Dossierbild Geschichte im Fluss

30.4.2013 | Von:
Michael Bartsch

Elbfahrt vor Erinnerungslandschaft

Manchmal ist Schwärmen nicht verkehrt. Und auch nicht das Schwelgen in der Vergangenheit. Besonders wenn man auf einem alten Raddampfer der Dresdner Flotte unterwegs ist.

Ein historischer Raddampfer der Dresdner Flotte vor dem Terrassenufer.Ein historischer Raddampfer der Dresdner Flotte vor dem Terrassenufer. (© Wikimedia)

Mählich-stoisches Vorwärtsschaufeln

Bei diesem Anblick verzeiht man der Stadt alle Fehltritte. Und ist ganz bei denen, die in Dresden zahlreicher und verbissener als anderswo die Zeit anhalten wollen. Denn hier am Terrassenufer scheint sie tatsächlich stehen geblieben zu sein. Zur Rechten die Brühlsche Terrasse, der Balkon Europas mit der eklektizistischen Kunstakademie, schon zu Lipsius´ Zeiten vor mehr als hundert Jahren ein Anachronismus. Zur Linken wie an einer Straße, eben der Bundeswasserstraße, geparkt jene einmalige Flotte, die ich unwillkürlich immer noch die "weiße" nennen will. Nicht minder zeitlose Schwimmzeugen, die längst Bestandteil eines feststehenden Ensembles geworden sind, das wiederum zum Kanon Dresdner Unverzichtbarkeiten gehört. So, als hätten sie sich seinerzeit vor Canalettos malerischem Blick lediglich hinter der Augustusbrücke versteckt.

Jeder Vergleich mit einem Yachthafen verbietet sich, der mit Venedig würde hinken. Es scheint, als sei die Bestimmung dieser Flotte, die sich zwecks Unterscheidung von anderen weißen nun die "Dresdner Flotte" nennt, zuerst eine dekorative in einer lieblichen und dennoch erhabenen Kulisse. Und sie bewegt sich doch! Man weiß es, aber nach Fahrplanschluss oder im Winter liegen die Schiffe brav hintereinander am Elbufer, Perlen der Beschaulichkeit aufgereiht an einer unsichtbaren Schnur. Wer sich in ihren Anblick verliebt hat, kann jeden Tag eine Flottenparade genießen, nicht nur zur Saisoneröffnung am 1. Mai oder beim Stadtfest.

Diese Dampfer lassen sich nicht auf ihre Funktion als Wasserfahrzeuge reduzieren. Sie sind auch nicht allein technische Denkmale, in denen sich eine ansonsten verschwundene Antriebsart behauptet. Sie sind wie der ruhende Stein im Hintergrund Zeugen, ja Instrumente der Entschleunigung. Wer sich dem exterritorialen Gebiet ihrer Planken anvertraut, verzichtet bewusst auf den kürzesten Weg zum Ziel und liefert sich dem mählich-stoischen Vorwärtsschaufeln der Ausflugsdampfer aus. Er erklärt überhaupt den Weg zum Ziel und denkt weniger an die Ankunft. Die Dresden oder die Leipzig sind schließlich keine Lastkähne.

Geschwindigkeit ist keine Kategorie auf Schiffen dieser Art, die vor allen Kulissen des Elbtals zwischen Diesbar und Bad Schandau eher zum statischen Accessoire der Postkartenansichten geraten. Die historische Flotte zeigt mit ihren orthogonalen Formen auch keinerlei Attribute der Geschwindigkeit oder weist mit konstruktiven Elementen auf etwa zu überwindende Widerstände hin. Insofern sind die streitbaren Neubauten August der Starke oder Gräfin Cosel ganz Kinder ihrer Zeit. Schräge Holme suggerieren Tempo, auf das es nicht ankommt, und ein schnittiger Bug kontrastiert mit der Gelassenheit der älteren Schwestern. Modernität scheint unvereinbar mit der schönen Zweckfreiheit, von der selbstverständlich auch das angebrochene neue Jahrhundert träumt. Insofern können die still vor sich hinschnaufenden Kleinodien aus dem späten 19. Jahrhundert gar nicht veralten.

Ich vermisse die alten Kästen

Im Winter aber hat der geneigte Elbschifffahrgast keine Wahl. Es dampft nicht, es dieselt nur zur Schlösserfahrt. Eine Fahrt, die im vorweihnachtlichen Frühwinter des Jahres 2010 von jedem Flussfahrzeug aus den mildesten Augentrost spenden muss. Das weiße Schneepuder, das sich über Wochen zu massivem Zuckerguss verdichtet hat, uniformiert die Landschaft keineswegs. Es betont vielmehr die Harmonie, in der sich das sanfte Tal und seine Bebauung wiegen. Mit Ausnahmen.

Die Cosel ist ein Neubaus aus dem Jahre 1994.Die Cosel ist ein Neubaus aus dem Jahre 1994. (© Wikimedia)
Hat man erst einmal seinen Aussichtsplatz auf der wohlgeheizten Gräfin Cosel gefunden und seinen Grog angeschlürft, schwindet auch die leichte Fremdheit, die sich beim Betreten der beiden Salonschiffe immer noch einstellt. Mittschiffs, wo bei den historischen Dampfern unter dem Kasten die Schaufelräder ins Wasser klatschen, empfängt den Gast eine geräumige und in ihrer Vornehmheit Distanz schaffende Lounge. Ein nobles schwimmendes Hotel, das den Gast überdies vor den rauen Einflüssen des Elbtal-Klimas weitgehend abschirmt. Fände nicht das Auge an den milden, später schroffen Hängen jenseits der Ufer seine Umarmung, das Gefühl der Sterilität schwände nie ganz.

Man vermisst die verbindende Enge der "alten Kästen", vermisst die Präsenz ihrer aufs Peinlichste gepflegten öffentlichen Antriebsaggregate. Wie die regelmäßigen Atemstöße bei einer Bergwanderung hört man die beiden Dampfzylinder ihre Arbeit verrichten, gutwillig, aber energisch, mit einer den menschlichen Bewegungsrhythmen sehr verwandten Frequenz. Die Kraft ist zu spüren, und das Feuer, das sie erzeugt, wird beim gelegentlichen Öffnen der Klappe sichtbar. Viele Fahrgäste genießen nicht nur die Gegend, sondern suchen diesen Blick ins Unterdeck bewusst, um angesichts dieser sinnlich-sympathischen und so gar nicht primitiven Maschine zu meditieren. Auf der Cosel hingegen bleibt die Maschine ganz und gar anonym. Nicht einmal das von Fähren oder Kreuzfahrtschiffen bekannte Vibrieren des Großdiesels ist zu spüren, wenn die Carolabrücke passiert ist und der Blick fragend hinüber zur Staatskanzlei schweift, ob denn der Herr Ministerpräsident in umgekehrter Richtung soeben auch Beruhigung und Erbauung beim Blick auf den Strom suche.

Stromaufwärts mit Senioren

Stromaufwärts folgt nach Albertbrücke und Flohmarkt-Ufer wenig Romantisches unter der Dominanz der Johannstädter Hochhäuser, so dass das Interesse kurzzeitig den Fahrgästen gelten kann. Wochentags um die Mittagszeit die üblichen Verdächtigen, Senioren also, die Gnade der rechtzeitigen Geburt genießend und ihre noch auskömmliche Rente in einer geselligen Flussfahrt anlegend. Sie ausgerechnet bringen ein wenig Hektik ins Bordrestaurant. Was ihnen trotz Gehhilfe an physischer Mobilität fehlt, kompensieren sie über ein hochmobiles Mundwerk und vorgetäuschte Geschäftigkeit. Keineswegs schweigend genießt auch eine Kategorie Fahrgäste, auf deren verspäteten Bus beim Ablegen noch gewartet wurde. Zum babylonischen Sprachgewirr der Holländer, Briten oder Franzosen fehlte noch die slawische Kompenente. "Wonderful", "Merveilleuse", "Prekraßno" demonstriert das Elbtal ausgerechnet in Sichtweite der nahenden Waldschlösschenbrücke seine Weltoffenheit.

Die Mitnahme von Rollstühlen, Fahrrädern oder Kinderwagen sei "eingeschränkt möglich", lautet eine Information. Anekdoten kommen in Erinnerung, wie eingeschränkt oder verblüffend uneingeschränkt die Mitnahme solcher Rollzeuge auf das gleitende Wasserfahrzeug sein kann. So mussten wir einmal im Gewitterregen schon am Blauen Wunder von Bord des Dampfers gehen, weil es nach Angaben des Schiffspersonals am Terrassenufer keine Möglichkeit gab, einen Kinder-Fahrradanhänger an Land zu bringen. Andererseits machten die Schiffsleute in Radebeul zu unserer Freude und zum Gaudi der übrigen Fahrgäste Unglaubliches möglich. Als 2007 unsere jährliche singende Vagantentour in Bauernkluft über den Elb-Weinwanderweg führte, hievten wir mit vereinten Kräften den "Leitkarren" und mehrere Handwagen auf das Hinterschiff. Auf dem Rückweg zum Ausgangspunkt Diesbar-Seußlitz bedankten wir uns auf dem Oberdeck mit Volksliedern und Instrumentaleinlagen.

Jenseits des gleichfalls mit manchen musikalischen Erinnerungen verbundenen Johannstädter Fährgartens steuert das Schiff auf die unvermeidliche neue Brücke zu. Sie duckt sich, als schäme sie sich, denn nun, da der Brückenzug am Waldschlösschen im Wesentlichen steht, erscheint er real noch ein bisschen hässlicher als imaginiert. Ein rohes Monument der Hybris, des Starrsinns und der Einfallslosigkeit. Ausdruck der dominierenden Einäugigkeit in dieser Stadt, der nicht nur an dieser exponierten Stelle das zweite Auge fehlt zu erkennen, was harmoniert und was nicht. Die nahenden Elbschlösser zur Linken versöhnen auf erlösende Art.

Griebel, das Original

Sprecher "Matz" Griebel und die Sächsische Dampfschifffahrt scheinen die unfreiwillige Ironie noch nicht bemerkt zu haben, wenn nun in Höhe der Saloppe der Kommentar aus der bordeigenen Tonkonserve einsetzt und verkündet, man habe eine "völlig intakte Flusslandschaft durchfahren". Vielleicht setzt deshalb Griebels Elbtal-Führung aus dem Lautsprecher auch erst nach Passieren der Waldschlösschenbrücke ein. Zumindest das Sächsisch dieses sächsischen Originals und langjährigen Stadtmuseumsdirektors ist völlig intakt und von jener bemühten Affektiertheit frei, die Bühnen- oder Filmauftritte anderen Sächsisch-Imitatoren abverlangen. Einen Grundkurs in Sächsischer Sprache streut Matthias Griebel auf sympathische Weise in die sachlichen Informationen ein, die Bauwerken und der vorüber gleitenden Landschaft gelten. Nicht nur der Tourist lernt etwas über die slawische Herkunft der Ortsnamen, die auf -witz oder -nitz enden. Auch die Eingeborenen wissen meist nicht mehr, dass ihre Bäbe, der beliebte Napf-Rührkuchen, von der Baba, der Großmutter, kommt. Das bestätigende, manchmal penetrante "nu" hängt mit dem tschechischen "ano" zusammen, und die "Hitsche" kennt der Schlesier als die "Ritsche".

Vor allem aber weckt die Stimme Matz Griebels in dieser Umgebung Erinnerungen an jene "Kulturfahrten" zu Wasser und zu Lande, die in den späten achtziger Jahren vom Dresdner Orgelbauer Kristian Wegscheider initiiert und organisiert wurden. Ich höre den backenbärtigen Barden gemeinsam mit Wasja Götze noch in einem der Salons unter Deck jene schlüpfrigen Lieder zur Klampfe schmettern, die mir ausgerechnet aus Studentengemeindekreisen wohlbekannt waren. 1987 hatte er durchaus glaubwürdig die Gestalt des vielfach imitierten starken Augusts angenommen, näherte sich in Pillnitz mit einem eigenen Schiff, um dann vom Balkon des Wasserpalais aus eine Rede zu halten, in der er letztlich einen Bastelbogen der Jungen Pioniere anpries. Ein Jahr zuvor war der omnipräsente August den Wasserfahrern schon einmal in Begleitung des Hofnarren Fröhlich und des legendären Geigers Pisendel erschienen, ausstaffiert vom Fundus der Semperoper.

Griebel war nur eines der Originale, einer der zahlreichen Typen, die sich auf dem Dampfer einfanden. Nicht alle kannten sich untereinander, aber einer gewissen Bohéme außerhalb der staatlich organisierten Kultur fühlten sich alle zugehörig. Und nicht alle wussten, mit welcher Mischung aus Witz und Dreistigkeit Kristian Wegscheider diese Fahrten überhaupt ermöglicht hatte. Seine Inspiration rührte tatsächlich von einem Schiff her, Fellinis Film "Schiff der Träume" nämlich. Aus zweiter Hand, denn im Original zu sehen bekam Wegscheider den Film in der DDR nicht. Aus erster Hand wiederum stammten seine Erfahrungen mit Dampferfahrten der feier- und faschingswütigen Studenten der Kunsthochschule.


Zum Weiterlesen

Die Elbe

  • Uwe Rada: Die Elbe. Europas Geschichte im Fluss. Siedler Verlag (2013). Konrad Adenauer hat einst behauptet, hinter der Elbe beginne Asien. Tatsächlich treffen an der Elbe das barocke, sinnesfreudige und das preußisch-nüchterne Europa aufeinander. "Uwe Rada versteht es, vergessene Geschichte wieder zum Leben zu erwecken." (Deutschland Radio Kultur)

  • Sabine Tacke/Eckart W. Peters (Hg.): Kulturlandschaft Elbe. Anlässlich der Internationalen Bauausstellung 2010 in Sachsen Anhalt hat der Verlag Janos Stekowics diesen opulente Anthologie herausgegeben. Eine wahre Fundgrube.

  • Hansjörg Küster: Die Elbe. Landschaft und Geschichte. Verlag C.H. Beck (2007). Nach seinen Büchern über die Geschichte der Landschaft in Mitteleuropa, die Ostsee und den Wald, widmet sich Küster nun den Landschaften an der Elbe.

  • Karen Nölle-Fischer: Die Elbe. Ein literarischer Reiseführer von der Mündung bis zum Riesengebirge. Klett Cotta (1999). Ein ungewöhnliches Reisebuch, das "gegen den Strom" schwimmt.

  • Deutsches Historisches Museum (Hg.): Die Elbe. Ein Lebenslauf/ Labe. Život řeky. Der Katalog zur deutsch-tschechischen Ausstellung zur Elbe im DHM 1992 und dem Nationalmuseum in Prag.