Dossierbild Geschichte im Fluss
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Treidler an der Wolga


1.11.2015
Die Schiffszieher an der Wolga, auf Russisch Burlaki, waren im Handel zwischen Moskau und dem Kaspischen Meer eine nicht wegzudenkende Größe. Fernab der großen Städte führten sie ein beschwerliches, aber manchmal auch freies Leben. Bis heute wissen wir wenig über sie. Dass sie berühmt geworden sind, verdanken wir dem Gemälde von Ilja Repin aus dem Jahre 1873.

Die Wolgatreidler von Ilja Repin 1873, Russisches Museum Sankt Petersburg (c) WikimediaDie Wolgatreidler von Ilja Repin 1873 (© Russisches Museum Sankt Petersburg (c) Wikimedia)

Arbeit am Rande



An manchen Uferwegen großer Flüsse finden sich Bezeichnungen wie "alter Treidelpfad" oder "Leinpfad". Sie erinnern Passanten und Radfahrer an die archaische Arbeit der Treidler, mit der wir heute nur noch wenig verbinden können. Dabei hat es bis zum Aufkommen der Dampfschifffahrt an fast allen großen Flüssen Europas Treidler oder Schiffszieher gegeben – je nach Flusslauf, Flussabschnitt, wirtschaftlicher Nutzung und Saison in unterschiedlicher Anzahl.

Die Treidler zogen bei Niedrigwasser die beladenen Kähne flussaufwärts, manchmal auch flussabwärts, entweder über ein mit dem Kahn verbundenes Seil, oder indem sie Zugpferde am Flussufer führten. Manchmal sind Bilder und Lieder der Treidler erhalten geblieben und geben Zeugnis von ihrer Lebenswelt. Meistens aber fehlen solche Darstellungen und mit ihnen die kulturellen Spuren jener Arbeit am Fluss. Denn die Treidler galten als Randgestalten, die selbst für die Künstler uninteressant waren. So haben sie weder die Vorstellungen des Arbeitslebens an Rhein und Elbe, noch an Donau und Main geprägt. Das gilt so für die meisten Flüsse in und jenseits Europas, zum Beispiel auch für die großen Flüsse Russlands, für dessen Wirtschaft und Kultur die Treidler historisch eine herausragende Bedeutung hatten.

Allein die Wolga ist in dieser Hinsicht eine Ausnahme. Die Schiffszieher der Wolga (Treidler wurden in der russischen Sprache häufig Burlaki genannt) waren schon im 19. Jahrhundert einem wachsenden Teil der Gesellschaft bekannt. Es gab viele von ihnen und ihre Lieder waren beliebt. Dass auch heutige Freunde der Kultur und Geschichte Russlands die Wolgatreidler kennen, liegt neben einigen bekannten Treidlerliedern vor allem an einem Gemälde: Der ukrainisch-russische Maler Ilja E. Repin (1844-1930) malte zu Beginn der 1870er Jahre das Bild Die Wolgatreidler, das ihn fast über Nacht berühmt machte.

Repin hatte in ihm seine Vorstellung vom einfachen russischen Volk verewigt, und die Besucher in Sankt Petersburg, die es in einer ersten Ausstellung sahen, bestaunten das Bild oder erschraken und wandten sich von ihm ab. Warum hatte Repin den Treidlern solche Aufmerksamkeit geschenkt, und warum hatte er sie auf diese Art und Weise dargestellt? Wer waren eigentlich die Wolgatreidler, seit wann und warum zogen sie in so großer Zahl die Kähne wolgaaufwärts?

Burlaki an der Wolga



Die Geschichte der Wolgatreidler reicht mindestens bis ins 16. und 17. Jahrhundert zurück. Sigismund von Herberstein, der österreichische Gesandte am Zarenhof und Verfasser einer ersten Landesbeschreibung unter dem Titel Moskoviter wunderbare Historien, beschreibt die Tschuwaschen der mittleren Wolga, ein turksprachiges Volk, als Schiffszieher. Damals waren es aber noch wenige. Erst nachdem der Zar Iwan IV. ("der Schreckliche") die unabhängigen Khanate von Kasan und Astrachan in den Jahren von 1552 bis 1556 erobert hatte und damit der ganze Lauf der Wolga zu Russland gehörte, und nachdem im 17. Jahrhundert die Festungsstädte Simbirsk, Samara, Saratow, Zarizyn am Unterlauf angelegt wurden und eine schwere dynastische und wirtschaftliche Krise überwunden war, nahm die Zahl der Treidler an der Wolga deutlich zu.

Die Zaren unterstützten den Aufschwung des Handels mit Privilegien für Klöster an der oberen Wolga und für Großkaufleute. Neue Jahrmärkte entstanden, dessen wichtigster ab 1642 der Jahrmarkt beim Makarew-Kloster südlich von Nischnij Nowgorod war. Denn er entwickelte sich zum wichtigsten Umschlagplatz an der mittleren Wolga, im 18. und 19. Jahrhundert sogar darüber hinaus in ganz Russland. Jeden Sommer liefen große Kähne mit Fisch und Salz vom Unterlauf des Flusses die Häfen an. Vom Oberlauf wurden wurden Holz und anderen Güter gehandelt.

Hinzu kamen Eisen und andere Güter, die aus dem Ural über die Kama flussabwärts zur Wolga gebracht wurden, sowie Baumwolle aus Zentralasien und vieles mehr, das von hier vor allem nach Moskau weitertransportiert wurde. Der Transport dieser Güter war ohne die Arbeit der Treidler undenkbar.

Treideln war eine saisonale Tätigkeit, die vor allem von jungen Männern aus dem Bauernstand ausgeübt wurde. Sie versprach zusätzliche Einkünfte in einer Zeit, in der nicht nur der Handel zunahm, sondern sich auch die Leibeigenschaft verschärfte und Staat und adlige Gutsbesitzer an Arbeitskraft, Abgaben und Diensten der leibeigenen Bauern interessiert waren.

Die jungen Männer verließen bei Eisbruch auf der Wolga Anfang bis Mitte April mit Erlaubnis der Gutsbesitzer ihre Dörfer und heuerten entweder für die ganze Saison bis Oktober und Anfang November oder für eine kürzere Zeit bei einem Schiffsbesitzer an. Der Lohn ging größtenteils an den Gutsbesitzer, ein kleinerer Teil blieb bei der Familie, die so über den Sommer hinweg einen Esser weniger am Tisch hatte.

Der saisonale Aspekt ist für das Verständnis der Treidlerei wichtig. Denn der Wasserstand der Wolga hängt maßgeblich von den Jahreszeiten ab. Hochwasser ist typisch für April und Mai, Niedrigwasser für Juli bis September, dann ist wieder ein mittlerer Wasserstand erreicht. Die Treidler wurden besonders in der Sommerzeit benötigt, wenn das Niedrigwasser Sandbänke im Fluss hervorbrachte, deren Lage sich häufig änderte und die Navigation für die Lotsen erschwerte. Setzte ein Kahn auf einer Sandbank auf, mussten ihn die Treidler darüber hinweg ziehen. Das war an der mittleren und oberen Wolga häufig der Fall und der härteste Teil ihrer Arbeit.

Hinzu kamen das Be- und Entladen der Kähne am Start- und Zielort, manchmal auch während der Fahrt, zum Beispiel wenn es nicht gelang, einen beladenen Kahn über eine Sandbank zu ziehen. Es gab allerdings auch Phasen, in denen die Kähne ohne größere Treidlerarbeit die Wolga auf- oder abwärts segelten.

Soziale Hierarchie am Fluss



Eine Art Arbeitsvertrag, der als Quelle erhalten blieb, beschrieb seit dem 17. Jahrhundert genauer die Pflichten (weniger die Rechte) der Treidler. Die mehrfache Erwähnung des Verbots, zu trinken, Karten zu spielen oder nebenher privaten Handel zu treiben, verweist darauf, dass die Regeln das eine sind, ihre Einhaltung aber das andere. Vor allem an der mittleren und unteren Wolga gab es kaum Städte und Dörfer, in denen über die Vorschriften hätte gewacht werden können, und der Schiffsbesitzer war weit weg. So ist der Arbeitsvertrag auch ein Hinweis auf das freie Leben, das die Treidler führten. Kaum einer von ihnen stand unter dauernder Kontrolle.

Neben Bauern, die mit adliger Erlaubnis treidelten, gab es unter ihnen auch entlaufene Bauern, die als Treidler untertauchen und überleben konnten, denn die Schiffsbesitzer waren in der Saison auf ihre Arbeitskraft angewiesen und nicht immer an der Überprüfung von Dokumenten interessiert.

Von der oberen oder mittleren Wolga kamen die Treidler häufig als ganze Treidlergruppen aus einem Dorf. In der Regel formten sie eine Art Arbeitsgenossenschaft (russisch: Artel) mit eigenen Hierarchien: die älteren, erfahreneren Treidler übten Autorität über die jüngeren, unerfahreneren aus und verdienten mehr Geld. Der Lotse (Locman) stand an der Spitze der Hierarchie und verdiente ein Mehrfaches des Lohnes eines einfachen Treidlers. Seine Tätigkeit verlangte viel Erfahrung und war verantwortungsvoll, zumal ein Aufsetzen auf einer Sandbank die Ladung gefährden oder zu beträchtlichen Verspätungen und damit zu finanziellen Einbußen führen konnte.

Im 18. und 19. Jahrhundert bildeten sich regelrechte Lotsendynastien aus bestimmten Familien und Dörfern heraus. Dass es ein einfacher Schiffszieher bis zum Lotsen brachte, war aber eine Ausnahme. An zweiter Stelle der Hierarchie stand der sogenannte Vodoliv, der für den Kahn und die Ladung sowie das Essen und die Auszahlung verantwortlich war. Je nach Arbeitsvertrag erhielten die Treidler zu Beginn ihrer Tätigkeit einen gewissen Vorschuss und wurden dann an festgelegten Stationen oder aber nach der Ankunft am Zielort entlohnt.

Lotse und Vodoliv galten in der Regel nicht als Teil der Treidlergruppe, obwohl die historischen Quellen hier nicht eindeutig sind. Sie nahmen eine Zwischenposition zwischen dem Schiffsbesitzer und den Treidlern ein, und ihre Tätigkeit verlangte besondere soziale Fähigkeiten. Sie gaben die Befehle, am Ufer anzulegen, ein Boot zu ziehen, es zu beladen und zu entladen oder Treidler von der Kündigung und dem Verlassen der Gruppe abzubringen. Über nichtrussische Treidler gibt es kaum Dokumente. Viele Kasantataren waren im 18. Jahrhundert gezwungen, in den berühmten Kasaner Eichenwäldern Bäume für die von Zar Peter I. geschaffene Flotte zu fällen. Deshalb waren die große Mehrheit der Treidler im 18. und 19. Jahrhundert wohl russische Bauern.



 
Zum Weiterlesen

Die Wolga

  • Guido Hausmann: Mütterchen Wolga. Ein Fluss als Erinnerungsort vom 16. bis ins frühe 20. Jahrhundert. Campus Verlag 2009. "Guido Hausmann ist eine großartige 'Flussgeschichte' gelungen, die auf viele Jahre Bestand haben wird." (hsozkult.de)

  • Karl Schlögel: Auf der Wolga, in: ders., Go East oder die zweite Entdeckung des Ostens, Siedler Verlag 1995, S. 101-116. Ein einführender Essay in die Geschichte der Wolga des 20. Jahrhunderts

  • Wassilij Rosanow/Friedrich Gorenstein: Abschied von der Wolga. Rowohlt Verlag 1992. Zwei zeitgenössische Texte mit einer Einführung von Sonja Margolina

  • Merle Hilbk: Das schönste Dorf am schönsten Fluss der Erde. Erscheint im Herbst 2015. Eine abenteuerliche Geschichte einer Familie, die nach Russland auswandert und 200 Jahre später nach Deutschland zurückkehrt.