Dossierbild Geschichte im Fluss
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Das Tor zur Welt


11.5.2012
Rotterdam ist Europas größter Hafen und ein Umschlagplatz für Güter aus aller Welt. Den Menschen im Delta des Rheins sind die Nordsee und die weite Welt näher als das malerische Mittelrheintal in Deutschland oder der Oberlauf des Rheins zwischen Deutschland, Frankreich und der Schweiz.

Der Rotterdamer Hafen ist der größte in Europa.Der Rotterdamer Hafen ist der größte in Europa. (© Gunda Schwantje)

Rotterdam summt und brummt. Wer an der Willemskade im Herzen der Stadt am Ufer der Nieuwe Maas am Wasser sitzt, erfährt den tiefen Bass der Schiffsmotoren, hört das Surren vorbeiflitzender Wassertaxis, vernimmt unentwegt den Klang emsiger Betriebsamkeit. Entlang der Nieuwe Maas schaut der Spaziergänger auf extravagante Bürotürme aus Stahl und Glas, erblickt moderne Wohnblöcke am Flussufer und sieht die elegante, 800 Meter lange Erasmus-Brücke die beiden Ufer verbinden. Und wohin der Streifzug einen auch führt in dieser Stadt – an der Nieuwe Maas ist die Nähe zum Meer allgegenwärtig; gut 40 Kilometer sind es noch, bis dieser Rheinarm bei Hoek van Holland die Nordsee erreicht. Rund 1.280 Kilometer bis hinauf in die Schweizer Alpen müssten Rotterdamer flussaufwärts reisen, wollten sie ihren Fluss an der Quelle erleben.

„Für die Nacktheit des verengten Rheinufers unterhalb Bingen erhält der Landschaftskenner keine Entschädigung. Die Hügel zu beiden Seiten haben nicht jene stolze, imposante Höhe, die den Beobachter mit einem mächtigen Eindruck verstummen heißt; ihre Einförmigkeit ermüdet endlich, und wenngleich die Spuren von künstlichem Anbau an ihrem jähen Gehänge zuweilen einen verwegenen Fleiß verraten, so erwecken sie doch immer auch die Vorstellung von kindischer Kleinfügigkeit. Das Gemäuer verfallener Ritterfesten ist eine prachtvolle Verzierung dieser Szene; allein es liegt im Geschmack ihrer Bauart eine gewisse Ähnlichkeit mit den verwitterten Felsspitzen, wobei man den so unentbehrlichen Kontrast der Formen sehr vermisst.“

Georg Forster, 1790

„Ja, mein Freund, der Rhein ist ein edler Fluss: aristokratisch, republikanisch, kaiserlich, würdig, sowohl Frankreich als auch Deutschland anzugehören.“

Victor Hugo, 1842

„Wo heute noch der laute und wirre Jahrmarkt der Eitelkeiten tummelt, kann morgen der Garten der deutsch-französischen Freundschaft im Licht stehen. Nur hier.“

René Schickele, 1932

„Geboren bin ich in Köln, wo der Rhein, seiner mittelrheinischen Lieblichkeit überdrüssig, breit wird, in die totale Ebene hinein auf die Nebel der Nordsee zufließt.“

Heinrich Böll, 1959

Weit verzweigtes Delta



Wo sich der Rhein ins Meer ergießt, ist das Land flach wie ein Pfannkuchen, hier gibt es oft mehr Wasser als Land: durch die vielen Rheinarme, die in die Nordsee münden. Mitten in diesem Labyrinth aus Flussarmen und künstlichen Wasserwegen liegt Rotterdam, die pulsierende Metropole, mit seinem Hafen, dem größten Europas. Rotterdam und der Hafen bilden das Herzstück im Delta von Rhein und Maas.

Dieses Flussdelta bildet sich im Grunde schon ein gutes Stück flussaufwärts – unmittelbar an der niederländisch-deutschen Grenze, gleich hinter dem Dorf Spijk. Dort, wo der große Strom die Niederlande erreicht, teilt sich der Rhein in drei Flüsse auf: Waal, Nederrijn und IJssel. Der nach Westen ziehende Hauptarm, die Waal, nimmt dabei zwei Drittel des Rheinwassers mit. Die Waal verzweigt sich später weiter, erhält immer neue Namen, wird Merwede, Noord, Nieuwe Maas, Nieuwe Waterweg; wird Dordtse Kil, Oude Maas; wird Nieuwe Merwede. Sie fließt ins Hollands Diep, trifft dort auf die Maas, die ihre Quelle in Frankreich hat.

Ebenfalls mit Kurs nach Westen zieht der Nederrijn weiter. Auch dieser Rheinarm wechselt mehrfach seinen Namen, wird zu Lek, Nieuwe Maas, Nieuwe Waterweg; wird Kromme Rijn, Leidse Rijn, Oude Rijn. Allesamt münden diese Rheinabflüsse im Westen der Niederlande in die Nordsee. Nur die IJssel fließt nach Norden und bahnt sich ihren Weg über das IJsselmeer bis zur Nordsee.

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Seehäfen in der Welt sind größer als der in Rotterdam: Shanghai und Singapur. In Europa aber kommt keiner am Tiefseehafen am Rheindelta vorbei. Nummer zwei und drei beim Güterumschlag in Europa sind Antwerpen und Hamburg.



Dieses riesige Delta aus Rhein, Maas und Schelde, die sich von Süden her zu den beiden vorgenannten gesellt, ist eine die Niederlande prägende Landschaft. Von den Flüssen und vom Wasser erzählt auch das Nationalgedicht. "Denkend an Holland sehe ich breite Flüsse langsam durch unendliches Flachland gehen, Reihen undenkbar schmaler Pappeln wie hohe Federn am Horizont stehen, und in dem gewaltigen Raum versunken die Bauernhöfe verstreut übers Land...", dichtete im vorigen Jahrhundert der Schriftsteller Hendrik Marsman.Erinnerungen an Holland, nannte er dieses Gedicht. Jeder Einheimische kennt die Zeilen. Allerdings ist der gewaltige Raum, von dem bei Marsman die Rede ist, heutzutage extrem besiedelt, und er wird intensiv genutzt. Wie an der Rheinmündung, im Industrieraum Rotterdam.

Kaum ein Gedanke an Deutschland



Louike Duran lebt auf einer Halbinsel mitten im Rotterdamer Industriehafen; die Häuser dienten früher als Quarantänestation. "Wir machen hier unsere Wolken selbst", sagt die Künstlerin, die in Rotterdam geboren wurde. "In den Raffinerien." Louike Duran malt abstrakt. Aber Elemente der Realität, wie besagte Wolken und manchmal das Wasser des großen Stroms vor ihrer Haustür, finden sich in ihren Bildern wieder. "Ich bin mit diesem Fluss, mit seinen riesigen Wasserflächen verwachsen", erzählt sie. Wenn Louike Duran am kleinen Strand ihrer Halbinsel verweilt und über den Fluss philosophiert, kommen ihr nicht etwa Gedanken an Deutschland, an das malerische Rheintal mit seinen Burgen und Weinterrassen. "Ich erfahre die Maas eher konkret", erklärt sie; für Rotterdamer ist die Nieuwe Maas schlicht die Maas.

"Am Fluss zu sein, ist immer interessant", findet Louike Duran. "Die Maas klärt mich ständig auf über die Situation flussaufwärts, aber auch über Ebbe und Flut, über eine Springflut. All diese Informationen lese ich im Wasser. Bei Schmelzwasser, beispielsweise, führt die Maas sehr viel Lehm. Sie hat dann eine gelbliche Tönung. Auf diese Weise erinnert mich der Fluss an die lange Reise, die er macht. Er erinnert dann daran, dass er aus Deutschland kommt, aus der Schweiz. Aber zu anderen Zeiten ist es wieder ganz anders. Da haben wir es mit dem Meer zu tun, mit Ebbe und Flut und Salzwasser."

Der größte Hafen Europas



Über 40 Kilometer erstreckt sich der Rotterdamer Hafen von der Nordsee landeinwärts, über eine Fläche von insgesamt 10.500 Hektar. Der logistische Knotenpunkt an der Mündung des Rheins ist ein bedeutender Wirtschaftsfaktor für die Niederlande und das Einfallstor zum Europäischen Markt mit seinen mehr als 350 Millionen Verbrauchern. Der Rhein ist die Lebensader einer ganzen Region. Derzeit hat Rotterdam den viertgrößten Hafen der Welt, nach Shanghai, Ningbo und Singapur. Von 1962 bis 2004 lag Rotterdam auf Platz Eins der Weltrangliste. 2010 wurden im Rotterdamer Hafen 430 Millionen Tonnen an Gütern umgeschlagen: Rohöl, Erze, Kohle, Metall, Produkte der chemischen Industrie. Hier kommen Container aus aller Herren Länder an. Im Hafen von Rotterdam arbeiten 86.000 Menschen. Im Jahre 2010 wurden hier 35.000 Ozeanfrachter und 110.000 Binnenschiffe abgefertigt. Für die Nummer eins in Europa reicht das immer noch, trotz der Konkurrenz in Hamburg,

"Aufgrund der Geschäftigkeit des Hafens und weil die Schiffe aus aller Welt kommen, habe ich ein Gefühl von Import und Export", stellt Louike Duran fest. "Rotterdamer sind offen für das Einbeziehen anderer Menschen. Wir machen Kontakt. Und Rotterdamer sind bekannt für eine Umgangskultur, die vergleichbar ist mit der von Unternehmen." Man reagiere "hands on", in einer Weise also, die das Wesen einer Hafenstadt widerspiegelt. "Die Mentalitaät aufgekrempelter Ärmel, sprich, nicht lange herumreden, sondern handeln, die haben wir hier."



 
Zum Weiterlesen

Der Rhein

  • Lucien Febvre: Der Rhein und seine Geschichte. Campus Verlag (2006): Der Klassiker der Rheinliteratur. Febvre beschreibt den Rhein erstmals aus einer übernationalen Perspektive. "Lucien Febvre ist der Aufklärung verpflichtet." (Die Zeit)

  • Horst Johannes Tümmers: Der Rhein. Ein europäischer Fluss und seine Geschichte. Beck Verlag München (1994). Tümmers hat sich die Geschichte des Stromes zu Fuß erlaufen. Noch immer ein Standardwerk. "Ein generalistisches, im besten Sinne gelehrtes, informatives und nicht zuletzt aufrüttelndes Buch." (Sehepunkte)

  • Gertrude Cepl-Kaufmann/Antje Johanning: Mythos Rhein. Kulturgeschichte eines Stromes. Primus Verlag (2003). Die Geschichte des Rheins als literarische Geschichte. "Ein origineller Ansatz zu einer Kulturgeschichte." (NZZ)

  • Karen Denni: Rheinüberschreitungen. Grenzüberwindungen. UVK-Verlag (2008). Karen Denni schreibt die Geschichte der Brücken zwischen Straßburg und Kehl und mit ihr ein Stück deutsch-französische Geschichte.