Dossierbild Geschichte im Fluss

30.4.2013 | Von:
Uwe Rada

Ulmer Donaugeschichten

Vor dreihundert Jahren zogen die Schwaben auf ihren Ulmer Schachteln die Donau hinunter. Heute sind die Nachfahren der Donauschwaben überzeugte Europäer. Dennoch tun sich Ulm und Neu-Ulm noch ein wenig schwer mit ihrem Fluss.

Ulm, Das Münster und die Donau von der Neu-Ulmer Seite betrachtet.Ulm, Das Münster und die Donau von der Neu-Ulmer Seite betrachtet. (© Uwe Rada)

Das Donaufest

Ein historischer Ort in einem historischen Jahr: Das Donaufest in Ulm und Neu-Ulm 2012 war ein Fest der Superlative. Schon zum siebten Mal standen die Donauwiesen unterhalb der Ulmer Altstadt und das Neu-Ulmer Ufer im Zeichen des Flusses, der sie verbindet. "In diesem Jahr aber gab es etwas Besonderes zu feiern", betont Sabine Meigel, die Leiterin des Ulmer und Neu-Ulmer Donaubüros. "Vor dreihundert Jahren zogen die ersten Schwaben die Donau hinunter, um dort ein besseres Leben zu beginnen." Dreihundert Jahre später kommen nun Jugendliche aus den zehn Donau-Ländern nach Ulm und Neu-Ulm zu einem internationalen Jugendcamp zusammen. "Sie bringen etwas von dem Geist Europas zurück, für den die Donau wieder steht." In Ulm und Neu-Ulm, ist Meigel überzeugt, ist Europa nichts Abstraktes und auch kein bürokratisches Monstrum. "Europa ist hier zum Greifen nahe, und das liegt an der Donau."

Wie alles begann mit Ulm, seinem Fluss und den Schwabenzügen Richtung Wien, Budapest und weiter ins Banat und die Batschka, schildert eine Ulmer Chronik vom Mai 1712: "In diesem Monath sind viel 1000 Personen Haußhäbige, Ledige und Kinder aus dem Oberland und sonstigen Orten auf der Iller und Donau in das Ungerland gefahren (…) Da liessen sich die einfältigen Leute bereden und verkaufften Hauß, Hof und Gütter, die Knechte und Mägde gingen auß ihren Diensten und kamen allhier in dem so genannten Schwaal zusammen und machten Hochzeit. Das war Tag und Nacht die Freud mit Pfeiffen, Geigen, Danzen und Springen."

Auch am Beginn der Auswanderung der Donauschwaben stand also ein Fest am Ulmer Donauufer. Freilich war Ulm, die einst so mächtige Reichsstadt, die ihren Stolz mit dem Bau des Münsters allen verkündete, nicht das Ziel der Feiergemeinde. Ulm war lediglich Transitort. Es waren die Armen und Unternehmungslustigen, die aus Oberschwaben oder dem Filstal, später dann aus ganz Süddeutschland zusammenkamen, um ihr Glück als Kolonisten in der Fremde zu suchen.

Zunächst einmal galt es aber, die erste Hürde zu überwinden – und die hieß Ulm. Wer es sich leisten konnte, logierte mit seinem Hab und Gut in einem der Gasthöfe, im Stern, in der Alten Traube oder in den Drei Kannen. Die weniger Betuchten, und die waren die Mehrheit, zogen gleich auf die Donauinsel, in die Nähe des Schwaal, von wo aus die Einschiffung begann. Doch erst einmal mussten die Papiere überprüft werden. Auswandern durfte nur, wer die Erlaubnis seines Landesherrn und eine Kolonistenstelle im Habsburgerreich vorweisen konnte. Für die Fahrt nach Wien mussten die Auswanderer selbst aufkommen. Erst dort gab es einen Zuschuss von der Hofburg. Denn Österreich ließ es sich etwas kosten, dass die Schwaben die während der Türkenkriege und Pestepidemien wüst gefallenen Ländereien wieder bestellten. Die Wanderung, die im Mai 1712 in Ulm begann und die Donau hinunter führte, war ein groß angelegtes Konjunkturprogramm des Habsburgerreichs, das bis weit hinein ins 19. Jahrhundert reichen sollte. Etwa 150.000 Menschen haben sich damals auf den Weg gemacht, die meisten von ihnen aus Ulm.

Dreihundert Jahre später konnten die Besucher des Donaufestes mit eigenen Augen sehen, wie es wohl zugegangen war bei diesem Abschiedsfest 1712. Auf dem Nachbau einer Donauzille – der etwas spöttische Namen Ulmer Schachtel stammt aus dem 19. Jahrhundert – drängelten sich die Schaulustigen und staunten, dass ihre Vorfahren mitunter zu 200 auf dem Boot mit seinem hölzernen Aufbau Platz fanden. Mehr als eine Woche dauerte die Reise damals nach Wien – und noch einmal so lange, bis endlich die Orte in der Batschka erreicht waren, die alsbald mit einem deutschen Namen versehen waren: Neuwerbaß, Kischker oder Torschau. Heute heißt die Batschka Vojvodina und ist, als autonome serbische Provinz, immer noch ein Schmelztiegel der Völker. Beim Donaufest 2012 war etwas zu ahnen vom Aufbruch, aber auch von der Gegenwart in dieser Weltenregion namens Donau. "Die Ulmer lieben ihr Donaufest inzwischen", freut sich Sabine Meigel. "Normalerweise sind Ulm und Neu-Ulm etwas provinziell. Aber beim Fest wird alles bunt. Da baut so mancher auch sein Vorurteil gegenüber dem Balkan ab."

Blick auf Neu-Ulm. Auf den Donauradweg sind alle Städte aufgezeichnet, die am Fluss liegen.Blick auf Neu-Ulm. Auf den Donauradweg sind alle Städte aufgezeichnet, die am Fluss liegen. (© Uwe Rada)

Der Fluss, eine Grenze

Es ist nicht einfach, in Ulm zur Donau zu finden. Wer am Bahnhof aussteigt, muss sich erst einmal durch die Hinterlassenschaft einer Stadtplanung kämpfen, die dem Auto dem Vorrang vor dem Bürger gab. Ulm, die Industriestadt, die im Krieg weitgehend zerstört wurde, ist das Produkt eines Wiederaufbaus. "Bis in die achtziger Jahre", sagt Volker Jescheck, der in der Grenzstadt Baden-Württembergs zu Bayern das Stadtplanungsamt leitet, "parkten auf dem Münsterplatz Autos." Die größte Schneise durch die Altstadt zog die Neue Straße. Die vierspurige Schnellstraße trennte den Münsterplatz vom Marktplatz und damit das Zentrum von der Donau. "Heute sind die Wunden geheilt", freut sich Jescheck. Die Neue Straße ist zurückgebaut und umkurvt nun zwei avantgardistische Bauten, die ihr als Mittelinsel dienen. "Ulms Neue Mitte", sagt Jescheck, "hat auch in der Architektenszene für Aufmerksamkeit gesorgt." Nicht nur das Donaufest bringt farbige Tupfer in die Stadt. Auch die Architekten dürfen in Ulm zeigen, was sie können und was ihnen am Neckar in den heil gebliebenen Städten wie Tübingen oder Heidelberg oder donauabwärts in Regensburg meist verwehrt bleibt.

Angefangen hat die Wiedereroberung der Ulmer Altstadt für die Bürger an der Donau. Anfang der achtziger Jahre wurde das einstige Fischer- und Gerberviertel mit seinen pittoresken Fachwerkhäusern zum Sanierungsgebiet erklärt. Behutsam wurden diese letzten Reste des Mittelalters saniert – und Ulm, seit 1963 Universitätsstadt, bekam sein erstes Ausgehviertel. Wer den Einstieg vom Stadtzentrum findet, kann entlang der Kanäle der Blau und den Stegen, die ihnen folgen, wunderbar den Weg hinab zur Donau finden. Am Fischerplätzle, dem vielleicht schönsten Platz Ulms, führt er durch ein Tor durch die alte Stadtmauer direkt zur Mündung der Blau in den großen Strom, die blaue Donau.

Ein ganz anderes Schauspiel hat dagegen die bayerische Seite parat. Hat man die Hardbrücke und die Donauinsel, den ehemaligen Schwal überwunden, steht man vor einem Gebäude, wie es auch in Belgrad oder Costanta stehen könnte. Zwanzig Stockwerke hoch ist das Donaucenter, ein Riegel, der den Zugang zur Neu-Ulmer Innenstadt eher versperrt als öffnet.

Doch das ist nicht das einzige Hindernis. Mitten auf der Donauinsel plant die Stadtverwaltung von Neu-Ulm einen Neubau für die Sparkasse. Der Weg auf die Straße "Insel", die zur Inselspitze führt und zum Schwal, wo einst die Auswanderer auf ihre Ulmer Schachteln stiegen, wäre damit versperrt, meint Volker Jeschek. Doch aus Neu-Ulmer Angelegenheiten hält er sich raus. Schließlich arbeitet er in Baden-Württemberg und sein Gegenüber in Bayern. Die Donau ist gewissermaßen die Kretzschmann-Seehofer-Grenze, an der Grün und Schwarz noch nicht zusammengefunden haben. "In der Tourismus-Werbung und bei der Wirtschaftsförderung arbeiten beide Städte zusammen" erklärt Jescheck. "Bei der Stadtplanung lassen wir uns in Ruhe." Doch der Ärger über den Umgang mit der Donau ist Ulms obersten Stadtplaner anzumerken.

Der Blick von drüben

Auf die von der anderen Seite zu schimpfen, würde Gerhard Hölzel nicht einfallen. Der zweite Bürgermeister von Neu-Ulm ist ein bedächtiger Mann, und er ist ein langjähriger Freund der Donau. „Ich bin in Tübingen aufgewachsen und weiß, was ein Fluss für die Stadt bedeutet. Als ich nach Neu-Ulm kam, habe ich mich deshalb schnell mit der Donau angefreundet“, sagt Hölzel, der im Neu-Ulmer Rathaus unter anderem für die Kultur zuständig ist. Auch deshalb hat er sich schnell der „Gesellschaft der Donaufreunde“ angeschlossen, die jedes Jahr eine Fahrt mit der „Ulmer Schachtel“ donauabwärts organisiert. „Ich bin mit so einer Schachtel schon bis zum Donaudelta gefahren“, erzählt Hölzel stolz. „Das ist zwar eng, aber es geht.“

Für Hölzel ist die Donau deshalb kein Thema, das Neu-Ulm oder Ulm jeweils für sich reklamieren sollten. Gleichwohl räumt er ein, dass die Donau auf der bayerischen Seite erst nach und nach ins Blickfeld gerutscht ist. „Angefangen hat es, als wir uns als Neu-Ulm am Donaubüro und am Donaufest beteiligt haben“, sagt Hölzel. „Seit dieser Zeit ist das Interesse an der Donau stark gestiegen.“ So ist die Donau in Ulm quasi ein „spätes Thema“, so wie auch Neu-Ulm eine „späte Stadt“ ist. Erst als die westlich der Donau gelegenen Teile der Stadt 1810 zum Königreich Württemberg kamen, wurden die östlichen Stadtteile bayerisch. So ist das geblieben, bis heute.

Neben dem politischen Interesse gibt es auch ein neues Interesse am Neu-Ulmer Donauufer. Im Zuge der Landesgartenschau 2008 wurde das Ufer gleich hinter der Hardtbrücke terassenartig abgetreppt. „Nun kann man an der Donau sitzen und den Blick auf das gegenüberliegende Ulm genießen“, sagt Hölzel. Allerdings fiel mit dem Gelände an der ehemaligen Flussmeisterei eine Partyzone weg. Hier entstanden hochwertige Wohnungen.

Auch deshalb ist der Schwal in Neu-Ulm mit seinen 55.000 Einwohnern ein sensibles Terrain. Die Flussinsel, auf der einst die Fahrt der Donauschwaben startete, gehört zu Neu-Ulm. Das mit dem Bau des Sparkassengebäudes, das sie in Neu-Ulm etwas euphemistisch „Brückenhaus“ nennen, nicht alles optimal lief, räumt auch der zweite Bürgermeister ein. Nachdem sich die Sparkasse geweigert hatte, einen Architekturwettbewerb durchzuführen, habe man informell aber das Gebäude etwas transparenter und luftiger gestalten können. „Wie ein Riegel wirkt das jetzt nicht.“

Ohnehin genießt der Schwal in der Neu-Ulmer Stadtentwicklungspolitik eine hohe Priorität. „Das ist das Herz von Neu-Ulm, das muss auch erlebbar werden.“ Bei der Umgestaltung der Insel soll deshalb mittelfristig auch ein Fußgänger- und Radweg an der Donau bis zur Inselspitze führen. Auch soll es dort mehr Veranstaltungen als bisher geben. „Das ist ein idealer Ort dafür“, schwärmt Hölzel. „Wir wissen, dass das wegen der Anwohner nicht einfach ist, aber im Sommer kann man da schon mehr machen als bisher.“

Nur eines bleibt dem Donaufan verwehrt. „Das Donaucenter kriegen wir nicht weg“, sagt Hölzel. „Das war eine Bausünde der siebziger Jahre. Aber wir können die zahlreichen Besitzer der Eigentumswohnungen nicht enteignen.“ Ein bisschen Ironie hält der hässliche Klotz immerhin bereit. „Von dort hat man einen tollen Blick auf Ulm.“ Soll wohl heißen: Die Ulmer haben dagegen nur einen Blick aufs Donaucenter.



Zum Weiterlesen

Die Donau

  • Claudio Magris: Die Donau. Biografie eines Flusses. Zsolnay Verlag (1996). Eine intellektuelle Reise durch die Geistesgeschichte an der Donau von der Quelle bis zur Mündung. Der Klassiker unter den Flussgeschichten.

  • Michael W. Weithmann: Die Donau. Geschichte eines europäischen Flusses. Böhlau Verlag (2012). Eine fundierte Geschichte des Donauraums von der Antike bis zur Gegenwart. "Die wohl beste Neuerscheinung der letzten Jahre zur Geschichte und Gegenwart des Donauraums." (Siebenbürger Zeitung)

  • Frank Gauditz: Warten auf Europa. Begegnungen an der Donau. Deutsches Kulturforum östliches Europa (2006). Der Fotograf Frank Gauditz reiste die Donau entlang und legt ein biografisches Porträt der Donau am Beispiel ihrer Menschen vor.

  • Christian Fridrich (Hg.): Europa Erlesen. Donau. Wieser Verlag (2012). Auch der Wieser-Verlag hat sich der Donau angenommen. Auf mehr als 600 Seiten bietet die Anthologie bekannte und unbekannte Texte über die Donau.

  • Michal Hvorecky: Tod auf der Donau. Tropen Verlag (2010). Der Thriller des slowakischen Autors spielt auf einem Kreuzfahrtsschiff auf einer Fahrt von Regensburg zum Schwarzen Meer. "Porträt und Chronik eines paneuropäischen Flusses" (Frankfurter Allgemeine Zeitung)