Dossierbild Geschichte im Fluss

23.7.2014 | Von:
Jean-Paul Kauffmann

Eine Reise entlang der Marne

Als einen "französischen Komplex" beschreibt der Pariser Essayist und Autor Jean-Paul Kauffmann die Marne, die er von der Mündung in die Seine bis zur Quelle zu Fuß begangen ist. Ein "normaler" Fluss kann sie nicht werden, zu sehr lastet das Gewicht der Marneschlachten auf ihr. Kauffmann aber betrachtet die Marne auch abseits der Weltkriegsschlachten, er blickt auf seiner Wanderung in einen Spiegel – und sieht ein Frankreich jenseits aller Beschönigungen. Persönliche Eindrücke eines Flussflaneurs.

Die Marne in Meaux, 50 Kilometer vor ParisDie Marne in Meaux, 50 Kilometer vor der Mündung in die Seine (© Inka Schwand)

Ein hartnäckiges Image

Nur zweimal in ihrer Geschichte war die Marne in aller Munde – und so ist es bis heute. Denn die Marne ist vor allem eines – der Name zweier Schlachten..

Durch das am 5. September 1914 begonnene und am Abend des 9. Septembers beendete Gefecht wurde die Schwenkbewegung des deutschen Heeres, das im Begriff war, Paris zu umzingeln, gestoppt. Diese entscheidende Konfrontation fand freilich nicht an der Marne, sondern an der Ourq, am Grand und Petit Morin, statt.

"Der Fluss Marne hatte in der Schlacht nur eine Nebenrolle gespielt. Der Begriff vom Sieg an der Marnewurde nachträglich vom Oberkommando formuliert; er schien sich am ehesten als zusammenfassender Begriff zu eignen", schreibt Frankreichs Befehlshaber General Joseph Joffre, der Sieger, nach dem Krieg.

Die wahre Marne-Schlacht hat vier Jahre später stattgefunden und dieses Mal wirklich hier am Fluss. Durch diesen französischen Sieg und dem daraus resultierenden Zusammenbruch Deutschlands, wurde 1918 der Grande Guerre, der Erste Weltkrieg, beendet.

Ungeliebter Fluss

In unserem Kollektivbewusstsein ist die Marne nicht präsent. Mit diesem Fluss will man sich nicht auseinandersetzen. Zu viele düstere Erinnerungen sind in diesem "nationalen Roman" festgeschrieben. Darin ist die Marne nur ein schmerzliches Kapitel, in dem Emotionalität und psychologische Spannungen immer noch spürbar sind. Kurz gesagt: ein blankliegender Nerv.

Wenn man ihn berührt, reagiert die Nation äußerst gereizt. Zu sehr in der Nähe des Kopfes, Paris. Dieser problematische Fluss hatte eine Schutzfunktion für die Hauptstadt und war Garant für den Widerstand bei äußeren und inneren Konflikten. Die Marne war lange Zeit eine Komponente des französischen seelischen Gleichgewichts.

"An dieser Stelle muss man das französische Haus angreifen, um die Gelegenheit zum Einschlagen der Tür zu haben", so der Historiker Fernand Braudel.

Wenn der Eindringling einmal die Tür in Vitry-le-François eingedrückt hat, so muss er nur dem Flusslauf folgen. Eine breite, direkt nach Paris führende Straße. Man kann die Mäander abschneiden: Es ist vorbei, Frankreich ist am Ende. Aber der Feind hat die Falle nicht gesehen. Die Marne ist der Fluss der Wende. Eine Lektion auch für gegenwärtige Zeiten.

An der Mündung

Die Marne fließt bei Charenton-le-Pont, einem Pariser Vorort, in die Seine. Wenn zwei Flüsse sich begegnen, muss einer weichen. Es ist eine Gefangennahme. Der Gefangene verliert seine Identität, und der Sieger bekommt alles. Der Verursacher dieses Kidnapping wird ein bedeutender Fluss und geht in die Geschichte ein. Eine einzige Regel: Der Sieger ist der, dessen Lauf am längsten ist. Im Prinzip ist die Marne ab ihrer Quelle 525 Kilometer lang und die Seine nur 410 Kilometer. Normalerweise müsste die Marne durch Paris fließen und in den Ärmelkanal münden.

Unbestritten ist die Marne ein großer Fluss. Ein anderes Kriterium kann die Wasserführung sein: Man berechnet sie an der Verbindungsstelle der beiden Wasserläufe. Und auch da wird die Seine ausgestochen, dies Mal nicht von der Marne, sondern von der Yonne. Die Seine ist eine Betrügerin und die Marne, die sie treu versorgt, seit 2.000 Jahren die Betrogene.

Ein Fluss als Laufband

Die Marne bietet nicht immer einen schönen Anblick. Müll jeglicher Art, Plastik, Schaumstoff, Bretter und Kanister, verfängt sich in ihren Stauwehren. Dennoch ist die Marne viel sauberer als noch vor 20 Jahren, allerdings führt sie zu viele Ablagerungen mit sich und neigt zum Verschlammen.

Ein Laufband: Das ist die Marne. Mechanische Gleichmäßigkeit der Strömung. Es ist mir als Wanderer, der sich flussaufwärts zur Quelle hin bewegt, unmöglich, mich innerlich vom Wasser zu lösen. Die Landschaft dringt nur oberflächlich in mein Bewusstsein ein, ich vergesse sie umgehend und bin gefangen von der einlullenden Monotonie der Strömung. Eine Flusswanderung bedeutet nicht, Ballast abzuwerfen, sondern sich im Gegenteil das Gewicht dieses Wassers, dem man in gewissem Sinne verfallen ist, aufzuladen.

An der Marne zu spazieren, bedeutet, den Bereich des Verbotenen zu erkunden. Immer wieder Warntafeln wie "Bissiger Hund", "Elektronische Überwachung" und "Betreten verboten". Immerhin hat das dazu geführt, dass am Fluss die Ruhe und Stille der großen Ferien vorherrscht. Das Gefühl eines im Mittagsschlaf versunkenen Frankreich. Ich sehe niemanden, obwohl die Häuser bewohnt sind. Der Eindruck von einem unendlichen Schlaf. Noch oft während dieser Exkursion werde ich dieses Hochgefühl im Angesicht eines einsamen, spärlich bevölkerten Landstrichs verspüren, als ob er nur für mich da sei.

Den Raum, der Städte und Dörfer gegeneinander abgrenzt, nennt man Land. Eine verstörende Leblosigkeit hat sich seiner bemächtigt. Es ist keine leere oder ausgestorbene Weite, sondern eine, die das Bewusstsein verloren hat: eine vorübergehende Ohnmacht, die mich an das Englische fading, einen gelegentlichen Klangverlust, erinnert. Oft bewege ich mich in Landschaftsgebieten, in denen große Stille, einer Zäsur vergleichbar, herrscht. Wo sind die Menschen? Der Friede wird nur durch gelegentlich auftretende Geräusche gestört: das Kreischen einer Motorsäge, ein schwaches Hupen, der weinerliche Schrei eines Pfaus.

Kurz vor Mary-sur-Marne hatte ich mich einige Augenblicke im Dickicht, am Stamm einer Eiche, ausgeruht. Ein sanfter Wind strich durchs Astwerk und bewegte es sacht hin und her. Man konnte den Eindruck gewinnen, die sanften Schwingungen sollten mich zum Durchatmen veranlassen und mir eine tröstende Pause verschaffen. Der Weg am Fluss entlang war teilweise von Gras überwachsen. Um mich anzulehnen, hatte ich meinen Rucksack an den Baumstamm geschoben. Und plötzlich war da dieses Gefühl der Fülle, des Einklangs mit der Natur. Es hat mich einfach überwältigt.