Dossierbild Geschichte im Fluss
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Deutscher Fluss, tschechischer Fluss


30.4.2013
Viele Tschechen, die in Mělník zusehen, wie Elbe und Moldau zusammenfließen, fragen sich, warum der Strom im weiteren Verlauf Elbe heißt und nicht Moldau. Bis heute nämlich hält sich in Tschechien die Vorstellung des 19. Jahrhunderts von der Moldau als dem nationalen Fluss der Tschechen und der Elbe als "deutschem Fluss". Davor allerdings war ganz selbstverständlich die Elbe der große Strom Böhmens.

Über dem Zusammenfluss von Elbe und Moldau in Mělník.Über dem Zusammenfluss von Elbe und Moldau in Mělník. (© Inka Schwand)

Die geografische Sünde



Der Anblick muss ihn provoziert haben. An einem Frühsommertag des Jahres 1838 steht Franz Schuselka, ein angehender Schriftsteller aus dem südböhmischen Budweis, über den Weinbergen von Mĕlník und schaut hinab auf das, was er später eine "geografische Sünde" nennen wird. Vor seinen Augen mündet die Moldau, an der er geboren wurde, in die an Kilometern kürzere und auch weniger breite Elbe. Schuselka holt tief Luft. In seiner am 19. Juni 1838 in der Zeitschrift Bohemia abgedruckten "Standrede, gehalten an der Mündung der Moldau an die Elbe" heißt es:

"Kaum einen Topographen wird man finden, der nicht mit tiefen elegischen Seufzern das tragische Fatum anklaget, welches die königliche Moldau, nachdem sie stolz und segensreich des Landes Mitte durchfluthet, in dem kleineren, weniger berühmten Fluße untergehen läßt."

Ob der damals 27-Jährige beim Anblick des "tragischen Fatums" tatsächlich eine Standrede gehalten hat, darf bezweifelt werden. Sein Bedauern aber teilte der deutsch gesinnte Böhme mit seinen tschechischen Landsleuten.

"Der erste Platz im Herzen des Vaterlandes" gehörte der Moldau. Sie ist und bleibt der erste National-Fluß Böhmens, und eben ihrem Untergange in der Elbe verdanken wir es, dass die Moldau nur als Böhmischer Fluß genannt wird."

Der tschechische Nationalfluss



Knapp vierzig Jahre nachdem Schuselka seine "Standrede" gehalten hatte, wurde die sinfonische Dichtung Vltava, auf deutsch Die Moldau, des Komponisten Bedřich Smetana uraufgeführt. Da war aus dem nationalen Fluss der – deutschen und tschechischen – Böhmen längst der nationale Fluss der Tschechen geworden. Prag, die Hauptstadt Böhmens, stand im Zeichen des Nationalitätenkampfes zwischen Deutschen und Tschechen. Indem Smetana die Moldau zum Teil seines sinfonischen Zyklus Ma vlást (Mein Vaterland) machte, stellte er den Fluss, der so majestätisch durch Prag, die goldene Stadt, strömt, in eine Reihe mit den anderen Mythen und Symbolen der tschechischen Geschichte. Einen solchen Nachklang hat diese Liaison zwischen Tschechisch und Moldau, dass noch heute jede Ansage im Prager Hauptbahnhof von den ersten vier Klängen von Smetanas Vltava, quasi als Jingle, eingeläutet wird.

Über den Aufbau seiner sinfonischen Dichtung schrieb Smetana:

"Die Komposition schildert den Lauf der Moldau, angefangen bei den beiden kleinen Quellen, der kühlen und der warmen Moldau, über die Vereinigung der beiden kleinen Bächlein zu einem Fluss, den Lauf der Moldau durch Wälder und Fluren, durch Landschaften, wo gerade eine Bauernhochzeit gefeiert wird, beim nächtlichen Mondschein tanzen die Nymphen ihren Reigen. Auf den nahen Felsen ragen stolze Burgen, Schlösser und Ruinen empor. Die Moldau wirbelt in den Johannisstromschnellen; im breiten Zug fließt sie weiter gen Prag, am Vyšehrad vorbei, und in majestätischem Lauf entschwindet sie in der Ferne schließlich in der Elbe."

Den tschechischen Patrioten zeigte sich die Moldau in Prag von ihrer prächtigsten Seite, und auch Franz Schuselka sah sie in der goldenen Stadt ihrem Höhepunkt entgegenstreben:

"Jetzt erreicht die nimmer rastende Welle den Ort, wo Prags thronende Paläste prangen, wo weithin Prags stolze Thürme herrschen. Und mächtig schwellt und breitet sich der Strom, wie in hohem, freudigen Entzücken. Zum klarsten Spiegel ebnet er die Wellen, um das hohe Bild rein und glänzend zu empfangen. Er hemmet den schnellen Lauf, um länger und länger im Anschauen dieser Herrlichkeit zu schwelgen."

Doch nicht selten folgt einem Höhepunkt bald die Ernüchterung. Unterhalb Prags scheint die Moldau ihre magische Kraft verloren zu haben; ausgepowert und ohne Glanz fließt sie dem baldigen Ende zu. "Von Prag scheidend", verabschiedet sich Schuselka von seinem heimatlichen Fluss, "spiegelt die Moldau nicht mehr das Bild heiterer Kräftigkeit. Ihr Lebensmuth scheint gebrochen. In weiter, regelloser Krümmung schleicht sie fort, als wollte sie lieber zurück als vorwärts schreiten, und nach kurzem, mäßigen Laufe vollendet sie ihre Bahn in den Armen der zärtlichen Schwester, die zu ihrem Troste auf weitem Umwege herbeigeeilt ist."

Das Schauspiel von Mĕlník



Wie die Moldau ihren Lauf in den Armen der "zärtlichen Schwester" vollendet, ist Schauspiel, das alljährlich Scharen von Touristen anzieht. Zu Hunderten steigen sie in den Sommermonaten den Burgberg hoch nach Mĕlník, die alte und herrliche Stadt der böhmischen Königinnen, und blicken hinab auf den Zusammenfluss der beiden Flüsse. Großes Kino bekommen sie da geboten vor den Toren des Mĕlníker Schlosses, leider nur kein echtes. Was da unterhalb des Burgbergs in die Elbe mündet, ist nicht die Moldau, sondern ein Schifffahrtskanal.

Die eigentliche Mündung befindet sich hundert Meter elbaufwärts, im Sommer verbergen Weinreben und Bäume den Blick. Aber vielleicht ist das auch besser so. Die Trauer über das tragische Ende der Moldau will nämlich bis heute kein Ende nehmen. Fast trotzig nennen die Tschechen den Ort des Geschehens nicht potok, auf deutsch Mündung, sondern soutok, also Zusammenfluss. Potok, das wäre tatsächlich eine geografische Sünde wieder den Nationalfluss der Tschechen. Soutok immerhin suggeriert eine Begegnung von Moldau und Elbe auf Augenhöhe. Wie die Sache ausgeht, darüber wird wie schon bei Smetana und Schuselka der Mantel des Schweigens gelegt.

Welches Verhältnis aber hatten und haben die beiden großen Ströme Böhmens und später Tschechiens tatsächlich zueinander. Was hat es auf sich mit der "geografischen Sünde", die Franz Schuselka beklagt? Warum behält die Moldau, die in Mĕlník tatsächlich länger und wasserreicher ist, nach dem Zusammenfluss mit der Elbe nicht ihren Namen? Und warum ist nicht die Elbe der nationale Fluss der Böhmen und Tschechen geworden? Weil sie, wie Schuselka mutmaßt, nach der Überschreitung der sächsischen Grenze dann kein böhmischer Fluss mehr gewesen wäre? Ist die Elbe den Tschechen zu deutsch?

Allegorien von Elbe und Moldau



Allegorische Darstellungen von Elbe (links) und Moldau (rechts) vor dem Nationalmuseum in Prag.Allegorische Darstellungen von Elbe (links) und Moldau (rechts) vor dem Nationalmuseum in Prag. (© Inka Schwand)
Die vielleicht bedeutendste Allegorie der beiden Flüsse Böhmens ist auf dem Prager Wenzelsplatz zu sehen. Auf der Rampe zum mächtig über dem Platz thronenden tschechischen Nationalmuseum aus dem Jahre 1891 steht erhaben Antonín Pavel Wagners Skulptur der Bohemia, Böhmens Schutzgöttin, mit Krone, Wappenschild und Schwert. Ergänzt wird das Ensemble von zwei allegorischen Darstellungen der Landesteile Mähren und Schlesien.

Auch Elbe und Moldau kommen zu ihrem Recht. Sie finden sich dargestellt zu Füßen der Bohemia und könnten unterschiedlicher nicht sein: Die Elbe wird von Wagner als alter Greis dargestellt, dem die Moldau, eine junge, schöne Mutter, die Schau stiehlt. Eine Darstellung also, die hinsichtlich der böhmischen Flüssekonkurrenz keine Antwort schuldig bleibt: Wagners Moldau am Wenzelsplatz ist der Fluss, dem die Zukunft gehört, die Elbe ist ein Relikt der Vergangenheit.

Um herauszufinden, was die allegorische Darstellung von Elbe und Moldau bedeutet, meint der Geograph Adolf Karger, müsse man zunächst wissen, dass sich im Böhmen des späten 19. Jahrhunderts längst die Lesart der Elbe als deutscher und der Moldau als tschechischer Fluss eingebürgert habe. Erst diese ethnische Zuschreibung machte auch die "demografische Botschaft" deutlich, die in der Figurengruppe zu Füßen der Bohemia verkündet werde.

Worum ging es? Zwar bildeten die Deutschen in Prag um die Mitte des 19. Jahrhunderts wirtschaftlich und kulturell noch immer die Elite, demografisch aber waren sie ins Hintertreffen geraten. Nur noch in den Altprager Stadtteilen stellten die Deutschen 1848 die Hälfte der 142.600 Einwohner zählenden Stadt. In den neuen Quartieren hingegen, in Žižkov und Smíchov, waren die Tschechen in der Mehrheit. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts wuchs die Bevölkerung vor allem in diesen neuen Arbeiterquartieren – die Deutschen wurden zur Minderheit. Darüber hinaus lockte die Industrialisierung immer mehr tschechische Arbeiter an. So vollzog sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein demografischer Wandel, der den tschechischen Nationalismus in Prag mehrheitsfähig machte.

Zur Symbolik der jungen und kinderreichen Moldau und der alten Greisin Elbe gehört für Karger aber nicht nur der Wanderungssaldo beider Bevölkerungsgruppen, sondern ebenso die Geburtenentwicklung. Auch da sprachen die Zahlen für sich. Während die Geburtenrate der Deutschen sank, stieg sie bei den Tschechen. Adolf Karger: "Die deutsche Interpretation kam nicht darum herum, darin (in Wagners Allegorie der Flüsse, U.R.) die furchterregende unterschiedliche Situation beider Völker zu sehen und ihr biologisches Bedrohungssyndrom auf provokative Weise bestätigt zu finden."

Stellt man aber nicht die "demografische Botschaft" Wagners in den Vordergrund, sondern die Siedlungsgeschichte an Elbe und Moldau, ist es bald vorbei mit dem Alleinvertretungsanspruch der Moldau als nationalem Fluss der Böhmen. Nicht an der Moldau begann die Geschichte Böhmens, sondern an der Elbe.

Mythos Moldau



In seinem erhellenden Essay über Prag und die nationale Identität unterteilt Adolf Karger die böhmischen Siedlungsgebiete in ein "trocken-warmes Altsiedelland" im Norden Prags und das "höher gelegene, klimatisch rauere, von Natur aus dichter bewaldete Südböhmen". Der Fluss des Altsiedellandes ist die Elbe, der Fluss der jüngeren Siedlungsgeschichte die Moldau.

Tatsächlich war die obere Elbe bereits vor der Völkerwanderung und der Zuwanderung der slawischen Stämme besiedelt. Nach dem Ende der letzten Eiszeit, weiß Karel Sklenář, der als Archäologie im tschechischen Nationalmuseum arbeitet, "zogen die fruchtbaren Lößböden an den Elbufern künftige Siedler an, die Ackerbau und Viehzucht betreiben wollten". Ihre Vorfahren waren laut Sklenář aus Nordmähren an die Elbe gekommen: "Zwischen der Böhmisch-Mährischen Senke und dem Hügelland sind die ersten Bauern in die Regionen von Königgrätz und Pardubitz eingedrungen und siedelten von dort elbabwärts." Zu den ersten Stämmen, die die obere Elbe besiedelten, gehörten die keltischen Bojer, die dem späteren Böhmen den Namen gaben, sowie germanische Markomannen und Vandalen. Die greise Elbe: Unter diesem Gesichtspunkt ist sie ein Hinweis auf die "Erstgeborene" in Böhmen.

Und die Moldau? Die tschechischen Patrioten setzten den älteren Rechten der Elbe den Gründungsmythos von Prag entgegen – versinnbildlicht in der Libussa. Dem Mythos zufolge ist Libussa, auf tschechisch Libuše, die Stammmutter der tschechischen Dynastie der Přemysliden. Dass das Herrschergeschlecht nicht ihren Namen trug, hat mit einer geschlechterpolitischen Unkorrektheit zu tun. Ihr Volk wollte sich nämlich nicht von einer Frau regieren lassen, berichtet der böhmische Chronist Cosmas von Prag in seiner Chronika Boemorum aus dem 12. Jahrhundert. Also nahm Libuše einen Bauern namens Přemysl zum Mann und begründete das gleichnamige Geschlecht, das wechselweise auf dem Vyšehrad und auf der Prager Burg herrschte.
Der Říp ist der heilige Berg der Tschechen.Der Říp ist der heilige Berg der Tschechen. (© Inka Schwand)

Auch von den Vorfahren der Libussa ist bei Cosmas die Rede. Sie sei eine Nachfahrin des legendären Urvaters Tschech, der mit seinen Jüngern aus dem Nordosten ins spätere Böhmen eingewandert sein soll. Dabei sollen Tschech und sein Gefolge zunächst die Oder und dann Elbe und Moldau überquert haben. Im Böhmische Becken erblickten sie dann den 456 Meter hoch aufragenden Berg Řip und bestiegen ihn. Dort oben habe Urvater Tschech, auf tschechisch "Praotec Čech", folgende Ansprache an sein Volk gehalten:

"Seht, das ist das Land, das wir gesucht haben. So oft habe ich euch versprochen, dass ich euch hierher führen werde. Hier ist das versprochene Land, voll Wild und Vögel, in dem süßer Honig und Milch im Überfluss sind. Hier werdet ihr ohne Mangel leben und eine gute Verteidigung gegen Feinde finden."

Bis heute ist der Řip, nur dreißig Kilometer entfernt von Prag, ein Wallfahrtsort der Tschechen. Als Tschech seine Jünger fragte, wie man das Land nennen solle, das sich vor ihnen erstreckte, riefen sie der Sage nach: "Wie du." So verschmelzen also die slawische Besiedlung Böhmens zwischen dem 6. und 8. Jahrhundert und die Gründung Prags zur Legende und verleihen der Moldau den nationalen Mehrwert, den sie in der Konkurrenz mit der Elbe offenbar dringend nötig hatte.



 
Zum Weiterlesen

Die Elbe

  • Uwe Rada: Die Elbe. Europas Geschichte im Fluss. Siedler Verlag (2013). Konrad Adenauer hat einst behauptet, hinter der Elbe beginne Asien. Tatsächlich treffen an der Elbe das barocke, sinnesfreudige und das preußisch-nüchterne Europa aufeinander. "Uwe Rada versteht es, vergessene Geschichte wieder zum Leben zu erwecken." (Deutschland Radio Kultur)

  • Sabine Tacke/Eckart W. Peters (Hg.): Kulturlandschaft Elbe. Anlässlich der Internationalen Bauausstellung 2010 in Sachsen Anhalt hat der Verlag Janos Stekowics diesen opulente Anthologie herausgegeben. Eine wahre Fundgrube.

  • Hansjörg Küster: Die Elbe. Landschaft und Geschichte. Verlag C.H. Beck (2007). Nach seinen Büchern über die Geschichte der Landschaft in Mitteleuropa, die Ostsee und den Wald, widmet sich Küster nun den Landschaften an der Elbe.

  • Karen Nölle-Fischer: Die Elbe. Ein literarischer Reiseführer von der Mündung bis zum Riesengebirge. Klett Cotta (1999). Ein ungewöhnliches Reisebuch, das "gegen den Strom" schwimmt.

  • Deutsches Historisches Museum (Hg.): Die Elbe. Ein Lebenslauf/ Labe. Život řeky. Der Katalog zur deutsch-tschechischen Ausstellung zur Elbe im DHM 1992 und dem Nationalmuseum in Prag.