Dossierbild Geschichte im Fluss

6.5.2014 | Von:
Martin Tichý

Auf dem Wasser in die Freiheit

Nach dem kommunistischen Februarputsch 1948 brachte der Elbschiffer Josef Novák den ehemaligen Finanzminister Ladislav Feierabend auf seinem Elbkahn ČSPL 346 in den Westen. Die Fluchtfahrt ihres Großonkels, von der Holger und Uwe Rada in ihrem Film "Flucht auf der Elbe" berichten, war auch im Visier des tschechoslowakischen Geheimdienstes STB.

Nováks Elbkahn ČSPL 346 vor dem Schreckenstein in AussigNováks Elbkahn ČSPL 346 vor dem Schreckenstein in Aussig (© Gebietsmuseum Děčín)

Im Februar 1948 begann mit einem Putsch die uneingeschränkte Alleinherrschaft der Kommunisten in der Tschechoslowakei, die mehr als 41 Jahre andauern sollte. Gegner der Kommunisten befürchteten Repressionen und sahen sich gezwungen, nach dem Umsturz das Land zu verlassen. Viele Geschichten abenteuerlicher Fluchten in die erträumte oder auch erzwungene Zukunft im Ausland sind bekannt. Die meisten Fluchtversuche waren erfolgreich, auch dank umsichtiger Fluchthelfer.

Der Politiker Ladislaw Feierabend

Ladislav Feierabend mit Frau Hana, Tochter Hana und Sohn IvoLadislav Feierabend mit Frau Hana, Tochter Hana und Sohn Ivo (© Archiv Feierabend)
Einer dieser Helfer ist Josef Novák, ein tschechischer Elbschiffer. Er brachte im April 1948 dem in Ungnade gefallenen Ladislav Feierabend und seine Familie in den Westen.
Der konservative Politiker Feierabend, Mitglied der Agrarpartei, war in der Exilregierung unter Edvard Beneš noch Finanzminister gewesen. Nach dem Rücktritt der Londoner Exilregierung im April 1945 war die Agrarpartei jedoch nicht mehr an der neuen Regierung beteiligt. Im Juni 1945 kehrte Feierabend nach Prag zurück, seine Partei wurde verboten, er lebte als Privatmann. Nach dem Februarputsch 1948 wurde sein Vermögen konfisziert, ihm drohte die Verhaftung durch die kommunistische Geheimpolizei, ein Schauprozess und das Todesurteil. Er entschied, erneut ins Exil zu gehen, und nahm Kontakt zu Novák auf. Auf ihrem Elbkahn ČSPL 346 brachten Josef und Štěpánka Novák Feierabend und seine Familie in die Freiheit.

Josef Novák und sein Kahn

Josef Novák war am 4. März 1912 in der Gemeinde Dittersbach bei Broumov geboren worden, die nach dem Zweiten Weltkrieg Jetřichov hieß. Kinder- und Schulzeit verbrachte Novák in der Broumover und Trutnover Gegend, wohin sein Vater, ein Kutscher, der Arbeit wegen umgezogen war. Zuerst ging er in die Allgemeinschule in Pilníkov, später wechselte er an die Allgemeinschule in Horní Staré Město bei Trutnov. Er erlernte die deutsche Sprache, die er in der damaligen bilingualen deutsch-tschechischen Umgebung offenbar gut beherrschte. Die Jugendjahre und Anfänge des Erwachsenenlebens verlebte er in Trutnov, wo er eine Lehre zum Handelsgehilfen absolvierte.

Seinen Wehrdienst leistete er ab dem 1. Oktober 1932 in der Garnisonsstadt Hradec Králové. Sein Sinn für Pflicht und Ordnung und eine körperliche Verfassung ermöglichten ihm den Abschluss der der Unteroffiziersschule. Nachdem Grundwehrdienst blieb er in der Armee, er erhielt den Dienstgrad eines Zugführers und wurde Unteroffizier.

1937 lernte er seine zukünftige Frau, die am 24. Juni 1913 in Bohuslavice geborene Štěpánka Pejchalová, kennen, die er im August 1938 heiratete. Davor trat er aus der Armee aus, weil er als Soldat nicht heiraten durfte. Mitte September 1938 trat er in die Dienste der Tschechoslowakischen Elbschifffahrtsaktiengesellschaft ČSPL ein, wo er zunächst einen Schifffahrtskurs absolvieren musste.
Josef Novák und seine Frau Štěpánka.Josef Novák und seine Frau Štěpánka. (© Archiv Rada)
Auch den Zweiten Weltkrieg erlebte Novák auf den Schiffen der ČSPL, die schon am 7. April 1939 in Böhmisch-mährische Elbschifffahrtsaktiengesellschaft ČMPSL umbenannt wurde. Die Schiffe waren nicht nur auf der Elbe, sondern auch auf weiteren Flüssen und Kanälen in Deutschland unterwegs. Die tschechischen Schiffsführer ersetzten dort unfreiwillig die zur Wehrmacht eingezogenen deutschen Kollegen.

Im April 1948 ist die Elbe Schauplatz einer ungewöhnlichen Flucht. Der tschechische Binnenschiffer Josef Novák bringt den nach dem kommunistischen Februarputsch in Ungnade gefallenen Politiker Ladislav Feierabend auf seinem Elbkahn in den Westen. Eine bisher unbekannte Geschichte aus dem Europa des Kalten Krieges. Und eine tschechisch-deutsche Heimatgeschichte: Der Fluchthelfer ist der Großonkel der Filmemacher. (© 2014 Bundeszentrale für politische Bildung)



Das Kriegsende erlebte Novák auf einem Schleppkahn unweit von Berlin, in gefährlicher Nähe zur letzten großen Schlacht des Zweiten Weltkriegs.

In dieser letzten Kriegsphase kam der Transport auf den Wasserstraßen Mitteleuropas fast vollständig zum Erliegen. 25 Schiffe, die unter der Flagge von ČSPL bzw. ČMPSL standen, gingen unter oder brannten ab, 17 wurden schwer beschädigt und an 131 wurden leichte Schäden registriert. Der Neustart nach dem Krieg war schwer, auch die Wasserstraßen mussten teilweise instandgesetzt werden.

Durch die Sowjetische Besatzungszone

Die Flucht von Ladislaw Feierabend und seiner Familie begann am 9. April 1948 im Hafen von Děčín, frühmorgens gingen die Fluchthelfer und die Flüchtlinge an Bord.

Es war die erste Reise von Josef und Štěpánka Novák, auf der Flüchtlinge dabei waren. Die zwei Verstecke hat Feierabend in seinen Memoiren als zwei kleine Räume beschrieben. Sie befanden sich im Zimmer des Schiffsführers zwischen der Wand des Kleiderschranks und dem Schiffsrumpf auf der einen Seite und der Wand des Küchenschranks und dem Schiffsrumpf auf der anderen Seite.

Zeitzeugen erinnern sich daran, dass in solchen Verstecken häufig Mädchen aus der sowjetischen Besatzungszone mit der männlichen Besatzung nach Hamburg fuhren. Als Gegenleistung für den Transport in die Westzone kümmerten sich die blinden Passagiere auf den Kähnen um den Haushalt, kochten und ließen sich nicht zuletzt von den jungen, finanziell verhältnismäßig gut versorgten Männern aushalten. Die Mehrheit der Mädchen kehrte den Zeitzeugen zufolge nach Hause zurück.

Einfach war die Flucht auf der Elbe aber nicht. Zwar passierten die Nováks die Grenze zur Sowjetischen Besatzungszone ohne Probleme – sicher auch dank der Bewirtung der sowjetischen Kontrolleure am Eingang in die sowjetische Besatzungszone mit Kognak. Gefährlich war es auch in Bad Schandau, wo im Hafen, wie es üblich war, deutsche Mädchen ihre Dienste anboten. Die sowjetische Polizei griff ein und führte zwei Angehörige der Besatzung ab. Novák musste die Situation wieder mit Alkohol retten. Bereits einen Tag nach der Abfahrt, am 10. April 1948, stellte sich der aufgeschreckte Feierabend die Frage, ob er richtig gehandelt hatte, als er für seine Flucht den bisher nicht erprobten Weg über die Elbe gewählt hat.

Für die Besatzung des Schiffes 346 kam es weniger auf Geschwindigkeit als auf Vorsicht an. Seit Ende des Zweiten Weltkriegs hatten die sowjetischen Behörden die Kontrolle über die Elbe-Wasserstraße übernommen. Das führte bei der Schifffahrtsgesellschaft ČSPL zu ständig wiederkehrenden Problemen mit Passierscheinen, die zum Betreten und Verlassen der Sowjetischen Besatzungszone berechtigten. Darüber hinaus war es keine Seltenheit, dass bei Zwischenfällen nicht nur ein Besatzungsmitglied, sondern die gesamte jeweilige Besatzung festgehalten wurde. Mitunter mussten voll beladene Schiffe bis zu einigen Wochen ankern, ohne Rücksicht darauf, was gerade transportiert wurde. Niemanden interessierte, woher die Besatzung in einem solchen Fall die nötigsten Lebensmittel bekam, die im Nachkriegsdeutschland Mangelware waren.

Die Passierscheine stellte das Generalkonsulat der UdSSR in Prag aus, wie aus Dokumenten des Staatlichen Gebietsarchivs Litoměřice hervorgeht. Die ČSPL musste im Antrag Namen und Nummer des Schiffes, Namen und Vornamen des Kapitäns oder Steuermanns sowie Zahl und Namen der Besatzungsmitglieder angeben. Probleme gab es bei deutschen Besatzungsmitgliedern oder bereits bei Nachnamen, die deutsch klangen. Dazu kam, dass sich die Bedingungen für die Ausstellung der Passierscheine fortwährend änderten. Einmal ausgestellte Passierscheine verloren nach einer bestimmten Zeit ihre Gültigkeit.

Auch Nováks Schiff war davon betroffen. Am 15. April 1948 verweigerten ihm die zuständigen Beamten die Erlaubnis, die sowjetische Besatzungszone zu verlassen. Ob Josef Novák zur Lösung dieses Problems wie gewöhnlich Bestechungsgelder einsetzte, was mehr als wahrscheinlich ist, wissen wir nicht. Er fuhr jedoch mit einen weiteren ČSPL-Angestellten nach Berlin. Auf dem Schiff warteten alle, auch der aufgeschreckte Feierabend mit seiner Familie, darauf, wie die Sache ausgehen würde. Die Verhandlungen waren glücklicherweise erfolgreich und die Reise konnte fortgesetzt werden. Der Weg der Feierabends in die Freiheit endete nach acht langen Tagen am 17. April 1948.


Zum Weiterlesen

Die Elbe

  • Uwe Rada: Die Elbe. Europas Geschichte im Fluss. Siedler Verlag (2013). Konrad Adenauer hat einst behauptet, hinter der Elbe beginne Asien. Tatsächlich treffen an der Elbe das barocke, sinnesfreudige und das preußisch-nüchterne Europa aufeinander. "Uwe Rada versteht es, vergessene Geschichte wieder zum Leben zu erwecken." (Deutschland Radio Kultur)

  • Sabine Tacke/Eckart W. Peters (Hg.): Kulturlandschaft Elbe. Anlässlich der Internationalen Bauausstellung 2010 in Sachsen Anhalt hat der Verlag Janos Stekowics diesen opulente Anthologie herausgegeben. Eine wahre Fundgrube.

  • Hansjörg Küster: Die Elbe. Landschaft und Geschichte. Verlag C.H. Beck (2007). Nach seinen Büchern über die Geschichte der Landschaft in Mitteleuropa, die Ostsee und den Wald, widmet sich Küster nun den Landschaften an der Elbe.

  • Karen Nölle-Fischer: Die Elbe. Ein literarischer Reiseführer von der Mündung bis zum Riesengebirge. Klett Cotta (1999). Ein ungewöhnliches Reisebuch, das "gegen den Strom" schwimmt.

  • Deutsches Historisches Museum (Hg.): Die Elbe. Ein Lebenslauf/ Labe. Život řeky. Der Katalog zur deutsch-tschechischen Ausstellung zur Elbe im DHM 1992 und dem Nationalmuseum in Prag.