Dossierbild Geschichte im Fluss

30.4.2013 | Von:
Ludwig Krause

Happy End an der Elbe

Magdeburgs Verhältnis zum Fluss war nie einfach. Die Stadt Ottos des Großen entstand auf den Plateaus hoch über der Elbe. Dann verhinderten die Festungsbauten ein Heranrücken ans Wasser. Der Wiederaufbau nach dem Krieg tat ein übriges. Erst nach der Wende konnte sich Magdeburg mit der Elbe versöhnen.

Der Magdeburger Dom von der Elbinsel betrachtet.Der Magdeburger Dom von der Elbinsel betrachtet. (© Inka Schwand)

Mit dem Fluss ins Reine kommen

Wenn ich die Stationen meines Lebens zurückverfolge, könnte ich dies auch entlang von Bächen, Flüssen, Strömen tun, die mich in den bisherigen sieben Jahrzehnten begleiteten, faszinierten, in Atem hielten.

Im deutschen Sibirien, dem Vogt- und Grenzland zwischen Sachsen und Franken, spielten wir Kinder am Bach, der in den 1950er Jahren – wir waren schon weitergezogen – zu einer Talsperre angestaut wurde, dem unser Unterdorf zum Opfer fiel. Neben der Wasserzufuhr für die Industrie sollte der Stausee auch zur Sicherung der damaligen innerdeutschen Staatsgrenze dienen.

Die Schulzeit verbrachte ich an einem Rinnsal, das sich "Meerchen" nannte. Allein diese Wortwahl für dieses von schrägen Ziegelwänden eingefasste Bächlein war für uns ein Signal, dass hier etwas nicht stimmen konnte. Eine in das keilförmige Profil eingearbeitete "Trockenwasserrinne" reichte der Flüssigkeit für die regenarmen Tage. An diesen konnte man auch die gerade in Mode stehende Stofffarbe ablesen, lenkten doch die Färbereien hierher ihre Abwässer. Ein besonderer Sport war das "Bachlaufen", bei dem man, über die schmale Rinne springend, die Schräge als Kurvenüberhöhung nutzend, um die Wette lief. Da ging es auch durch dunkle Tunnel.

Als "Mulus" zog ich nach Meißen. Wie könnten sich Stadt und Fluss anregender begegnen: Weinberge auf der einen, Stadt, Burg und Dom auf der anderen Uferseite. Eine wahrhaft sehenswerte Inszenierung. Beim Studium in Cottbus und in Weimar erlebte ich erstmals, welche Bedeutung Flüsse für die Städte durch eine aktive Landschafts- und Freiraumgestaltung haben können. Lebensadern. Spree und Ilm fließen nicht irgendwie an der Stadtkante entlang, nein sie bilden das Rückgrat einer einmaligen Parklandschaft. Immerhin können so die meisten Bürger dieser Städte in wenigen Minuten im Grünen sein und sich am Wasserspiel freuen.

In Wismar waren es natürlich die Ostsee und der Hafen, den wir damals wieder mit der Altstadt verbinden konnten. Dass ein zu meiner Zeit schäbiges feldsteingemauertes Rinnsal seinem Namen "Frische Grube" gerecht wurde, war ihm erst den 1990er Jahren vergönnt.

Und nun die Spree. Ein schönes Vorderhaus am Schiffbauerdamm verwehrt uns zwar den Blick auf diesen städtischen Fluss, schützt uns aber auch vor dem Lärm, dem Tuckern und Müffeln der Schiffe, die hier im Zwei-Minuten-Takt wissensdurstige und schaulustige Gäste durch Berlins Mitte bugsieren. Als Ausgleich haben wir am Wochenende die Spree, wo sie sich durch Weiden und Wiesen schlängelt, wo unsere Kinder sich von der Strömung treiben ließen und so das Schwimmen lernten und wo, wenn es mal ein etwas feuchteres Frühjahr gibt, uns das Wasser entgegenkommt, unsere Nachbarn plötzlich "Wassergrundstücke" haben. Gesteigert wird dies aber durch das Erlebnis, trockenen Fußes über die Spree laufen zu können, wenn diese, über die Ufer getreten, mit ihren Wiesen zu einer einzigen Eisfläche verschmolzen ist.

Diesem individuellem Bezug zu Bach, Fluss, Strom steht das Erleben derselben durch die Gesellschaft in ihren unterschiedlichsten Daseinsweisen gegenüber. Dazu gehören natürlich die Gewässer im Kontext der land- und forstwirtschaftlichen Nutzung der Landschaften, die Gewässer als Verkehrsadern, die Gewässer als Kraftquell für die Energieerzeugung, als Heimat für Fische (und Angler), als Grenzen und als Brücken von Menschen und Kulturen, vor allem aber als Orte, wo man sich niederlassen kann, Handel und Wandel stattfindet, das Leben pulsiert. Gleichzeitig gilt es aber auch, mit den Kräften der Gewässer leben zu lernen, sich vor Überschwemmungen zu schützen, Möglichkeiten des Ausgleichs und der Entspannung der Urgewalten zu schaffen.

In diesem Wechsel erschließt sich der zivil- und kulturgeschichtliche Rahmen im Umgang mit den Bächen, Flüssen, Strömen. Mit dem Fluss, mit seinem Fluss ins Reine zu kommen, das kann ein langer Prozess sein, kann Kräfte und Mühen kosten. Hat man das aber geschafft, eröffnen sich auch neue Perspektiven für eine Geschichte im Fluss und am Fluss.

Magdeburg und die Elbe

Elbterasse am Magdeburger Flussufer.Elbterasse am Magdeburger Flussufer. (© Inka Schwand)
Magdeburg hat sich in seiner 1.200-jährigen Geschichte immer wieder mit dem Fluss, mit der Elbe, auseinandersetzen müssen. Unter den größeren Städten an der Elbe, scheint mir, hat es in Magdeburg besonders lange gedauert, ehe eine Annäherung an den Fluss versucht wurde und ehe diese Versuche erste Früchte getragen haben. Eine solche These ist gewagt und kann auch nur von außen kommen. Ich bitte dafür also schon im Vorhinein um Verzeihung, will mich aber auf den Versuch einlassen und Sie einladen, mit mir die Sprünge durch die ältere Geschichte zu wagen, und durch die jüngere Vergangenheit mitzugehen.

Magdeburg als Ort, wo man noch am günstigsten und auf relativ stabilem Untergrund die Elbe queren konnte: Dieser Übergang wurde durch ein kleines karolingisches Kastell geschützt. Die Furt bot Raum für den Warenaustausch zwischen den Menschen beidseits der Elbe. Die Mehrzahl war slawischer Abstammung, doch nur die westlichen Gebiete standen unter dem Schutz der kaiserlichen Macht. Die Elbe blieb über lange Zeit Grenzfluss. Und die Liebe zu einer Grenze hielt sich auch damals in Grenzen.

Aus topografischen Gründen zog sich die Bebauung eher vom Fluss zurück, suchte und fand Heimstatt auf den natürlichen Bastionen. Vom Domareal über das Kloster Unser Lieben Frauen, die St. Johanniskirche, Magdalenenkapelle bis zur Petri- und Wallonerkirche wurden die kleinen Plateaus besetzt. Sie bildeten Basis und Sprengwerk gleichermaßen der Magdeburger Stadtkrone.

Diese erschließt sich allerdings in voller Pracht nur vom Osten. Mit der morgendlichen Sonne im Rücken oder gegen die untergehende Sonne am Abend wird hier ein Schauspiel inszeniert, das auch – und gerade heute – alle noch so tiefen Wunden vergessen lässt. Was sich zwischen dieser Stadtkrone und dem Elbufer abspielte, war offenbar von untergeordneter Bedeutung. Wohn- und Lagerhäuser, Schuppen und Lagerplätze prägten die tiefer gelegenen Stadtteile.

Das wahre städtische Leben pulsierte in der Nord-Süd-Achse auf der Höhe, auf dem Breiten Weg. Da gab es auch noch viele Kirchen, in die Straßenfront eingefügt, und die Handels- und Wohnhäuser der hansischen Bürgerschaft. Ihr Einfluss blieb prägend, das Magdeburger Recht war ein Exportschlager bis nach Sibirien.

Was bot die Elbe? Vor allem Schutz und Anlegestellen für die Flussschifffahrt. Die Elbe sicherte im Verteidigungsfall gegen Osten. Nach Nord, West und Süd wurden Wälle aufgeschüttet, Gräben gezogen, Mauern und Wachanlagen aufgetürmt. Magdeburg wurde zu einer der größten Festungsstädte Europas. Zweihundert Jahre lang war das der Gürtel, der Magdeburgs Entwicklung einschnürte, der aber Brand und Zerstörung nicht hindern konnte.

Auch nach der napoleonischen Herrschaft wurde an den Befestigungsanlagen weitergebaut, wurden sogar noch Vorwerke errichtet, die dem Feind weit vor der Stadt Paroli bieten sollten. Von zwei Seiten wurde die Konversion des Militärischen, die Zivilisierung Magdeburgs, vorangetrieben: die Geschütze überwanden größere Weiten und die Eisenbahn brauchte Trassen für das industrielle Zeitalter. Ja, schon damals gab es Doppelstrategien, die alten, ehernen Gewohnheiten ein Ende bereiteten.

Elbe und Industrialisierung

Die Korsettstangen der Befestigungsanlagen waren die Schienen und Bahnhöfen, die Wälle wurden zu Freiräumen. Und die Elbe? Hier schoben sich Bahn, Güteranlagen, Laderampen zwischen Stadt und Wasser. Die Beschaulichkeit des Biedermeierzeitalters, das uns Bürgerfamilien unter Linden flanierend zeigt, scheint in Magdeburg mit dem Breiten Weg ausreichend bedient gewesen zu sein. Oder? Wo die Wallanlagen im Norden und Süden der Stadt an die Elbe stießen, am Fürstenwall und an der Lukasklause, boten Bastionen vielleicht doch einen Blick über die Elbe.

In der folgenden Industrialisierung und Gründerzeit wurde, abgesehen von der Bebauung entlang der Ausfallstraßen (in Magdeburg als militärischer Begriff nicht unbekannt), die rasterförmige Bebauung westlich der Elbe prägend. Der Hasselbachplatz und vor allem die Hegelstraße sind dafür beredte Zeugnisse. Bemerkenswert aber auch die Tatsache, dass hier, im Süden der Stadt, mit den Gruson-Gewächshäusern und dem Gesellschaftshaus die Verbindung zur Elbe am Kloster-Berge-Garten (von Peter Joseph Lenné angelegt) gesucht und gefunden wurde. Im Norden ließ der Hafenausbau so etwas nicht zu.

Dennoch blieb die Elbe eher außen vor: Der Werder, das Brückfeld hinter dem Zollhafen und Cracau wurden nur wenig entwickelt, war die Hochwassergefahr doch allgegenwärtig. Erst in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg gab es hier, östlich der Elbe, einen mächtigen Innovationsschub: die Wohnsiedlungen von Bruno Taut, die gehobenen Wohnquartiere am Herrenkrug, selbst die Tessenowschen Kasernen und einige Sportanlagen sowie der Rotehornpark weisen Magdeburg als Stadt der Moderne aus und rücken die Elbe aus der Rand- in eine durchaus erkennbare zentrale Lage.


Zum Weiterlesen

Die Elbe

  • Uwe Rada: Die Elbe. Europas Geschichte im Fluss. Siedler Verlag (2013). Konrad Adenauer hat einst behauptet, hinter der Elbe beginne Asien. Tatsächlich treffen an der Elbe das barocke, sinnesfreudige und das preußisch-nüchterne Europa aufeinander. "Uwe Rada versteht es, vergessene Geschichte wieder zum Leben zu erwecken." (Deutschland Radio Kultur)

  • Sabine Tacke/Eckart W. Peters (Hg.): Kulturlandschaft Elbe. Anlässlich der Internationalen Bauausstellung 2010 in Sachsen Anhalt hat der Verlag Janos Stekowics diesen opulente Anthologie herausgegeben. Eine wahre Fundgrube.

  • Hansjörg Küster: Die Elbe. Landschaft und Geschichte. Verlag C.H. Beck (2007). Nach seinen Büchern über die Geschichte der Landschaft in Mitteleuropa, die Ostsee und den Wald, widmet sich Küster nun den Landschaften an der Elbe.

  • Karen Nölle-Fischer: Die Elbe. Ein literarischer Reiseführer von der Mündung bis zum Riesengebirge. Klett Cotta (1999). Ein ungewöhnliches Reisebuch, das "gegen den Strom" schwimmt.

  • Deutsches Historisches Museum (Hg.): Die Elbe. Ein Lebenslauf/ Labe. Život řeky. Der Katalog zur deutsch-tschechischen Ausstellung zur Elbe im DHM 1992 und dem Nationalmuseum in Prag.