Dossierbild Geschichte und Erinnerung
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Geschichte der Erinnerungskultur in der DDR und BRD


26.8.2008
Während in der Bundesrepublik die "Vergangenheitsbewältigung" ein ständiger Prozess war, erklärte die SED diese mit der "antifaschistisch-demokratischen Umwälzung" für beendet. Wie unterschied sich die Erinnerung in Ost und West und wo stehen wir heute? Edgar Wolfrum mit einem Überblick.

Eine Zuschauerin geht in die Ausstellung  "Drüben. Deutsche Blickwechsel" im Haus der Geschichte in Bonn. Die Ausstellung, die vom 8. Dezember 2006 bis zum 9.April 2007 für die Öffentlichkeit geöffnet ist, zeigt über tausend Exponate der zwei Lebenswelten Bundesrepublik und DDR.Eine Zuschauerin geht in die Ausstellung "Drüben. Deutsche Blickwechsel" im Haus der Geschichte in Bonn. (© AP)

Auferstanden aus Ruinen – Traditionssuche in West und Ost



War die deutsche Geschichte nach der nationalsozialistischen Katastrophe 1945 an ihren Endpunkt gelangt? Welche historischen Haltepunkte ließen sich noch greifen, als Deutschland und Europa in Trümmern lagen? Die im Alltagschaos steckenden gewöhnlichen Deutschen interessierte dies wenig, die Intellektuellen allerdings umso mehr. Beschwörung der guten deutschen Traditionen vor Hitler, keine "Selbstverdunkelung" der deutschen Geschichte – so lautete das Rezept westdeutscher Historiker in der unmittelbaren Nachkriegszeit. Im Osten triumphierte die These vom "Irrweg einer Nation" – mit der Pointe, dass nun, in der entstehenden DDR, dieser Irrweg endgültig verlassen worden sei: "Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt".

Später, seit dem Ende der 1960er Jahre, sollten West-Historiker für die Bundesrepublik ebenfalls beanspruchen, dass diese den verhängnisvollen deutschen Sonderweg hinter sich gelassen habe und "Bonn" glücklicherweise nicht "Weimar" wurde. Bis zum Mauerbau 1961 konkurrierten die Deutungseliten beider deutschen Staaten erinnerungskulturell um das Verhältnis von Nation und Revolution – Kern war stets die Revolution von 1848/49. Im Osten sah man deren verpflichtendes Erbe in einer endlich zu schaffenden "einigen deutschen sozialen Republik" – im Westen hieß die Lehre "Einheit und Freiheit".

Der Volksaufstand des 17. Juni 1953 in der DDR wurde in der Bundesrepublik zum "Nationalfeiertag" erklärt, zum "Tag der deutschen Einheit". An ihn knüpften sich im Zeitverlauf unterschiedliche nationale Geschichtsbilder. Zuerst wurde er als Arbeiter-, dann als Volksaufstand interpretiert. Anfangs sahen die meisten in ihm eine Erhebung für die Wiedervereinigung, dann, seit den 1960er Jahren, nur noch eine Freiheitsbewegung oder eine gescheiterte Revolution wie 1918/19 oder nur mehr einen sozialen Protest. Oftmals gab es einen Vergleich mit dem 20. Juli 1944 als einen Versuch, die totalitäre Diktatur zu stürzen.

In der DDR wiederum kam es zum Versuch, einen sozialistischen Patriotismus zu generieren. Nach der nationalen Trennung bedeutete der Mauerbau die – wie es schien: endgültige – Teilung Deutschlands. Während die SED in den 1970er Jahren die "deutsche Nation" in der DDR-Verfassung eliminierte – was die meisten Ostdeutschen ablehnten –, beanspruchte die Bundesregierung mit der Neuen Ostpolitik die Einheit der Nation zu wahren. Erinnerungskulturell fanden die beiden deutschen Gesellschaften Anfang der 1980er Jahre wieder zusammen. Zahlreiche Gedenkanlässe öffneten Schleusen der Erinnerung. Im Westen brach ein regelrechter Geschichtsboom aus, "von unten" befördert durch unzählige Geschichtswerkstätten. Und im Osten erwies sich das "Erbe und Tradition"-Programm der SED, das eine gefühlsmäßige Bindung an die "Nation DDR" bewirken sollte, als Bumerang: Die Vergangenheit – sei es Luther, Friedrich der Große oder gar Bismarck – stimulierte bei den Menschen gesamtdeutsche Gefühle und Solidarität und zwar nicht als vergangene Geschichtsnation, sondern in der Gegenwart.

Moral und Pragmatismus –
Das Erbe des Nationalsozialismus



Angesichts des Kalten Krieges trat die Moral hinter dem Pragmatismus zurück. Was bedeutet dies? In der Bundesrepublik lautete 1949 die Frage: Demokratisierung und gesellschaftliche Integration der NS-Funktionseliten, also der mittleren Garnitur, oder vorbehaltlose Aufarbeitung und Bestrafung der Verbrechen. In einer Art großen Koalition entschied man sich für den ersten Weg – ein allgemeiner Rechtfertigungsdrang und ein gemeinschaftlicher Wille, sich von Schuld und Verantwortung frei zu sprechen verband die meisten Deutschen miteinander. Vom Holocaust war bis zum Ende der 1950er Jahre kaum die Rede.

In der Öffentlichkeit wurde das "Dritte Reich" weitgehend totgeschwiegen. Nur Minderheiten, meist Opfergruppen, wagten die Schuld verdrängende Verharmlosung, die Vergangenheitsabwehr und die Schuldabwälzung zu stören. Im populären Geschichtsbild der Zeit erschien der Nationalsozialismus als unerklärlicher Einbruch, als Heimsuchung, ja Verhängnis und Hitler als Dämon. Außerdem wurden die NS-Diktatur und die SED-Diktatur über denselben Kamm geschoren und nach dem Mauerbau 1961 erschien die DDR nicht wenigen als ein KZ. Halbheiten bestimmten die Wiedergutmachung für die Opfer des Nationalsozialismus. Israel erhielt zwar Entschädigungszahlungen, doch in der Wiedergutmachung steckte zu viel Kalkül und Außenpolitik, als dass sie moralisch voll überzeugte: Gezahlt wurde dort, wo es die internationale – und das bedeutete damals: westliche – Reputation der Bundesrepublik gebot, im Westen. Osteuropäische Opfer gingen leer aus.

Das Klima und mit ihm die Erinnerung wandelte sich seit etwa 1958, als antisemitische Skandale die Republik erschütterten. Weit reichende Folgen ergaben sich aus den Reaktionen: Die Kultusminister verabschiedeten neue Richtlinien für den Geschichtsunterricht, der Gesetzgeber schuf den Straftatbestand der "Volksverhetzung" und auf Betreiben von Opfergruppen wurden endlich Gedenkstätten gebaut. Ferner richteten die Landesjustizminister die "Zentrale Stelle zur Aufarbeitung nationalsozialistischer Verbrechen" ein, womit sie die strafrechtliche Verfolgung von NS-Tätern vorantrieben. Intellektuelle wie Rolf Hochhuth kritisierten den Umgang mir der NS-Vergangenheit offen und ein Generationenkonflikt radikalisierte den Umgang mit der Vergangenheit. Die Verjährungsdebatten im Deutschen Bundestag seit 1965 – Mord verjährte nach 20 Jahren, durfte NS-Völkermord verjähren? – verzeichneten eine ebenso breite öffentliche Resonanz wie der Eichmann-Prozess in Jerusalem oder der Auschwitz-Prozess in Frankfurt am Main.

Seit dem Machtwechsel von 1969 politisierte und polarisierte sich die Erinnerung an den Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg. Willy Brandt (SPD), ehemals Widerstandskämpfer, verstand sich als "Kanzler eines befreiten Deutschland". Doch die CDU/CSU-Opposition klagte: Die Kapitulation von 1945 könne man nicht feiern. Viele Konservative lehnten die "linksliberale" Vergangenheitsbewältigung ab – eine solche "Dauerbüßeraufgabe" würde das deutsche Selbstwertgefühl auf ewig traumatisieren.

1979 dann – ein Medienereignis. Die amerikanische TV-Serie "Holocaust" verzeichnete in der Bundesrepublik eine sensationelle Sehbeteiligung. Sieben Jahre später wurde im "Historikerstreit" um die Identität der Bundesrepublik gestritten – und das Ergebnis dieser Auseinandersetzung fiel deutlich aus: Konstitutiv für den bundesdeutschen Rechtsstaat und seine geistige Westbindung blieb der Erinnerungsimperativ an den Nationalsozialismus.



 

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