Dossierbild Geschichte im Fluss

27.8.2012

Die Oder im Lauf der Geschichte

Seitdem sie 1945 zum Grenzfluss zwischen Deutschen und Polen wurde, ist die Oder als politischer Fluss bekannt. Als historischer Fluss bildete sie in Schlesien einst aber eine Brückenregion zwischen Deutschen und Polen. Auch heute ist sie wieder ein europäischer Strom.

Das Königstor in Stettin mit dem Odergott Viadrus samt Füllhorn.Das Königstor in Stettin mit dem Odergott Viadrus samt Füllhorn. (© Wikimedia)

9000 bis 8000 vor Christus: Ende der Eiszeit im nördlichen Europa. Beim Rückzug der Eismassen entstehen Moränen und Urstromtäler, auch das der Oder.

200-100 vor Christus: Besiedlung Schlesiens durch die germanischen Stämme der Lugier, Wandalen sowie der Oder-Warthe-Gruppe.

2. Jahrhundert: Der Geograf Ptolemäus gibt der Oder den lateinischen Namen Viadrus.

500 bis 600: Slawische Maravni besiedeln das Gebiet der Oberen Oder. Entstehung von Morava/Mähren. In Schlesien lassen sich ebenfalls slawische Stämme nieder.

Um 900: Gründung der Grenzburg Vratislavia, das spätere Breslau/Wrocław.

966: Der polnische Herzog Mieszko I. nimmt den christlichen Glauben an.

972: Schlacht von Zehden. Mieszko wehrt den Versuch Ottos ab, die deutschen Grenzen weiter nach Osten zu verschieben.

Um 1000: Die Pomoranen siedeln von der Weichselmündung bis zur unteren Oder.

1000 Mieszkos Sohn Bolesław Chrobry vereint die slawischen Völker zwischen Oder und Weichsel. Kaiser Otto III. überreicht das päpstliche Dokument zur Gründung des Erzbistums Gnesen. Polen ist als selbständige Kirchenprovinz und souveräner Staat anerkannt.

1075: In seiner Hamburger Kirchengeschichte erwähnt Adam von Bremen die Oder und beschreibt sie als slawischen Siedlungsraum.

1137: Nach langen Auseinandersetzungen zwischen Böhmen und Polen wird Schlesien nach dem „Glatzer Pfingsfrieden“ polnisch. Doch die Bindung an die polnische Krone ist locker, mit den schlesischen Piasten bildet sich eine eigene Herrscherlinie heraus.

1163: Gründungsurkunde des Klosters Leubus durch Bolesław Wysoki.

1211: Erste urkundliche Erwähnung der Oderschiffahrt. Mönche aus Leubus dürfen zweimal im Jahr Boisalz aus Guben über die Oder nach Schlesien bringen.

1201–38: Heinrich I. von Schlesien holt zahlreiche deutsche Siedler in sein Herzogtum. Zahlreiche Kirchen und Klöster werden gegründet. Beginn der sogenannten Ostsiedlung.

1241: Zerstörung Breslaus nach einem Einfall der Mongolen. Wiederaufbau des Marktes in seiner heutigen Form. Zahlreiche Städte werden nach deutschem Stadtrecht gegründet.

1335: Schlesien wird böhmisch.

1354: Frankfurt und Stettin werden Mitglied der Hanse, Breslau folgt 1387.

14. und 15. Jahrhundert: Pestepidemien, Hungernöte und Hussitenkriege in Schlesien.

1506: Einweihung der Viadrina als Brandenburgische Landesuniversität in Frankfurt (Oder).

1526: Böhmen und mit ihm Schlesien werden österreichisch. Gegenreformation der Habsburger.

1605-20: Bau des ersten Finowkanals als Verbindung zwischen Havel und Oder.

1618-1648: Dreißigjähriger Krieg. Andreas Gryphius verfasst in Glogau das Sonett Threnen des Vaterlandes.

1662-68: Der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm lässt den Neuen Graben zwischen Oder und Spree bauen. Beginn der Schifffahrt zwischen Berlin und Breslau.

1702: Gründung der Leopoldina in Breslau als Jesuitenhochschule.

1720: Stettin wird preußisch.
Satellitenbild von Breslau. Die Stadt gruppiert sich um ihren Fluss herum.Satellitenbild von Breslau. Die Stadt gruppiert sich um ihren Fluss herum. (© Wikimedia)
1730: Enthauptung Kattes vor den Augen des Kronprinzen Friedrich in Küstrin.

1736: Nach einer Hochwasserkatastrophe beauftragt Friedrich Wilhelm I. den niederländischen Deichbaumeister Simon Leonard von Haerlem mit Maßnahmen zum Hochwasserschutz.

1740: Friedrich II. wird König. Mit dem Ersten Schlesischen Krieg werden große Teile Schlesiens preußisch. Fast der gesamte Oderraum ist in preußischer Hand.

1746-53: Trockenlegung des Oderbruchs durch den Bau eines neuen Kanals zwischen Güstebiese und Hohensaaten.

1772: Erste Teilung Polens zwischen Preußen, Habsburg und Russland. Preußen wird auf kosten Polens europäische Großmacht.

1795: Dritte polnische Teilung. Der polnische Staat verschwindet von der europäischen Landkarte.

1806: Preußens Niederlage gegen Napoleon. Breslau wird besetzt.

1810: Säkularisierung in Preußen. Das Kloster Leubus wird zum Profanbau. Wilhelm von Humboldt gründet die Berliner Universität.

1811: Verlagerung der Viadrina von Frankfurt nach Breslau.

1813: Aufruf des preußischen Königs Friedrich Wilhelm III. „An mein Volk“ in Breslau.

Seit 1819: Regulierung des Oderstroms, vor allem durch den Bau von Buhnen.

1837: Mit der Inbetriebnahme der "Victoria" beginnt auf der Oder die Dampfschifffahrt.


Zum Weiterlesen

Die Oder

  • Uwe Rada: Die Oder. Lebenslauf eines Flusses. Siedler Verlag (2009). Die erste Biografie des Stromes, der Deutsche und Polen verbindet und nicht mehr trennt. "Dieses Buch ist längst fällig gewesen" (Frankfurter Allgemeine Zeitung)

  • Karl Schlögel/Beata Halicka (Hg.): Oder-Odra. Blicke auf einen europäischen Strom. Peter Lang Verlag (2007). Autoren aus Tschechien, Polen und Deutschland über die Rekonstruktion des Kulturraums Oder. "Das Buch ist mehr als nur ein Konferenzband." (Inter Finitimos)

  • Wolfgang Tschechne: Große Oder, großer Strom. Bergstadt Verlag Wilhelm Gottlieb Korn (2006). Eine Reise entlang des Stroms von der Quelle bis zur Mündung.

  • Institut für angewandte Geschichte (Hg.): Terra Transoderana. Zwischen Neumark und Ziemia Lubuska. Bebra Verlag (2008). Ein Almanach zu einer Brückenregion, deren Geschichte wieder entdeckt wird. "Und der Reiz dieses Buches nun liegt auch darin, die Widersprüchlichkeit aufzuzeigen und nach Wegen zu suchen, um zwei zumeist getrennt bestehenden Perspektiven zu verbinden." (Kulturradio)