Dossierbild Geschichte im Fluss

16.5.2013 | Von:
Jerzy Litwin

Danzig und die Weichsel

Wo die Weichsel in die Ostsee mündet, wurde seit jeher gehandelt. So entstand Danzig, die Hanse- und Handelsstadt, über die Holz und Getreide nach Europa gelangten und Salz, Hering und Kolonialwaren nach Polen. Danzig war immer auch ein Bindeglied zwischen Deutschen und Polen.

Danzig gehörte als Hansestadt zum Königreich Polen, war aber wirtschaftlich unabhängig.Danzig gehörte als Hansestadt zum Königreich Polen, war aber wirtschaftlich unabhängig. (© Inka Schwand)

Die Weichsel – geographisch betrachtet

Die Weichsel ist der größte Strom im Einzugsgebiet der Ostsee und der längste in Polen mit einer Länge von 1092 Kilometern. Seine wichtigsten Quellarme sind die Schwarze und die Weiße Weichsel. Sie entspringen in 1.090 beziehungsweise 1.106 Metern über dem Meeresspiegel. Das Einzugsgebiet der Weichsel umfasst 193.911 Quadratkilometer, davon entfallen auf Polen 173.700 Quadratkilometer. Das Weichseltal wurde geprägt durch einen eiszeitlichen Gletscher, der sich in Richtung Norden zurückzog und unterschiedliche geologische Strukturen und geographische Regionen hervorbrachte.

Die Weichsel fließt durch ganz Polen, von den Schlesischen Beskiden durch das Schlesische Vorgebirge, den Talkessel von Oświęcim/Auschwitz, die Krakauer Pforte, den Talkessel von Sandomir, das kleinpolnische Weichselbruch, die mittelmasowische Tiefebene, das Thorn-Eberswalder Urstromtal, die Weichselniederung, das Danziger Küstenland – und mündet schließlich in die Danziger Bucht.

Geographisch wird das Weichseltal in drei Teile gegliedert: den Oberlauf von der Quelle bis Sandomir, den Mittellauf von Sandomir bis Płock und den unteren Lauf von Płock bis zur Mündung in die Ostsee. Dieser letzte Abschnitt ist landschaftlich wenig attraktiv, denn er wurde um den vorletzten Jahrhundertwechsel reguliert. Nun ist der untere Weichsellauf begradigt und durch Buhnen verengt. Das Weichseldelta entstand dadurch, dass die Bucht infolge des vom Fluss mitgebrachten Geschiebes immer stärker versandete. Das Delta erstreckt sich auf einer Länge von 50 Kilometer und einer Breite von bis zu 60 Kilometer, seine Fläche beträgt etwa 1.700 Quadratkilometer. ist der untere Das Gebiet des Weichseldeltas wird durch die Ränder der Moränenkämme begrenzt, es ist nahezu flach. An vielen Stellen ist das Delta eine geomorphologische Senke, und die größte Niederungsfläche mit 181 Quadratkilometern und die tiefste Stelle mit 1,8 Metern unter Normal Null befindet sich nahe Elbing in Niederkerbswalde. 1840 entstand nahe Danzig in Folge des Drucks des angestauten Wassers ein natürlicher Weichseldurchbruch. Der polnische Schriftsteller Wincenty Pol nannte ihn "Śmiała Wisła" (Tapfere Weichsel).

In den Jahren 1890-1895 schuf man unterhalb von Schiewenhorst einen weiteren Weichseldurchstich, und oberhalb von Einlage errichtete man einen Damm und eine Schleuse, die die Schifffahrt bis Danzig ermöglichten. Seitdem wird das Teilstück von Einlage bis zur Mündung in die Ostsee als "Tote Weichsel" bezeichnet.

Die Weichsel – historisch betrachtet

Der Weichselstrom war römischen Geographen schon in der Antike bekannt. Sie beschrieben den Fluß als Vistla (Marcus Agrippa, 62-12 v. Ch.) oder Vistula (Pomponius Mela in De Chorographia libri tres, um 44 v. Ch.). Ptolemäus versuchte im zweiten Jahrhundert nach Christus die Quelle und die Mündung der Weichsel zu verorten. Er meinte, sie trenne Germanien und Sarmatien. Auch Plinius d. Ä. (23-79 n. Ch.) beschrieb die an der Weichsel gelegenen Regionen, und Tacitus (55-120 n. Ch.) nannte deren Bewohner "Veneter".

Das Interesse der Mittelmeeranrainer an der Weichselmündung in die Ostsee hatte einen einfachen Grund: Es war der Bernstein, das Gold des Meeres. Schon die Phönizier (um 1000 v. Ch.) handelten mit den Bewohnern der Regionen östlich der Weichselmündung. Danach übernahmen die Ligurer und Etrusker die Einfuhr von Bernstein und im 3. Jahrhundert v. Ch. die Römer. Nach historischen Quellen führten wichtige Handelsrouten über Schlesien und Großpolen nach Pommerellen (Weichselpommern).

Zu Beginn des 6. Jahrhunderts kamen Slawen in die Gebiete zwischen Elbe und der heutigen Ukraine und zwischen Ostsee und Adria. Sie vermischten sich mit der einheimischen Bevölkerung. Sie siedelten in Wäldern und an Flussufern, und nutzten Flöße und kleine Schiffe für den Transport auf dem Wasser. Ab dem 7. Jahrhundert wurden die Slawen an der Weichselmündung wie ihre Vorgänger als "Veneter" oder "Wenden" bezeichnet. Zu Beginn des Hochmittelalters übernahm König Alfred der Große in einer Übersetzung der Chorographia von Orosius die Beschreibung "Visleland" des angelsächsischen Mönches Wulfstan, der Ende des 9. Jahrhunderts die Gebiete vom dänischen Hedeby bis Truso im Land der Prußen bereist hatte. Während dieser Reise segelte er an der Küste der von den Venetern bewohnten Gebieten entlang und gelangt schließlich in die breite Mündung der "Visle", die das Territorium der Slawen von dem der Esten trennte.

Die Gründung Danzigs

Die ältesten Informationen über die Existenz Danzigs als Stadt ("Gyddanyzc urb.") sind aus dem Jahr 999 im Manuskript von Johannes Canaparius' Vita sancti Adalberti episcopi Pragensis (Teil I) überliefert. Diese Quelle belegt auch die Existenz der lokalen Schifffahrt an der Mündung der Weichsel in die Ostsee und beschreibt die Ereignisse aus dem Jahr 997, als auf Wunsch des polnischen Herzogs Boleslaw des Tapferen der Prager Bischof Adalbert zu den heidnischen Prußen aufbrach, um sie zum Christentum zu bekehren. Die Gruppe, begleitet von 30 Kriegern, machte sich von Gnesen auf den Weg nach Danzig, wobei sie vermutlich einen Teil der Strecke auf einem Weichselschiff zurücklegte.

Nach dem Aufenthalt in Danzig, wo viele Einwohner getauft wurden, fuhren die Missionare ohne militärische Begleitung zu den Prußen, wo sie kurz nach der Ankunft im heidnischen Tempel umgebracht wurden. Die älteste bildliche Überlieferung der wichtigsten Ereignisse aus dem Leben Bischofs Adalbert befindet sich auf 18 Reliefs auf dem Bronzetor des Doms von Gnesen, die um 1170 erstellt wurden. Das zehnte Relief stellt die Abfahrt des Missionars aus Danzig dar – es ist zugleich die älteste Darstellung eines slawischen Bootes.

Danzig war um 980, also zur Zeit des ersten historisch belegten polnischen Herzogs Mieszko I., gegründet worden. Der Ort versprach Sicherheit, Kontrolle über die Schifffahrt und die Möglichkeit, die Schätze des Meeres zu nutzen. Hier kamen unterschiedliche Handelswege zusammen. Archäologische Untersuchungen bestätigen die Existenz einer mit einem Wall umgebenen Burg von etwa zwei Hektar Größe gegen Ende des 10. Jahrhunderts. Die Schifffahrt entwickelte sich allerdings erst zum Ende des 12. Jahrhunderts, als an den Ufern der Weichsel Siedlungen entstanden, und die slawischen Kaufleute Handelsbeziehungen zu den Ostseeanrainern aufnahmen – sie verkauften Felle, Pelze, Honig und Bernstein und importierten Waffen, Textilien, Hering, Salz und Luxuswaren.

In den Jahren 1227-1231 erlangten die pommerschen Herzöge, die dynastisch mit den Piasten verbunden waren und in Danzig residierten, eine weitgehende Unabhängigkeit von Polen. Für die weitere Geschichte Pommerellens hatte die Herrschaft Swantopolks II. große Bedeutung. Er unterstützte die Entwicklung Danzigs als Stadt und als Hafen, lud Kaufleute aus Lübeck, die im Ostseehandel damals führend waren, ein, sich in der Stadt niederzulassen, und förderte die Entwicklung von Hafen und Schifffahrt.
Die Ostsee auf dem Stadtgebiet von DanzigDie Ostsee auf dem Stadtgebiet von Danzig (© Inka Schwand)

Die herzögliche Politik hatte Erfolg. Um die Wende des 12. zum 13. Jahrhundert ließen sich neue Siedler am Strom nieder, immer mehr Heringe wurden übers Meer und über den Fluss importiert. Aus den überlieferten Dekreten Swantopolks geht hervor, dass schon in den 1220er Jahren über die Ostsee Schiffe bis nach Danzig fuhren, darunter sogar die berühmten Koggen, die teilweise sogar bis Thorn fuhren.

Die Prußen und die Deutschen

Die benachbarten heidnischen Prußen, die die Gebiete östlich der Weichselmündung bewohnten, stellten für die Slawengebiete eine Bedrohung dar. Als Reaktion auf die häufigen Angriffe auf Masowien lud Herzog Konrad den Deutschritterorden nach Polen ein und belehnte ihn im Gegenzug für seine Hilfe beim Kampf gegen die Prußen 1226 mit dem Kulmerland. Der Papst und der Kaiser bestätigten die Schenkungen und schlugen dem Orden obendrein das zu erobernde Prußenland als zukünftiges Gebiet eines Ordensstaats zu. Die Deutschritter eroberten es bis 1283 und beherrschten ab 1308 aufgrund einer List auch Danzig. Ein Jahr später verlegten sie ihre Hauptstadt aus Venedig nach Marienburg.

Im Jahre 1309 kontrollierte der Deutschritterorden Pommerellen mit der Weichselmündung und schnitt Polen somit von der Ostsee ab. In die eroberten Gebiete wurden deutsche Siedler gerufen. In Danzig wurde anstelle der herzoglichen Burg 1340 ein Backsteinschloss errichtet. Danzig wurde, als Protektorat des Ordens, 1361 in den Hansebund aufgenommen – und begann zu florieren. Rohstoffe und Zwischenprodukte aus Polen, Litauen und der Rus (Getreide, Pelze, Leder, Teer, Holz und Bernstein) wurden nach Westeuropa exportiert, während westliche Handwerkserzeugnisse und Kolonialwaren auf den polnischen Markt kamen.


Zum Weiterlesen

Die Weichsel

  • Peter Oliver Loew: Danzig. Biographie einer Stadt. C.H. Beck Verlag (2011). Eine moderne Darstellung Danzigs aus europäischer Perspektive. "Das höchst informative Buch wird darum jeder an Danzig und Polen Interessierte leicht in einem Sitz und mit grossem Gewinn durchlesen" (Neue Züricher Zeitung).

  • Thomas Urban: Von Krakau bis Danzig. Eine Reise durch die deutsch-polnische Geschichte. C.H. Beck Verlag (2000). Der Polen-Korrespondent der Süddeutschen Zeitung beschreibt die deutsch-polnische Beziehungsgeschichte am Beispiel der Städte. Krakau, Warschau und Danzig liegen an der Weichsel. "Eines der besten Bücher über die deutsch-polnischen Beziehungen, nicht nur instruktiv, sondern auch mit großem Talent geschrieben." (Wladyslaw Bartoszewski, ehemaliger polnischer Außenminister)

  • Andrzej Piskozub: Wisła. Monografia rzeki. Warschau 1982. Im Vergleich zur nationalen Bedeutung, die die Weichsel für die Polen hat, ist es erstaunlich wie wenig über sie geschrieben wurde. Das Standardwerk in Polen ist immer noch Andrzej Piskozubs Weichselmonografie aus dem Jahre 1982. Ein umfangreiches Autorenkollektiv untersucht darin die Hydrologie, Siedlungs- und Kulturgeschichte (auf Polnisch).