Dossierbild Geschichte im Fluss

14.5.2012 | Von:
Uwe Rada

Die besten Botschafter Europas

Lange Zeit waren Flüsse in Europa Symbole für Grenzen. Doch das waren sie nicht immer. Um ihre Rolle als verbindendes Band wieder in den Vordergrund zu rücken, braucht es aber gemeinsame, grenzüberschreitende Erinnerungsorte.

Die Donau bei Bukarest in der Nähe von Constanta. Hier war Ovid im Exil.Die Donau bei Bukarest in der Nähe von Constanta. Hier war Ovid im Exil. (© Inka Schwand)

György Konrád, der große ungarische Essayist, hat einmal gestanden, dass er in Budapest am liebsten auf die Donau schaue. Ein wenig spiele dabei auch das Fernweh eine Rolle. "Seevölker sind immer weltoffen, wir aber, Bayern, Österreicher, Ungarn und Serben, haben kein Meer", bedauert Konrad, der 1933 in Debrecen geboren wurde und nur knapp den Nazis entkam. "Für uns ist die Donau die Verheißung des Meeres. Über sie können wir zu fernen Gestaden gelangen; sie durchquert uns und löst unser Eingesperrtsein auf."

Der Fluss als Fenster in die Ferne. Das ist der optimistische Blick auf die Donau, den Konrád wieder wagen will. Der andere, der pessimistische, war vor nicht allzu langer Zeit traurige Realität. "Das erste Opfer des Kriegs ist die Brücke", weiß auch der Essayist. Doch der Balkankrieg ist Geschichte, und vor der Donau stehen die Aufgaben der Zukunft. Sein "Geständnis" trug Konrád 2010 auf der Generalversammlung des Instituts für den Donauraum und Mitteleuropa (IDM) vor. Nicht mehr länger teilen soll die Donau, sondern Teil einer neuen europäischen Zusammenarbeit werden. Für Konrád eine Aufgabe, in deren Mittelpunkt ganz selbstverständlich ein Strom steht: "Wer den Fluss achtet, der achtet auch seinen Nächsten."

„Sie wissen, ich habe oft gesagt, ich liebe Flüsse. Über Flüsse werden sowohl Ideen als auch Waren befördert. Alle Phänomene der Schöpfung haben ihre großartige Aufgabe. Flüsse, riesigen Trompeten gleich, singen dem Ozean das Lied von der Schönheit der Erde, der Feldbestellung, der Pracht der Städte und der Menschen Ruhm.“

Victor Hugo, 1842

„Der Zug der Zeit ist ein Zug, der seine Schienen vor sich her rollt. Der Fluss der Zeit ist ein Fluss, der seine Ufer mitführt.“

Robert Musil, 1930

„Sollte es sich erweisen, dass Staatsgrenzen entgegen allen Erwartungen beweglich und Fremdsprachen problemlos erlernbar sind, dass Hautfarbe und Form der Wangenknochen nur unter ästhetischem Gesichtspunkt eine Rolle spielen und dass wir uns in jeder beliebigen Stadt und in jedem Hotel genauso zurechtfinden können wie in jedem Buch, ganz gleich wie exotisch der Name des Autors klingt, falls wir also aufgrund irgendeiner Verwirrung völlig unsere Orientierung verlieren sollten, dann rate ich jedem, sich auf den eigenen Fluss zu besinnen.“

Olga Tokarczuk, 2004

„Flüsse sind zweifellos ein Segen für diese Welt. Besser gesagt: Sie könnten ein Segen werden, wenn wir mit der Welt behutsamer umgingen. Wie alle im Sternzeichen Fisch Geborenen lasse ich mich vom Flusswasser hypnotisieren, besonders im Sommer. Nein, auch Seen haben ihre Vorzüge, ein See ist genauso wunderbar. Aber jetzt geht es mir um die Strömung, ihre Anmut und Elastizität, die Möglichkeit, im Wasser und mit dem Wasser zu schwimmen, ganz zu schweigen von der anderen, genauso verführerischen – den Widerstand der Strömung zu überwinden. Sorry, wenn Ihnen das wie eine Metapher erscheint.“

Juri Andruchowytsch, 2007

„Wer den Fluss achtet, achtet auch seinen Nächsten.“

György Konrád, 2010

Flüsse sind in Mode gekommen

Flüsse, das zeigt das Beispiel der Donau, waren in der Geschichte nie alleine geografische Einträge in Kartenwerke und Atlanten. Sie waren immer auch Grenzen, Wasserwege, Wirtschaftsachsen, Kulturräume, Sehnsuchtsorte. Und nicht immer waren sie dabei nur Objekt der jeweils herrschenden Mächte, sondern oft auch selbst Subjekt der Geschichte, meinen Christof Mauch und Thomas Zeller. In dem von ihnen herausgegebenen Buch Rivers in History schrieben die Historiker des Deutschen Historischen Instituts in Washington: "Kann man sich China ohne den Yangtse vorstellen, das alte Ägypten ohne den Nil, Caesars Rom und Dantes Florenz ohne ein Bild des Tibers und des Arno?"

Diese staatenbildende Rolle der Flüsse hat zuletzt Peter Ackroyd am Beispiel der Themse untersucht. Er schreibt: "(Die Themse) ist Geschichte, der Fluss der englischen Geschichte, an dessen Ufern in den letzten zweitausend Jahren die Mehrzahl der wichtigen Ereignisse im Lande stattgefunden hat. (…) Das Schicksal Englands ist innig mit dem dieses Flusses verknüpft."

Aber nicht nur das historische Potential der Flüsse ist unerschöpflich, sondern auch ihr metaphorischer Gehalt. Seit der Antike sind Flüsse auch ein Symbol des menschlichen Kommens und Gehens, ihr Lauf selbst wird zum Lebenslauf, beginnend vom jungen Bächlein, das langsam Kraft sammelt und anschwillt, sich dann reckt und streckt, mit andern Flüssen verbindet, bis es, als Strom dann, der Mündung entgegen eilt und verschwindet in die Ewigkeit von Zeit und Raum. Die Gleichzeitigkeit von Vergänglichkeit und Ewigkeit, weiß Ackroyd, war auch der Grund dafür, dass die ersten Taufen des Christentums an Flüssen stattgefunden haben – als ein Versprechen auf die Wiederauferstehung.

Der Fluss als Metapher für den Lebenslauf des Menschen: Das hat auch die uns allen bekannte Orientierung am Strom flussabwärts hervorgebracht; die "gute Richtung", wie Gaston Bachelard in seiner Studie L'eau et les rêves feststellt: Flussabwärts, hält er fest, ist "die Richtung des fließenden Wassers, des Wassers, welches das Leben anderswohin führt".

Vielleicht ist das auch ein Grund dafür, warum das Reisen an Flüssen heute so in Mode gekommen ist. Die einen von uns haben an dieser Modeerscheinung teil bei Kreuzfahrten auf der Donau oder – Exotik muss sein! – auf einem Wolgadampfer. Andere treiben sich lieber selbst an und radeln auf den neuen Ameisenrouten der "Generation Wellness" – den Flussradwegen an Rhein, Elbe oder Donau. Wer lieber zu Hause bleibt, geht trotzdem ab und an hinunter zum Fluss und schaut, ob alles noch an seinem Platz ist.

In den unübersichtlichen Zeiten von Globalisierung und Bindestrich-Identitäten bieten die Flüsse offenbar jenes Maß an Orientierung, das im Alltag verloren gegangen ist. Flüsse haben einen Anfang und ein Ende, wer sich an die Uferwege hält, kann nicht auf Abwege geraten, die Wege, die wir befahren, sind älter als wir selbst, schließlich hat sich der Fluss seinen Lauf schon vor Tausenden von Jahren gebahnt. Nicht zuletzt bieten Flüsse auch jenen Moment des Innehaltens, den wir sonst so sehr vermissen: Wir schauen zurück auf das, was war, und voller Hoffnung und mit ein bisschen Ehrfurcht blicken wir auf das, was uns noch bevorsteht. Reisen an Flüssen ist ein besonderes Erlebnis von Raum und Zeit.

Von natürlichen Grenzen...

Umso erstaunlicher ist es, dass unser Blick auf die Flüsse heute vor allem vom 19. Jahrhundert geprägt ist – und damit von der Rolle, die ihnen im Zuge der Herausbildung der Nationalstaaten auferlegt wurde. Flüsse sind "natürliche Grenzen" lautete diese Behauptung, die vor allem die großen Ströme Europas eher zum Objekt der Geschichte machen als zu ihrem Akteur.

"Natürliche Grenze", das war vor allem das Schlagwort Frankreichs, mit dem nach der Rheinkrise 1841 die französische Grenze bis an den Rhein ausgedehnt werden sollte. Auf der anderen Seite standen die deutsche Nationalbewegung und ihre antifranzösischen Kampflieder: "Sie werden ihn nicht kriegen, den freien deutschen Rhein", dichtete Nicolaus Becker, da hatte Ernst Moritz Arndt längst seine berühmte Schrift verfasst: "Der Rhein, Teutschlands Strom, nicht Teutschlands Gränze."

Beigetragen zu dieser Karriere der Flüsse als natürlicher und auch umkämpfter Grenze hat auch die lange Zeit populäre Vorstellung von Nationalstaaten als natürlicher Individuen mit klar definierten Grenzen. Berge und Flüsse spielen dabei eine ganz besondere Rolle, stellte der französische Rheinbiograf Lucien Febvre bereits 1922 fest:

"Es sind nicht einfach Demarkationen, sondern 'natürliche Grenzen'. Im Wort 'natürlich' ist eine ganze Geschichtsphilosophie zusammengefasst. Wer von natürlichen Grenzen spricht, meint prädestinierte Grenzen – ein Ideal, das es gilt zu erobern und zu verwirklichen."

Frankreich ist in dieser Vorstellung nicht irgendein Land in Europa, vielmehr ist es eine Einheit, ein Hexagon, das sich vom Rest des Kontinents abgrenzt durch den Atlantik im Westen, die Nordsee im Norden, die Pyrenäen im Süden sowie, als östliche, natürliche Grenze, den Rhein. Zweifelsohne wurde der Rhein in dieser Vorstellung in den Dienst der französischen Geopolitik gestellt. Doch die Parole von den "natürlichen Grenzen" sollte sich verselbständigen und lange Zeit unser Bild von den großen Flüssen in Europa prägen.


Weiterlesen

Flüsse in der Geschichte

  • Claudio Magris: Die Donau. Biografie eines Flusses. Zsolnay Verlag (1996). Eine intellektuelle Reise durch die Geistesgeschichte an der Donau von der Quelle bis zur Mündung. Der Klassiker unter den Flussgeschichten.

  • Guido Hausmann: Mütterchen Wolga. Ein Fluss als Erinnerungsort vom 16. bis ins frühe 20. Jahrhundert. Campus Verlag (2009). Am Beispiel des größten Europäischen Flusses schreibt Hausmann mehr als nur eine russische Geschichte. "Guido Hausmann ist ein großer Wurf gelungen." (Sehepunkte)

  • Peter Ackroyd: Die Themse. Biografie eines Flusses. Knaus Verlag (2009). Am Beispiel der Themse beschreibt Ackroyd die Geschichte des britischen Imperiums und entwirft die Grundzüge einer 'liquid history'. "Ackroyd erzählt Geschichte, und wie gerne er erzählt." (Die Zeit)

  • Christof Mauch/Thomas Zeller (Hg.): Rivers in History. University of Pittsburgh Press (2008). Eine Anthologie in englischer Sprache von Beiträgen einer Konferenz am Deutschen Historischen Institut in Washington, die eine Brücke zwischen der europäischen und der amerikanischen Flussdebatte schlagen. "Ein wichtiger und lesenswerter Beitrag zur Geschichte von Menschen und Flüssen diesseits und jenseits des Atlantiks". (Sehepunkte)