Dossierbild Geschichte und Erinnerung

26.8.2008 | Von:
Aleida Assmann

Kollektives Gedächtnis

Formen einer kollektiven Erinnerung

Erst allmählich bilden sich neue Formen einer kollektiven Erinnerung, die nicht mehr in die Muster einer nachträglichen Heroisierung und Sinnstiftung fallen, sondern auf universale Anerkennung von Leiden und therapeutische Überwindung lähmender Nachwirkungen angelegt sind. Damit verbunden kommt es auch zu einer neuen Bearbeitung der Schuld der Täter in der Erinnerung der Nachkommen, die die dunklen Kapitel ihrer Geschichte nicht mehr mit Vergessen übergehen können, sondern sie im kollektiven Gedächtnis stabilisieren und ins nationale Selbstbild integrieren.

Metro-Station in Paris. Auch Leid und traumatische Erlebnisse wie der 2. Weltkrieg finden sich in der kollektiven Erinnerung wieder.Metro-Station in Paris. Auch Leid und traumatische Erlebnisse wie der 2. Weltkrieg finden sich in der kollektiven Erinnerung wieder. (© AP)
Das bedeutet, dass sich in den letzten Jahrzehnten grundlegende Regeln in der Grammatik des kollektiven Gedächtnisses verändert haben. Das fundamentalste Gesetz des Gedächtnisses, das Prinzip der Auswahl und Horizontbildung, gilt weiterhin, doch ist die Scheidelinie, die das Lebensdienliche vom nicht Lebensdienlichen sonderte, als alleinig herrschendes Auswahlkriterium problematisch geworden. Ehre, triumphierende oder gekränkte, die über Jahrhunderte die Kodes des nationalen Gedächtnisses bestimmt hatte und ihm die Grundstruktur der Auswahl des Erinnerungswürdigen vorgegeben hatte, wird in Zukunft nicht mehr der alleinige Maßstab der Bewertung von Erinnerungen sein. Das hängt mit einem neuen Bewusstsein für die Langzeitfolgen traumatischer Geschichtserfahrungen zusammen, die für die Opfer wie die Täter neue Voraussetzungen für die Organisation des nationalen Gedächtnisses geschaffen haben.

Zu den wichtigsten Neuerungen gehört, dass nunmehr Vergeben und Vergessen ebenso entkoppelt sind wie Erinnern und Rächen. Vielmehr gilt, dass zwischen Tätern und Opfer heute gemeinsames Erinnern als eine wesentlich bessere Grundlage für eine friedliche und kommunikative Zukunft bildet als gemeinsames Vergessen. Die heilende Kraft des Vergessen - "perpetua oblivio et amnesia" lautete noch die Formel im Westfälischen Friedensvertrag - ist der ethischen Forderung der gemeinsamen Erinnerung gewichen.

Das 21. Jahrhundert - transnationale Epoche

Wir leben in einer Epoche, in der die Maßstäbe des Erinnerns und Vergessens einer grundsätzlichen Revision unterworfen werden. All dies wird durch den Umstand weiter gestützt, dass wir mit Übergang ins 21. Jahrhundert in eine transnationale Epoche eingetreten sind. Im Zeitalter der Nationen wurden in Europa die nationalen Gedächtnisse ohne Rücksicht auf die Nachbarstaaten konstruiert. Im einen Lande wurde gefeiert, was man im anderen zu vergessen suchte, im einen wurde gerühmt, was im anderen geschmäht wurde.

Die perspektivischen Konstruktionen des nationalen Gedächtnisses stießen hart aufeinander und bildeten einen problematischen Zündstoff, der nur durch gegenseitige Nichtbeachtung neutralisiert werden konnte. In der Weltgesellschaft sind die Nationen enger aufeinander gerückt, was auch Folgen hat für den Solipsismus ihrer Gedächtniskonstruktionen. Nicht nur sind die Nationen durch technologische Globalisierung enger vernetzt, sie sind auch enger miteinander verbunden durch eine an Größe und Bedeutung wachsende Gruppe nicht unmittelbar beteiligter Beobachter, die über die neuen Kommunikationskanäle universalistische Normen und interkulturelle Standards zu verbreiten suchen.

Diese neue transkulturelle Beobachterperspektive der nicht unmittelbar Beteiligten Dritten löst die spezifischen Horizonte kollektiver Gedächtnisse und kultureller Formationen keineswegs auf, sie hat sie nur im Auge und befragt sie kritisch auf die schädlichen Folgen für wechselseitige nationale und interkulturelle Beziehungen. Gegenwärtig entstehen zum Beispiel in Europa neue Frontlinien entlang solcher Nationen, die sich den Standards einer ethischen Globalisierung unterwerfen und solchen, die dieses nicht tun und auf dem alten Prinzip einer erinnerungspolitischen Selbstbestimmung beharren.


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