Dossierbild Geschichte im Fluss

30.4.2013 | Von:
Axel Kahrs

Literaturort Dömitzer Brücke

Einst war die Dömitzer Eisenbahnbrücke Bindeglied zwischen dem Hannoverschen Wendland und dem Großherzogtum Mecklenburg-Schwerin. Nach dem Krieg wurde sie zum Torso – und zum Faszinosum für Schriftsteller aus Ost und West.

Eine Mischung aus Historismus und Moderne.Eine Mischung aus Historismus und Moderne. (© Inka Schwand)

Das Postkartenmotiv

Eine künstlerische Absage an die Dömitzer Brücke steht am Anfang: Als mögliches Motiv für seine Bilder scheidet sie beim Elbe- und Landschaftsmaler Friedel Anderson aus. Er fuhr im September 2006 von Wittenberge nach Dömitz, um im Rahmen eines Kunstprojektes Ansichten von der gesamten Elbe zu malen. Sein Tagebuch – im Ausstellungskatalog nachzulesen – vermerkt lapidar: "Vor Dömitz eine Skizze über die Auen. Nicht die Brücke? Nicht die Brücke. Heimfahrt."

Es liegt auf der Hand, dass dem Künstler das beliebte Brücken-Motiv durch zahlreiche Bilder, Postkarten, Fotostrecken, Medienberichte und Gedenkveranstaltungen verbraucht schien – noch ein Blick auf die Brücke, noch einmal die Bögen, die Pfeiler, die Weite des Landes, des Elbstroms? In einem Brief bestätigt der Maler diese Annahme. Er schreibt: "Sie liegen mit Ihrer Deutung durchaus richtig. Manchmal lässt die innere Verfassung auch schon mal eine 'Postkarte' zu. Damals aber sträubte sich alles, die Pinsel auch."

Wie bei der Kleinen Nachtmusik Mozarts oder Dürers Betenden Händen schreckt das verbrauchte, kommerzialisierte, ja trivialisierte Motiv oder Thema ab. Welcher Künstler von Rang und Namen malt heute noch die Loreley, wer fotografiert den Kölner Dom, welcher Musiker besingt die Wartburg, welcher Schriftsteller schildert noch wortreich den Brocken, ohne in Satire oder Klassik-Revision auszuweichen?

Dabei kann auch die Dömitzer Eisenbahnbrücke zusammen mit ihrer jüngeren Schwester, der Straßenbrücke, wie bei den eben genannten Orten auf eine eigene, gewachsene Kultur- und Literaturgeschichte zurückblicken. Das nimmt kein Wunder, wenn man sich des Themas annimmt. Der Bogen spannt sich von Theodor Fontanes Eisenbahnkatastrophen-Gedicht "Die Brücke am Tay" bis zur Verherrlichung der "Fahrt über die Kölner Rheinbrücke bei Nacht" im gleichnamigen Gedicht des expressionistischen Dichters Ernst Stadler, der im sprachlichen Farbenflackern die neue Technik feiert. Und es war Conrad Ferdinand Meyer, dessen Gedicht "Die alte Brücke" einen funktionslos gewordene Übergang würdigte: "Vorbei! Vorüber ohne Spur! / Du fielest heim an die Natur, / Die dich umwildert, dich umgrünt, / Vom Tritt des Menschen dich entsühnt!" Auch wenn es sich hier um eine Alpenquerung handelt, ist doch die Nähe zum Schicksal der Dömitzer Brücke im Ton schon angeschlagen.

Wer aus der Vogelperspektive die Eisenbahnüberquerung an der Elbe betrachtet, erkennt den besonderen Reiz, den dieses Bauwerk aus der Zeit der Gründerjahre bis heute auf Künstler ausübt und der nur noch mit dem hoch aufragenden Funkmasten auf dem nahe gelegen Höhbeck vergleichbar ist: Das schnurgerade Eisen- und Steinband der Brücke durchschneidet das Deichvorland der Elbe, ausgehend vom rechtwinklig dazu verlaufenden Deich am Südufer; dazu passen die wie mit dem Lineal gezogenen Zuführungsstraßen, die quadratisch parzellierten Felder, die Buhnen im gleichmäßigen Abstand, die die Elbe regulieren, einengen, schneller und schiffbarer machen – alles sichtbares Menschenwerk, geplant, gezirkelt, der Natur abgetrotzt, mit schwerwiegenden Folgen.

Der Elbstrom und seine Ufer wiederum bieten dem betrachtenden Poeten oder Maler den Kontrast zum Bauwerk: ein ausgreifender Mischwald, in dem die Eisenbahnlinie optisch untergeht, und eine Elbtalaue, die von Bracks, Haken, Altwasserarmen und Überschwemmungsflächen gezeichnet ist, sichtbar vom Wechsel der Jahreszeiten, den Hochwassern und Niedrigständen, trockenen Sommern und Frostperioden geprägt, belebt und bevölkert von vielfältiger Flora und Fauna. Eine Naturlandschaft, der der Mensch den Stempel der Kulturlandschaft aufdrücken konnte.

Zerstörung und Symbol

Wer sich der Brücke nähert, sieht mehr, erkennt die prägenden Details: die steinernen Pfeiler mit Wehrgängen, die Schwedlerträger mit ihrem seriellen Bogenschwung und die massiven Verteidigungsbauten am jweiligen Brückenkopf mit ihren Schießscharten, Zinnen und Kasematten. Es sieht aus, als habe die moderne Technik einen mittelalterlichen Bau überformt.

Brücke ins Nichts. Der Torso der Dömitzer Brücke.Brücke ins Nichts. Der Torso der Dömitzer Brücke. (© Inka Schwand)
Schon allein in ihrer funktionstüchtigen Zeit waren die beiden Brücken Anziehungspunkte auch für Künstler, viele Zeugnisse davon sind heute im Festungsmuseum Dömitz zu sehen. Der nachhaltige Eindruck der Bauwerke wurde dann aber – paradoxer Weise – durch die Ereignisse am Ende des Zweiten Weltkrieges enorm gesteigert. Tausende Flüchtlinge in ihren Trecks aus dem Osten und vor der Roten Armee zurückweichende Wehrmachtssoldaten konnten noch über die Brückenstege in den rettenden Westen gelangen. Nachzulesen ist das etwa in den Erinnerungen eines alten Ostpreußen aus dem Jahre 1989 von Alexander Fürst zu Dohna-Schlobitten, der berichtet: "Die Trecks passierten die Elbe bei Dömitz ohne allzu große Probleme, vor allem gab es keine Militärfahrzeuge und keine feindlichen Flieger. Der Sturm, dem man auf der Brücke widerstandslos ausgesetzt war, beschädigte zahlreiche Bedachungen an unseren Wagen, die wir mühsam wieder flicken mussten."

Die bald darauf folgende Zerstörung zentraler Segmente der Eisenbahn- und Straßenbrücke durch einen amerikanischen Fliegerbombenangriff am 20. April 1945 machte die zuführenden Straßen und Gleise zu Sackgassen. So schildert auch Hanns-Josef Ortheil in seinem Roman Abschied von den Kriegsteilnehmern die Flucht des verwundeten Vaters aus Berlin: "Tagelang war er nach Westen gehumpelt, nachts hatte er in den Wäldern geschlafen, hier und da hatten ihm die Bauern eine warme Mahlzeit gegeben, und schließlich war er an die Elbe gelangt; wo er auf ein Gewühl von flüchtenden Menschen und Tieren gestoßen war, die vergeblich versucht hatten, den Fluss zu überqueren. Es hatte aber an Schiffen und Booten gefehlt, und so hatten die flüchtenden Menschen am Ufer der Elbe inmitten ihres letzten Hab und Guts gesessen."

Es gibt zahlreiche Werke dieser Erinnerungsliteratur, die die Schicksale und Fluchtversuche späterer Schriftsteller und Politiker entlang der nun schier unpassierbaren Elbe zwischen Lauenburg und Tangermünde schildern, hier seien stellvertretend die Memoiren von Erika von Hornstein, Bernhard Minetti, Dieter Hildebrandt, Christa Wolf, aber auch Margarete Buber-Neumann, Hans Dietrich Genscher und Klaus von Dohnany genannt.

Die beiden Brückentorsi erfuhren dann im Westen der fünfziger Jahren die zunehmende politische Aufwertung zum Denkmal der deutschen Teilung und zum Mahnmal der Zerrissenheit. Am Ufer gegenüber von Dömitz war es die schweigende Anklage der Ruinen, die die Gemüter bewegte: Wie an kaum einem anderen Ort der innerdeutschen Grenze wurde hier der Rasierklingenschnitt sichtbar, den die Teilung Deutschland mit sich brachte. Zerstörte, funktionslose Brücken, die abbrechen im Nichts, eine menschenleere Landschaft, am anderen Ufer die Silhouette einer Stadt, die nicht mehr zu erreichen war – ein Hadesland, das Totenreich deutscher Geschichte, Trauerort für Abschiede, Verluste, Sehnsüchte.

Die Politik nahm das Motiv auf, zeigte auf Plakaten kleine Kinder mit großen fragenden Augen vor dem Brückenstumpf, die mit dem Finger nach "drüben" wiesen. Aufmärsche, Fackelzüge folgten. Auf den Brücken ritzten so manche Besucher ihre Wünsche in Stein und Eisen ein – auch ein Stück Kultur. Später kamen Kunstaktionen dazu, die Performance "Hart an der Grenze" im Jahr 1985 oder die Ausstellung "Zur Brücke" im September 1998, und zur 20-jährigen Wiederkehr der Grenzöffnung stellten Dannenberger und Salzwedeler Schüler 2009 das Brückenmotiv in den Mittelpunkt ihres Kunstunterrichts.


Zum Weiterlesen

Die Elbe

  • Uwe Rada: Die Elbe. Europas Geschichte im Fluss. Siedler Verlag (2013). Konrad Adenauer hat einst behauptet, hinter der Elbe beginne Asien. Tatsächlich treffen an der Elbe das barocke, sinnesfreudige und das preußisch-nüchterne Europa aufeinander. "Uwe Rada versteht es, vergessene Geschichte wieder zum Leben zu erwecken." (Deutschland Radio Kultur)

  • Sabine Tacke/Eckart W. Peters (Hg.): Kulturlandschaft Elbe. Anlässlich der Internationalen Bauausstellung 2010 in Sachsen Anhalt hat der Verlag Janos Stekowics diesen opulente Anthologie herausgegeben. Eine wahre Fundgrube.

  • Hansjörg Küster: Die Elbe. Landschaft und Geschichte. Verlag C.H. Beck (2007). Nach seinen Büchern über die Geschichte der Landschaft in Mitteleuropa, die Ostsee und den Wald, widmet sich Küster nun den Landschaften an der Elbe.

  • Karen Nölle-Fischer: Die Elbe. Ein literarischer Reiseführer von der Mündung bis zum Riesengebirge. Klett Cotta (1999). Ein ungewöhnliches Reisebuch, das "gegen den Strom" schwimmt.

  • Deutsches Historisches Museum (Hg.): Die Elbe. Ein Lebenslauf/ Labe. Život řeky. Der Katalog zur deutsch-tschechischen Ausstellung zur Elbe im DHM 1992 und dem Nationalmuseum in Prag.