Dossierbild Geschichte im Fluss

30.4.2013 | Von:
Uwe Rada

Die Erfindung der Elbe

Die Erfindung der Sächsischen Schweiz ist ein Werk des 18. Jahrhunderts. Das gleiche gilt für die Elbedarstellung vor Altona. Andere Landschaften an der Elbe haben es nicht in den Kanon deutscher Landschaften gebracht. Warum eigentlich nicht? Warum nicht die mittlere Elbe als deutschen Amazonas feiern?

Das Prebitschtor mit dem Hotel im Schweizer Stil.Das Prebitschtor mit dem Hotel im Schweizer Stil. (© Wikimedia)

Schauerliche Tiefe

Die wohl bizarrste Felsenformation im Elbsandsteingebirge ist das Prebischtor nördlich von Hřensko/Herrnskretschen. Dieser größte Felsenbogen aus Sandstein in Europa hat seit jeher die Maler, Wanderer und Empfindsamen angezogen. Nüchterne Betrachtung war selten, aber es gab sie, wie Griebens Reiseführer der Sächsischen Schweiz von 1922 zeigt:

"Die obere Felsenplatte (438 m) ist 17 m lang und 3 m dick, mit einem Geländer versehen, ruht mit dem äußersten Ende nur auf einem starken Felsenpfeiler u. bietet eine umfassende Aussicht. Die Wölbung des Tores ist unten 26 m breit, nur wenige Schritte tief, aber 21 m hoch."

Wer das Prebischtor zum ersten Mal vor sich aufragen sieht, hält sich aber nicht an geologische Fakten, sondern beginnt zu schwärmen. 1837 veröffentlichte Karl August Friedrich von Witzleben unter seinem Pseudonym A. Tromlitz die Reihe Das malerische und romantische Deutschland, in der auch ein Band über die Sächsische Schweiz erschien. Über das Prebischtor und seine Umgebung notierte er:

"Die drei neben dem Tor in schauerlicher Tiefe sich dahinziehenden Schluchten, die auf beiden Seiten hoch über die Waldungen emporragenden Felswände, vor uns das minder hohe Gebirge – dies alles schafft ein so schönes, großartiges Bild, dass man mit immer wachsendem Vergnügen dabei verweilt."

Ein "schönes, großartiges Bild" hatte von Witzleben vor sich. Zwanzig Jahre zuvor hatte auch der Schandauer Pfarrer Wilhelm Leberecht Götzinger die Einzigartigkeit der Felsenformation hervorgehoben:

"Hier zu stehn, ist etwas so Einzigartiges und Auffallendes, das seine Wirkung umso weniger verfehlt, da gewiß noch Keiner, der hier war, auf so einem Ort gestanden hat."

Das Prebischtor ist der Höhepunkt eines 112 Kilometer langen Wanderwegs, der schon im 19. Jahrhundert der "Malerweg" genannt wurde. In acht Etappen führt er vom Liebethal nördlich von Pirna über Lohmen nach Stadt Wehlen an der Elbe, weiter über die Bastei nach Rathen, dann über Hohnstein nach Bad Schandau, hoch auf die Ostrascheibe, vorbei am "Kuhstall", einem weiteren Felsentor, bis zum Prebischtor als unübertroffenem Finale. Von Herrnskretschen fährt man von dort mit dem Schiff auf der Elbe zurück nach Pirna. Wer will, kann noch den beiden Tafelbergen des Elbsandsteingebirges, dem Königstein und dem Lilienstein, seine Aufwartung machen. So geht es nun schon seit mehr als zweihundert Jahren, und es wird wohl noch lange so bleiben. Einer, der zur Verbreitung des Faszinosums der "malerischen Landschaft" ganz wesentlich beigetragen hat, ist der Pfarrer aus Schandau. Über den Malerweg schrieb er:

"Man mache sich gefaßt … von nun an eine ununterbrochene Reihe von Naturschönheiten und Seltenheiten zu sehen, welche an Größe, Schönheit und Umfang immer mehr zunehmen je weiter man kommt … Das Auge wird mehrere Tage lang eine Weide haben, welche für Geist und Herz die schönste Nahrung gibt."

Die Entdeckung der Sächsischen Schweiz



Das Blaue Wunder in Dresden ist auch zu einer Marke geworden.Das Blaue Wunder in Dresden ist auch zu einer Marke geworden. (© Inka Schwand)
Der Blick auf malerische Naturschönheiten ist wie das Reisen zum Zwecke seiner selbst eine Erfindung des 18. Jahrhunderts. Auf der "Grand Tour" nach Italien entdeckten britische Adlige auch Deutschland und seine Flüsse, allen voran den romantischen Rhein. Freilich war diese Entdeckung eher unbeabsichtigt. Wegen der revolutionären Ereignisse in Paris war die bis 1789 gängige Route über die französische Hauptstadt und den Süden Frankreichs unsicher geworden.

Fast zur gleichen Zeit wie der romantische Rhein wurde an der Elbe die Sächsische Schweiz entdeckt. Die Entdecker kamen allerdings nicht aus England, sondern aus der Schweiz. Adrian Zingg aus Sankt Gallen war Maler und wurde 1764 als Kupferstecher an die Dresdener Akademie berufen. Als ob die sächsische Metropole unter August III. nicht genügend Motive geboten hätte, unternahm Zingg immer wieder Ausflüge entlang der Elbe in diese sonderbare Landschaft mit ihren pittoresken Felsen und tief eingeschnittenen Tälern. Gleiches galt für Anton Graff aus Winterthur, den berühmtesten Porträtmaler seiner Zeit, der ebenfalls in Dresden lehrte. Von Graff stammt unter anderem das Porträt Friedrichs II. aus dem Jahre 1781, das wie kein anderes das Bild des Preußenkönigs geprägt hat.

Als sich Zingg und Graff in den 1760er Jahren von Dresden auf den Weg elbaufwärts machten, stand zunächst der Strom im Mittelpunkt ihres Interesses. In seinen Skizzen brachte Zingg rund um den Königstein eine Landschaft hervor, der die Elbe zu Füßen lag. Das ist das künstlerische Thema, das mit dem geomorphologischen Begriff des Elbsandsteingebirges korrespondiert.

Bald aber konzentrierte sich Zingg auf die bizarren Felsen und Steintore, die ihm als Motive lohnender schienen. 1783 nannte er die Landschaft erstmals "Sächsische Schweiz". Das wissen wir von Wilhelm Leberecht Götzinger, der sich drei Jahre später – nicht ohne eine gewisse Rückversicherung – ebenfalls für diesen Namen verwandte: "Alle Schweizer, welche die hiesige Gegend besucht haben, versichern, dass sie mit den Schweizer Gegenden sehr viel Ähnlichkeit hat."

Dieses touristische Branding des 18. Jahrhunderts hatte Folgen. Zuvor hatte man die Gegend vor den Toren Dresdens einfach nur "Meißner Hochland" genannt, "Pirnisches Sandgebirge" oder "Heide über Schandau". Wer es noch ungefährer liebte, ordnete die Felsenlandschaft gleich den "Böhmischen Wäldern" zu.

Nun aber waren ein Vergleich und ein Begriff zur Hand, die die Landschaft aus dem größeren Zusammenhang der Wälder und des Hochlandes herauslösten und sie, unter ästhetischen Gesichtspunkten, schließlich neu definierten. Das Repertoire war fortan umrissen, schreibt die Landschaftsplanerin Antonia Dinnebier, die sich lange mit der Entdeckung der Sächsischen Schweiz und der Theorie von Landschaften beschäftigt hat: "Das Material zum Bild der Sächsischen Schweiz entstammt der Topographie und besteht aus dem Elbtal und vielgestaltigen Felsformationen. Linkselbisch prägen die weiten Ebenheiten und hoch aufragende Tafelberge das Landschaftsbild. Rechtselbisch sind bizarre Felsen und tiefe Gründe charakteristisch."

Die Erfindung einer Landschaft

Mit dem Rückgriff auf die Schweiz wurde der Canyon der Elbe topographisch umrissen – und zugleich touristisch erschlossen. Dabei folgte auch die Sächsische Schweiz den Etappen, die laut Dinnebier mit der "Entdeckung einer Landschaft" einhergehen. In einem ersten Schritt muss eine Landschaft, der bis dahin keine größere Aufmerksamkeit geschenkt wurde, "erfunden" werden. In der Sächsischen Schweiz war das gleichbedeutend mit der Identitikation des "Repertoires" und seiner Anbindung an eine bereits bekannte Landschaft – die Schweiz. "Mit der Bezeichnung ›Sächsische Schweiz‹", so Antonia Dinnebier, "wurde das Gebiet Ende des 18. Jahrhunderts auf eine damals schon namhafte Gegend bezogen, also in Bekanntes eingeordnet." Neben Italien und dem englischen Lake-District, so die Landschaftsplanerin, "war die Schweiz eine der ersten ästhetisch entdeckten Landschaften, die in der Folge das Vorbild für die Entdeckung weiterer Gegenden abgaben".

Der zweite Schritt war die Verbreitung der neuen "Marke". Dafür sorgte Adrian Zingg mit seinen Studenten aus Dresden, die in ihren Zeichnungen und Gemälden die "Singularibus", die Besonderheiten der Sächsischen Schweiz, festhielten. Ein ganz anderes Publikum erschloss der Pfarrer Götzinger mit seinem ersten Reiseführer. Er pries nicht nur die Besonderheit der Landschaft, die durch die Wiederholungen der Motive – Königstein, Bastei, Prebischtor – ikonografische Züge annahm. Seine Beschreibung der Sächsischen Schweiz von 1801 war auch praktische Anleitung zur Reise. Nicht nur auf Skizzen und Bildern sollte man die bizarren Felsen bewundern, sondern durch eigenen Augenschein in Besitz nehmen.

Die dritte Etappe der Entdeckung schließlich folgte dem wachsenden Interesse des Publikums. Der beginnende Tourismus forderte Unterkünfte und trittsichere Routen. Also wird die Landschaft neu gestaltet und umgebaut. In der Sächsischen Schweiz betraf das vor allem den Wanderweg entlang der Edmundsklamm, bei dessen Anlage man auch vor Felssprengungen nicht zurückgeschreckte, sowie den Basteiweg von Wehlen nach Rathen mit der 76,5 Meter langen Basteibrücke, die 1851 errichtet wurde.

Am stärksten wurde in die gerade erst entdeckte Landschaft am Prebischtor eingegriffen. Fernab jeder Straße entstand dort 1858 eine Hütte, der 1881 der Bau eines Hotels folgte – natürlich im Schweizer Stil. Inzwischen ist dieses Hotel selbst Teil der Landschaftsinszenierung geworden ist, denn es gilt längst als eigenständige Sehenswürdigkeit und steht unter Denkmalschutz.

So ist aus dem "Meißner Hochland" oder den "Böhmischen Wäldern", eine Landschaft, die einst – wie das Mittelrheintal – als gewöhnlich und reizlos galt, eine touristische Marke geworden. Auch William Turner, der Begründer der Rheinromantik, hat der Sächsischen Schweiz während seines Dresden-Aufenthalts 1835 die Ehre erwiesen. Der Massentourismus setzte schließlich ein, als die Sächsische Schweiz auch verkehrstechnisch erschlossen wurde. 1838 fuhr das erste Dampfschiff elbaufwärts von Dresden nach Schandau. 1851, in dem Jahr, in dem die Basteibrücke fertig gestellt wurde, nahm die Eisenbahn die Strecke von Dresden ins böhmische Bodenbach in Betrieb.

Landschaften an der Elbe

1094 Kilometer ist die Elbe lang. Auf ihrem Weg vom Riesengebirge bis zur Mündung in die Nordsee überwindet sie ein Gefälle von 1386 Metern. 25 Millionen Menschen leben in ihrem Einzugsgebiet auf einer Fläche von 148.000 Quadratkilometern. Die Hydrologen kennen an dem Strom, der nach der Länge den vierzehnten Rang unter den Flüssen Europa einnimmt, nur drei Abschnitte: Die Oberelbe von der Quelle bis zum Eintritt ins Flachland bei Riesa; die Mittelelbe als Tieflandfluss bis zum Stauwehr in Geesthacht und schließlich die von den Gezeiten geprägte Unterelbe bis zur Mündung bei Cuxhaven.

Weitaus größer ist die Zahl der charakteristischen Landschaften, die die Internationale Kommission zum Schutz der Elbe (IKSE) kennt. Den Anfang macht das Riesengebirge. Schon 1963 wurde das Quellgebiet der Elbe von der ČSSR zum Nationalpark erklärt, es ist ein Minigebirge mit einer "Musterkollektion alpiner Formen", wie es die IKSE formuliert. Der alpine Charakter hat nicht nur Naturforscher, sondern auch Dichter angezogen. Für die "Holzbrücke", die Kafka gleich zu Beginn in seinem Schloss beschreibt, hat wohl die Elbbrücke in Spindlermühle als Vorbild gedient. Wie die Sächsische Schweiz wurde auch das Riesengebirge erst im 18. Jahrhundert entdeckt und genauer bezeichnet. Zuvor hieß sie einfach nur "das Gebirge". Am Tor zum Riesengebirge liegt die Stadt Hohenelbe/Vrchlabí. Hier beginnt das Riesengebirgsvorland, das bis Königinhof/Dvůr Králové nad Labem reicht. Dort endete vor dem Krieg auch das deutsche Sprachgebiet.


Zum Weiterlesen

Die Elbe

  • Uwe Rada: Die Elbe. Europas Geschichte im Fluss. Siedler Verlag (2013). Konrad Adenauer hat einst behauptet, hinter der Elbe beginne Asien. Tatsächlich treffen an der Elbe das barocke, sinnesfreudige und das preußisch-nüchterne Europa aufeinander. "Uwe Rada versteht es, vergessene Geschichte wieder zum Leben zu erwecken." (Deutschland Radio Kultur)

  • Sabine Tacke/Eckart W. Peters (Hg.): Kulturlandschaft Elbe. Anlässlich der Internationalen Bauausstellung 2010 in Sachsen Anhalt hat der Verlag Janos Stekowics diesen opulente Anthologie herausgegeben. Eine wahre Fundgrube.

  • Hansjörg Küster: Die Elbe. Landschaft und Geschichte. Verlag C.H. Beck (2007). Nach seinen Büchern über die Geschichte der Landschaft in Mitteleuropa, die Ostsee und den Wald, widmet sich Küster nun den Landschaften an der Elbe.

  • Karen Nölle-Fischer: Die Elbe. Ein literarischer Reiseführer von der Mündung bis zum Riesengebirge. Klett Cotta (1999). Ein ungewöhnliches Reisebuch, das "gegen den Strom" schwimmt.

  • Deutsches Historisches Museum (Hg.): Die Elbe. Ein Lebenslauf/ Labe. Život řeky. Der Katalog zur deutsch-tschechischen Ausstellung zur Elbe im DHM 1992 und dem Nationalmuseum in Prag.