Dossierbild Geschichte im Fluss

30.4.2013 | Von:
Kristina Kaiserová

Erinnern an die Deutschen

Seit der Wende ist in Ústí nad Labem die Geschichte von Aussig an der Elbe kein Tabu mehr. Mit dem Collegium Bohemicum soll es in der Elbestadt nun auch ein Museum geben, das sich der Geschichte der Deutschen in Böhmen widmet. Eine Bilanz.

Blick auf die Elbe in Ústí nad Labem/AussigBlick auf die Elbe in Ústí nad Labem/Aussig (© Inka Schwand)

Neuer Blick auf die Geschichte

In den letzten Jahren entstanden in Ústí nad Labem (Aussig an der Elbe) eine Reihe von Initiativen und Studien, die sich mit der Geschichte und Kultur der Deutschen in Böhmen, aber auch mit den tschechisch-deutschen Beziehungen in einem breiteren Kontext befassen. Gleich nach der Wende 1989 wurden diese Themen diskutiert. Eine wichtige Rolle spielte dabei die Zusammenarbeit zwischen der Universität Jan Evangelista Purkyně (UJEP), dem Stadtmuseum und dem Stadtarchiv.

Ein wichtiges Ziel war es, den Bürgern von Ústí einen neuen, modernen Blick auf die Geschichte ihrer Stadt zu öffnen. Dazu dienten auch zahlreiche Ausstellungen, darunter auch die bereits 1991 mit deutschen Partnern kuratierte Schau Nordböhmische Landschaftsmalerei des 19. Jahrhunderts, die nicht nur in Ústí nad Labem, sondern auch in München und Dresden gezeigt wurde.

Zu diesem neuen Blick auf die Geschichte der Stadt gehörten auch die Erinnerungen ehemaliger Bürger von Aussig. In Zusammenarbeit von Stadtarchiv und dem privaten Verlag albis international erschienen sie in einer Reihe, in der tschechische, deutsche und deutsch-jüdische Erinnerungen veröffentlicht wurden.

Einen entscheidenden Einfluss auf den Umgang mit Geschichte haben Denkmäler als Gedenk- und Erinnerungsorte, die zu unterschiedlichen Anlässen errichtet wurden. Viele davon wurden renoviert, einige erneuert.

Gedenktafel an das Massaker von Aussig auf der Beneš-BrückeGedenktafel an das Massaker von Aussig auf der Beneš-Brücke (© Inka Schwand)
In diesem Zusammenhang ist das Jahr 2005 wichtig. Durch die Initiative des damaligen Oberbürgermeisters Petr Gandalovič gelang es, eine ganze Reihe bedeutender Erinnerungsorte der neueren Geschichte zu errichten. Eine Erinnerungstafel an die Bombardierung der Stadt im Frühjahr 1945 durch die Amerikaner wurde angebracht, das Kriegsdenkmal der Roten Armee wurde renoviert. Die Einweihung der Gedenktafel zum Massaker vom 31. Juli 1945 auf der Beneš-Brücke wurde zu einem wichtigen Versöhnungszeichen sowie auch das Judenstern-Denkmal im Stadtpark, das mahnend an das tragische Schicksal ehemaliger jüdischen Mitbürger erinnern soll.

Die Deutschen in Böhmen

Die Geschichte der Deutschen in den böhmischen Ländern stieß von Anfang an auf das Interesse der Historiker im ganzen Lande. Die Universität – hier vor allem das Institut für Slawisch-germanische Studien –, das Stadtmuseum und das Archiv der Stadt Aussig befassten sich in Zusammenarbeit mit in- und ausländischen Partnern mit diesem Thema. Seit 1992 finden regelmäßig Symposien statt, auf denen Forschungsergebnisse von zentralen und regionalen Institutionen unter der Teilnahme der Kollegen aus Deutschland und Österreich ausgewertet werden. Für die Bearbeitung der tschechisch-deutschen Fragestellungen gibt es auch öffentliche Gelder sowie die Möglichkeit, diese Ergebnisse in einer Reihe von Publikationen zu veröffentlichen.

Im Jahres 2004 wurde mit Unterstützung des Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds ein Projekt mit dem Titel "Forschungszentrum und Bibliothek für tschechisch-deutsche Beziehungen im Museums der Stadt Aussig" vollendet. Der umfangreiche historische Bücherbestand mit Regionalthemen, von denen ein wesentlicher Teil deutschsprachig ist und einen deutschen Ursprung hat, wird hier verwaltet und fortlaufend erweitert. Diese Bibliothek hat einen unersetzbaren historischen Wert für das Gebiet Nordwestböhmens und für die Geschichte der Deutschen in Böhmen

Die im Jahre 1999 gegründete Gesellschaft für Geschichte der Deutschen in Böhmen, sah es als ihre Aufgabe, eine gewisse "Inventur" der bisherigen wissenschaftlichen Tätigkeit zur Geschichte der böhmischen Deutschen durchzuführen. Das zeigte sich aber vom Forschungsaufwand als unrealisierbar. Deshalb engagierte sich die Gesellschaft in den folgenden Jahren bei der Gründung des Collegium Bohemicum, eines Landeszentrums für die Erforschung der Geschichte der Deutschen in den böhmischen Ländern.


Zum Weiterlesen

Die Elbe

  • Uwe Rada: Die Elbe. Europas Geschichte im Fluss. Siedler Verlag (2013). Konrad Adenauer hat einst behauptet, hinter der Elbe beginne Asien. Tatsächlich treffen an der Elbe das barocke, sinnesfreudige und das preußisch-nüchterne Europa aufeinander. "Uwe Rada versteht es, vergessene Geschichte wieder zum Leben zu erwecken." (Deutschland Radio Kultur)

  • Sabine Tacke/Eckart W. Peters (Hg.): Kulturlandschaft Elbe. Anlässlich der Internationalen Bauausstellung 2010 in Sachsen Anhalt hat der Verlag Janos Stekowics diesen opulente Anthologie herausgegeben. Eine wahre Fundgrube.

  • Hansjörg Küster: Die Elbe. Landschaft und Geschichte. Verlag C.H. Beck (2007). Nach seinen Büchern über die Geschichte der Landschaft in Mitteleuropa, die Ostsee und den Wald, widmet sich Küster nun den Landschaften an der Elbe.

  • Karen Nölle-Fischer: Die Elbe. Ein literarischer Reiseführer von der Mündung bis zum Riesengebirge. Klett Cotta (1999). Ein ungewöhnliches Reisebuch, das "gegen den Strom" schwimmt.

  • Deutsches Historisches Museum (Hg.): Die Elbe. Ein Lebenslauf/ Labe. Život řeky. Der Katalog zur deutsch-tschechischen Ausstellung zur Elbe im DHM 1992 und dem Nationalmuseum in Prag.