Dossierbild Geschichte im Fluss
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Welterbe an der Wolga


1.11.2015
Jaroslawl ist die älteste russische Stadt an der Wolga. Ihre heutige Gestalt bekam sie von Katharina der Großen. Junge Russen setzen sich für den Erhalt der Unesco-Welterbestadt ein – nicht immer zur Freude der Behörden.

Blick vom linken Wolgaufer auf die Mariä-Entschlafens-Kathedrale in Jaroslawl.Blick vom linken Wolgaufer auf die Mariä-Entschlafens-Kathedrale in Jaroslawl. (© Inka Schwand)

Eine Stadt aus einem Guss



"Lass uns am Kloster treffen", hatte Julia vorgeschlagen, "das ist der Ursprung von Jaroslawl, hier fließt der Kotorosl in die Wolga. Dort ist der Gründungsort der ältesten Wolgastadt Russlands."

Julia Krivtsova, Mitte dreißig, ist Kuratorin und Künstlerin, mit ihrem Mann Sergej Kremnev, einem Architekten, hat sie in Jaroslavl "Lift" gegründet, eine "regionale Agentur für kreative Initiativen". Darüber hinaus engagieren sich die beiden für den Erhalt der alten Textilfabrik "Roter Peregop", deren Ursprünge auf Peter den Großen zurückgehen. "Wir wollen die Stadtgeschichte bewahren und das kulturelle Erbe schützen", hatte Julia gesagt. "Unser Ziel ist es, die Menschen stärker an den Entscheidungsprozessen zu beteiligen."

Für Julia Krivtsova ist das auch ein Dienst an der Stadt, in der sie geboren wurde. "Warum sollen alle, die engagiert sind, immer nur nach Moskau ziehen?", fragt sie. In der Provinz ist es auch spannend, und außerdem haben wir hier die Wolga."
Die Innenstadt der russischen Stadt Jaroslawl.Die Innenstadt von Jaroslawl. (© Inka Schwand)

Ich bin am Vorabend in Jaroslawl angekommen. Vor der Gründung von Sankt Petersburg Anfang des 18. Jahrhunderts war Jaroslawl nach Moskau die zweitgrößte Stadt des russischen Zarenreiches. Heute zählt sie 600.000 Einwohner und gehört zum Welterbe der Unesco. Im Gegensatz zum vier Zugstunden entfernten Moskau hat die Großstadt an der Wolga ihr menschliches Maß bewahrt. Die Fahrt vom Bahnhof ins Zentrum säumen vierstöckige Bauten, viele von ihnen aus der Stalinzeit, aber ohne den pompösen Zierat, wie er sich in der Hauptstadt findet. Einzig das Stadion sieht nach einer Bauruine aus. Als die Russische Föderation den Zuschlag für die Fußball-Weltmeisterschaft 2018 erhalten hatte, wurde die Sanierung des alten Shinnik-Stadions gestoppt. Eine neue WM-Arena sollte auf der grünen Wiese errichtet werden. Dann aber wurde Jaroslawl plötzlich von der Liste der Austragungsorte gestrichen. Jaroslawls Fußballclub spielt heute in einer halb sanierten, halb ruinösen Arena.

Je weiter der Bus ins Zentrum ruckelt, desto niedriger wird die Bebauung. Zwischen dem Wolkow-Platz, benannt nach dem ersten Theater Russlands aus dem Jahre 1911, und dem Wolgaufer erstreckt sich das historische Jaroslawl auf dem Stadtgrundriss des 18. Jahrhunderts. Seinen Mittelpunkt bildet die Prophet-Elija-Kirche auf dem sechseckigen heutigen Sowjetplatz, von dem sich die Straßen sternförmig zum Ring ausbreiten. Gesäumt werden die breiten Straßen und Alleen von Bürgerhäusern und Palästen im Stil des Klassizismus. Nach einem verheerenden Stadtbrand hatte Katharina die Große 1778 mit einem Generalbebauungsplan den Startschuss für den Wiederaufbau Jaroslawls als klassizistische Planstadt gegeben.

Bereits zuvor hatte die Zarin, eine geborene Prinzessin von Anhalt-Zerbst, die Wolga auf einem Schiff bereist. 2000 Personen hatten Katharina auf der sechswöchigen Reise von Anfang Mai bis Mitte Juni 1767 begleitet, eine Entourage, die die Wolga bis dahin nicht gesehen hatte. Jaroslawl mit seinen Klöstern und Kirchen galt schon damals das größte Augenmerk der russischen Regentin. Vier Tage verbrachte sie in der Wolgastadt – so viel wie an keinem anderen Etappenziel. In diesen Tagen muss wohl der Plan in ihr gereift sein, aus dieser Stadt etwas ganz Großes zu machen. Nicht nur die Wolgadeutschen, so lautet heute das Urteil der Geschichte, hat die Zarin an Europas längsten Strom geholt, sondern auch die europäische Baukunst.

Mit dem Haus stromabwärts



Auch Julias Familie ist mit der Wolga verbunden. Das erzählt sie mir, als sie mich mit dem Auto am Kloster aufgesammelt hat und wir über die einzige Brücke weit und breit zum linken Wolgaufer fahren. "Mein Vater stammt aus Wolgograd", sagt sie, "meine Mutter ist hier in Jaroslawl geboren. Die Wolga hat meine Eltern von Anfang an miteinander verbunden."

"Alles an der Wolga", schrieb schon 1907 Wassilij Rosanov, der literarische Wegbereiter der russischen Moderne, "scheint sich nicht zu bewegen; es eilt nicht, es atmet nur, einen gleichmäßigen, guten, jahrhundertealten Atem." Das trifft nicht nur auf Jaroslawl und seine Kirchen, Klöster und Paläste zu, sondern auch auf Julia Krivtsova. "Ich habe noch nie darüber nachgedacht, aus dieser Stadt wegzugehen", sagt sie, als wir am linken Wolga-Ufer an einer Stelle halten, an der man einen wunderbaren Blick auf das gegenüberliegende Jaroslawl hat. "Viele Jüngere zieht es nach Moskau und ins Ausland. Ich freue mich dagegen, wenn die Moskauer und Leute aus dem Ausland nach Jaroslawl an die Wolga kommen."

Vielleicht hat Julia Krivtsova diese Verbundenheit mit dem Fluss von ihrer Familie geerbt. "Mein Großvater kam als 15-Jähriger nach Jaroslawl", erzählt sie die Geschichte ihrer Familie mütterlicherseits. "Er stammt aus einer kleinen Wolgastadt, die nach einem verheerenden Hochwasser nicht wieder aufgebaut wurde. Das Haus meiner Urgroßeltern war aber heil geblieben. Also haben sie es zerlegt, die Einzelteile nummeriert, und auf ein Schiff geladen. Zusammen mit ihrem Haus sind mein Großvater und seine Eltern wolgaabwärts gefahren, bis sie in Jaroslawl ankamen. Da haben sie dann ihr Haus wieder aufgebaut."

Eine traurige Geschichte, meint Julia, aber die anderen Familien aus der zerstörten Wolgastadt hätten ein noch schlimmeres Schicksal erfahren: "Viele von ihnen wollten ihre Heimat nicht verlassen und sind geblieben. Weil in ihrer Heimat nichts mehr investiert wurde, gab es immer weniger zu essen. Die meisten von ihnen sind früh gestorben."

Handel auf dem Fluss



Achthundert Meter breit ist die Wolga in Jaroslawl. Der Blick vom linken Ufer auf die Stadt ist tatsächlich großartig. Wir sehen die Zwiebeltürme der Mariä-Entschlafens-Kathedrale, den Wolgaturm aus der Mitte des 17. Jahrhunderts und die Mündung des Kotorosl in die Wolga.

Dort soll der Legende nach die Geschichte der Stadt begonnen haben. Im Jahr 1010 sollen die Bewohner einer heidnischen Siedlung einen Bären auf den Fürsten Jaroslawl den Weisen gehetzt haben. Der Kiewer Fürst war an die Wolga gekommen, um sein Reich zu inspizieren. Kurzerhand erlegte der Fürst den Bären, der zum Wappentier der Stadt wurde, die an dieser Stelle entstand, natürlich benannt nach dem Namen des Fürsten. Soweit die Legende.

Den Rest besorgte die Wolga. Der mächtige Strom war nicht nur, wie Guido Hausmann in seiner Geschichte der Wolga schrieb, wegen seiner Klöster eine Art "orthodoxer Jordan" und damit ein religiöser Gründungsort der russischen Orthodoxie geworden. Er war auch ein Handelsstrom, der den Städten, die an seinen Ufern gegründet wurden, bald Reichtum brachte. "Die besondere Bedeutung der Wolga bestand darin", schreibt Hausmann, "die inneren Regionen Russlands mit seinen Küsten zu verbinden, damit der Nachteil seiner Küstenlagen ausgeglichen werden konnte."

Als sich mit dem 18. Jahrhundert und der Verlagerung der Hauptstadt von Moskau nach Sankt Petersburg Russlands Mitte Richtung Westen bewegte, wurde aus dem Handelsstrom mehr und mehr auch ein imperialer Strom, eine Achse der zaristischen Machtentfaltung. So erinnert Hausmann daran, dass Katharina als Nachfolgerin Peters des Großen als die "Herrscherin über die Meere" geehrt wurde, weil sie mit dem Kanal am Ladoga-See auch eine Verbindung zwischen Petersburg und der oberen Wolga geschaffen hatte. Nun konnten die Schiffe von der neuen Hauptstadt bis ans Kaspische Meer fahren.

In diesem Zusammenhang, meint Hausmann, stand auch ihre Wolgafahrt mit dem viertägigen Abstecher nach Jaroslawl. "Die Fahrtrichtung, die sie dabei nahm, also von der Residenz über die obere zur mittleren Wolga, symbolisierte auch die Dimension ihres Herrschaftsverständnisses, die vom Zentrum in die Region verlief."

So wurden aus den Regionen bald die Provinzen und später dann "die russische Provinz". Die entgegengesetzte Richtung, nämlich wolgaaufwärts, so Hausmann, habe der Handel genommen, denn die Provinz musste die Hauptstadt versorgen. Beide Male lag Jaroslawl, dessen Ausbau Katharina vorangetrieben hatte, im Zentrum des Geschehens.

Verfallene Industriegeschichte



"Heute liegt es eher am Rand", sagt Julia Krivtsova als sie mich durch das ehemalige Industrieviertel von Jaroslawl am südlichen Ufer des Kotorosl führt. Das Herzstück des Stadtteils, der nach dem Fluss Kotorosl benannt ist, ist der Peter-und-Paul-Park. "Im Jahre 1723 wurde hier ein holländischer Garten angelegt", erklärt Julia und führt mich, vorbei an der barocken, hölzernen Peter-und-Paul-Kirche, auf das ehemalige Parkgelände. Peter der Große hat zwar die Hauptstadt an die Newa verlegt, aber die Wolga nicht aus dem Blick verloren. "Deshalb hat er einen niederländischen Kaufmann beauftragt, in Jaroslawl am Kotorosl eine Textilmanufaktur zu errichten", erzählt Julia.

Johan Tames hieß der Kaufmann oder, wie er sich russisch nannte, Iwan. Er gründete nicht nur die erste Textilfabrik im russischen Zarenreich, von der heute nur noch eine Ruine steht, sondern auch den barocken Park, der sie umgab. Auf der Ruine steht eine Hinweistafel "Betreten verboten". "Immer wieder heißt es, dass dieses Industriedenkmal saniert werden soll", sagt Julia. "Doch bisher hat sich nichts getan. Leider steht dieser Teil des historischen Jaroslawl nicht unter dem Schutz der Unesco." Dennoch haben Julia und ihr Mann einen ersten Erfolg erreicht. "Erst vor kurzem wollte ein Investor hier ein Wellness-Hotel bauen. Davon hat er nach unseren Protesten wieder Abstand genommen."



 
Zum Weiterlesen

Die Wolga

  • Guido Hausmann: Mütterchen Wolga. Ein Fluss als Erinnerungsort vom 16. bis ins frühe 20. Jahrhundert. Campus Verlag 2009. "Guido Hausmann ist eine großartige 'Flussgeschichte' gelungen, die auf viele Jahre Bestand haben wird." (hsozkult.de)

  • Karl Schlögel: Auf der Wolga, in: ders., Go East oder die zweite Entdeckung des Ostens, Siedler Verlag 1995, S. 101-116. Ein einführender Essay in die Geschichte der Wolga des 20. Jahrhunderts

  • Wassilij Rosanow/Friedrich Gorenstein: Abschied von der Wolga. Rowohlt Verlag 1992. Zwei zeitgenössische Texte mit einer Einführung von Sonja Margolina

  • Merle Hilbk: Das schönste Dorf am schönsten Fluss der Erde. Erscheint im Herbst 2015. Eine abenteuerliche Geschichte einer Familie, die nach Russland auswandert und 200 Jahre später nach Deutschland zurückkehrt.