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Dossierbild Geschichte und Erinnerung
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Geschichtsbilder: Zeitdeutung und Zukunftsperspektive


3.6.2008
"Geschichtsbilder" verknüpfen die Deutung der vergangenen mit den Forderungen an die kommende Geschichte. Sie geben Orientierung in der Gegenwart und die Gewissheit einer Identität, die generationsübergreifend ist.

Die "Alexanderschlacht" von Albrecht Altdorfer (1529) zeigt im übertragenen Sinn gemäß des damaligen Zeitgeistes den Übergang vom zweiten zum dritten Weltzeitalter und somit den Beginn der abendländischen Weltmonarchie.Die "Alexanderschlacht" von Albrecht Altdorfer (1529) zeigt im übertragenen Sinn gemäß des damaligen Zeitgeistes den Übergang vom zweiten zum dritten Weltzeitalter und somit den Beginn der abendländischen Weltmonarchie. (© Wikimedia)

I. Geschichtsbilder: Begriff und Bedeutung



Der Sondergesandte der USA auf dem Balkan, Richard Holbroke, schrieb, dass nach der Lektüre einer Untersuchung über die Geschichtsvorstellung der Balkanvölker viele Politiker in den USA den Versuch zur Beilegung des Konflikts als aussichtslos betrachteten. [1] Das offizielle Geschichtsdogma einer Einheit der "Süd-Slawen", das nach dem Zweiten Weltkrieg die Herrschaft der Kommunistischen Partei und zugleich die staatliche Einheit zu sichern hatte, war trotz massiver "Vergangenheitspolitik" zerbrochen. Hinter der machtgestützten Geschichtsdoktrin des 20. Jahrhunderts wurden tiefer in die Vergangenheit zurückreichende Geschichtsbilder und damit alte ethnische, kulturelle und religiöse Gegensätze wieder virulent. [2] Den Streit um die Deutung der Geschichte finden wir immer dort, wo Divergenzen im Selbstverständnis einer Gesellschaft aufbrechen. [3] An die Kontroversen um die Hessischen Rahmenrichtlinien brauche ich hier nur zu erinnern, ebenso an den Historikerstreit in der Bundesrepublik in den achtziger Jahren über das Verhältnis zwischen Nationalsozialismus und Kommunismus. Der Streit um die Rolle der DDR und ihrer führenden Partei hält an. [4] Solche Kontroversen lassen generell nach Art und Bedeutung von "Geschichtsbildern" fragen.




Der Begriff "Geschichtsbilder" ist eine Metapher für gefestigte Vorstellungen und Deutungen der Vergangenheit mit tiefem zeitlichen Horizont, denen eine Gruppe von Menschen Gültigkeit zuschreibt. [5] Politische und kulturelle Gemeinschaften können sich offenbar nur selbst verstehen, ihre Handlungen abwägen und Optionen für die Zukunft begründen, wenn sie in der "Zeit", d.h. zwischen vergangener und kommender Geschichte, zwischen Erfahrung und Erwartung, ihren Ort bestimmen. Solche selbstbezogenen Deutungen stiften im Chaos der unendlichen Vorgänge der Vergangenheit Sinn, bieten Orientierungshilfe und Handlungssicherheit. So werden Gefühl und Bewusstsein der Zusammengehörigkeit, wird kollektive Identität beglaubigt, der Daseinssinn einer Gemeinschaft gestiftet. Als gedeutete Vergangenheit beeinflussen sie Gegenwartsverständnis und Zukunftserwartung. Sie sind Elemente der "gesellschaftlichen Konstruktion der Wirklichkeit" [6] . Geschichtsbilder sind nicht Abbildungen des Vergangenen, sondern Ein-Bildungen der Vorstellungs- und Urteilskraft. Im Horizont der Weltgeschichte insgesamt sind diese "Bilder", die Stämme, Völker, Nationen oder auch Religions- und Kulturgemeinschaften sich selbst zuschreiben, nur partikularer Natur. [7] Ihren Anhängern aber erscheinen sie als geschichtliche Wahrheit schlechthin. Widersprechende Bilder anderer Gruppen sind für sie falsch oder bösartig und bestenfalls kurios. Solche Geschichtsbilder sind faktenarm, hochselektiv, aber urteilsfreudig und gefühlsstark. Daher ist die Geschichtsforschung mit ihrem kritischen Instrumentarium ein Feind der Geschichtsbilder - mögen Historiker ihrem Bann auch nicht selten erliegen.

Offenbar werden Geschichtsbilder nicht durch argumentativen Diskurs, sondern nur durch den Gang der Geschichte bestätigt oder widerlegt. Zur Bestätigung reichen kleine Siege, zur Widerlegung sind tief greifende Katastrophen notwendig. Geschichtsbilder können zur politischen Agitation benutzt werden, sind aber mehr als die bald verbrauchten historischen Argumentationen, Zwecklegenden, Propagandawaffen - von Fälschungen und Lügen ganz zu schweigen. In archaischen Gesellschaften sind auch die Geschichtsbilder als mentale Selbstverständlichkeiten in Geist und Gefühl eingelagert - einer Wagenburg vergleichbar. In modernen, komplexen Gesellschaften ist es anders: Die Unterschiedlichkeit der Gruppen, Klassen, Parteien, Religionen, Regionen und Generationen, die Vielzahl verschiedener Erfahrungen und die Differenz der Erwartungen bringt verschieden akzentuierte, konkurrierende Geschichtsbilder hervor - eine Begleiterscheinung pluralistischer Verhältnisse. Unsere Geschichtsbilder streiten nicht nur gegen fremde, sondern auch untereinander.

Das betrifft vor allem die sensible Zone des Übergangs selbst erlebter Vergangenheit in überlieferte Geschichte - also in der Regel ein halbes Jahrhundert zurückliegende Ereignisse. Entsteht hier ein Dissens zwischen der Erinnerung der noch Lebenden und dem Urteil der Nachgeborenen, wird der Streit um Geschichtsbilder besonders heftig. Als Beispiel dafür kann die sog. Wehrmachtsausstellung dienen.

Im Folgenden geht es aber um die tiefer liegenden, Selbstverständnis und Zusammengehörigkeit durch Jahrhunderte stiftenden Geschichtsbilder, die - mit den Begriffen Jan Assmanns - jenseits der "kollektiven Erinnerung" im "kulturellen Gedächtnis" eingelagert sind. [8] Sie sind gestiftet und tradiert, wirksam oft über Jahrhunderte. Sie heften sich an Gründungsgeschichten, können bis ins Mythische übergreifen. [9] Am nachhaltigsten wirken die "Geschichtsbilder" der Religionen: Das Kirchenjahr ist das stärkste Beispiel für ein Geschichtsbild in Aktion, das durch Wiederholung von Wort, Lied, Liturgie und symbolischer Handlung in der Gegenwart durch Erinnerung "allem Volke" - der Menschheit - eine Zukunft verheißt.

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Fußnoten

1.
Erweiterter Text eines Vortrags auf dem Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig am 9. Oktober 2001; für die Hilfe bei der Literatur- und Bildrecherche danke ich Frau Annegret Ritter. 1 Vgl. Richard Holbroke, Meine Mission vom Krieg zum Frieden, München 1998, zitiert bei Petra Bock/Edgar Wolfrum (Hrsg.), Umkämpfte Vergangenheit, Göttingen 1999, S. 40.
2.
Vgl. Wolfgang Höpken, Vergangenheitspolitik im sozialistischen Vielvölkerstaat, Jugoslawien 1944-1991, in: ebd., S. 210-246.
3.
Vgl. dazu den Sektionsbericht des 43. Deutschen Historikertages, Aachen 2000, in: Eine Welt - konkurrierende Nationalgeschichten. Kulturgeschichte Ostmitteleuropas im 20. Jahrhundert, S. 316-321; zum Aufleben älterer nationaler Geschichtsdeutungen nach dem Zerfall des Sowjetimperiums vgl. Heiner Timmermann (Hrsg.), Nationalismus in Europa nach 1945, Berlin 2001 (= Dokumente und Schriften der Europäischen Akademie Otzenhausen, Bd. 96).
4.
Vgl. Rainer Eckert/Bernd Faulenbach (Hrsg.), Halbherziger Revisionismus: Zum postkommunistischen Geschichtsbild, München-Landsberg am Lech 1996.
5.
Also nicht Bilder von konkreten historischen Ereignissen, die ihre eigene Symbolkraft haben; vgl. Francis Haskell, Die Geschichte und ihre Bilder. Die Kunst und die Deutung der Vergangenheit, München 1995. Bisweilen werden sie als "Mythen" bezeichnet - so von Yves Bizeul (Hrsg.), Politische Mythen und Rituale in Deutschland, Frankreich und Polen, Berlin 2000.
6.
Vgl. Peter L. Berger/Thomas Luckmann, Gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Eine Theorie der Wissenssoziologie, Frankfurt/M. 1980.
7.
Ich verweise hier auf einen wenig beachteten Sektor: auf die Geschichtsbilder, die sich Naturwissenschaftler von ihrer Disziplin machen - fern des breiten öffentlichen Interesses, aber von großer Bedeutung für die Orientierung und Entwicklung der Wissenschaften mit ihren gesellschaftlichen Folgen; vgl. Helga Nowotny, Der Paradigmenwechsel des Fortschritts. Zur Dynamik der Wissenschaftsentwicklung heute, in: Evelyn Schulze/Wolfgang Sonne (Hrsg.), Kontinuität und Wandel. Geschichtsbilder in verschiedenen Fächern und Kulturen, Zürich 1999.
8.
Vgl. Jan Assmann, Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen, München 1992, S. 48 ff.
9.
Eine Anthologie solcher vielfältiger Geschichtsbilder und ihrer Interpretation liegt jetzt unter der Metapher "Deutsche Erinnerungsorte" mit einer ausführlichen Einleitung vor, die den forschungsspezifischen Hintergrund der Entdeckung der "Geschichtsbilder - Geschichtsorte" im europäischen Kontext skizziert: Etienne François/Hagen Schulze (Hrsg.), Deutsche Erinnerungsorte, Bd. I-III, München 2001 f. Sie wurde angeregt durch das französische Werk von Pierre Nora, Les lieux de memoire, Paris 1992 ff.; vgl. auch das Jahrbuch 2001 der Internationalen Gesellschaft für Geschichtsdidaktik, das sich den "Mythen" der Geschichte widmet, darin vor allem Karl Filser, "Wenn die Vergangenheit sich nicht fügt ..." Nationale Mythen im Geschichtsunterricht, S. 23-45.

 

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