Dossierbild Geschichte im Fluss
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Das Glück der Elbe


30.4.2013
Die jahrzehntelange politische Unfreiheit hat der Elbe eine Freiheit geschenkt, die für Flüsse in Deutschland inzwischen einzigartig ist. Die Elbe ist der letzte noch frei fließende Strom in Deutschland. Und das soll auch so bleiben. Ein Plädoyer

Sandstrände, Auenwiesen und -wälder bestimmen das Bild der mittleren Elbe.Sandstrände, Auenwiesen und -wälder bestimmen das Bild der mittleren Elbe. (© Inka Schwand)

Schönheit und Streit



Sie gehören zum Schönsten und Aufregendsten in unserer Natur: Lebendige Flusslandschaften. An der Elbe können wir sie noch bestaunen: Weite Auenwiesen, urige Auenwälder, jahrhundertealte Eichen, knorrige Weiden, ein auf fast 600 Kilometer Länge frei fließender Fluss zwischen Tschechien und Lauenburg mit seinen natürlichen und ungewissen Schwankungen zwischen Hochwasser und Niedrigwasser, eine verblüffende, archetypische Vielfalt von Pflanzen und Tieren, darunter Biber, Störche, Adler, Gänse, Enten, Reiher und vieles andere mehr.

Alle Pflanzen und Tiere haben sich an diesen Rhythmus des Auf und Ab der Wasserstände erfolgreich angepasst. Die weiten Elbauen können zudem große Wassermengen gefahrlos aufnehmen und in Trockenzeiten wieder abgeben. Bei Niedrigwasser tauchen dann an den Elbufern zauberhafte Sandstrände auf. Es gibt keinen zweiten großen Fluss in Deutschland, an dem Natur und Stille noch so hautnah erlebbar sind und der nicht kanalisiert und aufgestaut ist.

Allein diese selten gewordenen Attribute können als Alleinstellungsmerkmal gewertet werden. Dazu säumen Dome, Klöster und hunderte alter Dorfkirchen, Schlösser und mittelalterliche Städte, Festungen und überwachsene Ruinen den Fluss. UNESCO-Welterbestätten reihen sich aneinander, von Luther in Wittenberg über das Wörlitzer Gartenreich bis zum Bauhaus. Es ist eine ausgedehnte Natur- und Kulturlandschaft vom Feinsten, weit entfernt von den Metropolen, und bislang als Gesamtheit eher wenig wahrgenommen.

Um eben diesen Fluss Elbe wird seit über zwanzig Jahren mit Leidenschaft gestritten. Mit der Stilllegung der Hauptverschmutzer Anfang der Neunziger Jahre atmete die Elbe auf. Heute tummeln sich wieder Lachse im Fluss, und die ersten Störe schwimmen wieder ihre Bahnen. Doch mit der Wiedervereinigung kamen neue Ansprüche auf die Elbe zu: Sie sollte zur leistungsfähigen Wasserstraße für große Schiffe ausgebaut und ein proklamierter Baurückstand aufgeholt werden – eine zweifelhafte Ost-West-Angleichung. Denn kanalartig ausgebaute Flüsse gibt es in Deutschland zur Genüge. Lebendige, freifließende Flüsse sind dagegen eine Rarität. In der Tat: Die Elbe ist auch Bundeswasserstraße, zumindest auf dem Papier. Sie soll Verkehr von der Straße und der Schiene aufnehmen, so die Pläne.

Die Last der Elbe



Doch sind diese Pläne aufgegangen oder werden sie aufgehen? Von Politikern und Verkehrsexperten gibt es diese Forderung zur Verkehrsverlagerung auf das Binnenschiff. Dazu wird immer wieder der Ausbau der deutschen und europäischen Wasserstraßen gefordert, um die Straßen und Schienen zu entlasten. Dabei bekam vor allem das Binnenschiff in der verkehrspolitischen Diskussion fast die Rolle eines Heilsbringers. Leise und umweltfreundlich vor sich hintuckernde Binnenschiffe sollten mit ihrer großen Transportkapazität die Straße vor dem Verkehrskollaps retten, das war die oftmals verkündete Vision.

Viele Flüsse in Deutschland sind ganz oder teilweise kanalisiert. Sie wurden begradigt, vertieft und vor allem aufgestaut. Staustufen aus Stahl und Beton stellen sich der Kraft der Flüsse in den Weg, um auch für große Schiffe immer genug Tiefe vorzuhalten. Doch hat es der Schifffahrt genützt?

Bundesweit werden Jahr für Jahr 800 Millionen Euro für die Wasserstraßen ausgegeben. Dennoch hat der Anteil der Gütertransporte per Binnenschiff stetig abgenommen – von über 20 Prozent auf unter 10 Prozent. Eine Verkehrsverlagerung hin zum Schiff gibt es seit 50 Jahren nicht mehr. Dennoch wird dieser Weg immer noch in Sonntagsreden gepredigt. Und nicht wenige Menschen schenken diesen Worten Glauben. Doch es wäre zu schön, um wahr zu sein. Was auf den westdeutschen Wasserstraßen nicht gelungen ist, wird auf der Elbe erst recht nicht gelingen. Die Elbe ist einfach zu flach, das Wasser ist die meiste Zeit des Jahres knapp.
Die mittlere Elbe ist ein Schatz, den es zu bewahren gilt.Die mittlere Elbe ist ein Schatz, den es zu bewahren gilt. (© Inka Schwand)

Bilanz nach zwanzig Jahren



Trotz allem: Nach der Wende sollten die ostdeutschen Flüsse dem westlichen Standard angepasst werden. 20 Jahre lang wehrten sich Menschen zwischen Elbe und Oder gegen diese Pläne mit hohem Einsatz. Bürgerinitiativen, Umweltverbände und Kirchen stellten sich schützend vor das "Tafelsilber der Deutschen Einheit", wozu auch die Flusslandschaft Elbe gezählt wurde. Viele Kirchgemeinden führten Elbgottesdienste und Elbtaufen durch, organisierten Symposien, um auf das "Juwel Elbe", dem letzten noch unverbauten Strom in Deutschland, aufmerksam zu machen.

Doch weder ökologische und wirtschaftliche Argumente noch gewaltfreie Bagger- und Baustellenbesetzungen konnten den Eifer der Bau- und Verkehrspolitiker bremsen. Eine aufgeblähte wie kaum anfechtbare Behörde preußischen Stils, die Wasser- und Schifffahrtsverwaltung, stand der Politik unerschütterlich zur Seite. Unter dem Motto "Wir machen Schifffahrt möglich" wurden über zwei Jahrzehnte die letzten noch naturnahen Flüsse in Deutschland mit Steuergeldern nach altem Muster immer weiter gesteinigt.

Die Bilanz seit 1991: Es wurden zwischen Elbe und Oder nach Aussagen des Bundesverkehrsministeriums gegenüber der FAZ 3,7 Milliarden Euro in Wasserstraßenprojekte investiert. "Wir haben viel Geld in Flüsse gesteckt, auf denen kaum ein Schiff fährt", räumte das Ministerium im Nachrichtenmagazin Der Spiegel (25/2011) freimütig ein. Eine Verkehrsverlagerung auf das Schiff fand nicht statt, die Transporte sind rückläufig und bewegen sich auf historischen Tiefstständen: Nur 0,2 Prozent der per Binnenschiff im Elbekorridor transportierten Güter laufen über die Elbe.

Dabei sollten sich die Transporte auf dem Wasser verzehnfachen! Doch die "wissenschaftlichen" Prognosen erwiesen sich als heiße Luft. Es gab kein Wachstum im Schiffsverkehr. Die Transporte schrumpften auf Elbe und Saale auf einen historischen Tiefststand. Je mehr Millionen Euro in die Wasserstraßen versenkt wurden, desto weniger Transporte fanden statt. Möglich waren diese Absurditäten nur, weil der Nutzen von Investitionen nicht seriös geprüft wurde.

Eine Unterbrechung der Baumaßnahmen an der Elbe gab es nach dem Jahrhunderthochwasser 2002. Nach dieser nationalen Katastrophe wurde parteiübergreifend festgelegt, dass die Elbe nicht weiter ausgebaut wird. 2004 wurde der generelle Baustopp allerdings aufgehoben, seitdem sind so genannte Unterhaltungsmaßnahmen zugelassen. Und es wird versucht, den Fluss durch Steinschüttungen weiter zu vertiefen. Das Problem: Den Auenwäldern und dem UNESCO-Welterbe-Gebiet Dessau-Wörlitzer Gartenreich wird dadurch schleichend das Wasser abgegraben. Hinzu kommt der weiterhin geplante Saale-Elbe-Kanal für 100-150 Mllionen Euro. Mit diesem Projekt wird der Druck zum kanalartigen Ausbau der Elbe weiter wachsen.

Gefahr aus Tschechien



Eine andere Gefahr geht für die Elbe von unserem Nachbarland Tschechien aus. Dort wird bei Děčín eine Staustufe geplant, um den Wasserstand auf einer Länge von 20 Kilometern anzuheben. Diese Staustufe würde nicht nur die wunderschöne böhmisch-sächsische Schweiz verschandeln, sondern auch den freien Flussabschnitt in einen Stausee verwandeln. Hinzu kommt, dass die naturnotwendigen Wanderungen der Flussfische, wie der Lachse, behindert und die Fische stattdessen in den geplanten Turbinen zu Fischhäcksel "verarbeitet" werden. Absurd ist, dass mit dem Bau der Staustufe auch noch das Ziel verfehlt wird, eine nahezu ganzjährige und durchgehende Frachtschifffahrt bis Hamburg herzustellen. Denn Niedrigwasserstände der Elbe gibt es nicht nur in Böhmen, sondern auch in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Niedersachsen.

Die geplante Staustufe würde als nutzloser Betontorso das Elbtal verschandeln. Allerdings würde mit dem Bau dieser Staustufe auch der Druck zum weiteren Ausbau der Elbe auf deutschem Gebiet wachsen. Dabei sollte uns das Beispiel Rhein warnen: Dort hat man nach dem Bau einer Staustufenkette eine Häufung von Hochwasserereignissen festgestellt, weil durch die Kanalisierung Retentionsräume, also natürliche Überschwemmungsräume, verloren gingen. So bilanzierte es das Bundesamt für Naturschutz in Bonn.



 
Zum Weiterlesen

Die Elbe

  • Uwe Rada: Die Elbe. Europas Geschichte im Fluss. Siedler Verlag (2013). Konrad Adenauer hat einst behauptet, hinter der Elbe beginne Asien. Tatsächlich treffen an der Elbe das barocke, sinnesfreudige und das preußisch-nüchterne Europa aufeinander. "Uwe Rada versteht es, vergessene Geschichte wieder zum Leben zu erwecken." (Deutschland Radio Kultur)

  • Sabine Tacke/Eckart W. Peters (Hg.): Kulturlandschaft Elbe. Anlässlich der Internationalen Bauausstellung 2010 in Sachsen Anhalt hat der Verlag Janos Stekowics diesen opulente Anthologie herausgegeben. Eine wahre Fundgrube.

  • Hansjörg Küster: Die Elbe. Landschaft und Geschichte. Verlag C.H. Beck (2007). Nach seinen Büchern über die Geschichte der Landschaft in Mitteleuropa, die Ostsee und den Wald, widmet sich Küster nun den Landschaften an der Elbe.

  • Karen Nölle-Fischer: Die Elbe. Ein literarischer Reiseführer von der Mündung bis zum Riesengebirge. Klett Cotta (1999). Ein ungewöhnliches Reisebuch, das "gegen den Strom" schwimmt.

  • Deutsches Historisches Museum (Hg.): Die Elbe. Ein Lebenslauf/ Labe. Život řeky. Der Katalog zur deutsch-tschechischen Ausstellung zur Elbe im DHM 1992 und dem Nationalmuseum in Prag.