Dossierbild Geschichte im Fluss

14.5.2012 | Von:
Uwe Rada

Die Wiederentdeckung der Oder

Kaum ein Fluss war so sehr zum Synonym für eine Grenze geworden wie die Oder. Doch auch schon vor 1945 hat der Strom Deutsche und Polen getrennt. Seit dem Fall des Eisernen Vorhangs aber wird die Oder zum deutschen und polnischen Fluss. Sogar die Geschichte teilt nicht nur, sie verbindet auch.

Eisenbahnbrücke über die Oder bei CzernicaEisenbahnbrücke über die Oder bei Czernica (© Inka Schwand)

Es gibt Flüsse, die kennt man, bevor man zum ersten Mal an ihre Ufer tritt. Der Rhein zum Beispiel, jener Grenzfluss, der einst die Römer von den Germanen, später dann die rechtsrheinischen Kleinstaaten von den Truppen Napoleons trennte, hat sich früh ins kollektive Gedächtnis der Deutschen geschrieben. Als "Vater Rhein" steht er zunächst für göttliche Erhabenheit und mit Rheinwein begossene Sinnesfreude. Später dann, mit dem beginnenden 19. Jahrhundert, wird er national aufgeladen und als "Wacht am Rhein" zum Symbol für den deutschen Kampf gegen den "Erbfeind Frankreich". Zum weiblichen Pendant des "Vaters Rhein" wird die Loreley, diese – je nach Sichtweise – zauberhafte Elfe oder männermordende Sirene auf dem 112 Meter hohen Felsen bei Sankt Goarshausen. Ihr haben Clemens von Brentano, Heinrich Heine und Friedrich Silcher zu literarischem und musikalischem Ruhm verholfen.

Die Donau verlieh einst einer ganzen Monarchie ihren Namen und trug, wie Claudio Magris in seiner Geistesgeschichte dieses europäischen Flusses gezeigt hat, die vielstimmige Melodie (und die kaiserlichen und königlichen Anordnungen) der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie von Wien und Budapest bis fast ans Schwarze Meer. Anders als der Rhein symbolisiert die Donau weniger eine Grenze zwischen "Zivilisation" und "Barbarei". Vielmehr steht sie bei Magris für das friedliche, wenn auch nicht konfliktfreie Zusammenleben im ehemaligen Vielvölkerreich Österreich-Ungarn.

Die Weichsel wiederum ist jedem Schulkind in Polen als der "polnischste aller polnischen Flüsse" bekannt. Schon im 16. Jahrhundert wurden ihr Hymnen wie diese gewidmet: "Fließe, meine liebe Weichsel, bis zum Seehafen und helfe so gut du kannst dem Königreich Polen." Als man dieses Königreich 1772 erstmals zwischen Preußen, Russland und der Habsburger Monarchie aufteilte, wurde die Weichsel zum Symbol des nationalen Überlebenswillens und hat sogar Einzug gehalten in die polnische Nationalhymne.
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Kilometer ist die Oder lang. Sie ist damit von der Länge her die Nummer 14 bei den Flüssen Europas.



Auch die Moldau ist ein nationaler Mythos. Als blaues Band ist sie die Schlagader Böhmens, ein Fluss, der im Böhmerwald entspringt und in seinem Lauf Städte und Erinnerungsorte wie an einer Perlenkette aneinander reiht: Česky Krumlov (Krummau), Česke Budějovice (Budweis), Praha (Prag). Bedřich Smetana hat der Moldau in seiner Symphonie "Má Vlast" – "Mein Vaterland" ein musikalisches Denkmal gesetzt, das ebenfalls nicht frei ist von den nationalen Tönen des 19. Jahrhunderts. Zugleich ist der Patriotismus von Smetana auch ein Verweis auf die schwierige Nationalitätenpolitik und die Brüchigkeit im Selbstbild der Donaumonarchie, der Böhmen bis zum Ende des Ersten Weltkriegs angehört hatte.

In diesen Flussbildern spiegeln sich die vielstimmigen und oft widersprüchlichen Selbstverständnisse jener, denen der Fluss Lebensader ist oder auch nur Sehnsuchtsort. Sie sind Ausdruck kollektiver Erzählungen einzelner Nationen wie an der Weichsel, nationaler und kultureller Grenzerfahrungen wie am Rhein oder vielsprachigen Alltags wie an der Donau, deren geographischer Bezugsraum das einst vergessene und nun wiederentdeckte Mitteleuropa ist.

„Die Passagierboote gehen von Frankfurt aus zweimal wöchentlich, Mittwoch und Sonnabend, und machen die Fahrt nach Küstrin in zwei, nach Schwedt in acht, nach Stettin in zehn Stunden. Die Benutzung erfolgt mehr stationsweise und auf kleineren Strecken als für die ganze Tour. Schon deshalb, weil die Eisenbahnverbindung die Reisenden eher und sicherer ans Ziel führt. Eher und allen Umständen, und zwar umso mehr, als es bei niedrigem Wasserstande vorkommt, dass die Fahrt auf Stunden unterbrochen oder gar wohl ganz eingestellt werden muss. (…) Flussregulierungen sind nicht unsre starke Seite.“

Theodor Fontane, 1863

„Die Oder ist ein edles Bauernweib. Mit stillen, sicheren Schritten geht sie durch ihre Lande. Kalk- und Kohlestaub liegen manchmal auf ihrem Kleid, zu ihrem einförmigen Lied klopft der Holzschläger den Takt. Sie hat immer Arbeit, schleppt ihren Kindern Kohle und Holz, Getreide und hundertfachen Lebensbedarf ins Haus. Zu Grünberg nippt sie ein gutes, bescheidenes Haustränklein. Die bei ihr wohnen, sind geborgen und glücklich, und wenn sie ans Meer kommt, breitet sie angesichts der Ewigkeit weit und fromm ihre Arme aus.

Paul Keller, 1912

„Die Oder, der Fluss, der von weither kommt (…) Hier geschieht das Vollkommene nicht, hier bändigt niemand zu edlem Maße das Ungebärdige, und das Dunkle ist wie vor der Schöpfung ungeschieden vom Hellen.“

Günter Eich, 1951

„Ich ging weiter über die Brücke. Rechts neben mir war ein Gitter. Unter mir war ein Fluss. Ich ahnte sofort, dass der Fluss Oder hieß, und ich stellte mich erst mal an das Gitter, um in die Oder zu spucken. Nach Möglichkeit spucke ich von jeder Brücke, vorausgesetzt, unter der Brücke ist Wasser.“

Rolf Schneider, 1974

„Die Oder ist wie eine Enzyklopädie. Zwischen Mährischer Pforte und Oderhaff bekommt man fast alles zu sehen, was die Welt Mitteleuropas zu bieten hat.“

Karl Schlögel, 1997

„Es flanieren viele Leute entlang der Oder. In Frankfurt sind das eher Rentner, die viel Zeit haben und die schönen Aussichten und den schönen Boulevard genießen. In Slubice sind es eher Leute, die Hunde haben, da der Oderdamm eine hervorragende Hundespazierstätte ist. Mit der Zeit wird es sich so entwickeln, nehme ich an, dass die Strecken sich verzweigen werden. Die Rentner werden über die Brücke gehen und ihren Spaziergang auf der polnischen Seite fortsetzen. Und die Hundefreunde werden in den Hundeladen in den Oderturm gehen, wo sie gutes Futter kaufen können. Und das ist auch richtig so.“

Krzysztof Wojciechowski, 2011

Ein edles Bauernweib

Vergleichbares lässt sich von der Oder nicht sagen. Kein Mythos, wie der des "Vaters Rhein" ist ihr zueigen, kein Komponist vom Range eines Bedřich Smetana hat ihr eine Symphonie gewidmet, keine Untiefe hat es an der an Untiefen beileibe nicht armen Oder zu literarischem Ruhm gebracht wie die unterm Felsen der Loreley. Nicht einmal eine Eisenbahn fährt an ihren Ufern und gibt dem Reisenden wie an Rhein, Elbe und Moldau Gelegenheit, durchs Fenster hindurch von seinem Fluss zu träumen. Selbst der Flussgott der Oder, der "Viadrus", der spärlich bekleidet, dafür mit einem Paddel in der Hand vom barocken Hafentor in Stettin und der Aula Leopoldina in Breslau auf die Touristen herabschaut, ist nur wenigen Eingeweihten bekannt.

Wenn der Oder ein Image anhaftete, war es das von Mühe und Schweiß. Das haben auch die wenigen Dichter erkannt, die der Oder einige Zeilen gewidmet haben. In seinem 1912 erschienenen Märchen von den deutschen Flüssen verlieh der deutsche Volksdichter Paul Keller denselben Menschengestalt. Während ihm die Elbe dabei zur schönen Gräfin wird, bleibt der Oder nur das Schicksal eines Bauernweibes:

"Die Oder ist ein edles Bauernweib. Mit stillen, sicheren Schritten geht sie durch ihre Lande. Kalk- und Kohlestaub liegen manchmal auf ihrem Kleid, zu ihrem einförmigen Lied klopft der Holzschläger den Takt. Sie hat immer Arbeit, schleppt ihren Kindern Kohle und Holz, Getreide und hundertfachen Lebensbedarf ins Haus. Zu Grünberg nippt sie ein gutes, bescheidenes Haustränklein. Die bei ihr wohnen, sind geborgen und glücklich, und wenn sie ans Meer kommt, breitet sie angesichts der Ewigkeit weit und fromm ihre Arme aus."

Zeichnet Keller die Oder immerhin als durchgehende Flusslandschaft von der Quelle bis zur Mündung, bereist Theodor Fontane in seinen Wanderungen durch die Mark Brandenburg das "Oderland" lediglich von Frankfurt bis Schwedt. Günter Eich wiederum konzentriert sich in seinem Gedicht Oder, mein Fluss auf den Ort seiner Kindheit: "Glockengeläut aus Frankfurt und die Sagen der Reitweiner Berge, die Fähre in Lebus und das Haus rechts an der Oder, wo ich geboren bin". Gustav Freytags Oder, das ist die enge (und nicht selten antisemitische) Welt der Breslauer Bürger. In den Bildern und Selbstbildern ihrer Dichter und Denker kommt die Oder zumeist als Ausschnitt, als Fragment vor. Manchmal, wie bei Joseph von Eichendorff, verschwindet sie sogar ganz aus dem Blickfeld. Am 14. November 1809 notierte der in Schloss Lubowitz bei Ratibor geborene Romantiker, der wegen Geldmangels auf einem Oderkahn in Richtung Berlin reisen wollte:

"Es war ein heller Tag und Schiff und Gegend des Morgens mit Reif geschmückt. Wir waren noch nicht weit gefahren, als unser erstes Schiff auf eine Sandbank lief. Wir warfen daher alle in der Mitte des Stromes die Anker aus, aber erst gegen Mittag gelang der vereinten Kraft der Knechte aller Schiffe jenes Schiff wieder flott zu machen, während welch langweiliger Pause ich wieder Tagebuch schrieb."

Einen Tag später folgte bereits das nächste Unglück:

"Gleich beim Umwenden auf die Crossener Brücke zu (...) segelte das Schiff des Herrn Beyers einen am Ufer stehenden beladenen Kahn samt einen darauf sitzenden Weibe in Grund und Boden, und stürzte mit der Spitze noch zur Zugabe einen Gartenzaun mit fürchterlichem Geprassel um, welches alles uns nachher solche Grobheit und langwierige Händel zuzog, dass wir, zu unserem größten Ärger, heute hier übernachten mussten. Wir beide latschten daher vor Abend noch im größten Regen und Kot durch alle Gassen Crossens, das größer und besser als Ratibor ist."

Als es am Morgen des 18. November auch noch geschneit hatte, entschloss sich der Einundzwanzigjährige, das Schiff zu verlassen und seine Reise nach Berlin mit der Kutsche anzutreten. Die Oder spielte in seinem Werk fortan keine große Rolle mehr.


Zum Weiterlesen

Die Oder

  • Uwe Rada: Die Oder. Lebenslauf eines Flusses. Siedler Verlag (2009). Die erste Biografie des Stromes, der Deutsche und Polen verbindet und nicht mehr trennt. "Dieses Buch ist längst fällig gewesen" (Frankfurter Allgemeine Zeitung)

  • Karl Schlögel/Beata Halicka (Hg.): Oder-Odra. Blicke auf einen europäischen Strom. Peter Lang Verlag (2007). Autoren aus Tschechien, Polen und Deutschland über die Rekonstruktion des Kulturraums Oder. "Das Buch ist mehr als nur ein Konferenzband." (Inter Finitimos)

  • Wolfgang Tschechne: Große Oder, großer Strom. Bergstadt Verlag Wilhelm Gottlieb Korn (2006). Eine Reise entlang des Stroms von der Quelle bis zur Mündung.

  • Institut für angewandte Geschichte (Hg.): Terra Transoderana. Zwischen Neumark und Ziemia Lubuska. Bebra Verlag (2008). Ein Almanach zu einer Brückenregion, deren Geschichte wieder entdeckt wird. "Und der Reiz dieses Buches nun liegt auch darin, die Widersprüchlichkeit aufzuzeigen und nach Wegen zu suchen, um zwei zumeist getrennt bestehenden Perspektiven zu verbinden." (Kulturradio)