Dossierbild Geschichte im Fluss
2.7.2013 | Von:
Beata Halicka

Wie ein Fluss zum Mythos wurde

Noch im 16. Jahrhundert spielte es keine Rolle, ob einer an der Weichsel Pole war, Deutscher oder Litauer. Alle zusammen haben sie den Naturstrom zum Kulturstrom umgewandelt. Erst mit den Teilungen des polnischen Staates und dem Kampf der Polen um die Souveränität im 19. Jahrhundert wurde die Weichsel zum Symbol für die Einheit des Landes – und zum Mythos.

Die Weichsel in Graudenz/Grudziądz.Die Weichsel in Graudenz/Grudziądz. (© Wikimedia)

Die multiethnische Weichsel

Das Leben am Fluss hat die Menschen seit jeher geprägt. Die Weichsel war wie andere ostmitteleuropäische Flüsse in der vornationalen Zeit Lebensader und Handelsraum für Polen, Deutsche und Litauer. Ungeachtet der ethnischen Vielfalt war der Fluss für die Menschen in erster Linie Heimat. Im Umgang mit den natürlichen Ressourcen entwarfen sie Überlebensstrategien, die sich nicht sonderlich voneinander unterschieden. Seit dem frühen Mittelalter waren schließlich alle Niederungslandschaften Ostmitteleuropas zwischen Oder, Weichsel und Memel einem Landesausbau slawischer, vor allem polnischer, aber auch deutscher und westeuropäischer Siedler unterworfen. Landesausbau bedeutet die Umwandlung einer Natur- zu einer Kulturlandschaft. An den Ufern der Weichsel entstanden Wohnstätten, Siedlungen, später Städte, die die Kernlandschaft des mittelalterlichen polnischen Königreiches bildeten.

Die Gründung der Weichselstädte steht im Zusammenhang mit der Ausbreitung des deutschen Stadtrechtes in Polen. Krakau ist 1257, Sandomir 1244 zum ersten Mal als deutschrechtliche Siedlung erwähnt, Płock besitzt 1237 das deutsche Recht, Thorn 1231.

Die Weichsel war also bereits im Mittelalter eine wichtige Ader im europäischen Warentausch. Es handelten hier nicht vorwiegend deutsche Bürger, wie die ältere deutsche Forschung lange Zeit behauptet hat. Polnische und jüdische Kaufleute waren etwa im Weinhandel aktiv und handelten mit Litauern, Ungarn und Russen im Osten sowie mit Holländern und Flamen im Westen.

An der unteren Weichsel übte jedoch der Deutsche Orden seine Macht mit immer größerer Willkür aus, was zu ständigen Konflikten mit den Nachbarstaaten und dem städtischen Bürgertum führte. Die Situation änderte sich am Anfang des 15. Jahrhunderts zugunsten der polnischen Krone, als es ihr gelang, den Deutschen Orden zu schlagen. Im Zweiten Thorner Frieden von 1466 musste der Orden Pommerellen, das Kulmer Land und das Ermland samt seiner Städte an das polnische Königreich abtreten. Damit setzte das goldene Zeitalter der Weichsel ein. Für den Aufstieg Polens zum großen Getreideproduzenten und -exportland bildete die Weichsel eine entscheidende Voraussetzung.

Das goldene Zeitalter

Bei der Vorstellung eines internationalen, europaweiten Warentausches muss jedoch berücksichtigt werden, dass das Königreich an der Weichsel seit Mitte des 16. Jahrhunderts eine Adelsrepublik war, deren König gewählt wurde und in der die szlachta, also der Adel, eine sehr starke Position hatte. Die Getreide- und Holzproduktion lag weitgehend in der Hand der Adligen, die vom Handel damit bestmöglich profitieren wollten. Daher sicherten sie sich das Privileg, selbst produzierte Waren zollfrei verkaufen zu können. Darüber hinaus verfügten sie mit den Leibeigenen über Arbeitskräfte, die unter anderem zum Transport der Güter eingesetzt wurden. Fast der gesamte Holz- und Getreidehandel auf der Weichsel wurde von der szlachta abgewickelt.

Ein alter Stich des mittelalterlichen Thorn/ToruńEin alter Stich des mittelalterlichen Thorn/Toruń
Zwar gelang es manchen Städten an der mittleren Weichsel (Warschau und Włocławek) und am unteren Lauf des Flusses (Thorn, Elbing und Danzig), ebenfalls eine Zollbefreiung für den Weichselhandel zu bekommen und damit ihre Einkünfte wesentlich zu vergrößern, alle anderen Städte waren aber gezwungen, Zoll zu zahlen. Ihre Entwicklung ging vergleichsweise langsam. Diese Bevorzugung des Adels trug auch dazu bei, dass außer in den oben erwähnten Städten das Bürgertum in der Adelsrepublik im Vergleich zu Westeuropa schwach war.

In dieser Zeit veränderte sich die Silhouette vieler Weichselstädte durch den Bau von hohen Speichern an den Flussufern, die zuerst noch im gotischen Stil (zum Beispiel in Graudenz), dann aber im Geist der Renaissance-Kunst (etwa in Kazimierz Dolny) gebaut wurden.

Andrzej Piskozub, der Herausgeber der 1982 erschienenen Weichsel-Monografie, schreibt dazu:

"Das goldene Zeitalter der Weichsel – das ist die Periode, aus der die Erinnerung an eine Zeit geblieben ist, als Hunderte und Tausende von Schiffen land- und forstwirtschaftliche Produkte der Weichselgebiete nach Danzig brachten […]. Von der Weichsel her strömte das Getreide, das Westeuropa ernährte. Es gab noch keine Getreidemärkte in Übersee, und den polnischen Gebieten fiel die Funktion eines Speichers zu, der die atlantischen Seemächte belieferte. Neben Getreide kamen die wichtigsten Rohstoffe für den damaligen Schiffbau von hier: Holz für die Schiffe, hohe Fichten für die Masten, Leinen für die Segel und Hanf für die Taue, Teer und Pottasche für die Abdichtung der Schiffsrümpfe. Der Höhepunkt des Weichselhandels fiel in die erste Hälfte des 17. Jahrhunderts, als der in den Dreißigjährigen Krieg verwickelte Westteil des Kontinents seine Importe von der Weichsel auf eine maximale Größe brachte. Wenn man die Bedeutung des Flusses an seinen Transportaufgaben messen sollte, so war die Weichsel damals der wirtschaftlich wichtigste Fluss der Welt.”

Auch eine relativ schwache Position des Königs gegenüber den Vertretern des Adelsstandes brachte den Adligen Vorteile aus dem Getreide- und Holzhandel. Der große Reichtum des Adels zeigte sich in zahlreichen Residenzen, die im 16. Jahrhundert im Einzugsgebiet der Weichsel entstanden, beispielsweise die Renaissance-Residenz von Krzyżtopór in Ujazd bei Sandomir. Deren Erbauer Krzysztof Ossolinski schuf mit Hilfe des schweizerischen Architekten Laurentius de Sent (polnisch Wawrzyniec Sent) eine Anlage, die ein halbes Jahrhundert vor der Erbauung des Schlosses von Versailles zu den größten und prachtvollsten in Europa zählte. Leider wurde es 1657 von den Schweden geplündert und verfiel. Von den Schlössern, die bis heute existieren und mit ihrer Architektur und Geschichte beeindrucken, sind insbesondere das von Sandomir und das von Baranów Sandomierski erwähnenswert. Letzteres wird oft auch als kleiner Wawel bezeichnet, da es vor allem wegen der Renaissance-Arkaden an das Königsschloss in Krakau erinnert.

Das goldene Zeitalter an der Weichsel endete, als der schwedische König Gustav II. Adolf 1626 einen Krieg mit der Adelsrepublik begann, der mit enormen Plünderungen und Zerstörungen einherging, von denen sich der polnische Staat nicht mehr erholen konnte. Der politische Zerfall der Adelsrepublik verlief zeitgleich mit großen wirtschaftlichen Verschiebungen. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts kamen erste bedeutende Getreidelieferungen aus Amerika nach Europa. Im Jahre 1783 eroberte Russland die Krim, während der zweiten Teilung eignete es sich die ukrainischen Gebiete der Adelsrepublik an, 1794 entstand der Hafen von Odessa. Seitdem wurde das Getreide von den fruchtbaren Böden der Ukraine über den südlichen Seeweg nach Europa befördert, und die Weichsel verlor ihre Bedeutung als Transportader.

Die Teilungen der polnisch-litauischen Adelsrepublik änderten die bisherige Funktion der Weichsel grundsätzlich. Wie das Land wurde auch der Fluss geteilt. Der Oberlauf kam zu Habsburg. Der mittlere Teil wurde zuerst preußisch, dann aber russisch, und den unteren Lauf übernahm der preußische Staat.

Die erfundene Weichsel

Das Rodło als Symbol Polens ist dem stilisierten Weichsellauf nachempfunden.Das Rodło als Symbol Polens ist dem stilisierten Weichsellauf nachempfunden. (© Wikimedia)
Infolge der Teilungen verschwand der polnische Staat von der Landkarte Europas. Polen, das als Staat nicht mehr existierte, hatte – könnte man sagen – kein eigenes 19. Jahrhundert. Diese "Geschichtslücke" ist nicht nur an der mangelnden Industrialisierung des Landes, sondern auch an den polnischen Wasserstraßen zu erkennen. Da während der Teilungen keine Rede von Tourismus, Transport oder komplexen Regulierungsarbeiten an der Weichsel sein konnte, wurde der Fluss über 150 Jahre lang zum Symbol des zerrissenen polnischen Staates, was in einem außergewöhnlich reichen literarischen Schaffen zum Ausdruck kam. Man hob die mythologisierte Geschichte des Flusses hervor, die im Verlauf der Jahrhunderte stark mit heroischen oder tragischen Etappen der polnischen Geschichte verwoben war. Der Fluss selbst wurde zum Helden stilisiert, zum unsterblichen Element der nationalen Landschaft, zum schweigenden, aber äußerst beredten Zeugen der Vergangenheit, zum Garanten der Beständigkeit und Einheit des Vaterlandes. Die Weichsel wurde zu einer Art ethnischem Symbol, das gern in der nationalen Rhetorik zitiert und in der patriotischen Grafik abgebildet wurde.

In diesem Ringen um den Erhalt ihrer nationalen Identität begannen die Polen, die Bezeichnung "Weichsel" als eine Metapher für alle polnischen Gebiete zu gebrauchen. Als Beispiel dafür, wie die Weichsel zum Äquivalent Polens wurde, kann der Titel einer der führenden landeskundlichen Zeitschriften dienen, die an der Wende des 19. zum 20. Jahrhundert erschien: die Monatszeitschrift Wisła, die Jan Karłowicz in Warschau herausgab. Das Periodikum präsentierte ethnografisches, anthropologisches und folkloristisches Material über polnische Gebiete, aber auch andere Provinzen der alten Adelsrepublik. So wurde Wisła zu einer Zeitschrift, die sich der polnischen Volkskultur widmete. Diese hat man im 19. Jahrhundert gerne mit den wichtigsten nationalen Werten gleichgesetzt. Wie Jacek Kołbuszewski treffend anmerkte, wurde die Weichsel bewusst als Äquivalent Polens in die Lehrbücher eingeführt, insbesondere im österreichischen Teilungsgebiet. Auf den Territorien der russischen und preußischen Teilungsgebiete war das aufgrund der Repressionen ein viel schwierigeres Unterfangen, aber auch hier wurde das Motiv der Weichsel für die Zwecke patriotischer Propaganda genutzt.


Zum Weiterlesen

Die Weichsel

  • Peter Oliver Loew: Danzig. Biographie einer Stadt. C.H. Beck Verlag (2011). Eine moderne Darstellung Danzigs aus europäischer Perspektive. "Das höchst informative Buch wird darum jeder an Danzig und Polen Interessierte leicht in einem Sitz und mit grossem Gewinn durchlesen" (Neue Züricher Zeitung).

  • Thomas Urban: Von Krakau bis Danzig. Eine Reise durch die deutsch-polnische Geschichte. C.H. Beck Verlag (2000). Der Polen-Korrespondent der Süddeutschen Zeitung beschreibt die deutsch-polnische Beziehungsgeschichte am Beispiel der Städte. Krakau, Warschau und Danzig liegen an der Weichsel. "Eines der besten Bücher über die deutsch-polnischen Beziehungen, nicht nur instruktiv, sondern auch mit großem Talent geschrieben." (Wladyslaw Bartoszewski, ehemaliger polnischer Außenminister)

  • Andrzej Piskozub: Wisła. Monografia rzeki. Warschau 1982. Im Vergleich zur nationalen Bedeutung, die die Weichsel für die Polen hat, ist es erstaunlich wie wenig über sie geschrieben wurde. Das Standardwerk in Polen ist immer noch Andrzej Piskozubs Weichselmonografie aus dem Jahre 1982. Ein umfangreiches Autorenkollektiv untersucht darin die Hydrologie, Siedlungs- und Kulturgeschichte (auf Polnisch).