Dossierbild Geschichte im Fluss

14.5.2012 | Von:
Guido Hausmann

Flüsse als europäische Erinnerungsorte

Flüsse als Erinnerungsorte von oben

Auch die Symbolisierung der Donau reicht bis in die europäische Antike zurück. In der Frühen Neuzeit und für seine Deutung als europäischer Fluss ragt jedoch die Darstellung von Sebastian Münster auf der allegorischen Karte Europa als Königin aus der Mitte des 16. Jahrhunderts heraus. Wie eine Hauptarterie fließt die Donau hier von Germanien am Oberkörper nach Bulgarien am Saum beim Fußende hinab, wo sich der Fluss in vier Mündungsarmen ins Schwarze Meer ergießt.

Wien als die Hauptstadt des neuen und bald weltumspannenden Habsburgerreiches hebt die Darstellung zwar nicht hervor. Aber Flüsse wie die Themse oder die Seine, an denen Haupt- oder Residenzstädte lagen, werden nun immer mehr zu Repräsentationsorten monarchischer Herrschaft, wie die Themse seit Elisabeth I. in der Mitte des 16. Jahrhunderts, die der englische Historiker Peter Ackroyd als "the river of pleasure, and the river of spectacle" beschreibt.

Der Fluss wird nun in neuen Versen besungen, vertont und gemalt, wie die Themse von dem venezianischen Meister Canaletto während seines Aufenthaltes in London in den 1740er Jahren. Das bleibt nicht auf die Themse beschränkt. Kaiserin Maria, Frau von Ferdinand III., reist 1645 mit großem Gefolge auf der Donau von Linz nach Wien. Im aufstrebenden Russischen Reich nutzt Zar Peter I. die Newa als Schauplatz imperialer Machtentfaltung, die Erbschleicherin Katharina II. befährt erstmals Wolga und Dnepr. Herrscher demonstrieren dabei nicht nur das neue säkularisierte Naturverständnis der Zeit, sie präsentieren sich als Beherrscher der Natur, lassen gerade im 18. Jahrhundert Kanäle anlegen, die Flüsse verbinden, neue Verkehrswege schaffen, den Binnenhandel steigern – und damit auch die Einnahmen des Staates.

Weitere Flüsse ließen sich hier anfügen, vom spanischen Tajo, der als portugiesischer Tejo bei Lissabon in den Atlantik mündet, bis zur Weichsel, an der sowohl die mittelalterliche polnische Königsresidenz Krakau lag als auch das im 16. Jahrhundert zur neuen Hauptstadt der polnisch-litauischen Monarchie erhobene Warschau. Überall kommt es zu neuen Symbolisierungsformen, erinnern Oden, Gedenksteine oder Obelisken an monarchische Präsenz und Tätigkeit zum vorgeblichen Wohle des Staates und seiner Untertanen – die Flüsse werden zu Erinnerungsorten von oben.

Das 19. Jahrhundert und die Nationalstaaten

Es ist wichtig, auf diese ältere Dimension der Flüsse als Gedächtnisspeicher und Erinnerungsorte hinzuweisen, damit nicht der Eindruck entsteht, als hätte erst das moderne nationale Zeitalter – das 19. und 20. Jahrhundert – die Flüsse "entdeckt" und zu Erinnerungsorten erhoben. Mancher moderne Bezug auf den Jordan, Tiber oder Nil ist weder singulär noch zufällig, sondern steht in einer älteren und großen europäischen kulturellen Tradition.

Aber der Hinweis auf diese Tradition kultureller Bezüge und Modelle seit der europäischen Antike sollte gleichzeitig nicht dazu führen, den europäischen Gehalt von Flüssen auf diese exklusiv-elitäre, hochkulturelle Tradition zu reduzieren. Dann würden viele Flüsse quasi kulturell ausgeschlossen, die ohne Zweifel mit gutem oder gleichem Recht als europäische Flüsse bezeichnet werden können. Die universale Dimension, die Symbolisierung von menschlichen Grunderfahrungen in Flüssen, stellte und stellt quasi ein unerschöpfliches Reservoir der Erweiterung und Erneuerung bereit. Im 19. und 20. Jahrhundert kam es so sowohl dazu, dass neue Flüsse wie der Mississippi oder der Amazonas in das symbolische Bezugssystem einbezogen wurden, andererseits erfuhren jetzt auch viele Flüsse mittlerer Länge oder kleinere Flüsse, die vorher weniger beachtet wurden, eine symbolische Aufladung. Staatsbildung und Staatlichkeit intensivieren und verändern sich in Europa, Territorialität und Nationsbildung schaffen und schärfen ein Bewusstsein für Grenzbildung und -überschreitung, Landschaften und Naturräume werden mit politischen Räumen so verknüpft, dass Flüsse in Teilen ihrer Läufe zu politischen Grenzen werden oder als solche angesehen werden.

Gleichzeitig weitet sich die Alphabetisierung und Bildung aus, das Interesse der "einfachen Bevölkerung" an Kultur erwacht genauso wie das Interesse der neuen Bildungseliten am "Volk". Die Romantik verschriftlicht die mündliche so genannte populäre oder Volkskultur, die somit aufgewertet wird. Flüsse haben in ihr immer eine große Rolle gespielt und ihre Nationalisierung führt auch zu einer kulturellen Neuakzentuierung von Flüssen als nationaler Erinnerungsorte. Flussfahrten erhalten mit dem Aufkommen der Dampfschifffahrt in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine (proto-) touristische Qualität und werden in Reiseberichten beschrieben und erinnert. Die Vielfalt einer (Fluss-) Landschaft setzt sich als ein neuer Maßstab durch.

Das Beispiel Rhein

Der Rhein exemplifiziert diesen Wandel in besonderer Weise. Seine Symbolisierung wurde schon in der lateinischen Literatur des römischen Kaisertums grundgelegt und orientierte sich am Tiber. In der Frühen Neuzeit sah man ihn vor allem als Grenze zwischen römischer Zivilisation und Germanentum an; niederländische Maler entdeckten den Niederrhein im 17. Jahrhundert; das zahlungskräftige englische Reisepublikum schätzte seit dem Ende des 18. Jahrhundert vor allem die Flussfahrt den mittleren und oberen Rhein hinab in die Schweiz und nach Italien.

Rheinromantik und der spätestens aus der napoleonischen Zeit herrührende deutsch-französische Antagonismus fanden im Rhein einen besonderen poetischen Ausdruck. Berühmt geworden ist der Vers aus dem Rheinlied von Nicolaus Becker: "Sie werden ihn nicht kriegen, den freien deutschen Rhein", der den Rhein national vereinnahmte.

Die französischen Antworten fielen zumal in der Rheinkrise um 1840 gegennational aus, aber nicht ausschließlich. Denn der französische Schriftsteller und Politiker Alphonse de Lamartine (1790-1869) schrieb 1841 als Antwort auf Beckers Gedicht sein Marseillaise de la paix mit den berühmten Versen: "Roule, libre et superbe entre les larges rives, Rhin! Nil de l’Occident! Coupe de Nations! Et des peuples assis qui boivent les eaux vives, Emporte les défis et les ambitions".

Das verweist bereits auf das berühmte Rheinbuch des französischen Mediävisten Lucien Febvre von 1931, das den Rhein "entnationalisierte", ihn primär als Zivilisationsbildner verstand, der die römisch-antik-romanische mit der germanischen Welt verband. Wie im Falle des Rheins, so ist auch bei anderen großen Flüssen nicht immer eindeutig, ob die nationale Vereinnahmung durch Künstler und Schriftsteller aus der Region oder aus den Hauptstädten geschah. Doch sind Gedichte, Reiseberichte, Lieder, Zeichnungen und Gemälde typische Formen, in denen Flüsse im 19. Jahrhundert dargestellt und von einem wachsenden Publikum wahrgenommen werden. Besonders in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts werden viele Flüsse mit dem Rhein als dem paradigmatischen nationalen Fluss verglichen. So schrieb der ukrainisch-russische Historiker Mykola (russ. Nikolaj) I. Kostomarov in seinen Erinnerungen über eine Rheinfahrt von Köln nach Mainz im Jahr 1857: „Ich glaube, dass den Rheinufern bei uns in der Rus‘ die Žiguliberge an der Wolga (zwischen Simbirsk und Saratow) und das Dneprufer zwischen Kiew und Čerkass nicht nachstehen, ganz zu schweigen von dem Südufer der Krim.“


Weiterlesen

Flüsse in der Geschichte

  • Claudio Magris: Die Donau. Biografie eines Flusses. Zsolnay Verlag (1996). Eine intellektuelle Reise durch die Geistesgeschichte an der Donau von der Quelle bis zur Mündung. Der Klassiker unter den Flussgeschichten.

  • Guido Hausmann: Mütterchen Wolga. Ein Fluss als Erinnerungsort vom 16. bis ins frühe 20. Jahrhundert. Campus Verlag (2009). Am Beispiel des größten Europäischen Flusses schreibt Hausmann mehr als nur eine russische Geschichte. "Guido Hausmann ist ein großer Wurf gelungen." (Sehepunkte)

  • Peter Ackroyd: Die Themse. Biografie eines Flusses. Knaus Verlag (2009). Am Beispiel der Themse beschreibt Ackroyd die Geschichte des britischen Imperiums und entwirft die Grundzüge einer 'liquid history'. "Ackroyd erzählt Geschichte, und wie gerne er erzählt." (Die Zeit)

  • Christof Mauch/Thomas Zeller (Hg.): Rivers in History. University of Pittsburgh Press (2008). Eine Anthologie in englischer Sprache von Beiträgen einer Konferenz am Deutschen Historischen Institut in Washington, die eine Brücke zwischen der europäischen und der amerikanischen Flussdebatte schlagen. "Ein wichtiger und lesenswerter Beitrag zur Geschichte von Menschen und Flüssen diesseits und jenseits des Atlantiks". (Sehepunkte)