Dossierbild Geschichte im Fluss

14.5.2012 | Von:
Mateusz Hartwich

Breslau. Oder. Wrocław

Als "Stadt der Begegnung" lockt Breslau heute Touristen. Die Bewohner selbst haben schon vor der Wende das deutsche Erbe entdeckt. Städtebaulich wendet sich Breslau wieder der Oder zu. Was daran ist regionale Identität, und was ist Stadtmarketing?

Die Oderinseln in Breslau wurden nach der Wende zum Schwerpunkt der Stadtplanung.Die Oderinseln in Breslau wurden nach der Wende zum Schwerpunkt der Stadtplanung. (© Inka Schwand)

Hinwendung zum Fluss

Versucht man, dem neuen Verhältnis von Stadt und Fluss in Wrocław/Breslau auf die Spur zu kommen, lässt sich in den letzten Jahren sicherlich ein Wandel feststellen. Markante Gebäude an der Oder werden wieder zur Geltung gebracht, in dem sie in der Nacht illuminiert oder neu genutzt werden, so wie der alte Wasserturm gegenüber der Technischen Universität. Der Neubau der Universitätsbibliothek an der Oder ist sogar eine Trotzreaktion auf das Hochwasser 1997. Damals hatten die Fluten die Altbestände der Bibliothek bedroht. Zuletzt entstand mitten im Stadtzentrum, zwischen beiden Oderufern, eine privat betriebene Marina mit Klub und Restaurant; hier hofft man auf die Entwicklung des Wassertourismus. In Planung befindet sich ein ambitioniertes Projekt für den zentral gelegenen Bürgerwerder, einst Industrie- und Kasernenstandort. Dort sollen höherwertige Mehrfamilienhäuser, Gewerbe- und Bürobauten und Hotels entstehen. In anderen Stadtteilen entstehen moderne Wohnsiedlungen, deren Namen sich mit dem Bezug zum Fluss schmücken, etwa der Odra Tower.

So groß die Symbolkraft dieser Projekte sein mag, sind sie doch Teil einer übergeordneten Entwicklung. Da ist einmal der Immobilienboom, den der polnische EU-Beitritt ausgelöst hat. Neben den üblichen Wohnparks im Umland entstanden auch zahlreiche Mehrfamilienhäuser auf ehemaligen Brachen innerhalb der Stadtgrenzen. Weitere Lücken werden nach und nach geschlossen, wobei die zur Verfügung stehenden Grundstücke in der Innenstadt immer kleiner, und die Preise immer höher werden.

Die Wiederentdeckung der Oder wie auch der Neuaufbau der Breslauer Innenstadt hängen also stark mit der polnischen Systemtransformation und einem gesteigerten Bedarf an modernen Wohn- und Bürobauten zusammen. Dass sich einzelne Projekte namentlich auf die Oder beziehen, ist eher beiläufig. Lediglich die genannte Marina deutet auf ein tatsächliches Wasserthema hin: die Nutzung des Flusses als Erholungsgebiet in der Stadt.

Schon seit dem 19. Jahrhundert war die Oder als Ausflugsgebiet der Breslauer Bevölkerung genutzt worden. Seit der Schleifung der Festungsmauern hatte der Stadtumbau neben dem Hochwasserschutz stets die attraktive Umgestaltung der flussnahen Gebiete für Promenaden, Boulevards (auf dem deutschen "Bollwerk" entstanden) und Uferterrassen zum Ziel. Da "bürgerliches Freizeitverhalten" im kommunistischen Polen verpönt war und sich – nach einem kurzen Wirtschaftsaufschwung – die Lage seit Mitte der 1970er Jahre zunehmend verschlechterte, fehlte es aber an den nötigen Geldern, um Uferwege, Anlegestellen oder Freizeitanlagen zu gestalten. Erst mit der Verwaltungsreform von 1999, die mehr Befugnisse in die Hände der Stadtoberen übergab, und dem Breslauer Wirtschaftsboom der letzten zehn Jahre, wird dem Erscheinungsbild der Stadt, und dabei vor allem ihrer "Schokoladenseite" am Oderufer, mehr Zeit und Geld gewidmet.

Investitionen in die Infrastruktur

Eine wichtige Rolle bei dieser neuerlichen Hinwendung zur Oder spielt neben der Gestaltung der Flussufer auch die Passagierschifffahrt. Parallel zum Ausbau der Oder zur Wasserstraße im 19. und 20. Jahrhundert wurde die innerstädtische Oder in Breslau von Fahrgastschiffen befahren. Damit war aber in den Nachkriegsjahrzehnten Schluss, was nicht nur mit der wirtschaftlichen Lage, sondern auch mit dem Zustand der Oder als Wasserstraße zusammen hing. Seit dem Umbruch von 1989 werden allerdings wieder neue Initiativen gestartet, um den Fluss als Ort der Erholung neu zu erfinden.

Auch die Stadtverwaltung hat sich aktiv in die Suche nach privaten Betreibern einer Passagierflotte mit Flussdampfern, Gondeln und Ausflugsschiffen eingeschaltet. Mittlerweile stellt die "Weiße Flotte" einen festen Bestandteil des Freizeitangebots der Stadt dar, die sich 2012 zur Fußball-Europameisterschaft und den erwarteten Touristenansturm rüstete. Spätestens bis zu diesem Zeitpunkt sollte ein Teil des Verkehrs von den chronisch verstopften Straßen aufs Wasser gebracht werden.

Selbst der Hochwasserschutz blieb Flickwerk. Auch nach dem Hochwasser 1997 ist die Regierung in Warschau mit der Instandsetzung des Breslauer Wasserwegs, der Anfang des 20. Jahrhunderts den Oderverlauf neu regelte und neue Kanäle und Umfluter schuf, nicht weitergekommen. Da die Verantwortung für den Umbau der Wasserstraßen weiter in der Hand staatlicher Stellen bleibt, können die Verantwortlichen vor Ort lediglich an die Regierung appellieren. Der Handlungsbedarf ist da: Aufgrund kaputter Wehre und Schleusen stellt die Oder im Stadtzentrum eine "Sackgasse" dar. Das hat auch Auswirkungen auf die Fahrgastschifffahrt. Ausflugsschiffe verkehren nur punktuell, reguläre Verbindungen zwischen den Städten sind nicht möglich, ganz abgesehen von Oder-Kreuzfahrten. Die Infrastruktur der Oder gleicht einem "technischen Freiluftmuseum", wie es der Breslauer Professor Stanisław Januszewski formuliert – nur dass die Anlagen weiter genutzt werden.

„Die Passagierboote gehen von Frankfurt aus zweimal wöchentlich, Mittwoch und Sonnabend, und machen die Fahrt nach Küstrin in zwei, nach Schwedt in acht, nach Stettin in zehn Stunden. Die Benutzung erfolgt mehr stationsweise und auf kleineren Strecken als für die ganze Tour. Schon deshalb, weil die Eisenbahnverbindung die Reisenden eher und sicherer ans Ziel führt. Eher und allen Umständen, und zwar umso mehr, als es bei niedrigem Wasserstande vorkommt, dass die Fahrt auf Stunden unterbrochen oder gar wohl ganz eingestellt werden muss. (…) Flussregulierungen sind nicht unsre starke Seite.“

Theodor Fontane, 1863

„Die Oder ist ein edles Bauernweib. Mit stillen, sicheren Schritten geht sie durch ihre Lande. Kalk- und Kohlestaub liegen manchmal auf ihrem Kleid, zu ihrem einförmigen Lied klopft der Holzschläger den Takt. Sie hat immer Arbeit, schleppt ihren Kindern Kohle und Holz, Getreide und hundertfachen Lebensbedarf ins Haus. Zu Grünberg nippt sie ein gutes, bescheidenes Haustränklein. Die bei ihr wohnen, sind geborgen und glücklich, und wenn sie ans Meer kommt, breitet sie angesichts der Ewigkeit weit und fromm ihre Arme aus.

Paul Keller, 1912

„Die Oder, der Fluss, der von weither kommt (…) Hier geschieht das Vollkommene nicht, hier bändigt niemand zu edlem Maße das Ungebärdige, und das Dunkle ist wie vor der Schöpfung ungeschieden vom Hellen.“

Günter Eich, 1951

„Ich ging weiter über die Brücke. Rechts neben mir war ein Gitter. Unter mir war ein Fluss. Ich ahnte sofort, dass der Fluss Oder hieß, und ich stellte mich erst mal an das Gitter, um in die Oder zu spucken. Nach Möglichkeit spucke ich von jeder Brücke, vorausgesetzt, unter der Brücke ist Wasser.“

Rolf Schneider, 1974

„Die Oder ist wie eine Enzyklopädie. Zwischen Mährischer Pforte und Oderhaff bekommt man fast alles zu sehen, was die Welt Mitteleuropas zu bieten hat.“

Karl Schlögel, 1997

„Es flanieren viele Leute entlang der Oder. In Frankfurt sind das eher Rentner, die viel Zeit haben und die schönen Aussichten und den schönen Boulevard genießen. In Slubice sind es eher Leute, die Hunde haben, da der Oderdamm eine hervorragende Hundespazierstätte ist. Mit der Zeit wird es sich so entwickeln, nehme ich an, dass die Strecken sich verzweigen werden. Die Rentner werden über die Brücke gehen und ihren Spaziergang auf der polnischen Seite fortsetzen. Und die Hundefreunde werden in den Hundeladen in den Oderturm gehen, wo sie gutes Futter kaufen können. Und das ist auch richtig so.“

Krzysztof Wojciechowski, 2011

Geschichte im Fluss

Dass Aktivisten wie Januszewski auf die Technik- und Kulturgeschichte der Oder hinweisen, wenn sie für die Erhaltung und Instandsetzung der Infrastruktur plädieren, scheint selbstverständlich. Dass dabei unterschwellig der Vorwurf formuliert wird, die polnische Verwaltung habe die Infrastruktur, die zu deutschen Zeiten vorbildlich ausgebaut wurde, dramatisch vernachlässigt, verweist auf ein übergeordnetes Phänomen: die Auseinandersetzung mit der Ortsgeschichte in Breslau und Niederschlesien nach 1989. Seit dem politischen Umbruch in Polen und Mitteleuropa werde die deutsche Vergangenheit der Region wieder entdeckt und offen diskutiert. So zumindest lautet die verbreitete Überzeugung.

Tatsächlich erforschen die polnischen Bewohner der ehemaligen deutschen Ostgebiete immer häufiger ihre Lokalgeschichte, suchen Kontakt zu früheren, deutschen Einwohnern, und entwickeln dabei eine offene, moderne, ja "europäische" Version ihrer Geschichte. Nicht zuletzt war die Oderflut von 1997 ein wichtiger Auslöser dieser Entwicklung. Als die historischen Schätze Breslaus akut bedroht waren, wurden sie von den polnischen Bewohnern gerettet, die sich damit die fremde Vergangenheit aneigneten.

Kein Zweifel: Das Verhältnis der Breslauer zu ihrer Stadtgeschichte hat sich gewandelt. Breslau wird in Wrocław nicht nur offen thematisiert. Die deutsche Vergangenheit wird auch als die eigene akzeptiert, ja sogar zur Zierde hochgehalten. Dabei verweist man auf herausragende Baudenkmäler wie die Jahrhunderthalle von Max Berg, bedeutende Persönlichkeiten, darunter zahlreiche Nobelpreisträger, oder auf die historische Stellung der Stadt in Mitteleuropa. Nicht nur die vermeintlich "polnischen" Kapitel der Geschichte im Mittelalter und die böhmisch-habsburgische Epoche vom 14. bis zum 18. Jahrhundert gelten heutzutage als wichtige historische Referenz im Selbstverständnis Breslaus, sondern auch die Entwicklung der Stadt in Preußen.

Feierlich beging man in den letzten Jahren das tausendjährige Bestehen des Bistums und somit die historische Ersterwähnung Breslaus im Jahre 1000 sowie das 300. Jubiläum der jesuitischen Akademie "Leopoldina", einer habsburgischen Gründung von 1702. Auch wurde an bedeutende Ereignisse der preußischen Geschichte wie etwa die Befreiungskriege erinnert. Anschaulich dargestellt wurde diese vielschichtige Geschichte zuletzt in der Dauerausstellung des neuen Stadtmuseums, die 2009 in der sanierten ehemaligen Hohenzollernresidenz eröffnet wurde. Allerdings wurde in der polnischen Presse die Bezeichnung "Königsschloss" für die neue Einrichtung kritisiert, habe es doch Königsresidenzen in Polen lediglich in Krakau und Warschau gegeben. Die Breslauer Namensgebung aber sei preußisch und übertrieben. War das ein Rückschritt in die Zeiten der lokalen Suche nach einer historischen Identität unmittelbar nach der Wende von 1989?


Zum Weiterlesen

Die Oder

  • Uwe Rada: Die Oder. Lebenslauf eines Flusses. Siedler Verlag (2009). Die erste Biografie des Stromes, der Deutsche und Polen verbindet und nicht mehr trennt. "Dieses Buch ist längst fällig gewesen" (Frankfurter Allgemeine Zeitung)

  • Karl Schlögel/Beata Halicka (Hg.): Oder-Odra. Blicke auf einen europäischen Strom. Peter Lang Verlag (2007). Autoren aus Tschechien, Polen und Deutschland über die Rekonstruktion des Kulturraums Oder. "Das Buch ist mehr als nur ein Konferenzband." (Inter Finitimos)

  • Wolfgang Tschechne: Große Oder, großer Strom. Bergstadt Verlag Wilhelm Gottlieb Korn (2006). Eine Reise entlang des Stroms von der Quelle bis zur Mündung.

  • Institut für angewandte Geschichte (Hg.): Terra Transoderana. Zwischen Neumark und Ziemia Lubuska. Bebra Verlag (2008). Ein Almanach zu einer Brückenregion, deren Geschichte wieder entdeckt wird. "Und der Reiz dieses Buches nun liegt auch darin, die Widersprüchlichkeit aufzuzeigen und nach Wegen zu suchen, um zwei zumeist getrennt bestehenden Perspektiven zu verbinden." (Kulturradio)