Dossierbild Geschichte im Fluss
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Die Natur kehrt zurück


11.5.2012
Der Rhein in den Niederlanden war lange Zeit von der Industrie geprägt. Doch seit 1995 können Waal und Nederrijn bei Nijmegen und Arnhem wieder die Ufer überschwemmen. Nicht nur die Wildnis kehrt seitdem wieder zurück. Die "neue Natur" entwickelt sich auch zum Publikumsmagneten.

Pferde grasen im Millingerwaard in den NiederlandenPferde grasen im Millingerwaard in den Niederlanden (© Gunda Schwantje)

Friedlich grast an diesem frühen Sommermorgen die Herde Wildpferde auf dem rauen, von vielen Trampelpfaden durchzogenem Terrain. Fohlen ruhen ausgestreckt auf der würzig riechenden Wiese, Stuten rupfen Gräser, der Leithengst nimmt ein Sandbad. Ausgiebig rollt er seinen wohlgenährten, kräftigen Körper hin und her. Anschließend schüttelt er den Staub energisch aus der langen, zottigen Mähne. Sechs junge Hengste weiden abseits der Herde, der Leithengst hat sie aus dem Familienverband verdrängt. Und er behält seine Konkurrenten im Blick. Den Stuten des Harems dürfen sie nicht zu nahe kommen.

2.345

Meter hoch liegt die Quelle des Rheins. Der Lauf des Stromes teilt sich in den Hinter- und Vorderrhein, den Alpenrhein bis zum Bodensee, den Hochrhein von Stein am Rhein bis Basel, den Oberrhein bis Bingen, das Mittelrheintal bis Bonn und schließlich den Unterrhein bis zum Delta.

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Durchstiche wurden bei der Regulierung des Oberrheins durch Johann Gottfried Tulla in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts vorgenommen. Der Lauf des Oberrheins wurde damit von 135 Kilometer Länge auf 86 Kilometer verkürzt.



Das Terrain der Wildpferde ist eine raue Landschaft entlang der Waal, dem Hauptarm des Rheins in den Niederlanden. Weiden krallen sich an den hohen Ufern fest, der Boden ist uneben mit Senken und Tümpeln, das Gestrüpp aus Weißdorn und Brombeeren ist undurchdringlich. In der Ferne begrenzt der massive Deich der Waal dieses Stück Wildnis. Die Wildpferde stehen in einem Blütenmeer aus Sonnengelb und Weiß, in dem sattgrünen Futter der Aue, die in der Millingerwaard das Ufer der Waal säumt.

Ehemalige Industrielandschaft



Wo heute Wildpferde herumstreifen, waren früher landwirtschaftlich genutzte Flächen und eine Backsteinfabrik. Der verbliebene Schornstein des Brennofens am Horizont erinnert noch an die Phase intensiver Nutzung des Schwemmlandes. Aus diesem Gebiet hinter dem Deich haben sich die Niederländer seit 1995 weitestgehend zurückgezogen. Sie gaben dem Fluss Schwemmland zurück. Und schauen seither zu, was geschieht, wenn die Natur zu Werke geht und ein großer Strom seine Ufer wieder selber gestaltet.

Wer durch die 700 Hektar große Milllingerwaard streift, 400 davon sind Grasland, und einem der unzähligen Trampelpfade oder den markierten Wanderwegen folgt, bewegt sich durch eine Landschaft mit kleinen Mosaiken aus Auenwald, Busch, Grasland, Tümpeln und Seen. Und sieht, was ein Fluss herstellt in 16 Jahren.

„Für die Nacktheit des verengten Rheinufers unterhalb Bingen erhält der Landschaftskenner keine Entschädigung. Die Hügel zu beiden Seiten haben nicht jene stolze, imposante Höhe, die den Beobachter mit einem mächtigen Eindruck verstummen heißt; ihre Einförmigkeit ermüdet endlich, und wenngleich die Spuren von künstlichem Anbau an ihrem jähen Gehänge zuweilen einen verwegenen Fleiß verraten, so erwecken sie doch immer auch die Vorstellung von kindischer Kleinfügigkeit. Das Gemäuer verfallener Ritterfesten ist eine prachtvolle Verzierung dieser Szene; allein es liegt im Geschmack ihrer Bauart eine gewisse Ähnlichkeit mit den verwitterten Felsspitzen, wobei man den so unentbehrlichen Kontrast der Formen sehr vermisst.“

Georg Forster, 1790

„Ja, mein Freund, der Rhein ist ein edler Fluss: aristokratisch, republikanisch, kaiserlich, würdig, sowohl Frankreich als auch Deutschland anzugehören.“

Victor Hugo, 1842

„Wo heute noch der laute und wirre Jahrmarkt der Eitelkeiten tummelt, kann morgen der Garten der deutsch-französischen Freundschaft im Licht stehen. Nur hier.“

René Schickele, 1932

„Geboren bin ich in Köln, wo der Rhein, seiner mittelrheinischen Lieblichkeit überdrüssig, breit wird, in die totale Ebene hinein auf die Nebel der Nordsee zufließt.“

Heinrich Böll, 1959
Wie Perlen aufgezogen liegen heute im Osten der Niederlande solche kleinen Areale Wildnis, so genannte "neue Natur" wie in der Millingerwaard, entlang der Flüsse Waal und Nederrijn. Dort, wo der Rhein ins Land strömt, gleich hinter der deutsch-niederländischen Grenze, und sich bald teilt in Waal, Nederrijn und IJssel, in der Region Nijmegen und Arnhem. "Gelderse Poort" nennt sich das Renaturierungsprojekt. 3.000 Hektar neue Natur sollen es werden bis zum Jahr 2015. 11.000 Hektar Naturraum gehören insgesamt dazu in den Niederlanden. Auf deutscher Seite bei Kleve und Emmerich gehören 10.000 Hektar dazu, in denen Landwirtschaft und Naturschutz kombiniert werden.

Pferde als Rasenmäher



Gerrit van Scherrenburg ist Ranger im Gebiet. Er erklärt, warum die Wildpferde in der neuen Natur ausgesetzt wurden. "Die Pferde sind zusammen mit einer Rinderherde die Rasenmäher in der Gelderse Poort", erzählt Van Scherrenburg. "Die beiden Herden sorgen dafür, dass die Landschaft offen bleibt. Etwa 300 Tiere bevölkern die Gelderse Poort." Damit das Schwemmland nicht verbuscht, hat man Konik-Pferde aus Polen geholt. Die Rasse gleicht dem Tarpan, dem ausgestorbenen europäischen Wildpferd. Die kleinen Pferde mit dem mattgrauen, bisweilen auch dunkelbraunen Fell sind robust und zäh. Sie können Hungerperioden und kalte Winter überstehen. Weil die Tiere außerdem gute Schwimmer sind, eignen sie sich gut für die Flusslandschaft mit den regelmäßig wiederkehrenden Hochwassern. Außerdem sind Konik-Pferde autark. "Die Wildpferde und die schottischen Hochlandrinder, die hier laufen, sorgen weitestgehend für sich selbst. Nur wenn es notwendig ist, beispielsweise, bei Hochwasser, wenn die Tiere auf einer Insel im Fluss stehen, füttern wir Heu", sagt Gerrit van Scherrenburg.

Vision von "lebendigen Flüssen“



Dem großen Strom Rhein wieder mehr Raum zu geben und Schwemmland zu renaturieren, ist eine Kehrtwende. Die Vorgeschichte: Durch intensive Nutzen des Schwemmlandes, wie Tonabbau, waren die Flussauen stark zerstört und für die Flussanrainer unattraktiv geworden. Auch war das Wasser des Rheins bis in die achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts stark verschmutzt. Die Menschen hatten den Flüssen den Rücken zugekehrt. Weil es mit dem Flussmanagement so nicht weitergehen sollte, begann die Renaturierung in der Gelderse Poort 1992 mit einem Pilotprojekt in der Stadt Arnhem. Dort zog man sich aus der Aue Meinerswijk zurück, ein 70 Hektar großes und durch den Betrieb einer Backsteinfabrik verwüstetes Areal. Die Natur konnte ans Werk gehen.

Dann lösten verheerende Rhein-Hochwasser in den Jahren 1993 und 1995 einen Notstand aus an Waal, Nederrijn und IJssel. 200.000 Menschen und Millionen Tiere mussten evakuiert werden. Die Maas, die in Frankreich entspringt und südlich der Waal fließt, verließ 1993 ihr Bett. Sie überschwemmte riesige Flächen in den Provinzen Limburg und Gelderland. Einmal mehr hatte das Wasser die Niederländer daran erinnert, dass große Teile der Landesfläche in dem künstlich trocken gehaltenen Delta großer Ströme liegen.

Den Hochwassern sei mit höheren Deichen allein nicht beizukommen, lautete die Analyse. Diese Einsicht paarte sich mit der Vision von "neuer Natur" und "lebendigen Flüssen“, die Naturschützer bereits in einem Plan "Ooievaar" ausgearbeitet hatten. Diese Pläne für Renaturierung wurden bereits seit den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts entwickelt, weil die Flüsse verschmutzt und unattraktiv waren. Nach den beiden Jahrhunderthochwassern wurden die Deiche erneut ausgebaut; gleichzeitig sollten Waal und Nederrijn wieder Land gewinnen mit ursprünglicher Flussnatur und wertvollem Strömungsraum bei Hochwasser.



 
Zum Weiterlesen

Der Rhein

  • Lucien Febvre: Der Rhein und seine Geschichte. Campus Verlag (2006): Der Klassiker der Rheinliteratur. Febvre beschreibt den Rhein erstmals aus einer übernationalen Perspektive. "Lucien Febvre ist der Aufklärung verpflichtet." (Die Zeit)

  • Horst Johannes Tümmers: Der Rhein. Ein europäischer Fluss und seine Geschichte. Beck Verlag München (1994). Tümmers hat sich die Geschichte des Stromes zu Fuß erlaufen. Noch immer ein Standardwerk. "Ein generalistisches, im besten Sinne gelehrtes, informatives und nicht zuletzt aufrüttelndes Buch." (Sehepunkte)

  • Gertrude Cepl-Kaufmann/Antje Johanning: Mythos Rhein. Kulturgeschichte eines Stromes. Primus Verlag (2003). Die Geschichte des Rheins als literarische Geschichte. "Ein origineller Ansatz zu einer Kulturgeschichte." (NZZ)

  • Karen Denni: Rheinüberschreitungen. Grenzüberwindungen. UVK-Verlag (2008). Karen Denni schreibt die Geschichte der Brücken zwischen Straßburg und Kehl und mit ihr ein Stück deutsch-französische Geschichte.