Dossierbild Geschichte im Fluss

11.5.2012 | Von:
Philippe Meyer

Die Pariser Peripherie

Eigentlich hat der Rhein zwei Teile. Der Mittelrhein ist ein deutscher Fluss, auch wenn Frankreich einst den Anspruch auf die Rheingrenze erhob. Der Oberrhein dagegen ist als Grenzfluss zwischen Deutschland und Frankreich viel spannender. Weil er aus der Pariser Perspektive am Rande liegt, kann er, wie das Elsass, Frankreich mit Europa verbinden.

Die Ill, ein Nebenfluss des Rheins, fließt mitten durch Straßburg.Die Ill, ein Nebenfluss des Rheins, fließt mitten durch Straßburg. (© Inka Schwand)

Am Rhein treffen Politik und Geographie unmittelbar aufeinander. Eigentlich handelt es sich um zwei Flüsse: der mächtige Unterlauf durchquert einen Großteil deutschen Gebiets von Karlsruhe bis Duisburg, wohingegen der weniger imposante Oberlauf zwischen Basel und Straßburg Deutschland von Frankreich abgrenzt. Beim unteren Rhein handelt es sich um einen Binnenfluss, beim oberen um einen Grenzfluss. Der erste ist ein Strom, der die Deutschen in ihrem Innersten berührt, der zweite ist ein politischer Fluss.

Der politische Fluss

Das revolutionäre Frankreich ist 1797 an den Rhein vorgedrungen, um seine freiheitlichen Ideale gegenüber der konservativen, ängstlichen Reaktionsbewegung der europäischen Herrscher zu verteidigen. Kaiser Napoleon I. hat diesen Vormarsch als Vorwand benutzt, um den Rheinbund zu gründen, mit dessen Hilfe er mittels eines Federstrichs das tausendjährige Heilige Römische Reich austilgen und eine Rückzugsbasis für seinen Vormarsch in Preußen und Russland schaffen konnte. Und Napoleon III., der exzentrische Neffe des bereits Erwähnten, bildete sich ein, dem Beispiel seines Vorfahren folgen zu können, falls er Bismarck gegen Österreich unterstütze.

Jedoch haben all diese Annexionen und Annexionsversuche am linken Ufer des Mittel- und Unterrheins einen schlechten Ausgang genommen. Es ist unmöglich, sich innerhalb weniger Jahre militärisch ein Gebiet anzueignen, das einmal zum Ostfrankenreich gehört hatte. Frankreich hat sich hier nur vage verewigt – durch seinen beeindruckenden und humanen Code Civil.

„Für die Nacktheit des verengten Rheinufers unterhalb Bingen erhält der Landschaftskenner keine Entschädigung. Die Hügel zu beiden Seiten haben nicht jene stolze, imposante Höhe, die den Beobachter mit einem mächtigen Eindruck verstummen heißt; ihre Einförmigkeit ermüdet endlich, und wenngleich die Spuren von künstlichem Anbau an ihrem jähen Gehänge zuweilen einen verwegenen Fleiß verraten, so erwecken sie doch immer auch die Vorstellung von kindischer Kleinfügigkeit. Das Gemäuer verfallener Ritterfesten ist eine prachtvolle Verzierung dieser Szene; allein es liegt im Geschmack ihrer Bauart eine gewisse Ähnlichkeit mit den verwitterten Felsspitzen, wobei man den so unentbehrlichen Kontrast der Formen sehr vermisst.“

Georg Forster, 1790

„Ja, mein Freund, der Rhein ist ein edler Fluss: aristokratisch, republikanisch, kaiserlich, würdig, sowohl Frankreich als auch Deutschland anzugehören.“

Victor Hugo, 1842

„Wo heute noch der laute und wirre Jahrmarkt der Eitelkeiten tummelt, kann morgen der Garten der deutsch-französischen Freundschaft im Licht stehen. Nur hier.“

René Schickele, 1932

„Geboren bin ich in Köln, wo der Rhein, seiner mittelrheinischen Lieblichkeit überdrüssig, breit wird, in die totale Ebene hinein auf die Nebel der Nordsee zufließt.“

Heinrich Böll, 1959
Der Mittel- und Unterrhein hat also nichts von seiner deutschen Zugehörigkeit verloren. Die majestätische Kraft und geheimnisvolle Schönheit dieses Flusses berührten deutsche Geistesgrößen wie Goethe, Heine, Brentano und Hölderlin oder wurde – als "deutsche Macht" – von Nikolaus Becker, Max Schneckenburger, Lorenz Clasen oder Ernst Moritz Arndt verherrlicht.

Dichtung und Malerei übertrafen sich in Huldigungen an den Rhein. Eine riesige Bronze-Germania mit einem beeindruckenden Schwert in der Linken, thront bei Bingen über dem Rhein. Beim Zusammenfluss von Rhein und Mosel blickt eine Kaiser Wilhelm I. auf Vater Rhein, und die Statuen der deutschen Kaiser auf der Kölner Rheinbrücke wachen noch immer über den "nährenden" Rhein. Dieser heroische Rhein hat seinen Beitrag zur Glanzzeit des, allgemeine Bewunderung und Respekt hervorrufenden, deutschen Genies geleistet. Er ist deutsch, kann nur deutsch sein und wird immer der Germania angehören. Der ihn betreffende Anspruch Frankreichs in der Vergangenheit erscheint uns heute als geringfügige Lappalie ohne Perspektive und Nachwirkung.

Der Grenzfluss

Der von der beeindruckenden Spitze des Straßburger Münsters überragte Oberrhein lässt ganz andere Gedanken aufkommen. Julius Cäsar hat ihn, zur Verstärkung seines Wachpostens Limes, in eine Bastion verwandelt. Vauban, der große Militärarchitekt Königs Ludwig XIV., hat den Oberrhein massenhaft mit Verteidigungseinrichtungen gespickt, und Frankreich hat ihn mit einer Maginot-Linie verteidigt, auf die das Deutsche Reich mit der Errichtung der Siegfried-Linie reagierte. Der obere Rhein war die von Frankreich und Deutschland gleichermaßen verabscheute Grenze, weil sie dem von beiden Seiten gehegten Wunsch, sie niederzureißen, nicht nachgegeben hat und weil sie den Territorialansprüchen beider Seiten im Wege stand.

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Welterbestätten der Unesco hat der Rhein. Das romantische Obere Mittelrheintal zwischen Bingen und Koblenz sowie den Obergermanisch-Rätischen Limes, der in Rheinbrohl in Rheinland-Pfalz beginnt.



Frankreichs Gebietsansprüchen inhärent war der Oberrhein als, schon von den Bourbonenkönigen 1648 auserkorene, Ostgrenze, demzufolge das linksrheinische Elsass eine unaufgebbare Provinz Frankreichs geworden wäre. Die deutschen Ansprüche liefen auf eine Rückkehr dieses Gebiets hinaus, das zwölf Jahrhunderte lang zu Deutschland gehört hatte.

Diese Konfrontationen haben drei Kriege ausgelöst und Millionen Opfer gefordert. Zwischen 1870 und 1945 ist das Elsass drei Mal französisch und zwei Mal deutsch gewesen, und die Auflage, eine vergessene Sprache zu sprechen, hat zur Spaltung innerhalb der Generationen beigetragen.

Schwierige Annäherung

1931 hat der Historiker Lucien Febvre in seinem Buch über den Rhein abschließend auf die "keine Lösung enthaltende" deutsch-französische Problematik und die daraus resultierende Verzweiflung hingewiesen. Der Untergang der nationalsozialistischen Diktatur hat glücklicherweise das Gegenteil bewiesen. Der letzte Weltkrieg war ein Angriff auf den, den Europäern seit Jahrtausenden vertrauten, jüdisch-christlichen Moralbegriff. Menschliches Leben ist ausgelöscht, die Unschuld mit Füssen getreten und die Kultur zerschlagen worden – durch eine unter Einsatz von Wissenschaft und Technik unvorstellbare Ausmaße erreichende Unmenschlichkeit. Der 1963 unterzeichnete Elysée-Vertrag war Ausdruck der Versöhnung zwischen Deutschland und Frankreich. Ein politisches Europa ist entstanden, samt Europäischem Parlament. Die Europabrücke in Kehl ist zum Verbindungsglied zwischen den beiden Ufern des Oberrheins geworden, der Fluss ist kein Hindernis mehr. Den Deutschen ist es nicht mehr verwehrt, auf den Spuren Goethes den Turm des Straßburger Münsters zu erklimmen und die elsässische Ebene zu bewundern. Dasselbe gilt für die Franzosen in Bezug auf das Freiburger Münster.

Dieser lange Zeit unerreichbar scheinende Friede, auf den man nicht zu hoffen wagte, hat ganz neue, für das 21. Jahrhundert spezifische Fragen aufgeworfen, die uns immer noch beschäftigen. Welche Stellung nimmt der Oberrhein im neuen deutsch-französischen Verhältnis ein? Reflektiert seine Physiognomie nun eine doppelte Zugehörigkeit? Wem gehört der Oberrhein? Anders gesagt: Gibt es noch einen französischen Rhein?

Die besondere Rolle des Elsass

Die Antwort wird man hauptsächlich im Elsass, am linken oberen Rheinufer, finden. Diese Provinz ist nie eine gewöhnliche französische Provinz gewesen: Vier Jahrhunderte französischer Regierung konnten die von Deutschland geprägten zwölf Jahrhunderte nicht vergessen machen. Der deutsche Dialekt hat noch immer eine Vorrangstellung auf dem Land, und man versteht Deutsch in den Städten. Die Elsässer Protestanten beten noch auf deutsch, und die Elsässer lieben deutsche Dichtung. Die Kirchenlieder Luthers, Paul Gerhardts und Zinzendorfs werden seit Generationen gelehrt, gesungen und aufgesagt, selbst in Familien, die Französisch als Umgangssprache gewählt haben. Das Elsass wollte nicht der militärische Vorposten der Französischen Republik sein und hat die Exzesse des französischen Staats nach den deutschen Niederlagen nicht gebilligt: die den im Elsass ansässigen Deutschen auferlegten Schwierigkeiten wurden sehr negativ aufgenommen. Die Zwangslage der Deutschen war so groß, dass einige, durch diese Exzesse bestürzte und entrüstete Elsässer dem Beispiel Julius Lebers gefolgt sind, einem gebürtigen Elsässer, der in Deutschland den aufkommenden Nationalsozialismus bekämpfte.

Als in Paris nach dem Sieg von 1918 die Rückgliederung des Elsass nach Frankreich ohne regionale Volksabstimmung beschlossen wurde, stieß dies in dieser Region auf Unverständnis. Die jahrhundertealten Beziehungen zu Baden, dank derer Straßburg 1871 seine Belagerung, samt den daraus entstandenen Blessuren verkraften konnte, sind im Elsass in steter Erinnerung.

Das Elsass ist aber auch mit Frankreich eine Bindung eingegangen. Mit der Wertvorstellung der Französischen Revolution wurde, im Einklang mit ihren altruistischen Idealen, die durch das Ancien Régime erzwungene Unterwürfigkeit ausgemerzt. Das Elsass ist stolz auf Kléber und Rapp, seine Söhne, die Generäle der Rheinarmee wurden, und es ehrt sie mit Standbildern in Straßburg und Colmar. Das blindwütige Trommelfeuer des preußischen Generalstabs und die brutale Annexion durch Preußen 1871 haben ihm schwer zugesetzt. Das Elsass hat sich gegen den Nationalsozialismus, die Ungeheuerlichkeiten in Struthof, dem Konzentrationslager in den Vogesen, gegen Sondergerichte, Exekutionen, Deportationen und zwangsweise Eingliederung ins deutsche Heer aufgelehnt. Auf den Rhein, seinen Fluss, zu verzichten, wäre absurd und undenkbar.

Das Elsass ist demnach eine "französische Ausnahme", eine Provinz mit Doppelcharakter, mit germanischen und französischen Wurzeln. Es ist sowohl deutsches Gebiet, wo Ordnung, Disziplin, Härte und Arbeitsmoral gepriesen werden, aber auch Brillanz, Leichtigkeit, Regellosigkeit, Widerspruchsgeist und Scharfsinnigkeit, also das französische Erbe, anzutreffen sind. In seiner 1951 verfassten Psychoanalyse de l’Alsace bekräftigt Hoffet diese These auf seine Art: "Dieses Gebiet ist weder dies, noch das; es ist gleichzeitig dies und das und darüber hinaus noch etwas, was weder dies noch das ist. Es ist dies, wegen seiner Bevölkerung und der Sprache, dies, durch seine Sitten und das, durch die Sensibilität, dies, durch das Herz und das, durch den Geist".

Das ist der Grund, weshalb das Elsass wieder deutsch wurde, nachdem es Frankreich angehört hatte, warum es der eine oder andere seiner vorherigen Eigentümer zurück forderte und warum viele Elsässer vom Gedanken der Autonomie fasziniert waren, da für sie kein Ende des Hin und Her zwischen Frankreich und Deutschland absehbar war.


Zum Weiterlesen

Der Rhein

  • Lucien Febvre: Der Rhein und seine Geschichte. Campus Verlag (2006): Der Klassiker der Rheinliteratur. Febvre beschreibt den Rhein erstmals aus einer übernationalen Perspektive. "Lucien Febvre ist der Aufklärung verpflichtet." (Die Zeit)

  • Horst Johannes Tümmers: Der Rhein. Ein europäischer Fluss und seine Geschichte. Beck Verlag München (1994). Tümmers hat sich die Geschichte des Stromes zu Fuß erlaufen. Noch immer ein Standardwerk. "Ein generalistisches, im besten Sinne gelehrtes, informatives und nicht zuletzt aufrüttelndes Buch." (Sehepunkte)

  • Gertrude Cepl-Kaufmann/Antje Johanning: Mythos Rhein. Kulturgeschichte eines Stromes. Primus Verlag (2003). Die Geschichte des Rheins als literarische Geschichte. "Ein origineller Ansatz zu einer Kulturgeschichte." (NZZ)

  • Karen Denni: Rheinüberschreitungen. Grenzüberwindungen. UVK-Verlag (2008). Karen Denni schreibt die Geschichte der Brücken zwischen Straßburg und Kehl und mit ihr ein Stück deutsch-französische Geschichte.