Dossierbild Geschichte im Fluss
1 | 2 Pfeil rechts

Flüsse als religiöse Symbole


2.7.2013
Die Elbe protestantisch, der Rhein katholisch? So einfach ist es nicht. Europas religiöse Landkarte ist so fließend wie der Lauf der Flüsse. Dennoch markieren die Dome, Kirchen, Kathedralen und Moscheen an ihren Ufern, welche symbolische Bedeutung Flüsse für Katholiken, Protestanten, Orthodoxe und Muslime haben.

Der Petersdom in RomDer Petersdom in Rom liegt in unmittelbarer Nähe des Tiber. (© Inka Schwand)

Heilige Flüsse



Jahr für Jahr pilgern in Indien Millionen Gläubige zum Ganges, um sich zu reinigen und um sich aus dem ewigen Kreislauf der Wiedergeburt zu befreien. Ein religiös-spiritueller Akt im Heiligen Fluss. Doch nicht nur der Ganges, auch viele andere Flüsse des Landes sind den Hindus heilig. 2003 kam es bei der Wallfahrt zum Fluss Godavari zu einer Massenpanik, 43 Menschen wurden zu Tode getrampelt. Es gibt häufig Verletzte bei den religiösen Waschungen am Fluss.

Auch das Christentum kennt heilige Flüsse. Der Tigris bewässerte das Paradies, steht in der Bibel, und für die Juden spielt der Jordan eine besondere Rolle. Ihn hat das Volk Israel bei der Landnahme Kanaans durchquert, nachdem es durch die Wüste gewandert war. Bei Jericho ist vermutlich die Stelle, wo sich Jesus von Johannes dem Täufer taufen ließ.

In Europa sind heilige Flüsse eher selten und nicht besonders berühmt. Zum Beispiel der Pühajõgi, der "Heilige Fluss" im Norden Estlands. Rund 400 heilige Orte sind in Estland registriert und genießen besonderen Schutz: Heilige Bäume, Steine, Quellen, Flüsse und Seen. "Sakralbauten der Natur" nennt sie der Reiseführer. Es sind Relikte heidnischer Religionen, wie sie sich in ganz Europa finden.

Weiter nördlich fließt die Narva, die in den Finnischen Meerbusen mündet. Seit dem Mittelalter trennt der Fluss Russland von dem europäisch geprägten Baltikum. Mächtige Festungen an beiden Flussufern zeugen davon. Die Narva ist auch eine religiöse Grenze, die die estnischen Lutheraner von der russisch-orthodoxen Kirche trennt.

Elbe, Reformation und Gegenreformation



Die großen europäischen Flüsse sind nicht heilig, aber sie sind bedeutende Schauplätze religiöser Ereignisse. Die Elbe zum Beispiel ist mit der Reformation aufs Engste verbunden. Sie entspringt in Tschechien auf einem Kamm des böhmischen Riesengebirges, nicht weit von der polnischen Grenze, wo Schlesien beginnt. Es gibt elf Elbquellen, die der Teufel persönlich gebohrt haben soll. Ein gemauertes Wasserloch markiert symbolisch den Flussbeginn. Die Gegend um Königgrätz war eine Hochburg der reformatorischen Hussiten, die sich im frühen 15. Jahrhundert zusammentaten, nachdem der Reformator Jan Hus während des Konstanzer Konzils auf dem Scheiterhaufen verbrannt worden war.

Es folgten erbitterte Glaubenskriege, bis Anfang des 17. Jahrhunderts die Gegend wieder katholisch wurde und bis heute blieb. 1684 hat der Bischof von Königgrätz mit dem Segen Roms die Elbquelle geweiht, um sie zu entdämonisieren, seitdem ist sie ein Wallfahrtsort. Der Bischof war damals mit einer zerlegbaren Kapelle und einem Kamel als Lasttier gekommen, das auf halber Strecke zusammenbrach. Während der Gegenreformation mussten die "Anhänger des Abendmalkelches", die Hussiten und später die Böhmischen Brüder fliehen, um dem Bann der römischen Kirche zu entkommen. Einige siedelten in Sachsen. In der Lausitz organisieren die Herrnhuter bis heute ihre weltweite Missionsarbeit.

Bis zur deutschen Grenze in Sachsen heißt die Elbe "Labe". Nach knapp 1.100 Kilometern mündet sie bei Cuxhaven in die offene Nordsee. Wo der Fluss endet und das Meer beginnt, ist nicht auszumachen. "Ein Ort, woran unsere Erfahrung versagt", sagt der katholische Theologe und Schriftsteller Arnold Stadler. "Da kann man nicht sagen, ob das jetzt noch die Elbe ist oder ob es das Meer ist. Das müssten vielleicht Wasserproben ergeben. Aber wir sind ja keine Naturwissenschaftler, wenn wir ein Buch schreiben, das 'Sehnsucht' heißt."

Kirchen an Flüssen



Prächtige Sakralbauten säumen den Flusslauf, die Dresdner Frauenkirche und St. Michel in Hamburg zeigen protestantischen Barock. Mit dem Dom zu Meißen haben die Naumburger Meister ihr wichtigstes gotisches Bauwerk geschaffen. Sie kamen aus Frankreich, machten Station in Naumburg an der Saale und sind vermutlich weiter nach Polen gezogen. Bis 1581 war Meißen der Sitz der katholischen Bischöfe, dann kamen die Protestanten.

Der Magdeburger Dom hat ein ähnliches Schicksal. Nach dem Tod des katholischen Albrecht von Brandenburg blieb er 20 Jahre geschlossen. Am Ersten Advent 1597 wurde der erste protestantische Gottesdienst gefeiert. Im "Dritten Reich" war der Dom mit eine Domäne der national gesinnten Deutschen Christen. Schon 1932 predigte Hofprediger Ernst Martin vor der SA. In der DDR wurde der Dom ein Zentrum der friedlichen Revolution. Wenn die Elbe wenig Wasser führt, ist zu sehen, dass das Dom-Fundament auf einem Felsen steht.

Pfarrkirche (rechts) und Schlosskirche (links) in WittenbergMit der Pfarrkirche (rechts) und der Schlosskirche (links) ist das Wittenberg Martin Luthers ein religiöser Erinnerungsort. (© Inka Schwand)
Man sagt, Torgau sei die Amme und Wittenberg die Mutter der Reformation. Die Schlosskirche in Torgau ist der der erste protestantische Kirchenneubau, der die Kanzel und die Gemeinde architektonisch in den Mittelpunkt rückt. Und in der benachbarten Stadtkirche liegt Luthers Witwe, Katharina von Bora, begraben.

Strategisch war Torgau ein wichtiger Ort, hier fanden bedeutende Schlachten statt. 1760 wurde an der Elbe der Siebenjährige Krieg entschieden: Die protestantischen Preußen konnten die katholischen Österreicher besiegen, obwohl die Schlacht zunächst als verloren galt. Es war der blutigste Krieg des 18. Jahrhunderts mit über 30.000 Toten. Am 25. April 1945 trafen sich an der zerstörten Elbbrücke in Torgau Russen und Amerikaner zum historischen Handschlag. Die eigentliche Begegnung hatte schon zuvor stattgefunden, 30 Kilometer flussaufwärts. An den Elbauen bei Strehla lagen aber so viele Leichen, dass der Ort als Kulisse für ein friedenstiftendes Foto-Shooting nicht geeignet war.

Nach dem Zweiten Weltkrieg haben große und kleine Flüsse die neuen Grenzen Europas bestimmt. Oder und Neiße wurden zu Grenzflüssen. Stalin wolle eigentlich bis zum Rhein, und für den Katholiken Konrad Adenauer fing gleich hinter der Elbe die asiatische Steppe an.

Der Rhein ist nicht nur katholisch



Auf den ersten Blick ist der Rhein männlich und katholisch. "Vater Rhein" sagen die Deutschen. Aber der Rhein ist ein europäischer Fluss (französisch Rhin und niederländisch Rijn), der aus den Schweizer Alpen kommt, durch Österreich und Lichtenstein fließt und in den Niederlanden in die Nordsee mündet. Ein internationaler Verkehrsweg, der durch Mitteleuropa führt. Schon der Wiener Kongress hatte die Rheinuferstaaten verpflichtet, den Schiffsverkehr gemeinsam zu regeln.

Zwischen Koblenz und Mainz steckt der Rhein voller Ritterburgen und Ruinen. Die gotische Wernerkapelle zu Bacharach ist ein nicht fertig gebautes Gotteshaus. Werner von Bacharach lebte am Ende des 13. Jahrhunderts als Tagelöhner. Sein gewaltsamer Tod wurde den Juden angelastet. Sie sollten das Blut des Opfers für ihr Pessach-Fest verwendet haben. Die dann folgenden Pogrome erschütterten den gesamten Mittelrhein und das Gebiet rechts und links der Mosel. Werner von Bacharach wurde seitdem als Märtyrer verehrt, erst nach den Zweiten Vatikanischen Konzil hat das Bistum Trier seinen Namen aus dem Heiligenverzeichnis gestrichen. 1840 hatte der konvertierte Jude Heinrich Heine dem Ereignis eine Erzählung gewidmet.

Mit dem Loreley-Felsen besitzt der Mittelrhein einen weiteren Stolperstein, der auch mit Heine in Verbindung steht. Seit der Reformation ist St. Goar protestantisch, weil es im Besitz von Philipp I. von Hessen war, der als erster deutscher Fürst den Reformatoren folgte. An dieser Stelle ist der Rhein für die Schifffahrt seit jeher gefährlich. Bis Mitte des letzten Jahrhunderts gab es keine feste Fahrrinne, und man brauchte Lotsen, um die Sandbänke und Untiefen zu umschiffen. Der "Heilige Goar", ein Priestermönch, der aus Frankreich kam, steht traditionell den hilfesuchenden Schiffern bei.

"Ich weiß nicht was soll es bedeuten / dass ich so traurig bin, ein Lied aus uralten Zeiten… "Das Lied von der blonden Verführerin Loreley wurde zum Volksgut und ließ sich auch im Dritten Reich nicht aus den Köpfen tilgen. Und so schrieben die Nationalsozialisten "Verfasser unbekannt" unter Heinrich Heines Text. Die Loreley hat ihre Entsprechung im "Donauweibchen", das bei Mondlicht am Ufer erscheint. Ihr Gesang betört die Donaufischer und reißt sie ins Verderben.

Nicht nur die Loreley, auch Richard Wagners Rheintöchter Floßhilde, Wellgunde und Woglinde bevölkern den Strom. Die ärmlichen Verwandten des Flussgotts Rhenus (ein Kollege des Danuvius, der die Donau beherrscht) bewachen das Rheingold.

Jenseits der Mythen finden sich am Rhein bedeutende Bistümer, allen voran die Erzbistümer Köln, Mainz und Trier. Bis Anfang des 19. Jahrhunderts gab es das Bistum Konstanz. Es war im Mittelalter nach Prag und Salzburg das größte Bistum des Heiligen Stuhls. Es bestand bis 1821 und umfasste weite Teil der Schweiz. Während des Konstanzer Konzils wurde der tschechische Reformator Jan Hus mit seinen Schriften verbrannt. Konstanz war Teil der "Pfaffengasse", die entlang des Rheins von Chur bis Köln neun Bistümer aneinanderreihte.



 
Weiterlesen

Flüsse in der Geschichte

  • Claudio Magris: Die Donau. Biografie eines Flusses. Zsolnay Verlag (1996). Eine intellektuelle Reise durch die Geistesgeschichte an der Donau von der Quelle bis zur Mündung. Der Klassiker unter den Flussgeschichten.

  • Guido Hausmann: Mütterchen Wolga. Ein Fluss als Erinnerungsort vom 16. bis ins frühe 20. Jahrhundert. Campus Verlag (2009). Am Beispiel des größten Europäischen Flusses schreibt Hausmann mehr als nur eine russische Geschichte. "Guido Hausmann ist ein großer Wurf gelungen." (Sehepunkte)

  • Peter Ackroyd: Die Themse. Biografie eines Flusses. Knaus Verlag (2009). Am Beispiel der Themse beschreibt Ackroyd die Geschichte des britischen Imperiums und entwirft die Grundzüge einer 'liquid history'. "Ackroyd erzählt Geschichte, und wie gerne er erzählt." (Die Zeit)

  • Christof Mauch/Thomas Zeller (Hg.): Rivers in History. University of Pittsburgh Press (2008). Eine Anthologie in englischer Sprache von Beiträgen einer Konferenz am Deutschen Historischen Institut in Washington, die eine Brücke zwischen der europäischen und der amerikanischen Flussdebatte schlagen. "Ein wichtiger und lesenswerter Beitrag zur Geschichte von Menschen und Flüssen diesseits und jenseits des Atlantiks". (Sehepunkte)