Dossierbild Geschichte im Fluss
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Der Donau entkommt man nicht


30.4.2013
Natürlich fließt die Donau durch Passau, Wien und Budapest. Aber wer dort auf den Brücken steht, sollte auch an das Blut denken, das die Donau im letzten Krieg mit sich führte. Die Donau verbindet die Mitte mit dem Rand, darum ist sie der europäischste aller Flüsse – und die tiefsinnigste, klügste Erzählung, die uns die Geografie unseres Kontinents bietet.

Gegen den Strom der Zeit



Die Donau in VukovarDie Donau in Vukovar (© Inka Schwand)

Die Donau fließt gegen den Strom der Zeit. Sie wälzt ihr Wasser an der Neuzeit in die Vergangenheit, aus der Aktualität ins Vergangene. Je länger sie wird, desto älter wird sie. In ihrer Mündung leben tausendjährige Welse und Scharen von Pelikanen, die aussehen wie fliegende Reptilien. Hier sammelt sich der Schlamm aus dem Innern Europas.

In Murighiol weiden Vieh und riesige Eber sich selbst überlassen. In der Abenddämmerung kommen sie zu den aus Schilf errichteten Anwesen. In Caraorman baute Nicolae Ceauşescu gewaltige Anlagen, die Gold aus dem Wasser der Donau fördern sollten. Eine Handvoll Goldstaub im Jahr. Die großen Maschinen verrosten inmitten der sandigen Einöde. Sie waren nie in Betrieb. Heute verbergen sich in ihrem Schatten magere und vor Schweiß glänzende Pferde.

Ich wohne in den Karpaten, zehn Kilometer von der Wasserscheide entfernt. Auf meiner, der polnischen Seite fließen alle Flüsse in die kalte Ostsee. Auf der anderen, der slowakischen Seite, vereinigt sich das Wasser fast aller Flüsse mit der Donau, um im Schwarzen Meer zu verschwinden. Durch das Fenster sehe ich einen bewaldeten Bergrücken und weiß, dass hinter ihm noch einer ist, und dann bricht sich der Hauptgrat der Karpaten und beginnt sanft abzufallen und den Weg nach Süden zu öffnen. Dort ist die Donau. Dort bewachen tausendjährige Welse die Mündungen der drei Donauarme: Kilija, Sulina und Sfântu Gheorge.

Wenn ich von meinem Land genug habe, denke ich an die Donau. Ich gehe zur Wasserscheide und lausche den nach Süden fließenden Bächen. Ich stelle mir vor, wie Prut (Pruth), Seret (Sereth), Olt (Alt), Sava (Sawe), Theiss und Drava (Drau) ihre Strömung mit dem mächtigen Lauf der Donau verflechten. Ich bin all diese Flüsse entlanggefahren und habe ihre Mündung gesehen. Prut und Seret münden unweit von Galaţi, der Olt in Turnu Măgurele, die Sava in Belgrad, die Theiss in der Nähe von Novi Sad und die Drava ein paar Kilometer östlich von Osijek.

Die Donau selbst habe ich wohl an siebzehn Stellen überquert. Am häufigstenin Budapest, auf der Margaretenbrücke, der Kettenbrücke, der Elisabethenbrücke und der Petöfi-Brücke. In Novi Sad auf einer Pontonbrücke, die neben den Ruinen einer alten, bombardierten Brücke aufgebaut wurde. Am Eisernen Tor über den Staudamm. In Galaţi und Braĭla mit Fähren. In Sulina mit einem gewöhnlichen Boot. Und Dutzende Male im Traum.

Die Donau aufwärts



Die Donau in Zemun bei BelgradDie Donau in Zemun bei Belgrad (© Uwe Rada)
Im letzten Sommer bin ich die Donau aufwärts gefahren. Die Reise begann in Galaţi. Ich irrte in der Dobrudscha herum, bald entfernte ich mich vom Fluss, bald kam ich wieder näher. Im Auto hatte ich ein Zelt; ich schlief dort, wo mich die Nacht überraschte. In der Dunkelheit sah ich die brennende Steppe und hörte das Klingeln der Schafsglocken. Am Morgen rollte ich dann das Zelt zusammen, machte mir mit einem Gaskocher Kaffee und fuhr weiter in die vertrockneten Hügel. Hinter mir ließ ich das sumpfige, schwüle Delta.

Die Donau entspringt in den westlichen Hängen des Schwarzwalds. Einmal habe ich ihr dünnes Rinnsal von einem hohen Bahnviadukt aus gesehen. Ich fuhr von Zürich nach Tübingen, von der Schweiz nach Deutschland, ich fuhr durch Städte und Städtchen, die sich über Jahrhunderte ausbreiteten, mit ihren Kirchen, deren Fundamente zu Anfang des Heiligen Römischen Reiches errichtet wurden. Und immer, wenn ich im Delta oder in der Dobrudscha bin, erinnere ich mich an die Quelle des Flusses und an seinen oberen Lauf, der Wasser aus der Tiefe der europäischen Geschichte führt, die sich ununterbrochen mit der Gegenwart und der Zukunft verbindet.

Im Delta und in der Dobrudscha hat die Geschichte noch nicht richtig angefangen. Die Donau bringt Schlamm aus der Tiefe des Kontinents, aus der Tiefe der Zivilisation, und baut aus ihm ein Reich außerhalb der Zeit. Im Delta und in der Dobrudscha herrscht die Ewigkeit – und tausendjährige Welse in den Wasserbiegungen, auf Beute lauernd. Im Hochsommer erinnert dieses Gebiet an Amazonien oder Abessinien.

Kühe kühlen sich im Wasser



"Vietnam, Vietnam", sagte vor drei Jahren der Steuermann des Bootes, das mich von Sulina nach Sfântu Gheorghe brachte. Wir fuhren stundenlang durch die grünen Tunnel der Kanäle, gelb-schwarze WasserschIangen streiften die Bordwände.

In Sfântu Gheorghe, dem letzten Dorf des Kontinents, das man nur auf dem Wasserweg erreicht, war alles aus Schilf gemacht: Häuser, Zäune, Ställe, Dächer. In der Luft schwirrten Milliarden von Mücken. Hier floss der Fluss ins Meer, und man konnte deutlich die Grenze von Süß- und Salzwasser erkennen. Das Süßwasser war grünlich und trüb, das Salzwasser blaugrau und durchsichtig. Am Ufer wuchs nichts, nichts warf Schatten. Mittags suchten die Kühe Kühlung und gingen ins Meer. Sie standen bis zu den Bäuchen im Wasser und schauten Richtung Krim oder Richtung Pontisches Gebirge. Das Wasser war warm und seicht. Ich entfernte mich einige hundert Meter vom Ufer, und es reichte mir kaum bis zur Brust.

Im letzten Sommer bin ich auf der rumänischen Seite flussaufwärts gefahren. Ich schaute zum bulgarischen, dann zum serbischen Ufer hinüber. Im Radio erwischte ich bulgarische und serbische Sender. Ich schlief nördlich vonTurnu Severin. Zwischen grünen Hügeln schlug ich mein Zelt auf. Am Morgen überquerte ich die Donau auf dem Staudamm am Eisernen Tor, in Porţile de Fier. Der Staudamm war gigantisch und verlassen. Nur ich wollte nach Serbien. Millionen von Tonnen Beton hielten den Ansturm des Wassers auf. Ich stellte mir vor, dass sie den ganzen Fluss vom Eisernen Tor bis zum Schwarzwald aufhielten.

Ich fuhr zwischen energetischen Konstruktionen, Gittern und Stahlzäunen. Man durfte nicht anhalten, man durfte keine Fotos machen. Auf der anderen Seite saßen Serben in Uniformen. Sie saßen mit ausgestreckten Beinen auf ihren Stühlen. Einer von ihnen stand unwillig auf und sah sich gelangweilt meinen Pass an. Man sah, dass sie Fremde nicht mochten. Aber sie konnten auch nicht ohne Fremde leben – wem hätten sie sonst ihre Trägheit und verächtliche Gnade demonstrieren sollen. Ein schläfriger Junge begoss die Autoräder mit einer Flüssigkeit und nahm drei Euro dafür. So begann Serbien. Bald musste ich den Fluss verlassen, denn ich fuhr nach Süden, Richtung Mazedonien.



 
Zum Weiterlesen

Die Donau

  • Claudio Magris: Die Donau. Biografie eines Flusses. Zsolnay Verlag (1996). Eine intellektuelle Reise durch die Geistesgeschichte an der Donau von der Quelle bis zur Mündung. Der Klassiker unter den Flussgeschichten.

  • Michael W. Weithmann: Die Donau. Geschichte eines europäischen Flusses. Böhlau Verlag (2012). Eine fundierte Geschichte des Donauraums von der Antike bis zur Gegenwart. "Die wohl beste Neuerscheinung der letzten Jahre zur Geschichte und Gegenwart des Donauraums." (Siebenbürger Zeitung)

  • Frank Gauditz: Warten auf Europa. Begegnungen an der Donau. Deutsches Kulturforum östliches Europa (2006). Der Fotograf Frank Gauditz reiste die Donau entlang und legt ein biografisches Porträt der Donau am Beispiel ihrer Menschen vor.

  • Christian Fridrich (Hg.): Europa Erlesen. Donau. Wieser Verlag (2012). Auch der Wieser-Verlag hat sich der Donau angenommen. Auf mehr als 600 Seiten bietet die Anthologie bekannte und unbekannte Texte über die Donau.

  • Michal Hvorecky: Tod auf der Donau. Tropen Verlag (2010). Der Thriller des slowakischen Autors spielt auf einem Kreuzfahrtsschiff auf einer Fahrt von Regensburg zum Schwarzen Meer. "Porträt und Chronik eines paneuropäischen Flusses" (Frankfurter Allgemeine Zeitung)