hermann Sudermann, 1917

„Die weiße Küste ist schön geschwungen, man könnte glauben in Nordafrika zu sein.“

Thomas Mann, 1929

„Aus der Finsternis kommst du, mein Strom, aus den Wolken. Wege fallen dir zu und die Flüsse, Jura und Mitwa, jung, aus Wäldern, und lehmschwer, Szeszupe.“

Johannes Bobrowski, 1961

„Zu schreiben habe ich begonnen am Ilmsee 1941, über russische Landschaft, aber als Fremder, als Deutscher. Daraus ist ein Thema geworden, ungefähr: die Deutschen und der europäische Osten. Weil ich um die Memel herum aufgewachsen bin, wo Polen, Litauer, Russen, Deutsche miteinander lebten, unter ihnen allen die Judenheit.“

Johannes Bobrowski, 1961

„Diese Grenzen sind temporäre Grenzen. Früher oder später bringt uns der Fluss wieder zusammen.“

Krzysztof Czyzewski, 2009
Doch zum Nationalhelden wurde Mickiewicz erst posthum. Zu Lebzeiten hatte er sich, vor allem aus den Reihen der Warschauer Kritiker, sogar des Vorwurfs erwehren müssen, die polnische Sprache zu verunstalten. Dass die Hüter der polnischen Sprache derartige Geschütze gegen den Dichter aus dem Osten auffuhren, wundert kaum. Schließlich galt die Gegend um Nawahrudak nicht nur als eine ferne und fremde Landschaft, in der sich Geschichte und Gegenwart, Dichtung und Wahrheit vermengten. Der Oberlauf der Memel war auch ein ethnischer, religiöser und sprachlicher melting pot, in dem die Wörter, Dialekte und Sprachen fließend ineinander übergingen. Dort, in jenem Babylon an der Memel, fühlte sich Mickiewicz zuhause. Warschau dagegen sah er nie und auch nicht die alte Königsstadt Krakau, in der sein Leichnam im Jahre 1900 seine letzte Ruhestätte fand.

Einer, der an den anderen, den nicht nur polnischen Adam Mickiewicz erinnern möchte, ist Anatol Jaumieniau. In Zawossie, inmitten einer sanften, hügeligen Landschaft zwischen Nawahrudak und Baranawitschy, steht das Geburtshaus von Adam Mickiewicz, und Anatol Jaumieniau, der Direktor des dazugehörigen Museums, will darin das vielstimmige Grundrauschen an der Memel wieder aufleben lassen. Vom Glück der Kindheit des jungen Adam spricht er, der ersten Liebe zu Maryla, die unerfüllt blieb, von der Schreibstube, die sich der junge Student im Wirtschaftsgebäude des elterlichen Folwark eingerichtet hat, da war er längst nach Wilna gezogen, ins intellektuelle Zentrum der polnisch-litauisch-weißrussischen-jüdischen Welt, die so anders war als das vorwiegend polnischsprachige Warschau. Immer schneller spricht Jaumieniau, und immer öfter wechselt er die Sprache, mal weißrussisch, mal polnisch, dazwischen ein paar Wörter auf Litauisch. "So hat Mickiewicz gesprochen", sagt er und lächelt vielsagend. Seine Botschaft ist eindeutig: Nicht nur den Polen gehört der Dichter des Pan Tadeusz, sondern auch den Weißrussen und den Litauern.


Zum Weiterlesen

Die Memel

  • Uwe Rada: Die Memel. Kulturgeschichte eines europäischen Stromes. Siedler Verlag (2010). Ein Buch, das einen vergessenen Strom im östlichen Mitteleuropa wieder zum Leben erweckt. "Uwe Rada rehabilitiert die Memel als Zukunftsort eines Europas der Völker – nicht der Nationen." (Der Tagesspiegel)

  • Ulla Lachauer: Paradiesstraße. Rowohlt Verlag (2007). Ein wunderbares Porträt der ostpreußischen Bäuerin Lena Grigoleit und mit ihr des Memellandes. "Wer diese Seiten liest, hat eine andere Welt kennengelernt." (Die Zeit)

  • Ulla Lachauer: Die Brücke von Tilsit. Begegnungen mit Preußens Osten und Russlands Westen. Rowohlt (1995). Mit diesem Reiseessay wurde Lachauer zur Pionierin der Wiederentdeckung des ehemaligen Ostpreußen.

  • Martin Rosswog/Ulla Lachauer: Menschen an der Memel. Edition Braus (2009). Einfühlsame Porträts von Menschen im Memelland durch die Autorin Ulla Lachauer und den Fotografen Martin Rosswog.

  • Andreas Kossert: Ostpreußen. Geschichte und Mythos. Pantheon Verlag (2007). Kossert beschreibt Ostpreußen als multikulturelles Grenzland zwischen Polen, Deutschen und Litauern. "Kossert wirft einen ganz neuen und für viele überraschenden Blick auf das Land der dunklen Wälder und kristallnen Seen." (Die Zeit)

  • Ruth Leiserowitz: Sabbatleuchter und Kriegerverein. Juden in der ostpreußisch-litauischen Grenzregion 1812-1942. Fibre Verlag (2010). Die Autorin, bekannt über ihre Studien zu Ostpreußen und den Wolfskindern, berichtet über den Beginn und das Ende jüdischen Lebens im Memelland.