Dossierbild Geschichte und Erinnerung
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Politik mit Geschichte – Geschichtspolitik?


28.3.2008
Die mitunter heftigen Auseinandersetzungen um Denkmäler, Museen und Gedenktage zeigen: Deutungen der Vergangenheit sind immer auch ein Politikum. Geschichtspolitik lässt sich nicht abschaffen. Aber sie lässt sich durchdringen und durchschauen.

Wendepunkt in der kollektiven Erinnerung: Am 40. Jahrestag des 8. Mai bezeichnet Bundespräsident Richard von Weizsäcker in seiner Ansprache im Bundestag 1985 den Tag als "Tag der Befreiung".Wendepunkt in der kollektiven Erinnerung: Am 40. Jahrestag des 8. Mai bezeichnet Bundespräsident Richard von Weizsäcker in seiner Ansprache im Bundestag 1985 den Tag als "Tag der Befreiung". (© Presse- und Informationsamt der Bundesregierung)
Geschichte ist vor allem in einer pluralistischen Gesellschaft umstritten und wird nicht selten zum Politikum. Das zeigte sich in Deutschland vor allem seit Mitte der achtziger Jahre. Bis dahin waren Gedenktage häufig unspektakulär und wenig kontrovers verlaufen. Erstmals schien Ende der sechziger Jahre mit dem 50. Jahrestag der deutschen Novemberrevolution ein politisches Datum bewusst gefeiert zu werden.

Das spiegelte im Jahr der Gründung der sozial-liberalen Koalition unter Willy Brand und Walter Scheel einen politischen Wandel, der dann zwei Jahre später mit dem 100. Jahrestag der Reichsgründung noch einen besonderen geschichtspolitischen Akzent durch die Gründung der Erinnerungsstätte an die deutsche Freiheitsbewegung in Rastatt erhielt.

Seitdem aber diskutierten die Deutschen immer intensiver über die angemessene Form des Gedenkens: Angesichts des Kriegsendes 1975 und vor allem dann 1985, im Jahr der berühmten Weizsäcker-Rede. Inzwischen war die Auseinandersetzung um die Geschichte zu einem Politikum geworden, bei dem es äußerlich um die Reflexion von Grundlagen des Geschichtsverständnisses und Geschichtsbildes, theoretisch um Fragen politischer Identität, im Kern aber um den Kampf ging, der einer Klärung von Begriffen und damit auch von Deutungsinhalten und Vorstellungen von der Vergangenheit in der Gegenwart vorausging.

Geschichtspolitik zielte also nicht nur auf das Bild von der Vergangenheit, sondern es ging um die Macht über Köpfe, ging um die Beeinflussung von Zukunft. Aber die Politik mit Geschichte war auch mehr als ein Streit um Begriffe, die für historisch legitimierte politische, gegenwärtige Bewertungen standen. In den achtziger Jahren war Deutschland noch geteilt, und neben den aktuellen Kontroversen, die vor allem in der Bonner Bundesrepublik nur die westdeutsche Gesellschaft mit den immer wieder aufbrechenden Debatten etwa über das Jahr 1968 und dessen Folgen aufbrachen, schienen in wesentlichen Fragen, die die Zeit zwischen Kaiserreich und Kaltem Krieg betrafen, zwei deutsche Geschichtsbilder aufeinander zu prallen. Das zeigte sich vor allem in der Auseinandersetzung um Weizsäckers Rede zum 9. Mai 1945 – für die einen Ausdruck innerer Befreiung, für die anderen Beispiel einer integrativen Rede, die jedem – vom Ausgebombten über den Vertriebenen bis zum Kriegsgefangenen – lebensgeschichtliche Anknüpfungsmöglichkeiten bot. Im Zusammenhang mit dieser Debatte zeichneten sich erstmals Konturen einer heftigen Auseinandersetzung ab, die man wenig später "Historikerstreit" nannte. In dieser Kontroverse fiel dann erstmals ein neuer Begriff, der ein zukünftiges "Politikfeld" markieren sollte: "Geschichtspolitik".

Deutung der Geschichte



Gewiss gab es in der Nachkriegszeit immer Streit um die Deutung der Geschichte. In pluralistischen Gesellschaften spielt sich dieser Streit in den Medien ab, Betroffene können reagieren, kritisieren, alternative Deutungen entfalten und durchsetzen. Die Regierung fungiert im Westen als Akteur geschichtspolitischer Auseinandersetzungen. Sie kann Gedenkveranstaltungen prägen, Gedenkstätten einrichten, Museen ausstatten, durch Reden Akzente setzen. Ihre Interpretation der Vergangenheit können Regierungen aber in der Regel nicht ohne weiteres durchsetzen, denn bürgerschaftliches Engagement führt zu Initiativen, die Korrekturen der Deutungen bewirken und auf die Politiker nur reagieren können. Bürgerschaftliches Engagement zielt auf die Errichtung wichtiger Gedenkstätten, die angemessene Würdigung von Orten des Leidens und der Verfolgung, und immer wieder werden Gefängnisse, Konzentrationslager oder sogar brach liegende Gelände wie das Grundstück der ehemaligen Gestapo-Zentrale in der Berliner Prinz-Albrecht-Straße vor dem Vergessen bewahrt.

Bürgerschaftliches Engagement ermöglicht so vielfach Erinnerung, wie Regierungsstellen zum Handeln veranlasst werden. So ist seit den achtziger Jahren das Jüdische Museum und das Denkmal für die ermordeten Juden Europas entstanden, so wurde die Initiative zur Errichtung der Topographie des Terrors zum Erfolg. Zugleich werden Versuche, Museen mit staatsoffizieller Unterstützung zu errichten, durch gesellschaftliche Initiativen verändert und verbessert, wie das "Haus der Geschichte" und auch das "Deutsche Historische Museum" zeigen. Nach 1989 erstreckt sich das Interesse auf ähnliche Einrichtungen, die der Auseinandersetzung mit der DDR-Geschichte und der deutschen Teilung dienen. Immer kommt es zu Konflikten, aber unter dem Strich ist das Ergebnis derartiger Auseinandersetzungen ein gesellschaftlich akzeptierter politischer Kompromiss.

Erinnerungskontroversen



In diktatorischen Systemen schalten sich in der Regel die Herrscher persönlich in diesen Kampf ein und betreiben Geschichtspropaganda. Das macht die geschichtspolitischen Auseinandersetzungen im geteilten Deutschland so brisant. Seit den achtziger Jahren ging es deshalb nicht mehr nur um Deutungen der Vergangenheit, sondern um die Ausgestaltung von Institutionen wie Museen, Denkmäler, Gedenkstätten oder Gedenkfeiern. Begonnen hatte der Streit um historische Deutungen im Spannungsfeld der "politischen Generationen" bereits mit der Auseinandersetzung um die Schuld der Deutschen am Ersten Weltkrieg, der berühmten "Fischer Kontroverse" in den sechziger Jahren. Neue Aktenfunde machten in den fünfziger Jahren deutlich, dass das Kaiserreich keineswegs in den Weltkrieg "hineingeschlittert" war, sondern dass die deutsche Führung die kriegerische Auseinandersetzung 1914 gesucht hatte. Damit stellte sich das Kontinuitätsproblem: Lag der Keim für den nationalsozialistischen Griff nach der Weltherrschaft nicht in der Wilhelminischen Zeit?

Aber erst Mitte der Achtziger hatte sich die Auseinandersetzung auf einer anderen Ebene erneut und zunächst fast unbemerkt zugespitzt. Er schien zunächst vor allem die Gegensätze zwischen Achtundsechzigern und den Vorachtundsechzigern zu spiegeln. Der Streit wurde sehr schnell in den Zusammenhang der geschichtspolitischen Kontroversen gerückt, die mit dem Regierungsantritt von Helmut Kohl begonnen hatten. Dabei ging es nicht allein um die Deutung der Zeitgeschichte: im Zentrum stand das Verhältnis der Deutschen zu den nationalsozialistischen Gewaltverbrechen als ein planvoll verwirklichter und bewusst intendierter Akt.

Wohl immer versuchen politische Führungsgruppen, Identitäten durch eine sinnhafte Deutung der Vergangenheit zu schaffen. Und immer werden dann Historiker zu Mitspielern der Politik. 1988 klang diese Auseinandersetzung in einigen Buchveröffentlichungen von Historikern an, die in der Kontroverse um den Ort von Auschwitz in der deutschen Geschichte die folgerichtige Fortsetzung grundsätzlicher Auseinandersetzungen um die Erforschung und Deutung deutscher Geschichte auch in politischer Absicht sahen. Rasch bemächtigen sich Außenstehende aus politischen Gründen dieses Streits: Die Deutung der Geschichte steht unter dem Einfluss verschiedener Interessen. Auseinandersetzungen der Historiker fordern die Öffentlichkeit heraus. Deshalb knüpfte die geschichtspolitische Kontroverse an den bereits erwähnten ersten Streit deutscher Historiker, die Fischer-Kontroverse über die deutsche Kriegsschuld 1914, an. Es ging aber nicht allein um die Frage nach der deutschen "Kriegsschuld" im Ersten Weltkrieg, sondern um die bewertende Verortung des "Dritten Reiches". Wie tief, so fragte man, reichen dessen Wurzeln - wie viel vom Wurzelwerk des deutschen Obrigkeitsstaates beeinflusste die deutsche Demokratie nach dem Ende des NS-Staates? Auf dem Höhepunkt der so genannten Fischer-Kontroverse hat einmal ein unaufgeregter und klug distanzierter Beobachter der Wochenzeitung "Die Zeit" formuliert, der Streit zwischen den Geschichtswissenschaftlern sei stets eine wesentliche Voraussetzung für den Erkenntnisfortschritt innerhalb des Faches gewesen. Es war die Hoffnung, dass auch der Historikerstreit diese Wirkung entfalten könnte. Diese Hoffnung trog allerdings.



 

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