Dossierbild Geschichte im Fluss

30.4.2013 | Von:
Hubert Glaser

Geschichtsraum Elbe

Der Elbe fehlt das römische Element und auch sonst ist sie erst spät in den deutschen Geschichtsraum eingetreten. Dann aber hat sie aufgeholt und wurde zu einem Fluss, in dem sich deutsche und europäische Geschichte spiegeln. Um sie zu verstehen, braucht es aber den panoramatischen Blick.

Das barocke, sinnesfreudige an der oberen Elbe: Königgrätz.Das barocke, sinnesfreudige an der oberen Elbe: Königgrätz. (© Inka Schwand)

Europäischer Flüsseolymp

Wenn die Deutschen über geschichtsmächtige Flüsse reden, dann nennen sie sofort denRhein und die Donau. Zuerst ist es der Glanz der alten Städte, der in der Erinnerung haften bleibt.BaselStraßburg – Mainz – Köln im Westen,Ulm – Regensburg – Passau – Wien im Süden und Südosten. Die türmereichen Silhouetten stehen für eine tausendjährige Geschichte.

Alle diese Metropolen sind römische Gründungen, haben im frühen Mittelalter ihre geschichtliche Rolle gefunden und bis tief in die Neuzeit hinein behauptet und auf dieser Basis auch in der modernen Welt einen angemessenen Platz gefunden.

In ihnen werden die alten Ordnungen des Reiches und der Kirche manifest; die Salier sind in den großen Domen von Speyer, Worms und Mainz präsent; der Schwerpunkt der staufischen Macht lag am Oberrhein; die rheinischen Erzbischöfe und der Pfalzgraf bei Rhein verkörperten das Reich auch noch, als sich der Schwerpunkt der Kaisermacht in den Osten, nach Böhmen und nach Österreich verlagert hatte. Die Donau, die von Raetien bis nach Moesien der Grenzfluss des Römischen Reiches gewesen war, wurde zur Hauptstraße der südostdeutschen Kolonisation und dann die Lebensader Österreichs, zuerst der babenbergischen, dann der habsburgischen Macht, die in der Zeit der Türkenkriege bis nach Belgrad vorstieß.

Das Bild rundet sich, wenn man die Ströme nicht isoliert, sondern das System der Nebenflüsse hinzunimmt: zum Rhein den Neckar, den Main, die Mosel und schließlich die Maas, zur Donau den Lech, die Isar und vor allem den Inn und später die Drau, die Save und die Theiss. So lassen sich große Geschichtsräume erkennen, die auf gemeinsamen topographischen Grundlagen ruhen und auch in Zeiten territorialer Zersplitterung ein eigenständiges, ausgeprägtes kulturelles Profil bewahrten.

Ein später Fluss

Wenn man mit einer solchen topographisch-historischen Sehweise – vom Rhein und von der Donau herkommend und in reichsgeschichtlichen und reichskirchengeschichtlichen Kategorien denkend – auf die Elbe zugeht, dann ist es leicht, sich die Andersartigkeit ihres geschichtlichen Schicksals bewusst zu machen.

Zunächst fehlt das römische Element. Nachdem das Weltreich seine Grenze an Rhein und Donau und dazwischen am Limes befestigt hatte, konnten seine kolonisatorischen und fortifikatorischen Normen an der EIbe nicht mehr wirksam werden. Auch die fränkische Großreichsbildung unter den Merowingern bezog den Elbraum nicht ein. Erst Karl der Große drang in der letzten Phase der Sachsenkriege nach Nordalbingien vor, entvölkerte es durch Deportationen, überließ weite Landstriche den slawischen Obotriten, legte befestigte Plätze gegen die Dänen an, trieb die Missionierung und die Kirchenorganisation voran. Noch unter seiner Regierung sind die erste Kirche in Hamburg und eine Burganlage in Magdeburg auszumachen. 831 richtete Kaiser Ludwig der Fromme den ersten Bischofssitz an der Elbe ein.
Mit der Gründung der Burg in Meißen trat die Elbe 929 in die deutsche Geschichte ein.Mit der Gründung der Burg in Meißen trat die Elbe 929 in die deutsche Geschichte ein. (© Inka Schwand)
Die Schwerpunktverlagerung innerhalb der deutschen und der europäischen Geschichte, die mit der Wahl des Sachsenherzogs Heinrich zum deutschen König 919 in Fritzlar eingeleitet wurde, bewirkte auch für den Raum der mittleren und der unteren Elbe eine epochale Zäsur. Mit seinem Vorstoß über den Strom in das das Land der slawischen Heveller deutet sich zum ersten Mal das Bemühen an, die Elbe nicht mehr nur als Grenzfluss zu interpretieren, sondern zu einem Rückgrat sächsischer Macht auszubauen. Die Burg von Meißen, die Heinrich 929 anlegen ließ, markiert den Erfolg von Heinrichs Bemühen, das Land der Sorben in den sächsischen Herrschaftsraum einzugliedern und sich für weitere Vorstöße nach Osten und Südosten eine sichere Basis zu schaffen.

Was unter Heinrich I. angelegt wurde, hat Otto I. durch Herrschaftsorganisation, Christianisierung und Kirchenorganisation zum Abschluss gebracht. Sowohl die mehrfach umgegliederten Marken wie der 967 errichtete Metropolitanverband von Magdeburg übergriffen den ganzen Elbraum samt den Flussgebieten der Saale, der Elster und der Havel.

Im 10. Jahrhundert also sind die Zentren aufgebaut und mit festen Funktionen versehen worden, in denen heute noch die Geschichtlichkeit der Flusslandschaft ihren monumentalen Ausdruck findet.

Die Elbe holt auf



Das hohe und späte Mittelalter hindurch und bis in die frühe Neuzeit hinein ist der untere und mittlere Elbraum von hoher territorialpolitischer Dynamik geprägt gewesen. An der Unterelbe machte der Slawenaufstand von 983 die Weichenstellungen Ottos des Großen zunichte und den Strom noch einmal zur Grenze. Erst Albrecht der Bär konnte seine Macht auf beiden Seiten der Elbe befestigen und damit den Grund des Landes Brandenburg legen. Die Folgen der Reformation haben es vermocht, auch das Erzstift Magdeburg in den Herrschaftsraum der Markgrafen einzubauen.

Weiter im Süden, von Wittenberg bis zum Gebirge, wurde die Elbe das Rückgrat der wettinischen Raumpolitik. Die Landesteilung von 1473 hat dann endgültig über den Ausbau der Residenzstädte Dresden und Wittenberg entschieden. Freilich hatten damals die Bürger längst an Einfluss auf die Stadtentwicklung gewonnen und ihren ökonomischen Aufstieg in der Stadtgestalt ablesbar gemacht. Die Anfänge dieser Entwicklung lassen sich in Hamburg und in Magdeburg schon im 10. Jahrhundert greifen; vom 12. bis zum 14. Jahrhundert schreiten die kaiserliche Privilegierung der Bürgerschaften und der Ausbau der Selbstverwaltungsrechte auch in den Elbstädten voran; das bedeutet, dass sie schon in der Stauferzeit den Entwicklungsvorsprung der Kommunen im Westen und Süden des Reiches eingeholt haben.
Schloss Kuks ist ein barockes Feuerwerk an der Elbe und erwacht langsam wieder zum Leben.Schloss Kuks ist ein barockes Feuerwerk an der Elbe und erwacht langsam wieder zum Leben. (© Inka Schwand)

Eine Frage der Perspektive

Diese Betrachtungsweise hat mehrere Mängel. Der entscheidende ist, dass sie dem Fluss als topographischer Einheit nicht gerecht wird, weil sie nur einen Teil, nämlich den zwischen Elbsandsteingebirge und Nordsee umfasst und den ganzen Oberlauf außer Acht lässt. Daraus folgt, dass man nicht nur von den Zusammenhängen der deutschen Geschichte, gewissermaßen von rheinischen Leitbildern her denken darf, wenn man das geschichtliche Profil der Elbe im Vergleich mit dem anderer Flussgebiete nachzeichnen will.

Zu den elementaren topographischen Bedingungen, die sich auf die Geschichte des Elbraumes ausgewirkt haben, gehört es auch, dass der Oberlauf des Flusses durch mächtige Gebirgsstöcke, durch das Erzgebirge und durch die Sudeten, vom Mittel- und Unterlauf abgeriegelt wird und der Fluss dadurch die Rolle einer schmalen, aber umso wichtigeren Verbindungsstraße zwischen zwei getrennten Geschichtslandschaften erhält.

Dieser Befund ergibt, dass man versuchen muss, die geschichtliche Rolle der Elbe nicht nur von Westen und Nordwesten, sondern auch von Südosten, von Böhmen her, zu verstehen.

Von Böhmen her denken

In der Tat fasst die Elbe, indem sie die Moldau und die Eger in sich aufnimmt, das ganze Böhmische Becken zu einem einheitlichen Flussgebiet zusammen. Merkwürdig bleibt, dass nicht eigentlich sie, sondern die Moldau sich als der Hauptfluss darstellt; wenn man in Mělnik auf den Zusammenfluss von Elbe und Moldau blickt, kann man verstehen, dass es heute noch viele Prager gibt, die behaupten, dass der Strom, der sich in weiten Bögen dem nördlichen Randgebirge nähert, eigentlich den falschen Namen trägt.

Schon in frühgeschichtlicher Zeit hat das Elbtal als Verkehrsweg das Böhmische Becken mit den nördlich und den nordöstlich gelegenen Kulturräumen verbunden. Das lässt sich zum Beispiel aus der Ausbreitung der Lausitzer Kultur in der späten Bronzezeit schließen; nicht minder wichtig scheint die Rolle des Flusses ein Jahrtausend später bei der Landnahme der Markomannen und bei der Reichsbildung des Marbod gewesen zu sein. Diesen Verschiebungen im Machtgefüge galt der römische Vorstoß unter Drusus im Jahr 9 n. Chr., der bis an die Elbe führte. Dem Fluss entlang sind – wieder ein halbes Jahrtausend später – die Sorben von Böhmen aus nach Nordwesten gezogen und bis zur Magdeburger Börde vorgedrungen.


Zum Weiterlesen

Die Elbe

  • Uwe Rada: Die Elbe. Europas Geschichte im Fluss. Siedler Verlag (2013). Konrad Adenauer hat einst behauptet, hinter der Elbe beginne Asien. Tatsächlich treffen an der Elbe das barocke, sinnesfreudige und das preußisch-nüchterne Europa aufeinander. "Uwe Rada versteht es, vergessene Geschichte wieder zum Leben zu erwecken." (Deutschland Radio Kultur)

  • Sabine Tacke/Eckart W. Peters (Hg.): Kulturlandschaft Elbe. Anlässlich der Internationalen Bauausstellung 2010 in Sachsen Anhalt hat der Verlag Janos Stekowics diesen opulente Anthologie herausgegeben. Eine wahre Fundgrube.

  • Hansjörg Küster: Die Elbe. Landschaft und Geschichte. Verlag C.H. Beck (2007). Nach seinen Büchern über die Geschichte der Landschaft in Mitteleuropa, die Ostsee und den Wald, widmet sich Küster nun den Landschaften an der Elbe.

  • Karen Nölle-Fischer: Die Elbe. Ein literarischer Reiseführer von der Mündung bis zum Riesengebirge. Klett Cotta (1999). Ein ungewöhnliches Reisebuch, das "gegen den Strom" schwimmt.

  • Deutsches Historisches Museum (Hg.): Die Elbe. Ein Lebenslauf/ Labe. Život řeky. Der Katalog zur deutsch-tschechischen Ausstellung zur Elbe im DHM 1992 und dem Nationalmuseum in Prag.