Dossierbild Geschichte im Fluss

3.7.2013 | Von:
Hans-Christian Trepte

Flüsse in den slawischen Literaturen

Seit Anbeginn haben die Slawen an und mit dem Wasser gesiedelt. Deshalb haben sie auch eine besonders innige Beziehung zu den Flüssen. Sie haben Einzug gehalten in die Literatur, werden als nationale Flüsse verehrt, geben Identität und Trost. Allerdings sind sie auch Schauplatz großer Tragödien.

Der Dnjepr in Kiew. Er teilt die Ukraine in einen europäischen Westen und einen als rückständig empfundenen Osten.Der Dnjepr in Kiew. Er teilt die Ukraine in einen europäischen Westen und einen als rückständig empfundenen Osten. (© Wikimedia)

    "Sollte es sich plötzlich erweisen, dass Staatsgrenzen entgegen allen Erwartungen beweglich und Fremdsprachen problemlos erlernbar sind, das Hautfarbe und Form der Wangenknochen nur unter ästhetischem Gesichtspunkt eine Rolle spielen und dass wir uns in jeder beliebigen Stadt und in jedem Hotel genauso zurecht finden können wie in jedem Buch, ganz gleich wie exotisch der Name des Autors klingt, falls wir also aufgrund irgendeiner Verwirrung völlig unsere Orientierung verlieren sollten, dann rate ich jedem, sich auf den eigenen Fluss zu besinnen."
Die WolgaWas für eine Breite. Die Wolga wie hier in Uljanov ist der nationale Fluss Russlands und ein Schauplatz der Literatur. (© Wikimedia)
Das Zitat der polnischen Schriftstellerin Olga Tokarczuk zeigt es: Den Flüssen, aber auch dem Wasser im allgemeinen, den Seen, Teichen, Bächen und Sümpfen, kommt in den slawischen Literaturen eine große Bedeutung zu. So siedelten die Slawen, zumeist Fischer, Landwirte und Bootsbauer, häufig in unmittelbarer Nähe stehender und fließender Gewässer; in diesen Gebieten sind auch ihre Sagen und (Gründungs-)Legenden angesiedelt. So sind es vor allem Flüsse, die als wichtige nationale Identifikations-, Bezugs- und Erinnerungsorte angesehen werden können und angeblich auch den Nationalcharakter eines Volkes beeinflussen sollen. Flüsse schaffen nationale wie kulturelle Räume wie etwa das Wolgagebiet oder das Weichselland.

Zu den "nationalen" slawischen Flüssen gehören deshalb unter anderem die Wolga, die Weichsel und die Moldau. Sie bestimmen die jeweiligen Sprach- und Kulturräume mit und werden nicht nur literarisch besungen: Volga, Volga, mat‘ rodnaja (die Wolga als heimatlich-russischer Mutterfluss), Płynie, Wisła płynie (Fließe, Weichsel, fließe) oder in Smetanas berühmten Tonmalerei Vltava (Die Moldau) aus dem Zyklus Má vlast (Mein Vaterland).

Die MoldauSmetana hat den Ton vorgegeben. Die Moldau, hier in Prag, ist der tschechische Nationalfluss. (© Inka Schwand)
Die Weichsel ist nicht nur der größte Fluss Polens, ihren Lauf stellt auch das als Gegenzeichen zum Hakenkreuz geschaffene polnische Symbol "Rodło" dar. Der Universalkünstler des "Jungen Polen" (Młoda Polska), Stanisław Wyspiański, zeichnete nicht nur die Weichsel (Wisław pod Krakowem, 1905), sondern schuf auch seine unter anderem von Richard Wagner beeinflusste Legende (Legenda I,1897; Legenda II, 1904). Ursprünglich als Nationaloper geplant, handelt das Libretto vom legendären König Krak, dessen Tochter Wanda und der Weichsel mit ihrer phantastischen Götterwelt.

Die Weichsel, vor allem aber die Mottlau (Motława) als "Stadtfluss“, stellen in den Werken der Schriftsteller Stefan Chwin und Paweł Huelle wichtige Motive dar. Besonders aufschlussreich sind in diesem Zusammenhang die Gespräche über drei europäische Flüsse, die Mottlau, die Seine und die Weser von Marek Wittbrot und Paweł Huelle (Rozmowy nad Motławą, Sekwaną i Wezerą, 2010). Verwiesen sei in diesem Kontext, dass es neben dem Fluss „Wisła“ auch einen gleichnamigen Ort gibt, der im literarischen Werk des polnischen Schriftstellers Jerzy Pilch thematisiert wird.

Auf die Ambivalenz deutsch-polnischer Beziehungen spielen bereits die in der Zwischenkriegszeit entstandenen symbolischen Gedichte von Jarosław Iwaszkiewicz an: Do przyjaciela wroga (An den Freund-Feind), Germania und Wisła i Ren (Weichsel und Rhein). Dem "deutschen"Rhein wird im Vorfeld des drohenden Weltenbrandes die "polnische" Weichsel im Sinne eines gemeinsamen europäischen Kulturerbes an die Seite gestellt. Es sind vor allem die nationalen Flüsse, die explizit seit dem 19. Jahrhundert mit der nationalen Wiedergeburt, der Herausbildung von Sprachnationen und dem Widerstand gegen nationale, sprachliche und kulturelle Unterdrückung in Polen, Böhmen, Mähren und der Slowakei eine zunehmend wichtige Rolle spielen. In der Geschichte der Polnisch-litauischen Adelsrepublik bildeten sie wichtige Grenzen: Dnjestr, Dnjepr oder Zbrucz (Sbrutsch).

Literatur und Grenzziehung

Dabei bildet der Dnjepr bis heute eine Art Kulturgrenze. Er teilt den "Globus Ukraine" fast idealtypisch in zwei Halbkugeln – eine östliche und eine westliche: "Wenn Flüsse Grenzen sind, dann ist der Dnipro vor allem eine Landschaftsgrenze (...), alles westlich des Flusses erscheint als seit ewigen Zeiten kultiviert, besiedelt, agrarisch und beständig, alles östlich davon hingegen als wurzellos-nomadisch, kolonisiert, proletarisch, verwüstet“, schreibt der ukrainische Schriftsteller Juri Andruchowytch in Atlas. Meditationen aus dem Jahre 2005.

Vor allem im Osten und Süden der Polnisch-litauischen Adelsrepublik wurden an den "Wehr- und Verteidigungsflüssen" große Festungsanlagen errichtet wie Chocim (Chotim), am Dnjestr gelegen, oder Kamieniec Podolski als "urbs antimurale christianitatis" am Smotrycz, einem Dnjestrzufluss. Flüsse wie Festungen galten als wichtige Bestandteile des "Bollwerkes des Abendlandes" und wurden in einer die Herzen erbauenden polnisch-patriotischen Literatur funktionalisiert wie zum Beispiel in Henryk Sienkiewiczs historischem Roman Der kleine Ritter (Pan Wołodyjowski, 1887/88). Jerzy Stempowski widmet seinen Essayband Im Tal des Dnjestr (W dolinie Dniestru, 1993) dem ukrainischen Thema im polnischen Kontext. Zu weiteren polnischen Grenzflüssen wurden im Verlauf der Geschichte die Memel, der Bug, die Oder, die Lausitzer Neiße und die Olsa (Olza).

Zweierlei russische Flüsse

In der russischen Literatur trat der Terek, der lange Zeit die Südgrenze Russlands gegen den wilden Kaukasus bildete, unter anderem in den Werken von Lew Tolstoi oder Michail Lermontov auf. Zu den kalten, menschenfeindlichen Strömen Russlands zählen die ins nördliche Eismeer fließenden Schicksalsflüsse Sibiriens: die Lena, Petschora oder Kolyma, die in der russischen Gulag-Literatur (Warlam Schalamow, Alexander Solschenizyn) wie auch in der polnischen Deportations- und Lagerliteratur (Gustaw-Herling Grudziński, Józef Czapski, Józef Mackiewicz) immer wieder auftreten.

Zumeist stehen sie im krassen Gegensatz zu den zum Schwarzen Meer fließenden russisch-europäischen Flüssen wie dem "Väterchen Don“, dem Fluss der Kosaken, der im literarischen Werk von Lew Tolstoi, Antoni Tschechow, Michail Scholochow oder Viktor Jerofejew eine zentrale Rolle spielt.

Flüsse des Trostes und des Todes

Flüssen kann in Katastrophen, Kämpfen, in Schlachten und Kriegen, im Holocaust und Völkermord eine große direkte wie auch symbolisch-metaphorische Bedeutung zukommen. So trägt Elie Wiesels Autobiographie beispielsweise den Titel Alle Flüsse fließen ins Meer (1995), Marian Pankowski schreibt über eine Engelstagung am Auschwitz-Fluss (2011) und Hanna Krall findet auf jüdischer Spurensuche keinen Fluss mehr, Da ist kein Fluss mehr (1998, Tam już nie ma żadnej rzeki, 2001).

Negativ gewertet sind auch die Unheil bringenden, mit Verbrechen, Verderben und Tod in Verbindung gebrachten Flüsse des Untergrunds wie zum Beispiel bei Tomasz Jastrun: Rzeka podziemna (Der unterirdische Fluss, 2005) oder in Krimis wie bei Marek Krajewski. Verwiesen sei auf dessen Trilogie: Erynie (Die Erinyen, 2010); Liczby Charona (Die Ziffern Charons, 2011; Rzeki Hadesu (Die Flüsse des Hades, 2012). In seinem unter anderem in Lemberg (Lwów) spielenden Krimi Finsternis in Breslau (Głowa Minotaura, dt. 2012) thematisiert Krajewski das Schicksal des unter die Erde verbannten Flusses Poltwa, der zu einem Ort der Unterwelt, des Verbrechens und Verderbens, aber auch zum rettender Zufluchtsort werden kann wie für die verfolgten Juden in Agnieszka Hollands Film In darkness (2012).

Der Mythos des Flusses Poltwa erinnert auch an die einstige Größe (West-) Galiziens, als die auf ihm verkehrenden Schiffe die Verbindung zur Welt herstellten. Im historischen Rückblick gesehen, kommt aber auch einem kleinen sächsischen Fluss kulturgeschichtliche Bedeutung zu. Im polnischen Kontext gesehen entwickelte sich aus dem Tod des polnischen Feldherrn Fürst Józef Poniatowski in der (Weißen) Elster (Elstera) bei Leipzig der Poniatowski-Mythos. Ebenso kommt dem unter der Führung von Józef Piłsudski im polnisch-sowjetischen Krieg bewirkten "Wunder an der Weichsel"(Cud nad Wisłą) eine besondere Bedeutung zu. Erinnert sei in diesem Zusammenhang aber auch an ein lange Zeit tabuisiertes Thema, das tragische Schicksal der auf der Seite der deutschen Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg kämpfenden Kosakenverbände und ihrer Familien im Buch Die Tragödie an der Drau. Die verratene Freiheit (1957; 1988) von Józef Mackiewicz.

Flüsse und Flussräume

Nach den Beschlüssen von Jalta ist die Oder zu einem deutsch-polnischen Grenzfluss geworden. Häufig wird in diesem Zusammenhang allerdings der tschechisch-mährische Ursprung der Oder (Odra) außer Acht gelassen. Die polnischen Schriftstellerin Olga Tokarczuk vergleicht den Oderstrom mit einem "großen Lebewesen“, das oft die von Menschen gemachten Gesetze missachtet. Der Bau einer Pontonbrücke, über die 1968 Panzer den Fluss überqueren, um die Tschechoslowakei zu besetzen, wird als ein "unmoralischer"Akt dargestellt, der den Fluss "entheiligt" (Olga Tokarczuk: Die Macht der Oder, 2004).

Dabei gehört der Oderstrom zu den vier in den "Okeanus Germanicus"(Ostsee) mündenden Flüssen, die bereits Ptolemäus in seiner Geographia erwähnte: Chalusos, Suebus, Viadrus und Vistula. Allerdings wird erst auf der Landkarte des Martin Waldseemüller von 1513 eine Verbindung von Oder und dem Flussgott Viadrus hergestellt; an den Ufern des Flusses liegen die beiden Städte Frankfurt (mit der Viadrina) und Vratislavia, heute Breslau/Wrocław.

Im Osten bildet wiederum der in den Kulturen Polens, der Ukraine und Weißrusslands eine wichtige Rolle spielende Fluss Bug zum Teil die neue Grenze Polens. In Sabrina Janeschs Roman Katzenberge (2012) werden dramatische Szenen polnischer Familien gezeigt, die auf der Flucht vor Verfolgung und Mord versuchen, das rettende polnische Flussufer zu erreichen. Ähnlich wie die Oder gehört auch die Elbe (Labe) zu den wichtigen europäischen Handels-, Verbindungs- und Kommunikationsflüssen, die eine lebensnotwendige Verbindung zu anderen Ländern und Regionen, zu Europa und der Welt herstellen.

Die MemelDie Memel spielt vor allem in der polnischen Literatur eine große Rolle. (© Inka Schwand)
Flüsse prägen transnationale Regionen (das Memelland, nach dem Zweiten Weltkrieg das Odergrenzland "transodra“). Flüsse treten des Weiteren als Motive, Symbole oder Metaphern in zahlreichen Werken der slawischen Kulturen und Literaturen auf. Nationale wie regionale Identität werden künstlerisch-literarisch zumeist über die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Gebiet artikuliert, das von Gewässern durchflossen wird.

Damit können nationale und regionale Identitäten von Flüssen entscheidend mitgeprägt oder aber auch von anderen abgegrenzt werden. Erinnert sei in diesem Kontext an Stefan Żeromskis Roman Der Getreuen Strom (Wierna rzeka. Klechda domowa 1976). Unterschiedliche Länder und Regionen können über nationale, sprachliche und religiöse Grenzen hinausreichend mit Hilfe des Namens eines "Vielvölkerflusses" einem politischen und kulturellen Raum zugeordnet werden. So war die Donau zum "zweiten Kreislauf" der Donaumonarchie geworden. Ein Pendant eines die einzelnen Länder oder Großregionen verbindende Flusses gab es in der Polnisch-litauischen Adelsrepublik nicht. Hier spielten eher Grenzflüsse eine Rolle, der Dnepr zwischen der Adelsrepublik und Russland, oder der Zbrucz (Sbrutsch) von 1772 bis 1793 zu Österreich.


Weiterlesen

Flüsse in der Geschichte

  • Claudio Magris: Die Donau. Biografie eines Flusses. Zsolnay Verlag (1996). Eine intellektuelle Reise durch die Geistesgeschichte an der Donau von der Quelle bis zur Mündung. Der Klassiker unter den Flussgeschichten.

  • Guido Hausmann: Mütterchen Wolga. Ein Fluss als Erinnerungsort vom 16. bis ins frühe 20. Jahrhundert. Campus Verlag (2009). Am Beispiel des größten Europäischen Flusses schreibt Hausmann mehr als nur eine russische Geschichte. "Guido Hausmann ist ein großer Wurf gelungen." (Sehepunkte)

  • Peter Ackroyd: Die Themse. Biografie eines Flusses. Knaus Verlag (2009). Am Beispiel der Themse beschreibt Ackroyd die Geschichte des britischen Imperiums und entwirft die Grundzüge einer 'liquid history'. "Ackroyd erzählt Geschichte, und wie gerne er erzählt." (Die Zeit)

  • Christof Mauch/Thomas Zeller (Hg.): Rivers in History. University of Pittsburgh Press (2008). Eine Anthologie in englischer Sprache von Beiträgen einer Konferenz am Deutschen Historischen Institut in Washington, die eine Brücke zwischen der europäischen und der amerikanischen Flussdebatte schlagen. "Ein wichtiger und lesenswerter Beitrag zur Geschichte von Menschen und Flüssen diesseits und jenseits des Atlantiks". (Sehepunkte)