Dossierbild Geschichte im Fluss

14.5.2012 | Von:
Guido Hausmann

Flüsse als europäische Erinnerungsorte

Mehr als nationale Symbole

Der Hinweis auf die Nationalisierung und Ästhetisierung der europäische Flüsse und Flusslandschaften soll jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass Flüsse auch in dieser Zeit komplexe oder heterogene Erinnerungsorte waren oder blieben. Lokale und regionale Erinnerungen und Symbolisierungen ließen sich sowohl nationalkulturell vereinnahmen, konnten aber auch eine antinationale Beharrungskraft entfalten.

An Flüssen in Grenzlage und in polyethnischen oder –nationalen Kontexten kam es auch zu gegennationalen kulturellen "Aufladungen". Es gab und gibt sowohl große Flüsse, die in einem Land entsprangen und mündeten, wie die Seine, die Themse, der Tiber, die Weichsel oder die Moldau, als auch Flüsse, die über nationale und nationalstaatliche Grenzen hinweg flossen, wie der Tajo/Tejo, die Mosel, der Rhein, die Elbe oder die Memel.

In einigen Fällen trugen und tragen Flüsse unterschiedliche Namen, wie Uwe Rada am Beispiel der Memel gezeigt hat, die von den Weissrussen Njoman genannt wird, von Litauern Nemunas und von Polen Niemen, und die jeweils ein "Vater der Flüsse" war. Flussnamen änderten sich aber auch im Laufe der Zeit, oder sie blieben gleich, wie Lucien Febvre für den Rhein festgestellt hat. Es sind die Namen, die zunächst identifizieren und Flüsse als Erinnerungsorte schaffen.

Das 19. Jahrhundert ist auch das große Jahrhundert der Linguisten und Sprachhistoriker, die über die Erforschung der sprachlichen Herkunft von Flussnamen zu Aussagen über die Geschichte von ethnischen oder nationalen Gruppen gelangen wollten. Dazu passt die nationale Überhöhung und Sakralisierung der Flussquellen im 19. Jahrhundert, entsprach doch der Kult der Quelle dem Kult des Ursprungs, den das 19. Jahrhundert in besessener Weise betrieb.

Die schließlich in den 1860er Jahren erfolgreiche Suche nach den Nilquellen zeigte das Dilemma, in dem viele europäische Flussenthusiasten standen. Denn es gab häufig mindestens zwei Quellflüsse, etwa an der Donau, oder sogar mehrere, da die großen Flüsse häufig in Sumpfgebieten entsprangen. Zwar einigte man sich häufig pragmatisch auf einen Ursprungsort, der dann zu einem besonderen Erinnerungsort ausgestaltet wurde, etwa mit einem Gedenkstein oder einer Kapelle. Doch erhielt sich eine gewisse Ungewissheit über den Ursprung – nicht nur bei Flüssen, sondern auch bei Nationen.

Das neue Interesse an den Flüssen

Bis heute erhält sich der Eindruck, als erinnerten die Flüsse vor allem an die vormoderne Zeit sowie an das nationale 19. Jahrhundert. Das 20. Jahrhundert hat lange Zeit lediglich neue Medien bereit gestellt, um Flüsse in anderer Weise zu Erinnerungsorten zu gestalten: seit dem 19. Jahrhundert die Fotografie und die Postkarte, im 20. Jahrhundert vor allem Film und Fernsehen. Die zerstörerische Energie des europäischen 20. Jahrhunderts, wesentliche kollektive Erfahrungen wie der Holocaust an den Juden oder die großen Vertreibungen werden mit Eisenbahnzügen, nicht aber mit Flüssen assoziiert.

Allerdings waren auch Flüsse wichtige Wege sowohl in den kollektiven Tod als auch in das Leben. Der ungarische Filmemacher Péter Forgács hat 1998 mit seinem Film Danube exodus der Donau ein Denkmal gesetzt, in dem er auf der Basis von dokumentarischem Filmmaterial die Flucht von etwa 900 slowakischen Juden vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges über die Donau zum Schwarzen Meer sowie die Flucht von Bessarabiendeutschen vor der sowjetischen Invasion über die Donau ins Dritte Reich darstellt. Die Erinnerungen an das Massaker von Novi Sad, als 1942 Tausende Juden und Serben erschossen und in die eisige Donau geworfen wurden, oder auch die Erinnerung an das Massaker von Aussig vom 31. Juli 1945 – der kollektive Tod von Sudentendeutschen in Löschwasserspeichern und in der Elbe – markiert Flüsse auch als Orte von Tod und Trauma. Seit 2005 gibt es eine Gedenktafel für die Opfer auf der Dr. Edvard-Beneš-Brücke in Ústí nad Labem (ehemals Aussig). Die Kriege im ehemaligen Jugoslawien führten in den 1990er Jahren zur symbolträchtigen Zerstörung von Flussbrücken (am bekanntesten ist die alte Brücke von Mostar) und verweisen so auf die trennende oder abgrenzende Funktion von Flüssen.

Doch überwiegt seit Ende des 20. und im frühen 21. Jahrhundert eine positive oder optimistische kulturelle Neuakzentuierung der Flüsse als europäischer Erinnerungsorte. Ihr Hintergrund ist einmal das gewachsene ökologische Bewusstsein und Erfolge in der Zusammenarbeit bei der Wiederherstellung vieler Flüsse als lebensfähiger ökologischer Systeme. Flussschifffahrten und die Anlage von Fahrradwegen an Flussufern (häufig auf den alten Leinpfaden der Treidler bzw. Schiffszieher) haben den Flüssen eine neue Aufmerksamkeit bei Erholungssuchenden beschert.

Zum andern hat der Zusammenbruch des Ostblocks und die Europäisierung und Globalisierung von Politik und Kultur das Bewusstsein für die grenzüberschreitende, verbindende Qualität vieler Flüsse geweckt. Flüsse waren sozusagen eher da und erinnern nicht nur an Zeit und Vergänglichkeit an sich, sondern besonders an die Vergänglichkeit von Staaten und politischer Herrschaft. So können alte Wege eine neue Bedeutung erhalten.


Weiterlesen

Flüsse in der Geschichte

  • Claudio Magris: Die Donau. Biografie eines Flusses. Zsolnay Verlag (1996). Eine intellektuelle Reise durch die Geistesgeschichte an der Donau von der Quelle bis zur Mündung. Der Klassiker unter den Flussgeschichten.

  • Guido Hausmann: Mütterchen Wolga. Ein Fluss als Erinnerungsort vom 16. bis ins frühe 20. Jahrhundert. Campus Verlag (2009). Am Beispiel des größten Europäischen Flusses schreibt Hausmann mehr als nur eine russische Geschichte. "Guido Hausmann ist ein großer Wurf gelungen." (Sehepunkte)

  • Peter Ackroyd: Die Themse. Biografie eines Flusses. Knaus Verlag (2009). Am Beispiel der Themse beschreibt Ackroyd die Geschichte des britischen Imperiums und entwirft die Grundzüge einer 'liquid history'. "Ackroyd erzählt Geschichte, und wie gerne er erzählt." (Die Zeit)

  • Christof Mauch/Thomas Zeller (Hg.): Rivers in History. University of Pittsburgh Press (2008). Eine Anthologie in englischer Sprache von Beiträgen einer Konferenz am Deutschen Historischen Institut in Washington, die eine Brücke zwischen der europäischen und der amerikanischen Flussdebatte schlagen. "Ein wichtiger und lesenswerter Beitrag zur Geschichte von Menschen und Flüssen diesseits und jenseits des Atlantiks". (Sehepunkte)