Dossierbild Geschichte im Fluss
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Ein Fluss und seine Stadt


30.4.2013
Budapest schwankte immer zwischen den Extremen. Großstadt, Repräsentation und Moderne standen Melancholie, Zukunftsangst und Todessehnsucht gegenüber. Und mittendrin war und ist die Donau.

Die Kettenbrücke und Pest von Buda aus betrachtet.Die Kettenbrücke und Pest von Buda aus betrachtet. (© Wikimedia)

Hauptstadt der Selbstmörder



Wir schreiben das Jahr 1877. Der Dichter János Arany veröffentlicht sein Gedicht "Brückenweihe". In der Hauptrolle: die Margarethenbrücke. Ein Jahr zuvor wurde sie als zweite Verbindung über die Donau in Budapest fertig gestellt.

Den Budapester Selbstmördern war damit eine weitere Möglichkeit gegeben, frühzeitig auf die andere Seite zu wechseln. Sechs Personen nutzten sie gleich in jenem Jahr. Und der Dichter Arany hatte Stoff für sein Werk. In den 20 Strophen dieser "Stadtballade" lässt er einen Querschnitt der ungarischen Gesellschaft des ausgehenden 19. Jahrhunderts über das Geländer springen. Den glücklosen Kartenspieler trifft es dabei ebenso wie die unglücklich Verliebten, die Betrogenen, die Armen, die beruflich und sozial Gescheiterten, die Kranken und die schlicht und einfach Lebensmüden.

Im Jahr von Aranys "Brückenweihe" entschieden sich in Bundapest insgesamt über hundert Menschen, eine solche Abkürzung aus dem Leben zu nehmen. 30 davon sprangen ins Wasser, was nur 14 von ihnen überlebten. Damit war der Sprung in Wasser die häufigste Art des Suizids, gefolgt von Aufhängen und Kopfschuss.

Schon seit der Mitte des 19. Jahrhunderts stieg die Selbstmordrate in Ungarn kontinuierlich an. Budapest ließ in dieser Hinsicht nicht nur Wien, die andere Metropole der Donau-Monarchie hinter sich, sondern auch weitere europäische Hauptstädte. Den Statistiken zufolge schieden vor allem Arbeiter, Lehrlinge, Dienstpersonal oder Tagelöhner freiwillig aus dem Leben, die untere Gesellschaftsschicht also, die den Großteil der Budapester Bevölkerung ausmachte.

Doch während diese an den Rändern der Stadt – etwa in der später abgerissenen Mária-Valéria-Siedlung – in zum Teil elenden Zuständen hausten, blühte die Stadt selbst zur Metropole auf, repräsentierte, wo es nur ging, und nahm die Moderne im Eiltempo in Angriff.

Metropole an der Donau



Budapest war an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert schon längst eine europäische Stadt geworden. Kein Wiener hätte in dieser Zeit mehr die Ansicht des Fürsten Metternich geteilt, Budapest gehöre zum Orient. Wer um etwa 1820 in die ungarische Hauptstadt fuhr, begab sich auf eine Expedition. Zum Ende des Jahrhunderts fuhr man hin, um Geschäfte zu erledigen.

Nicht nur mit seinen erstklassigen Restaurants und Hotels, mit seiner elektrischen Straßenbahn und der U-Bahn (der ersten auf dem europäischen Kontinent) war Budapest kosmopolitisch geworden, weite Teile der Bevölkerung sprachen Deutsch, viele auch Französisch.

Noch vor dem Entstehen des heutigen Budapests hatte die Gegend unterschiedliche Völker angezogen. Und mittendrin war immer die Donau. Die Römer errichteten hier an ihren Ufern Aquincum, die Hauptstadt der Provinz Pannonien. Unter römischer Herrschaft prosperierte die Stadt. Mit Statthalterpalast, mehreren Amphitheatern und Bädern bot sie alles, was eine Stadt damals an Macht und Demonstration und eben auch Unterhaltung zu bieten hatte.

Als Grenzstadt am Grenzfluss war auch ihre strategische Bedeutung immens. Allein, mit jeder Grenzverschiebung kann ein vormals wichtiger Posten in die Bedeutungslosigkeit versinken. Und so hatte auch die Blütezeit Aquincums ein Verfallsdatum.

Am Ende des 4. Jahrhunderts kam es im Zuge der Völkerwanderung vermehrt zu Einfällen germanischer und hunnischer Stämme. Nach dem Untergang des Römischen Reiches und dem Ende der Völkerwanderung siedelte hier zunächst eine slawische Bevölkerung, die aber ab 896 von Ungarn, uralischen Völkern, die in die pannonische Tiefebene einwanderten, verdrängt wurden.

Noch im Mittelalter konnten weder Buda noch Pest als richtige Städte bezeichnet werden. Das politische Geschehen spielte sich in Esztergom ab. Während des Mongolensturms 1241 wurden beide Teile des heutigen Bundapests zerstört. Zur ungarischen Hauptstadt wurde Buda erst zu Beginn des 15. Jahrhunderts.

Doch selbst nach dem Ende der Türkenherrschaft im späten 17. Jahrhundert blieben Buda mit 13.000 und Pest mit 4.000 Einwohnern Provinznester, die von der breiten und unregulierten Donau getrennt waren, nur zeitweilig durch eine wacklige Pontonbrücke verbunden.

Die alten Völker, die einst an der Donau wohnten, sind verschwunden, versunken in der Zeit. Manche Spuren blieben, viele wurden in die Vergessenheit gespült. Es kamen immer wieder neue hinzu. Ihr immer wieder neues Erwachen verdankt die Stadt in erster Linie der Donau.
Die Kettenbrücke ist Budapests berühmteste Brücke über die DonauDie Kettenbrücke ist Budapests berühmteste Brücke über die Donau (© Wikimedia)

Aufbruch in die Moderne



Im Zentrum wichtiger Verkehrswege gewann Pest immer mehr an Bedeutung. Am Ende des 18. Jahrhunderts war Budapest der größte Hafen entlang der fast 3.000 Kilometer langen Donau. Der beste und billigste Weg in die ungarische Hauptstadt zu kommen, war per Boot.

Dauerhaft verbunden wurden Buda und Pest schließlich mit der Kettenbrücke. Bei ihrer Fertigstellung 1849 war sie die erste steinerne Brücke an der Donau unterhalb von Regensburg. Namensgeber Széchenyi, so heißt es, wurde zu ihrem Bau angeregt, nachdem er eine Woche lang warten musste, um zum Begräbnis seines Vaters ans andere Ufer zu kommen.

Politisch verbunden wurden die einzelnen Teile der Stadt jedoch erst Jahrzehnte später. 1873 wurden die zuvor selbständigen Städte Buda, Óbuda und Pest zusammengelegt. Der Name Budapest selbst tauchte zuvor nicht auf, üblich im Sprachgebrauch war Pest-Buda.

Die vorherige Eigenständigkeit der Städte ergab sich nicht nur durch ihre Trennung durch die Donau. Während Buda größtenteils deutschsprachig, katholisch und loyal zum habsburgischen Königshaus war, brach in Pest 1848 die antihabsburgische Revolution aus – angeführt von dem Protestanten Lajos Kossuth.

Drei Jahrzehnte später, in der Zeit der Vereinigung der drei Stadtteile, erfuhr die Stadt eine rasante Entwicklung. Von der Mitte des 19. Jahrhunderts, vor allem seit dem "Ausgleich" 1867, der die Doppelmonarchie Österreich-Ungarn auf die Bühne der Weltgeschichte einführte, und bis zum Ersten Weltkrieg entwickelte sich Budapest sehr plötzlich zur Metropole, heftiger noch als andere Hauptstädte, die auf eine größere Vergangenheit zurückblicken konnten. In dieser Zeit versiebenfachte sich die Einwohnerzahl der Stadt auf fast 750.000. Budapest stieg von der Bevölkerungszahl her in die Top Ten der europäischen Städte auf, es war nun größer als Rom, Madrid oder Hamburg. Es wurde zur größten Stadt zwischen Wien und St. Petersburg.

Die Bevölkerungsexplosion betraf vornehmlich Pest. Jünger und weit weniger idyllisch als Buda war es doch der dynamische Motor, der Budapest berühmt machte und in dem um die Jahrhundertwende 83 Prozent der Einwohner lebten.



 
Zum Weiterlesen

Die Donau

  • Claudio Magris: Die Donau. Biografie eines Flusses. Zsolnay Verlag (1996). Eine intellektuelle Reise durch die Geistesgeschichte an der Donau von der Quelle bis zur Mündung. Der Klassiker unter den Flussgeschichten.

  • Michael W. Weithmann: Die Donau. Geschichte eines europäischen Flusses. Böhlau Verlag (2012). Eine fundierte Geschichte des Donauraums von der Antike bis zur Gegenwart. "Die wohl beste Neuerscheinung der letzten Jahre zur Geschichte und Gegenwart des Donauraums." (Siebenbürger Zeitung)

  • Frank Gauditz: Warten auf Europa. Begegnungen an der Donau. Deutsches Kulturforum östliches Europa (2006). Der Fotograf Frank Gauditz reiste die Donau entlang und legt ein biografisches Porträt der Donau am Beispiel ihrer Menschen vor.

  • Christian Fridrich (Hg.): Europa Erlesen. Donau. Wieser Verlag (2012). Auch der Wieser-Verlag hat sich der Donau angenommen. Auf mehr als 600 Seiten bietet die Anthologie bekannte und unbekannte Texte über die Donau.

  • Michal Hvorecky: Tod auf der Donau. Tropen Verlag (2010). Der Thriller des slowakischen Autors spielt auf einem Kreuzfahrtsschiff auf einer Fahrt von Regensburg zum Schwarzen Meer. "Porträt und Chronik eines paneuropäischen Flusses" (Frankfurter Allgemeine Zeitung)